Ethik in progress. Ethisches Denken in der Musiktherapie Header. Foto von Thomas Stegemann

Ethik in progress. Ethisches Denken in der Musiktherapie Teil 3

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Streben nach Qualität

Herzlich Willkommen zum dritten Teil der Blogreihe „Ethik in Progress. Ethisches Denken in der Musiktherapie“. Setzen Sie sich, machen Sie es sich gemütlich und denken Sie mit! Denn es ist nicht nur das Fundament unserer beruflichen Profession, sondern durchaus spannend, und es gibt immer wieder Neues zu entdecken beim „Ethischen Denken in der Musiktherapie“. Heute zum Thema: das Streben nach Qualität. Doch zunächst:

Was bisher geschah

Die American Music Therapy Association (AMTA) hat in ihrem Code of Ethics die Gebote für ethisch korrektes Handeln in fünf Grundprinzipien formuliert. Die Ethikkommission der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft (DMTG) hat sich zur Aufgabe gemacht, diese Grundprinzipien in einen konkreten Bezug zu den Haltungen und Handlungen in der Musiktherapie zu stellen.
Nach einer Einleitung und Hinführung zum Thema Ethik von Eckhard Weymann hat Christina Scheer im zweiten Blogbeitrag das Prinzip „Verantwortungsbewusstes Handeln“ in den Fokus genommen.
Der hier vorliegende dritte Teil befasst sich mit dem Prinzip „Streben nach Qualität“.

Brainstorming: Qualität in der Musiktherapie

Beginnen wir mit einem kleinen ungefilterten Brainstorming …

Aber was kennzeichnet Qualität in der Musiktherapie? Reflexivität, Empathie, Ästhetik des Schönen und Hässlichen? Das Potential der Musik erlebbar und erfahrbar zu machen? Die Qualität einer Improvisation zu vermitteln? Und sind die Patient:innen, die beschwingt aus der Musiktherapiesitzung gehen, sich nach einem musiktherapeutischen Prozess wertschätzend bei der Musiktherapeut:in bedanken oder gar eine Spende überweisen ein Zeichen für Qualität? Oder zeigt sich Qualität, wenn wir reflektiert an gelernten Standards festzuhalten oder diese durchbrechen, wenn Patient:innen „nur“ einer Klangreise lauschen möchten? Und wer kennt das nicht, sich in der Qualität seiner Arbeit bestätigt zu fühlen, wenn die Kolleg:innen oder gar die die Chefärztin oder der Chefarzt die Musiktherapie vor dem gesamten Team loben? Aber ist es dementgegen ein Zeichen von Qualität, sich gegen den Rhythmus auszusprechen „wo man immer mit muss?“

Wenn es auf all die Fragen keine eindeutige Antwort zu finden ist, was ist es dann, was ein Handeln, das nach Qualität strebt, auszeichnet? Und woran können wir uns beim Streben nach Qualität orientieren?

Qualität als Inbegriff „professionellen Handelns“

Wenn wir uns mit dem Thema „Qualität in der Musiktherapie“ auseinandersetzten, wäre zu hinterfragen, wie wir den speziellen Anforderungen in der Musiktherapie gerecht zu werden können. Es reicht nicht intuitiv und auch nicht nur funktional und effektiv wirksam in der Musiktherapie zu handeln, sondern auch das eigene Handeln kontinuierlich in Hinblick auf verantwortungsvolles, respektvolles und transparentes Handeln zum Wohle der Patient:innen und der Gesellschaft zu reflektieren. Um Musiktherapie auf einem qualitativ hochwertigen Niveau ausüben zu können ist es dabei unabdingbar, sich mit Professionalität und im engeren Sinne mit dem professionellen Handeln in der Musiktherapie auseinanderzusetzten.

Wann aber kann das Handeln einer Person als professionell betrachtet werden? Und was bedeutet eigentlich professionell zu handeln? Betrachten wir dazu eine Definition:

„ […] professionell handelt eine Person, die gezielt ein berufliches Selbst aufbaut, das sich an berufstypischen Werten orientiert. Sie ist sich eines umfassenden […] Handlungsrepertoires zur Bewältigung von Arbeitsaufgaben sicher, kann sich mit sich selbst (innerlich) und anderen Angehörigen der Berufsgruppe […] in einer nichtalltäglichen Berufssprache verständigen, ihre Handlungen aus einem empirisch-wissenschaftlichen Habitus heraus unter Bezug auf eine Berufswissenschaft begründen und übernimmt persönlich die Verantwortung für Handlungsfolgen in ihrem Einflussbereich.“ Vgl. Bauer, K. O. (2005): Pädagogische Basiskompetenzen. Theorie und Training. Weinheim, München: Juventa, S. 15.

