Forensik

Foto: © Dieter Schütz / pixelio.de

Musiktherapie in der forensischen Psychiatrie

Die forensische Psychiatrie befasst sich mit straffällig gewordenen Menschen, die auf Grund einer vorhandenen psychischen Störung schuldunfähig sind und deshalb als Patient behandelt werden. Es ist ein Grenzgebiet zwischen Psychiatrie und Strafvollzug. Die Behandlung wird aus Justizmitteln bezahlt.

In vielen forensisch psychiatrischen Einrichtungen gibt es inzwischen Musiktherapie. Die Psychopathologie ist divers: psychotische Störungen, Persönlichkeitsstörungen, Sucht, sexuelle Störungen, Störungen der Impulskontrolle und ADS. Ein Teil der Patienten ist minderbegabt oder geistig behindert. Das Erlernen des Umgangs mit Störungen, Einschränkungen oder Behinderungen steht in der Behandlung oft zentral. Dadurch, dass aktive Musiktherapie auf der Handlungsebene stattfindet, – auch die Ebene, auf der die Delikte stattfanden -, ist meist ein schneller Zugang zu der zu behandelnden Problematik möglich.

Ausgangspunkte

Wichtige Ausgangspunkte der Musiktherapie in der forensischen Psychiatrie sind die kommunikativen Merkmale der Musik. Forensische Patienten nehmen ihr Gegenüber oft nicht oder verzerrt wahr, können sich nicht in ihr Gegenüber hinein versetzen, oder können nicht bei sich selbst bleiben in Anwesenheit anderer. Musiktherapie kann schnell Anschluss an diese Problematik finden, da beim musikalischen Zusammenspiel Abstimmung des eigenen Handelns auf das Handeln des Gegenübers notwendig ist. Bei vielen Patienten in der forensischen Psychiatrie ist die Gefühlsentwicklung gestört, was oft eine gestörte Impulskontrolle zur Folge hat.
Das macht einen anderen Ausgangspunkt der Musiktherapie wichtig: der enge Zusammenhang zwischen Musik und Emotionen. Emotionen finden in einem zeitlichen Ablauf statt, ihre Intensität nimmt zu oder ab; sie verändern unsere Zeitwahrnehmung. In der Musik entwickelt sich auf ähnliche Weise der Klang in der Zeit: Klangliche, Gefühle auslösende Ereignisse, finden in einem zeitlich strukturierten Rahmen statt. Die Verarbeitung, das Erleben und das Antizipieren von Gefühlen wird so für eine Bearbeitung zugänglich.
Die strukturierende Möglichkeit der Musik bietet einen dritten Ausgangspunkt. Die verschiedenen Ebenen der Struktur in der Musik können dem Patienten helfen, Ordnung zu erfahren im Denken, Handeln und – wie oben beschrieben- im Fühlen. Darüber können die Patienten in die Lage kommen, mehr Kontrolle über sich zu erlangen. Die motivierende Kraft von musikalischen Aktivitäten wird häufig eingesetzt um Patienten, die nicht für eine Behandlung motiviert sind, doch über einen ‘Umweg’ für eine Behandlung zu gewinnen. Die Musiktherapie kann dann zunächst wie eine Freizeitmaßnahme oder Unterrichtssituation gestaltet sein. Auch wird die Musiktherapie in der forensischen Psychiatrie des Öfteren für sozio-therapeutische Ziele eingesetzt, z.B. durch ein Bandprojekt.

Das Arbeitsumfeld

Als Musiktherapeut in der forensischen Psychiatrie zu arbeiten, bedeutet ein Arbeiten in einem widersprüchlichen Feld. Einerseits wird in der Rechtsprechung immer öfter eine forensisch psychiatrische Maßnahme gewählt, anderseits wird die gesellschaftliche Tragfläche immer dünner, was überfüllte Einrichtungen, höhere Zäune und fehlende Entlassungsperspektiven zur Folge hat.

Der forensisch tätige Musiktherapeut muss sozusagen ein Spagatkünstler sein, z.B. wenn er Motivationsarbeit während einer Zwangsunterbringung leistet, oder mit dem Patient an Therapieerfolgen arbeitet, ohne dass Lockerungsmöglichkeiten in Sicht sind. Aber trotzdem: die Arbeit in der forensischen Psychiatrie bietet dem Musiktherapeuten auch besondere Möglichkeiten; zum Beispiel lange Verläufe begleiten zu können. Behandlungsstrecken von 5 Jahren, evtl. mit Pausen sind durchaus möglich. Es gibt keinen Kassendruck. Wo findet man so was noch?

Autor: Theo van der Poel, Wittlich

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