Musikschule

Foto: © Svea Anais Perrine / Photocase

Musiktherapie an Musikschulen

Die Musikschule als Arbeitsplatz von Musiktherapeut*innen: dies ist in manchen Gegenden längst bewährte Tradition (z.B. Hamburg, Mannheim, Waghäusel), wird jedoch auch in kleineren Musikschulen und ländlichen Gegenden immer häufiger und selbstverständlicher.

Im Jahr 2002 gründete sich der Bundesweite Arbeitskreis Musiktherapie an Musikschulen (BAMMS), um all die Musiktherapeut*innen, welche bereits an Musikschulen arbeiten, zu vernetzen und das Berufsfeld zu etablieren und weiterzuentwickeln.

Auch der Verband deutscher Musikschulen (VdM) hat Musiktherapie im Jahr 2008 als eigenständiges “Fach” an der Musikschule offiziell anerkannt und begrüßt und unterstützt musiktherapeutische Arbeit an Musikschulen.

Öffentliche Musikschulen verbinden ihren Bildungsauftrag und ihren künstlerischen Auftrag. Das fakultative Angebot der Musiktherapie ergänzt diesen Auftrag im Sinne des Leitbildes des Verbandes deutscher Musikschulen, in dem es Chancengleichheit, Teilhabe und Zugangsoffenheit unterstützt. Durch das Fach Musiktherapie erhalten Kinder, Jugendliche und Erwachsene in persönlichen Krisen, in belastenden Lebensumständen oder mit besonderen Entwicklungsaufgaben die Möglichkeit Musik zu erleben und aktiv zu gestalten, welche sonst den Weg in die Musikschule nicht finden würden oder dort nicht gehalten und aufgefangen werden könnten. Musiktherapeut*innen tragen ihr klinisches Wissen von emotionalem und seelischem Befinden, von Beziehungsfähigkeit und der Dynamik von Gruppenprozessen in das System Musikschule hinein. Dieser Blickwinkel kann helfen, Entwicklungskonflikte und Lernblockaden zu erfassen und ihnen niederschwellig und präventiv im musikschulischen Alltag zu begegnen.

Der VdM hat sich im Jahr 2014 in seiner Potsdamer Erklärung  explizit zur Leitidee einer inklusiven Gesellschaft bekannt, wie sie seit der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (2009) umzusetzen ist.
Auf dem Weg zu inklusiven Musikschulen ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit von (inklusiv-) pädagogischem und therapeutischem Handeln unter dem Dach der Musikschule eine immense Chance, um individuell abgestimmte musikalische Angebote für Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf oder Menschen in einer kritischen Lebensphase immer differenzierter auszugestalten.

Im musikschulischen Kollegium werden Musiktherapeut*innen mit ihrem Fachwissen und ihrer Haltung geschätzt: für einen ergänzenden Blickwinkel im Umgang mit pädagogisch herausfordernden Schüler*innen oder Gruppen (Expertise zu Psycho- und Gruppendynamik), für die Sensibilisierung von sichtbaren und unsichtbaren Barrieren im musikschulischen Alltag, für methodische Ideen (Improvisationsformen/Spielvorschläge, die auch in der Unterrichtssituation hilfreich sind) und für gemeinsame Projektarbeit (z.B. musikalische Sprachförderung, integrative/inklusive Ensembles, Präventionsprogramme, etc.).

Wie ihre instrumentalpädagogischen Kolleg*innen engagieren sich Musiktherapeut*innen an Musikschulen auch in Kooperationen der Musikschule mit anderen Institutionen und bieten hier bedarfsabgestimmte Angebote mit musiktherapeutischer Ausrichtung: Allgemeinbildende Schulen, Sonder- bzw. Förderschulen, Kindergärten, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, Altenheime, etc. Sie tragen dadurch bei zur Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit der Musikschule in der Region und ermöglichen mit ihren Angeboten, dass das Recht auf musikalisches Erleben und persönliche Entwicklung in der ganzen Gesellschaft in all ihrer Breite und Vielfalt zum Tragen kommt.