Als Grundvoraussetzungen professionellen Handelns in der Musiktherapie bedarf es hiernach eines beruflichen Rollen-Selbsts, berufstypischer Werte, eines musiktherapiespezifischen Handlungsrepertoires, einer Berufssprache zur Verständigung innerhalb der Berufsgruppe und zur Verständigung mit anderen Berufsgruppen, eines empirisch-wissenschaftlichen Habitus’ sowie verantwortungsbewussten Handelns. Schon an dieser Aufzählung wird deutlich, dass professionelles Handeln vielschichtig und in Anbetracht der nicht selten schwierigen Alltagsbedingungen in der Musiktherapie ein hohes Ziel ist. Professionelles Handeln erfordert umfassende Kompetenzen, die vorhanden sein, entwickelt und immer wieder weiterentwickelt werden müssen.

Welche konkreten Kompetenzen sind das? Und was sind überhaupt in diesem Kontext Kompetenzen? Nach dem Deutschen Qualitätsrahmen beinhalten Kompetenz „die Fähigkeit und Bereitschaft des Einzelnen, Kenntnisse und Fertigkeiten sowie persönliche, soziale und methodische Fähigkeiten zu nutzen und sich durchdacht sowie individuell und sozial verantwortlich zu verhalten. Kompetenz wird in diesem Sinne als umfassende Handlungskompetenz verstanden.“ (Vgl.: Deutscher Qualifikationsrahmen DQR, Bundesministerium für Bildung und Forschung BMBF, 2025)

Die hier formulierten Kompetenzen lassen sich in einem Strukturbaum wie folgt konkretisieren und veranschaulichen:

Ethik in progress. Ethisches Handeln in der Musiktherapie. Abbildung 1: Strukturbaum
Abbildung 1: Strukturbaum

 

Kompetenzen unterteilen sich in Fachkompetenzen und personale Kompetenzen.

FACHKOMPETENZEN beinhalten zum einem „Wissen“ und zum andern „Fertigkeiten“.

Wissen bezeichnet die Gesamtheit der Fakten, Grundsätze, Theorien und Praxis in einem konkreten Bereich.

Um professionell zu handeln reicht es allerdings nicht aus, dieses Wissen zu haben, sondern es Bedarf zudem Fertigkeiten das Wissen auch in der Praxis anwenden zu können.

PERSONALE KOMPETENZEN zeichnen aus, was die Musiktherapeut:in als Selbstkompetenz mitbringt. Im Wort „personale“ tönt das Wort „personare“ mit, was mitunter so viel bedeutet wie hindurchtönen – mitschwingen. Die personale Kompetenz lässt sich in die Bereiche „Sozialkompetenz“ und „Selbstständigkeit“ unterteilen.

Selbstständigkeit betrifft die Fähigkeit und Bereitschaft, eigenständig und verantwortlich zu handeln, das eigene Handeln zu reflektieren und die eigene Handlungsfähigkeit weiterzuentwickeln. Dies reicht von der reflektierten Planung, Dokumentation und Evaluation von Therapieprozessen bis hin zu Selbstreflexionsprozessen in Form von Intervision, Supervision und Selbsterfahrung. Neben einer fundierten Ausbildung, die den Qualitätsstandards entspricht, gehören dazu auch regelmäßige Fort- und Weiterbildungen.

Sozialkompetenz umfasst die Fähigkeit und Bereitschaft zielorientiert mit anderen zusammenzuarbeiten. Dies betrifft im klinischen Bereich vor allem die Zusammenarbeit in einem multiprofessionellen Team, sowie im besonderen Maße im ambulanten Bereich die Kooperationen mit anderen Institutionen (z.B. mit therapeutischen, ärztlichen und psychosozialen Diensten oder mit Bildungsträgern). Sozialkompetenz bedarf dabei im Besonderen die Fähigkeit zur Gestaltung von Kommunikationsprozessen. Professionelles Handeln bleibt dabei nicht bei einer lockeren Zusammenarbeit und Kooperationen stehen, sondern beinhaltet die Fähigkeit gemeinsam im Sinne der Patient:innen verbindliche Absprachen zu treffen.

Ethik in progress. Ethisches Handeln in der Musiktherapie. Abbildung 2: Professionelles Handeln Haus
Abbildung 2: Professionelles Handeln Haus

 

Professionelles Handeln in der Musiktherapie, dessen Säulen diese Kompetenzen bilden, unterliegt dem Qualitätsstandard, wissenschaftlich fundiert zu sein – das heißt, intersubjektiv überprüfbar – und verpflichtet sich ethischen Grundwerten sowie einer demokratischen Grundhaltung. Partizipation, Inklusion, Diversität, Prävention und Nachhaltigkeit dienen dabei als Leitprinzipien und bieten Orientierung für die professionelle Haltung und die Handlungsweise von Musiktherapeut:innen.

