Was ist Musiktherapie?

Musik ist Rhythmus, Musik ist Klang. Musik ist Melodie. Musik ist Spiegel unserer Emotion und schafft Zugang zu unserer Seele. Musik ist Therapie im Takt. Die Musiktherapie fördert und stabilisiert mit diesem Wissen Gesundheit und Wohlbefinden. Sie erreicht selbst Menschen, die auf Sprache nicht reagieren, wie schon E.T.A. Hoffmann wusste.

Definition

Musiktherapie ist der gezielte Einsatz von Musik im Rahmen der therapeutischen Beziehung zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung seelischer, körperlicher und geistiger Gesundheit.
Musiktherapie ist eine praxisorientierte Wissenschaftsdisziplin, die in enger Wechselwirkung zu verschiedenen Wissenschaftsbereichen steht, insbesondere der Medizin, den Gesellschaftswissenschaften, der Psychologie, der Musikwissenschaft und der Pädagogik.
Der Begriff „Musiktherapie” ist eine summarische Bezeichnung für unterschiedliche musiktherapeutische Konzeptionen, die ihrem Wesen nach als psychotherapeutische zu charakterisieren sind, in Abgrenzung zu pharmakologischer und physikalischer Therapie.
Musiktherapeutische Methoden folgen gleichberechtigt tiefenpsychologischen, verhaltenstherapeutisch-lerntheoretischen, systemischen, anthroposophischen und ganzheitlich-humanistischen Ansätzen.
(Quelle: Kasseler Thesen , auch als PDF-Download)

Auf der Suche nach einem Konsens zur Beschreibung von Musiktherapie haben sich 1994 in der BRD Vertreter aller musiktherapeutischen Verbände in der „Kasseler Konferenz musiktherapeutischer Vereinigungen in Deutschland“) zusammengeschlossen, um sich auf grundlegende Aussagen zur Musiktherapie zu einigen. Im Jahre 1998 erschienen in der Fachzeitschrift „Musiktherapeutische Umschau“ (Band 19, S.232) die „Kasseler Thesen zur Musiktherapie“, die im Folgenden auszugsweise zitiert werden:

These 1: „Musiktherapie ist eine praxisorientierte Wissenschaftsdisziplin, die in enger Wechselbeziehung zu verschiedenen Wissenschaftsbereichen steht, insbesondere der Medizin, den Gesellschaftswissenschaften, der Psychologie, der Musikwissenschaft und der Pädagogik.“

These 2: „Der Begriff ‚Musiktherapie‘ ist eine summarische Bezeichnung für unterschiedliche musiktherapeutische Konzeptionen, die ihrem Wesen nach als psychotherapeutische zu charakterisieren sind, in Abgrenzung zu pharmakologischer und physikalischer Therapie. Musiktherapie näher zu definieren erfordert Aussagen zum zugrunde liegenden Psychotherapiebegriff und Musikbegriff.“

These 6: „Musiktherapeutische Methoden folgen gleichberechtigt tiefenpsychologischen, verhaltenstherapeutisch-lerntheoretischen, systemischen, anthroposophischen und ganzheitlich-humanistischen Ansätzen. Der Begriff ‚Ansätze‘ beinhaltet Theoriebildung und zugehörige Handlungskonzepte.“

Kasseler Thesen zur Musiktherapie komplett (PDF)

Magisch-mythische Form der Musikheilung
Encheduanna, Tochter des Königs Sargon von Akkad in der sumerisch-akkadischen Zeit (vor ca. 4200 Jahren) komponierte und dichtete 42 Tempelhymnen, mit denen sie Kranke heilen konnte. Die Musik mit ihrer magisch-mystischen Wirkung war fest in ein Heilritual eingebunden. Die Kranken und/oder die Heiler verfielen in einen tranceartigen Zustand, in dem Götter beschwört und Dämonen vertrieben werden konnten. Diese ekstatischen Heilungspraktiken dominierten bis hinein in die Frühantike.

Rational-wissenschaftliche Musikheilungen in Antike und Mittelalter
In der klassischen Antike diente die Musik zur Wiederherstellung geistig-seelischer Harmonie und psycho-physischer Proportionen. Kranke Menschen befanden sich in Unordnung, die harmonisiert werden musste. Neben diesen reinigenden und ordnenden Effekten sollte die Musik gleichzeitig die Seele erziehen.
Im Mittelalter stellte die Musik einen wichtigen Bestandteil innerhalb der medizinischen Behandlung dar. Ein Mensch wurde als krank bezeichnet, wenn sein Puls in Tempo und Intensität von der Norm ab-wich. Bis 1550 gehörte die Musik zum Fächerkanon eines Medizinstudiums.

