Kinder- und Jugendpsychiatrie

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Musiktherapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

In über zwei Dritteln der kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken gehört Musiktherapie inzwischen zum therapeutischen Angebot. In der pädiatrischen Psychosomatik ist dies bei knapp der Hälfte der Abteilungen der Fall. MusiktherapeutInnen arbeiten in diesen Feldern mit Kindern und Jugendlichen aller Altersstufen. Musiktherapie wird in den Kliniken sowohl stationär, als auch gelegentlich ambulant, im Einzel- und Gruppensetting angeboten.
 

Musiktherapie stellt der ‚Welt der Sprache‘ die ‚Welt der Musik‘ an die Seite. Sie schafft mit dem künstlerischen Angebot eine weitere Beziehungs- und Reflexionsebene und stellt ein wertvolles Übersetzungs- und psychotherapeutisches Behandlungsmittel dar. Es steht ein umfangreiches Methodeninventar zur Verfügung, das vielfältige musikalische Interaktionen ermöglicht. Diese reichen von Spielliedern, Rollenspielen mit Instrumenten, Singen von ‚bedeutsamen‘ Liedern, Lieder erfinden, Musikprojekten, Musik hören und Stille, bis zur gemeinsamen Improvisation. Musiktherapeutische Ansätze mit Kindern und Jugendlichen spannen sich auf einem Kontinuum von eher entwicklungsorientierten bis zu psychotherapeutisch verankerten Perspektiven.

Im Bereich früher Regulationsstörungen bei Säuglingen und Kleinkindern im stationären Rahmen sind MusiktherapeutInnen in der Lage, Eltern bei der Entwicklung von Feinfühligkeit im Umgang mit ihren Kindern zu unterstützen und einen Beitrag zur Bindungsentwicklung zu leisten.

In der Behandlung von Kindern steht das Spiel im Mittelpunkt, musikalisches Spiel im oben genannten Sinne, aber auch Spiel mit Musikinstrumenten, die als ‚Spielzeug‘ verwendet werden oder wenn im Raum Burgen, Höhlen oder Anderes gebaut wird, was die seelische Situation des Kindes in Szene zu setzen vermag. Musiktherapeutisches Handeln kann hier viele Ähnlichkeiten zu spieltherapeutischen Ansätzen aufweisen.

In der Behandlung von Jugendlichen spielt die musikalische Improvisation eine große Rolle. Dabei geht es z.B. um die Fragen, in welchen ‚Sphären‘ sich die gemeinsam improvisierend hergestellte Musik bewegt. Aktuelle Selbst-Zustände und frühe Bindungserfahrungen haben dort ihren Platz in einer affektiv geladenen, bedeutsamen Situation. Diese Situation wird reflektiert im Sinne eines szenischen Verstehens. Ein Verständnis der seelischen Vorgänge in der Musik entsteht dann beispielsweise, indem man sich beschreibend auf diese Wirklichkeiten einlässt und versucht, Entwicklungszusammenhänge in Mustern und Gestalten herauszuarbeiten. Dabei ist reflektierendes Sprechen hier selbstverständlich auch Teil der Behandlung.

Übergreifend werden ästhetische Prozesse und Kunstproduktion als beispielhaft für seelische Verhältnisse verstanden.

Angepasst an den Reifungs- und Entwicklungsstand ist Musiktherapie ein Verfahren, das zur Behandlung der wichtigsten psychiatrischen und psychosomatischen Störungsbereiche im Kinder- und Jugendbereich geeignet ist. Es ist idealerweise eingebettet in ein klinisches Gesamtkonzept und steht im Kanon einer Reihe weiterer therapeutischer Maßnahmen, die zusammen der Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen als Teil eines familiären oder familienähnlichen Systems Rechnung tragen. Der Austausch zwischen den einzelnen Therapieverfahren im Sinne einer umfassenden Betrachtung der Erkrankung und ihrer Behandlung ist wichtiger Bestandteil einer stationären Therapie.
 

Autor: Dr. Bernd Reichert (2019)

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