Als eine Maßnahme zur Qualitätssicherung definiert die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft auf der Grundlage des Ethikkodex und in Zusammenarbeit von AMA (Konferenz staatlicher Musiktherapie-Studiengänge), SAMT (Ständige Konferenz privat-rechtlicher Aus- und Weiterbildungen in Musiktherapie) und Berufsständischem Beirat der DMtG Voraussetzungen und Kriterien zur Zertifizierung zum/zur Musiktherapeut:in DMtG.

Um Professionalität in der Musiktherapie zu sichern, braucht es langfristig eine Absicherung und qualitative Weiterentwicklung zwischen Praxis, Forschung und Transfer, ständiger Reflexion und einem kontinuierlichen Ausbau von musiktherapeutischen Studiengängen an Hochschulen und Universitäten. Dazu müssen wir uns aktiv durch Lobbyarbeit und die Sichtbarkeit von Musiktherapeut:innen und deren Wirkungsfelder einsetzten.

Fazit: Qualität als ethisches Prinzip einer Profession

Professionelles Handeln in der Musiktherapie muss kontinuierlich in Hinblick auf verantwortungsvolles, respektvolles und transparentes Handeln zum Wohle und Schutz der Patient:innen, Supervisand:innen und Weiterbildungskandidat:innen und der Gesellschaft reflektiert werden.

Damit ist das Streben nach Qualität an sich schon ein ethisches Prinzip: Vertraulichkeit, Respekt und Gleichbehandlung, informierte Einwilligung der Beteiligten, Kompetenzen, achten der Grenzen und Nicht-Schädigung – das heißt jegliche Handlungen sollten darauf ausgerichtet sein, Schaden zu vermeiden und die psychische Gesundheit zu stärken – sind unverzichtbarer, wenn es um Streben nach Qualität in der Musiktherapie geht.

Dabei geht es nicht nur darum das Wohlergehen der Klienten zu fördern, sondern auch deren Rechte und Würde zu respektieren und diesen mit einer Grundhaltung von Achtung, Respekt und Wertschätzung zu begegnen. Zu einer Profession wie denen der Musiktherapeut:innen (DMtG) gehört es eine Wertegemeinschaft zu sein und sich einem gemeinsamen Code of Ethics zu verpflichten, der gleichsam als Orientierung und Leitlinie beim Streben nach Qualität fungiert.

Seien wir uns dessen bewusst: Das Streben nach Qualität benötigt einen Blick über den Tellerrand hinaus, d.h. die kritische Reflexion gesellschaftlicher Konstruktionen und Bedingungen sowie die Mitwirkung an der sozialen, politischen und kulturellen Gestaltung und das Engagement jedes Einzelnen für demokratische Grundwerte und die damit einhergehende Sicherung eines guten und gelingenden Aufwachsens von Kindern. Also stehen wir auf von dem Sessel, auf dem wir es uns gerade noch gemütlich gemacht haben und streben wir als Musiktherapeut:innen unermüdlich und unerschrocken nach dem ethischen Prinzip Qualität!

Links und Literatur

American Music Therapy Association (AMTA). www.musictherapy.orgCode of Ethics (Ethikkodex).

Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft (DMTG) – Ethikkodex (Stand: November 2022).

Eckhard Weymann. Ethik in progress. Ethisches Denken in der Musiktherapie (11. April 2024).

Christina Scheer. Ethik in progress. Ethisches Denken in der Musiktherapie Teil 2 (8. Oktober 2024).

Stegemann, Thomas & Weymann, Eckhard (2019). Ethik in der Musiktherapie. Grundlagen und Praxis. Gießen: Psychosozial (Siehe auch den Blogbeitrag der Autoren “Ethik in der Musiktherapie – in den Zeiten der Coronakrise” vom 22. Mai 2020).

Headerfoto: Thomas Stegemann

 

Bild von Heike Plitt

Heike Plitt

Prof. Dr. phil. Heike Plitt ist Lehrmusiktherapeutin (DMtG), zertifizierte Familientherapeutin und Paartherapeutin (DGSF), Leitung der psychologischen EFL-Beratungsstelle in Ahaus und Professorin für Kindheitspädagogik an der International University am Standort Münster. Forschungs- und Praxisprojekt Music Relation (www.music-relation.de).

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