Renaissance und Barock
In der Renaissance beschäftigten sich die Wissenschaftler mit den Zusammenhängen von Musik mit menschlichen Affekten, vor allem der Melancholie. Durch harmonisierende Schwingungen der Musik wurden die Lebensgeister reaktiviert, das Blut verdünnt und die körpereigenen Säfte in ihrer Konsistenz normalisiert. Die Regulation des Blutes („spiritus animalis“) stand auch im Barock im Vordergrund des musiktherapeutischen Bemühens. Voraussetzung hierfür war die Entdeckung des Blutkreislaufes durch William Harvey.
Später, als Muskeln, Nerven und Fasern entdeckt wurden, sollten auch diese in das Erklärungs- und Behandlungsmodell mit einbezogen werden. Körperliche, Geistes- und Gemütskrankheiten konnten mit der Arztmusik (= „Jatromusik“) geheilt werden.

Romantik
Im 19. Jahrhundert verlor die Musik den Bezug zum klassisch medizinischen Bereich der körperlichen Erkrankungen und fand ihren neuen, psychologisch ausgerichteten Schwerpunkt in der Behandlung von psychischen Erkrankungen. Musiktherapie verschwand aus dem Sichtfeld der Ärzte, nur in Psychiatrien war sie vereinzelt anzutreffen.

Das 20. Jahrhundert
Nach dem zweiten Weltkrieg erlebte die Musiktherapie einen starken Aufschwung. Dabei kristallisierten sich vier große Bereiche heraus, die bis heute die Musiktherapie maßgeblich beeinflusst haben:

  • heilpädagogische Orientierung: P. Nordoff, C. Robbins, J. Alvin und G. Orff
  • psychotherapeutische Orientierung: G. K. Loos, Dr. Blanke und Dr. Jädicke
  • medizinische Orientierung: H.H. Teirich
  • anthroposophische Orientierung: M. Schüppel

Heute beschäftigt sich die Musiktherapieforschung mit den musikimmanenten Wirkfaktoren und deren Auswirkungen auf verschiedene Ebenen des menschlichen Erlebens (körperlich, vegetativ, psychisch, spirituell).
Zusätzlich gewinnt der Einfluss der therapeutischen Beziehung auf den Therapieprozess und auf die Entwicklung des Individuums an Bedeutung.

Autorin: Frauke Schwaiblmair, München

Berufsbild Musiktherapie der Bundesarbeitsgemeinschaft Musiktherapie / Federal Association of Music Therapy
demnächst …

Setting

Abhängig vom Krankheitsbild des Patienten und den institutionellen Rahmenbedingungen kommen verschiedene Arten des Settings zur Anwendung. Einzeltherapie kann einen geschützten Rahmen für PatientInnen mit starken Kontakt- und Beziehungsstörungen (z.B. Autismus) bieten, hier steht die verbale und nonverbale Kommunikation und Beziehungsgestaltung zwischen TherapeutIn und PatientIn im Vordergrund.
Gruppentherapie setzt ein gewisses Maß an Gruppenfähigkeit seitens der PatientInnen voraus. Die therapeutischen Schwerpunkte liegen hier besonders auf kommunikativen und sozialen Aspekten.

Methodik

Schwerpunkt bei den meisten Musiktherapierichtungen ist die aktive Musiktherapie. Im aktiven Tun können eigene Gefühle auf non-verbaler Ebene vermittelt, für das Gegenüber und sich selbst hörbar gemacht werden. Hauptsächlich wird mit der Improvisation gearbeitet. Auf musikalischer Ebene findet ein Probehandeln statt, bei dem neue Verhaltensweisen und Gefühle im geschützten Rahmen erfahrbar werden.
Da der Therapeut/die Therapeutin ebenfalls aktiv mitspielt, bietet sich den PatientInnen ein reales Gegenüber mit einer z.B. unterstützenden, stärkenden oder einer konfrontierend provokativen Funktion. Die Musiktherapeutinnen nutzen Instrumente und Klänge oder die eigene Stimme, um im gemeinsamen Spiel etwas in Gang zu bringen, etwas mitzugestalten, Neues entstehen zu lassen und Veränderungen zu unterstützen.
Bei der rezeptiven Musiktherapie stehen das aktive Hören der Musik und das Aufnehmen der Schwingungen im Zentrum. Nach einer Phase der Einstimmung wird den PatientInnen entweder “live” oder über Tonträger Musik vorgespielt, die körperlich und/oder psychisch auf sie wirken kann. Es wird davon ausgegangen, dass durch die Musik subjektiv bedeutsame Erinnerungen und Assoziationen wachgerufen werden können. Die therapeutischen Prozesse werden hier angestoßen, indem nach dem gemeinsamen Hören der Musik zum Beispiel über die entstandenen Gefühle, Körperwahrnehmungen und bildhaften Vorstellungen gesprochen wird.

