Schmerz

Foto: © Day 334: Aches & Pains CC BY-SA 2.0 | Juli / flickr.com

Musiktherapeutische Ansätze zur Schmerzbehandlung

Die meisten Menschen verfügen über implizites Wissen hinsichtlich des Einflusses von Musik auf Angespanntheit und Schmerz. Neben einer ablenkenden Funktion spielen ästhetische Wahrnehmungsprozesse eine entscheidende Rolle. Subjektiv angenehme Klänge werden als harmonisierend und lindernd empfunden, hingegen wird bei unangenehmen Klängen sogar recht häufig unwillkürlich mit schmerzverzerrter Mimik reagiert. Stancak et al. (2013) fanden in ihrer neurophysiologischen Studie mit gesunden Probanden, dass negativ besetzte, emotionale Klänge mit Weinen im Vergleich zu neutralen oder positiv empfundenen Klängen mit stärkerem Schmerzempfinden assoziiert waren. Trotzdem ist im Zusammenhang von Musikrezeption nicht von einfachen monokausalen Reiz-Reaktionsschemata auszugehen, sondern von subjektiv, teilweise lebensgeschichtlich ausgebildeten sowie sozial und kulturell geprägten Präferenzen.

Für das Verständnis zum Einsatz von Musik im Zusammenhang mit einer Schmerzbehandlung ist es wichtig, musiktherapeutische und musikmedizinische Interventionsformen zu unterscheiden. Informativ ist eine Übersicht zum Einsatz von Musik als non-pharmakologisches Behandlungsmittel zur Schmerzlinderung von (Bernatzky et al. 2011). Bei der sog. Musikmedizin wird ‚medicofunktionale Musik’ (Spintge 2000; 2015) eingesetzt wird, um physiologische und biochemische Wirkungen zu erzielen. Musik wird also wie ein Non-Pharmakon eingesetzt.

Währenddessen handelt es sich bei Musiktherapie um eine psychotherapeutische Intervention mit dem Ziel der Aktivierung der psychischen und sozialen Ressourcen des Patienten zur Mitwirkung an seinem Genesungsprozess. Manchmal gehen die beiden Ansätze auch ineinander über. Auch kommt es vor, dass, wie sich am Beispiel des Entrainment (deutsch: Musik-imaginative Schmerzbehandlung) zeigen lässt, aus einem ursprünglich musikmedizinischen Ansatz nach und nach ein ausgefeiltes musiktherapeutischen Konzept entwickelt wird (Rider 1985; Dileo & Bradt 1999; Metzner 2012; Metzner & Frommer 2014).

Die unterschiedlichen musiktherapeutischen Interventionsformen lassen sich entsprechend des Grades ihrer Strukturiertheit, der Aktivität des Patienten und der Zielsetzung stufenweise hierarchisieren:

  1. Aufmerksames Musik Hören von audiografierter Musik und die verbale Reflexion mit dem Therapeuten,
  2. Rezeption von individualisierter, live vom Therapeuten gespielter Musik,
  3. ein Musikstück mit einem Instrument oder der Stimme aufführen,
  4. spontanes instrumentales und/oder vokales Improvisieren,
  5. Musik komponieren,
  6. Verwenden von Musik zur Imagination, ggfs. auch in Verbindung mit Bewegung, Tanz oder künstlerischem Gestalten.

Forschungsüberblick zur Wirksamkeit der Schmerzbehandlung mit Musik

Neben Publikationen zu Einzelfällen und zu theoretischen Erklärungsansätzen liegen, gemessen an der verhältnismäßig geringen Verbreitung des musikmedizinisch-musiktherapeutischen Fachgebietes, bereits zahlreiche empirische Wirknachweise zum Einsatz von Musik in der Schmerzbehandlung vor.

Die Komplexität der unterschiedlichen Schmerzstörungen jedoch ebenso wie die große Bandbreite der musikalisch-therapeutischer Möglichkeiten führen zu einer hohen Heterogenität von Studien, was die Zusammenführung in Meta-Analysen und Reviews erschwert. Dileo & Bradt konnten jedoch bereits 2005 die erste Meta-Analyse zu musikmedizinischen und musiktherapeutischen Forschungsergebnissen in der somatischen Medizin vorlegen. Aus ihr ist zu entnehmen, dass sich die musiktherapeutischen Studien überwiegend durch kurze Behandlungsdauern und geringe Fallzahlen, dafür aber eine hohe interne Reliabilität auszeichnen.

Besonders von der Heidelberger Forschungsgruppe wurden für die Behandlung chronischer Schmerzpatienten wurden bis zu 20 Sitzungen umfassende Musiktherapie-Manuale entwickelt, die eine Vergleichbarkeit von Studien gewährleisten und die Evidenznachweise einer Schmerzlinderung ermöglichen (Koenig et al. 2013). Aktuell liegt eine sog. Umbrella-Review von Martin-Saavedra et al. (2018) zu den systematischen spanisch-, italienisch-, französisch-, deutsch und englischsprachigen Reviews zu RCT-Studien vor, die zwischen 2004 und 2017 erschienen sind. In der Mehrheit der systematischen Reviews wurden signifikante Schmerzreduktionen aber mit unterschiedlicher Effektstärke gefunden.

