Psychosomatik

Foto: © Svea Anais Perrine / Photocase

Musiktherapie in der Psychosomatik

Das Fachgebiet Psychosomatische Medizin und Psychotherapie ist in Deutschland ein eigenständiges, von der Psychiatrie unabhängiges Fachgebiet mit breiter institutioneller Basis. In zahlreichen Fachabteilungen und Kliniken werden stationär und tagesklinisch multimodale Komplexbehandlungen durchgeführt, in denen Musiktherapie seit etwa drei Jahrzehnten ihren Platz hat. Auch im ambulanten Bereich gibt es spezialisierte Therapiemöglichkeiten.
Folgende Krankheitsbilder werden in diesem Fachgebiet behandelt:

  • Psychosomatische Erkrankungen und somatoforme Störungen (wie z.B. organisch nicht erklärbare körperliche Beschwerden oder Schmerzen)
  • Depressionen
  • Angsterkrankungen
  • Anpassungsstörungen bei körperlichen Erkrankungen (z.B. Krebserkrankung, Diabetes)
  • akute und posttraumatische Belastungsreaktionen
  • Ess-Störungen
  • Persönlichkeitsstörungen

Oft haben die Patienten mehrere Diagnosen, körperliche und psychische Beschwerden, die in der Psychosomatik nicht als nebeneinander bestehende und voneinander unabhängige Erkrankungen gesehen werden, sondern als komplexe Störungsbilder.

Das Verständnis von Krankheit und Behandlung in der Psychosomatik ist tiefenpsychologisch orientiert, integriert aber auch Ansätze aus anderen psychotherapeutischen Richtungen wie Verhaltenstherapie, Psychotraumatologie, systemische Therapie. Die Symptome der Patienten werden verstanden als Ausdruck seelischen Geschehens auf dem Hintergrund bio-psycho-sozialer Behandlungsmodelle. Frühere und aktuelle biografische Erfahrungen, insbesondere Bindungs- und Beziehungserfahrungen, körperliche Gegebenheiten sowie aktuelle Belastungen und Auslösesituationen stehen in engem Zusammenhang. Die Ursachen der Störungen sind vielfältig und komplex: unbewusste Konflikte wie z.B. Selbstwertkonflikte und Autonomie-Abhängigkeits-Konflikte, strukturelle Störungen der Selbst- und Beziehungsregulation, frühe und spätere Traumatisierungen sowie aktuelle Belastungen. Diese den Störungen zu Grunde liegenden Ursachen und Zusammenhänge sind für die Patienten weitgehend unbewusst und sprachlich kaum fassbar. Die Patienten leiden an ihren Symptomen, vor allem aber an Störungen in der Beziehung zu sich selbst und zu Anderen.

Psychodynamische Psychotherapie und psychodynamisch verstandene Musiktherapie ist Arbeit an und in der therapeutischen Beziehung, um Seelisches zu verarbeiten und zu verändern. Musik-machen und Musikerleben berührt die Emotionalität, ist körpernah und wirkt beziehungsstiftend. Musikerleben setzt am Spüren, Fühlen, Wahrnehmen, Hören, am körperlichen Empfinden und Bewegen an. Im nonverbalen Medium Musik können unbewusste Muster des Selbst- und Beziehungserlebens, auch aus vorsprachlichen Entwicklungsphasen, Ausdruck bekommen, sinnlich erlebt, symbolisiert und dem Bewusstsein zugänglich werden. In der therapeutischen Beziehung können sie dann gestaltet, versprachlicht und verstanden werden. Damit eröffnen sich Wege zur Entwicklung neuer, gesünderer Beziehungsmöglichkeiten.

Verwendung unterschiedlicher Methoden

Musiktherapie in der Psychosomatik stellt unterschiedliche musiktherapeutische Methoden mit unterschiedlichen Wirkungen bereit für die Arbeit an unbewussten Konflikten, für die Nachentwicklung wichtiger Fähigkeiten der Selbst- und Beziehungsregulation sowie für stabilisierende und ressourcenorientierte Traumaverarbeitung. Welche Methoden zur Anwendung kommen, orientiert sich an der Art und Ausprägung der individuellen Störungen, am Alter der Patienten (Kinder, Jugendliche, Erwachsene oder alte Menschen), an den jeweiligen institutionellen Rahmenbedingungen, den Settings und der Behandlungsdauer. Einige wichtige musiktherapeutische Methoden sollen hier, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, genannt werden:

Aktive Musiktherapie umfasst freie oder gebundene Improvisation sowie strukturierte Formen therapeutischen Musizierens.