Neben dem Element Musik kommt abhängig von der musiktherapeutischen Methode das reflektierende Gespräch über die Gefühle hinzu, welche die Musik auslöst. Einerseits wird die Qualität der Beziehung zwischen TherapeutIn und PatientIn wichtig, und andererseits die Besonderheit und die Kraft des Mediums Musik genutzt. Gerade in den Bereichen, in denen die Sprache an ihre Grenzen stößt (z.B. Autismus, Wach-Koma, Alzheimer-Demenz, Aphasien) gehört Musiktherapie mit ihren nonverbalen therapeutischen Möglichkeiten zu den Methoden der ersten Wahl.

Instrumentarium

Verwendet werden in der aktiven Musiktherapie Instrumente, die

  • keine musikalischen Vorkenntnisse verlangen (z.B. Orff-Instrumentarium),
  • leicht spielbar sind,
  • verschiedene Sinnesqualitäten ansprechen (taktil, optisch, akustisch),
  • mit Vorerfahrungen besetzt sein können (z.B. Klavier, Flöten, Xylophon).
  • oder bei außereuropäischen Instrumenten auch ganz neue Eindrücke/Assoziationen ermöglichen (z.B. Gong).

Es sind keine musikalischen Fähigkeiten erforderlich. In der Musiktherapie geht es darum, musikalisch Beziehungen aufzunehmen, sich auszudrücken und mittels der Musik zu kommunizieren. Musik ist in der Musiktherapie nicht Ziel, sondern Mittel zum Zweck.

Hörbeispiele – Musiktherapeutische Momente werden hörbar.

Musik aus Einzeltherapien mit Kindern und Jugendlichen

Eigene Wege gehen

Improvisation eines 14-jährigen Jungen (negatives Selbstbild, ängstlich angepasst, konfliktvermeidend), der sich in der Musik eben nicht so angepasst hat, eigene Wege gehen konnte und sich traute zu entfalten. Er spielt Marimba.

Angstmusik

Ein 10-jähriger Junge mit Ängsten und Albträumen. Im ersten Teil der Sitzung, hier nicht zu hören, spielt er versunken und ruhig Gitarre. Therapeutin spielt Klavier. Die Stimmung ändert sich, er spielt verschiedene Instrumente (Beispielmusik), wird lebendiger, schreit dazu. Seine Abschlussaussage: “Das war Angstmusik! Wenn ich die Angst spiele, habe ich keine Angst mehr davor.”

Wunschlied

Spontan entstandenes Lied eines 10-jährigen Jungen, der kurz vor der Entlassung nach einer überstandenen familiären Krisensituation (depressive Symptomatik) steht. Er spielt Klavier und singt; Therapeutin Gitarre.

Musik aus einer Gruppentherapie mit Erwachsenen

Die folgenden 3 Hörbeispiele entstammen einer Sitzung einer ambulanten Musiktherapie-Gruppe mit chronisch schizophren erkrankten Patientinnen und Patienten einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Diese besuchen ein „offenes musiktherapeutisches Angebot“ z.T. schon über mehrere Jahre hinweg. Ziel dieser Gruppe ist es, Kontakt und Kommunikation, aber auch Abgrenzung, sowie Kreativität und emotionalen Ausdruck mit den Mitteln der freien musikalischen Improvisation zu praktizieren – und zu erleben.

In den Hörbeispielen (Ausschnitte aus einer Improvisation einer Sitzung) nutzen die Patienten verschiedene Instrumente (Marimbaphon, Vibraphon, Pauken, Schlagzeug, Monochord) zum eigenständigen außersprachlichen Selbstausdruck. Der Therapeut (Klavier) nimmt stützende, begleitende, fordernde, fragende, konfrontierende, … Positionen ein.

(zaghafte) Dialoge

... im Fluss ...

Freies Spiel

Klicken Sie sich durch die Hörbeispiele
aus Therapiesitzungen, die Musiktherapeuten weltweit beigesteuert haben.

» Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist. «

VICTOR HUGO

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