Autorin: Cordula Reiner-Wormit  (12/2018)

Tamara* ist 11 Jahre alt als sie zum ersten Mal zur Musiktherapie kommt. Zuvor besuchte sie den Flötenunterricht in der Musikschule, kam jedoch nach Aussagen der Instrumentalpädagogin immer unregelmäßiger und zeigte Motivations- und Leistungseinbußen. Beim Abschlussgespräch des Flötenunterricht stellt sich heraus, dass sich Tamaras Eltern in einer für alle Familienmitglieder belastenden Trennungssituation (plus Gewaltandrohungen, Rechtsstreit, etc.) befinden. Die Mutter berichtet, ihre Tochter ziehe sich immer mehr zurück, falle in ihren Leistungen in der Schule massiv ab und entwickle bulimische Verhaltensweisen. Sie nimmt den Hinweis der Pädagogin auf die Möglichkeit, Musiktherapie für Tamara im Sinne von Krisenintervention zu nutzen, dankbar auf.

In Zusammenarbeit mit der lokalen psychologischen Beratungsstelle (Beratung der Mutter, Behandlung des ebenfalls auffällig gewordenen Bruders) geht es in der Musiktherapie zunächst darum, Tamara ein verlässliches und stabilisierendes Setting anzubieten, in dem Raum ist für ihre seelische Belastung.

Nach anfänglicher Scheu nutzt sie die Musiktherapie zunehmend, um von schwierigen Situationen ihrer letzten Woche zu erzählen und anschließend frei zu improvisieren. Dabei fällt ihre Wahl kleiner Instrumente (Glockenspiel, Kantele, etc.) und ihre gleichförmige, auf Harmonie bedachte Spielweise auf. Im Nachgespräch betont Tamara stets, wie “schön” sie die gemeinsame Musik empfunden hätte und wie viel besser es ihr nach den Improvisationen gehe. So geht es in den ersten Sitzungen vor allem um das Erleben eines geschützten Raum und von “Schönem” bzw. Nährendem – neben all dem “Unschönen” und Bedrohlichen, das Tamara in ihrem Umfeld verarbeiten muss.

Im Rahmen der regelmäßig stattfindenden Elterngespräche (mit der Mutter) wird deutlich, dass Tamara Schwierigkeiten in ihrer Klasse habe; sie würde oft gehänselt, komme dann weinend nach Hause und wolle morgens nicht zur Schule gehen. Durch die offene Behandlungsdauer (nur abhängig vom Vertrag mit den Eltern, nicht gebunden an zuvor festgelegte Anzahl an bewilligten Stunden) ist es möglich, neue bzw. zusätzliche Therapieziele in den definierten musiktherapeutischen Auftrag zu integrieren: innerhalb von musikalischen Rollenspielen, assoziativen Improvisationen (z.B. “Wehrmusik”) setzt sich Tamara spielerisch mit dem Erproben eines selbstbewussteren und abgrenzungsfähigen Auftretens auseinander. Sie gewinnt an Selbstvertrauen und integriert aggressive Empfindungen als etwas nicht per se Schlechtes und Destruktives (wie sie es in den Streitigkeiten der Eltern erlebt hat), sondern als notwendige emotionale Reaktion zur Selbstbehauptung. Sie “wagt” sich an große und starke Instrumente wie Schlagzeug und Big Bom und nimmt beim Spielen ihre eigene Ausdruckskraft und Selbstwirksamkeit wahr.

Nach insgesamt drei Jahren endet die Musiktherapie im Einvernehmen mit Tamara selbst und ihrer sorgeberechtigten Mutter, nachdem sich die familiäre Situation beruhigt hat, Tamara stabil wirkt, keine bulimischen Verhaltensmuster mehr zeigt und innerhalb der Schule gut zurecht kommt (sowohl im sozialen Verhalten als auch in ihren Leistungen).
Zwei Jahre später sucht sie erneut den Kontakt zur Musiktherapie an der Musikschule nachdem sie innerhalb ihrer Peer-Group das Opfer eines einmaligen sexuellen Übergriffs geworden ist. Gemeinsam mit dem regional zuständigen Beratungszentrum gegen sexuelle Gewalt (Wildwasser e.V.) wird Tamara begleitet, um ihr Trauma verarbeiten zu können. Die vertraute Beziehung zur Musiktherapeutin und Tamaras verinnerlichte Erfahrung, sich über die Musik aktiv emotional ausdrücken und entlasten zu können, erweist sich im folgenden, noch andauernden musiktherapeutischen Verlauf als hilfreich und stabilisierend.

* Name geändert

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