Heilpädagogik

Foto: © 34655453 Denys Kuvaiev – Dreamstime.com

Musiktherapie in der Heilpädagogik

Musiktherapie ist schon seit mehreren Jahrzehnten Bestandteil des therapeutischen Förderungsangebotes an heilpädagogischen Tagestätten. Sie hat sich kontinuierlich zu einem psychotherapienahen Verfahren entwickelt, in dem Kinder und Jugendliche über die Musik und über den therapeutischen Kontakt entwicklungsfördernde Erfahrungen machen können.

Musiktherapie kann in Form von Einzeltherapien oder Gruppentherapien stattfinden. Die inhaltlichen Schwerpunkte auf der musikalischen Ebene reichen von gemeinsamem Singen, Tanzen, Spielen von bekannten Formen, bis zur freien Improvisation auf einfach zu spielenden Musikinstrumenten.
Diese sogenannte “aktive Musiktherapie” ist zentral: Das Kind sucht sich selbst Musikinstrumente aus und beginnt mit wenig Vorgaben durch den Therapeuten zu musizieren. Der Musiktherapeut begleitet und unterstützt das Spiel des Kindes oder Jugendlichen und spielt auf Instrumenten mit. Diese in einem solchen freien Spiel- und Klangraum entstehende Musik birgt wichtige Informationen über Gefühle, Ängste, Wünsche, über Vergangenes, Momentanes und Zukünftiges. Sie kann vom Therapeuten auf einer non-verbalen Ebene „verstanden” und „beantwortet” werden.
Anders gesagt: Das Kind kann sich verstanden, akzeptiert und im Dialog fühlen, indem der Therapeut die Töne, Rhythmen, Klänge aufgreift, sie wiederholt, umspielt, ihre Richtungen, Tendenzen vertont und eine musikalische Form anbietet.

In diesem musikalischen Dialog steckt viel Bewegung und Entwicklung, viel Kreativität und Konstruktivität, aber auch Stillstand und Regression, Ratlosigkeit und mitunter Destruktivität. Im Laufe der Zeit verändern sich die gefundenen, selbst-komponierten Spiele und die gemachten Erfahrungen können auf die Felder außerhalb der Musiktherapie übertragen werden.

In der sogenannten rezeptiven Musiktherapie steht das Hören von Musik im Vordergrund. Hier improvisiert z.B. der Musiktherapeut für das Kind. Das Gehörte kann zu neuen, veränderten Spielen, zu Tänzen oder Gesprächen anregen.
Musiktherapie ist besonders geeignet für Kinder, die

  • sich im Kontakt und Kommunikation mit Mitmenschen schwer tun,
  • sich tendenziell eher zurückziehen und ängstlich,
  • passiv auf Anforderungen der Realität reagieren,
  • schnell in aggressive Auseinandersetzungen geraten,
  • hinter ihren eigentlichen Möglichkeiten zurück bleiben.

Über die Musik, den musikalischen Dialog kann es zu einer Stärkung und Beruhigung der gesamten Persönlichkeit kommen.
Der kindzentrierte Ansatz der Musiktherapie bringt es mit sich, dass auch Methoden der Spiel- und Gesprächstherapie in die Stunden einfließen. In dem breiten Spiel- und Klangraum ist das willkommen, was den Therapiezielen, der Entwicklung dient.

Autor: Guido Schmid

Barbara, ein 9-jähriges, geistig behindertes Mädchen, wurde von pädagogischen Mitarbeitern und einer therapeutischen Kollegin für die Musiktherapie vorgeschlagen.
Das Mädchen befand sich in einer Sackgasse: Sie verdarb es sich mit vielen Menschen, beschimpfte, verfluchte, verlachte oder bespuckte ihre Umgebung und stand so ohne Freunde, insbesondere ohne jegliche liebevolle Kontakte in Schule und heilpädagogischer Tagesstätte da.
In der Musiktherapie zeichneten wir zunächst das, was sie wollte, einander am Tisch gegenübersitzend, wie in einer abgebrochenen Therapie zuvor. Im Hintergrund lief Musik vom Band, wir summten, brummten und blödelten mit oder sangen ihre Lieblingslieder. Barbara wurde ausgelassener, erlaubte sich dann alles: So zerstörte sie z. B. meine gezeichneten Kopien ihrer eigenen Bilder, verlachte meine Empfindungen. So vor den Kopf gestoßen, spielte ich manchmal Gitarre, anfangs zurückhaltende, später lustiger werdende Lieder über ihre Frechheit, aber auch über das, was sie Schönes tue. Musikalisch begleitet, ging sie öfters vorsichtig vom Tisch weg, Musikinstrumente anspielend, die stimmungsvolle Hintergrundmusik und die „Situationslieder” des Musiktherapeuten annehmend und zunehmend nutzend.
Sie bewegte sich nun vertrauensvoller im Therapieraum, bis sie auch zu sehnsuchtsvollen, traurigen Liedern mit Tränen in den Augen tanzte.
Sie fühlte nun mit der Musik mit, wurde weicher, beweinte den Tod des Löwenvaters in der Geschichte vom „König der Löwen”, entdeckte ihre eigene Traurigkeit.
Nach 2 Jahren konnte die Musiktherapie beendet werden. Die Musik in der Musiktherapie hat das zunächst vor den Kopf stoßende Verhalten ausgehalten, nahm es auf, verstummte nicht deswegen. Und Barbara konnte sich dem reichhaltigen Spektrum der Musik öffnen, ihre abgewehrten, verlachten Gefühle integrieren und aus ihrer Sackgasse mit neuer Bewegung herausfinden.
Barbara geht es weiterhin gut, sie ist eine lebensfrohe, kontaktfreudige Jugendliche.

Downloads / Literaturhinweise

Literaturüberblick

Weiterführende Links

Stiftung Noah

Menü schließen
×
×

Warenkorb