Dies gilt auch für die Kindermusiktherapie bei Schmerz (Bradt 2019). Bei Palliativpatienten kann bereits eine einzige Musiktherapiesitzung positive Auswirkungen auf die Schmerzintensität haben, wie die RCT-Studie von Gutgsell et al. (2013) ergab, aber es sind, wie in den meisten Studien zunächst nur kurzzeitige Wirkungen nachgewiesen.

Um die zugrundeliegenden psychologischen und physiologischen Prozesse dieser Kurzzeitwirkungen zu verstehen, werden derzeit an die Universitätskliniken Magdeburg und Ulm Studien zum Einfluss der Musiktherapie auf die Herzratenvariabilität durchgeführt. Auf neurophysiologischer Ebene fanden sich im Experiment mit gesunden Probanden (Hauck et al. 2013), bei dem es um die Verarbeitung artifizieller Schmerzreize unter dem Einfluss von 6 verschiedenen musikalischen Stimuli ging, signifikante Korrelationen zwischen neurophysiologischen und psychophysischen Daten nur bei subjektiv bedeutsamen Musikreizen. Da die schmerzreduzierende Wirkung persönlich präferierten Musik mit Aktivierungen in tiefer liegenden Hirnregionen korrelierte, wurde dieser Befund als Ablenkung vom Schmerz interpretiert. Währenddessen ging die schmerzintensivierende bzw. schmerzlindernde Wirkung bei den selbst angefertigten Klangkompositionen mit neuronalen Aktivitäten im primären somatosensorischen Kortex einher, was die Forscher als neurophysiologische Modulation der Schmerzwahrnehmung interpretierten. Auch diese Ergebnisse beziehen sich zunächst nur auf kurzzeitige Wirkungen, sind aber der pharmakologischen Schmerzbehandlung deswegen überlegen, weil umfassendere neuronale Schmerzverarbeitungsprozesse angestoßen werden und weil keine negativen Nebenwirkungen bekannt sind.

Autorin: Susanne Metzner (2018)

Der Schmerz brennt und kneift und wühlt im Leib. Das Brennen ist höllisch, ein Feuer, das keine Flammen hat, schwarze Kohlen mit rauer Oberfläche, eine eiserne Zange, die den Mann im Griff hat, ein garstiges, struppiges Tier, das rumort und sich durch den Leib beißt. Links, immer links, dort wo es weich ist, tief drinnen, von dort ausstrahlend. Aber die räumliche Orientierung hilft nichts, weil sie den ganzen Menschen lahmlegt, weil sie den Atem raubt, den Blick verengt. Das Weiche des Leibes versteinert sich wie die Gesichtszüge des Mannes, der hinabgezogen wird ins Schwarze, der Wunsch nach Stillstand ist riesig, alles möge aufhören, schreit es in ihm. Der Mann bleibt stumm. Er liegt und krümmt sich, verharrt. Jemand kommt und fragt nach etwas. Für einen kurzen Moment war Ablenkung. Dann greift die Zange erneut in die Eingeweide.

Herr Maler, 43 Jahre alt, und dessen Name hier natürlich geändert ist, leidet seit 15 Jahren an einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung (CED), die seitdem in Schüben verläuft und dann neben häufigen und unberechenbaren Durchfällen, die ihn ans Haus fesseln, mit heftigen Leibschmerzen verbunden ist. Der Patient, der stark abgemagert ist und sehr kraftlos wirkt, wird für 4 Wochen stationär in einer Rehabilitationsklinik aufgenommen, wo neben medizinischen, physiotherapeutischen und beratenden Angeboten zu Ernährung und Lebensführung auch Musiktherapie angeboten wird. Die rezeptive Musiktherapie findet im Gruppensetting statt und dient der Förderung von Selbstwahrnehmung und Selbstbewusstsein. Darüber hinaus gibt es das Angebot einer aktiven Einzelmusiktherapie, bei der zum einen Klänge gesucht werden, die dem Schmerzerleben entsprechen und zum andern Klänge, die der Vorstellung einer Schmerzlinderung entgegenkommen.

Über diese Auseinandersetzung mit dem auf den Schmerz und seine Linderung bezogenen Klangmaterial werden Prozesse angestoßen, bei denen Einstellungen und Erwartungen, sowie Gefühle (Scham, Angst, Depression) und Verhaltensweisen (typische Umgangsweisen, sozialer Rückzug) erkannt und bearbeitet werden können. Denn es ist, entsprechend dem heutigen Verständnis von Schmerz, auch bei eindeutigem Vorliegen somatischer Ursachen ebenso von psychologischen, sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Einflussfaktoren auszugehen, die den Schmerz verstärken, aufrechterhalten aber eben auch lindern können.

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