Im Spielraum freier oder gebundener Improvisation mit Instrumenten und/oder der Stimme zeigen sich unbewusste, biografisch geprägte Muster des Selbst- und Beziehungserlebens, können symbolisiert, erlebt und der weiteren therapeutischen Bearbeitung zugänglich werden.

Mit Hilfe strukturierter musiktherapeutischer Methoden können bestimmte psychische Erfahrungsmöglichkeiten entdeckt und geübt werden: Therapeutisches Singen fördert die Körperwahrnehmung, setzt Emotionen frei, wirkt auf vielfältige Weise psychisch und physiologisch stimulierend. Sich mit der eigenen Stimme erleben und hörbar machen fördert ein verändertes, positives Selbsterleben. Lieder, bekannte oder in der Therapie kreierte Lieder, ermöglichen emotionalen Ausdruck und die Auseinandersetzung mit für die Patienten wichtigen Themen. Trommeln und rhythmisches Musizieren ist körper- und bewegungsbetont. Trommelgruppen ermöglichen Synchronisationserfahrungen. Rhythmus wirkt anregend und aktivierend, fördert aber auch den Abbau innerer Spannungen, wirkt damit spannungsregulierend. Aktives Musizieren wirkt selbstwertstärkend, fördert realistische Selbsteinschätzung und Selbstakzeptanz. Rezeptive Musiktherapie und Musik-imaginative Verfahren, oft in Verbindung mit Entspannung, öffnen die Wahrnehmung von Gefühlen, inneren Bildern, körperlichen Empfindungen und machen sie für die weitere therapeutische Bearbeitung zugänglich.

Die Musik-imaginative Schmerzbehandlung ist eine störungsspezifische Methode für Patienten mit chronischen und somatoformen Schmerzen. Das gemeinsame Kreieren einer Schmerz- und einer Linderungsmusik, die der Musiktherapeut dann den Patienten vorspielt, kann ein neues, aktives Verhältnis zu sich selbst und den Schmerzen bewirken.

Ziele der Musiktherapie in der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie

Je nach den individuellen Störungen, Krankheitsursachen und Ressourcen geht es im Arbeitsfeld Psychosomatische Medizin und Psychotherapie um unterschiedliche und komplexe Ziele der Musiktherapie:

  • Verbesserung der Konfliktfähigkeit
  • Verbesserung der Selbst- und Beziehungsregulation (Selbst- und Fremdwahrnehmung, Kommunikation und Interaktion, Emotionalität, Mentalisierung, Symbolisierung, Selbstwert, Bindung, Spannungsregulation)
  • Entwicklung alternativer Bewältigungsstrategien durch spielerisches Probehandeln
  • Förderung von Ressourcen
  • positives Gemeinschaftserleben
  • Förderung von Kreativität

Präsenz in den medizinischen Behandlungsleitlinien

Nach Schmidt und Kächele (2017) findet sich Musiktherapie in verschiedenen AWMF-Leitlinien, die z.T. auch die Psychosomatik betreffen. Musiktherapie wird empfohlen zur Sedierung in der gastrointestinalen Endoskopie. Im Rahmen eines multimodalen Behandlungsansatzes wird Musiktherapie empfohlen zur psychosozialen Versorgung in der pädiatrischen Hämatologie und Onkologie sowie zur Behandlung des Fibromyalgie-Syndroms, des chronischen Unterbauchschmerzes der Frau und nichtspezifischer, funktionaler und somatoformer Körperbeschwerden.

Forschung auf diesem Gebiet

Zur musiktherapeutischen Forschung in der Psychosomatik weisen Schmidt und Kächele (2017) darauf hin, dass nach wie vor eine Diskrepanz besteht zwischen einer immer stärkeren Etablierung von musiktherapeutischen Verfahren in der (stat. oder amb.) Versorgung und Ausbildung und dem notwendigen Vorliegen systematischer Studien zur Grundlagen- und Anwendungsforschung in der Musiktherapie. Dennoch zeichnet sich die Entwicklung eigener musiktherapeutischer Forschung ab. Beispielhaft sei hier die Metaanalyse musiktherapeutischer Interventionsstudien von Pesek (2005, 2007) genannt sowie die Erfassung emotionaler Mikroprozesse von Wosch und Frommer (2002). Der aktuelle Stand musiktherapeutischer Forschung in der Psychosomatik ist dargestellt in der Übersichtsarbeit von Schmidt (2014).

Autorin: Marianne Bauer (2019)

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