Autismus

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Musiktherapie bei Autismus-Spektrum-Störung im Kindesalter

Das diagnostische Manual psychischer Erkrankungen (DSM V) spricht von einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) und fasst mit diesem summarischen Begriff alle Ausprägungen autistischer Störungen zusammen. Hierbei werden in der Praxis seelische Vernachlässigung (Hospitalismus), sensorische Deprivation oder Traumata, die autistisch anmutende Symptome nach sich ziehen, oft nicht klar unterschieden. Dies erschwert die Darstellung eines einheitlichen methodischen Vorgehens. Feststeht, dass Menschen mit Autismus zwar große Unterschiede in der kognitiven Entwicklung zeigen, aber alle unter einer tiefgreifenden emotionalen und einer damit verbundenen Kontakt- und Beziehungsstörung leiden. Leo Kanner (1943) spricht von “Autistic disturbances of affective contact”. Entwicklungspsychologisch orientierte Musiktherapie behandelt genau diese affektive, sozio-emotionale Kontaktstörung, die sich meist schon in den ersten Lebensmonaten zeigt. Fehlende Vitalitätsaffekte (kein soziales Lächeln), ein beeinträchtigtes Körperempfinden und Ausdrucksnot führen in die seelische Isolation, die das Ausbilden von Stereotypien (Selbststimulationen) nach sich ziehen.

Ausgehend von der Hypothese einer Wahrnehmungsverarbeitungsstörung werden gezielt musiktherapeutische Interventionen angewandt. Vom Eigengewicht  ausgehend wird das Kind getragen und gewiegt. Die Verknüpfung dieser Bewegungen mit stimmlich-/ instrumentaler Improvisation unterstützt die Integration der Sinneswahrnehmung, unterstützt das Körperempfinden und führt zu Kontaktreaktionen. Treten synchrone Momente in Erscheinung, werden sie ein Unterbrechen der Stereotypie und Blickkontakte zur Klangquelle zur Folge haben (Schumacher/Calvet, 2008). Affektiv dysregulierte Kinder können durch ein entsprechend dynamisch abgestimmtes und gestaltetes Spiel des Therapeuten/der Therapeutin die Regulation ihrer Affekte erleben. Gefühle mitteilen, Affekte teilen und dadurch regulieren, verbessert die qualitative Beeinträchtigung der Kontakt- und Beziehungsfähigkeit. Elementare, ohne Vorerfahrung spielbare  Instrumente ermöglichen hierbei eine nichtsprachliche, emotionale Ausdrucks- und Interaktionsmöglichkeit. Ziel ist, die körperlich-emotionale Isolation autistischer Kinder aufzuheben. Erst auf der Basis einer regulierten Affektlage und eines Körperempfindens wird ein gemeinsames Spielen möglich. Dabei können musiktherapeutische Interventionen zunächst ohne verbale Aufforderung zum Mit- und Nachmachen und ohne Blickkontakt oder körperliche Berührung zu fordern, wirksam werden. Die Fähigkeit, zu spielen als Basis des Lernens reduziert die Symptomatik und unterstützt die Entwicklung von „joint attention“, d. h. die Aufmerksamkeit, gemeinsam auf etwas Drittes lenken zu können. In der Musiktherapie wird die gemeinsam erlebte Freude als emotionale Fähigkeit die Lebensqualität entscheidend verbessern. Das Phänomen des synchronen Moments, in dem zeitlich und affektiv eine Übereinstimmung mit einem anderen Menschen erlebt wird, spielt dabei eine zentrale Rolle. Um die Effektivität von Musiktherapie nachzuweisen, entwickelten K. Schumacher und C. Calvet das EBQ-Instrument zur Einschätzung der Beziehungs-Qualität. Unter Anwendung dieses Instrumentes zeigte sich, dass das Herstellen einer therapeutischen Beziehung der wichtigste Wirkfaktor der Musiktherapie ist (Mössler et al. 2017).

Autorin: Prof. Dr. Karin Schumacher, Berlin, schumaka@gmx.de, (2018)

Literatur und Filmmaterial

Eine Fallgeschichte (2017) sowie videografierte Ausschnitte aus musiktherapeutischer Arbeit finden sich auf den DVDs der folgenden Publikationen.

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