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Ethik in der Musiktherapie –
in den Zeiten der Corona-Krise

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Autoren: Eckhard Weymann & Thomas Stegemann –

Schon seit zwei Monaten befinden wir uns in einer globalen Krise, wie sie niemand vorher kannte. In fast allen Bereichen des privaten und öffentlichen Lebens sind wir von den Einschränkungen betroffen. Ständig sehen wir uns mit neuen Situationen konfrontiert, mit denen wir zurecht zu kommen haben. Ein Ende der Zwangslagen ist nicht abzusehen, auch wenn gerade vorsichtige Lockerungen von den politischen Entscheidungsträgern initiiert werden.

Viele von uns, die als Musiktherapeut.innen in der Praxis, als Wissenschaftler.innen oder als Lehrende tätig sind, müssen ihre Arbeitsweisen und Pläne verändern. Manche von uns sind in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Andere setzen sich der Gefahr einer Ansteckung aus oder dem Risiko, dass sie selbst für ihre Klient.innen zum Ansteckungsrisiko werden.

Jetzt wurde meine einzeltherapeutische Weiterarbeit mit (hirnorganisch) behinderten Menschen in einer Wohneinrichtung angefragt: Einerseits fühlte ich mich verpflichtet, weil sie zumindest teilweise dringend darauf angewiesen waren, andererseits hatte ich Bedenken, weil auch die Sicherheitsmaßnahmen keinen hundertprozentigen Schutz vor Infektionen darstellten. [1]

Viele solcher „Einerseits – andererseits“-Momente tauchen jetzt auf. Das Selbstverständliche hat seine Selbstverständlichkeit verloren, ja ist oft unmöglich geworden – es sind neue Lösungen zu finden, Entscheidungen zu treffen, um handlungsfähig zu bleiben. Außerdem erleben wir in unserer direkten Umgebung Einschränkungen – etwa auf der Palliativstation –, die für Einzelne zu großen Härten führen, etwa wenn sich nahe Angehörige nicht mehr begegnen dürfen. Wie können wir uns – als Einzelne, als Berufsgruppe, als Verband – dazu verhalten?

Da wir uns seit einigen Jahren intensiv mit ethischen Überlegungen rund um unsere musiktherapeutische Arbeit befasst haben (Stegemann & Weymann, 2019), sind wir auf den Gedanken gekommen, uns an der aktuellen Diskussion zu beteiligen. Wir haben im April 2020 über die Berufsverbände ÖBM und DMtG einen Aufruf gestartet:

Welche ethischen, rechtlichen oder berufspolitischen Fragen tauchen im Zusammenhang mit den institutionellen und beruflichen Herausforderungen der Corona-Krise auf?

Damit wollen wir versuchen, ethische Aspekte der aktuellen Situation – aus der Sicht von und für Musiktherapeut.innen zu erfassen und ins Gespräch zu bringen. Wir möchten auf Grundlage von anonymisierten Fällen aus der musiktherapeutischen Lebenswelt Lösungsansätze erarbeiten und diskutieren (s. u.).

Viele ethische Herausforderungen gibt es jetzt im Alltag. Was tun, wenn Klient.innen (oder Kolleg.innen) in Bezug auf das öffentliche Krisenmanagement ganz andere Ansichten vertreten als ich selbst? Muss ich meine eigene Haltung zurückstellen? Darf ich versuchen, sie zu überzeugen?

Ich wurde davon überrascht, dass zwei meiner Klient.innen die Ansicht vertraten, dass nicht unbedingt das Retten von Leben im Vordergrund stünde. Einer favorisierte seine wirtschaftlichen Bedürfnisse, die andere fühlte sich in ihrem Status als Alleinerziehende benachteiligt. Damit hatte ich nicht gerechnet und fand es eine Herausforderung, spontan eine emotional-persönliche Reaktion zu vermeiden. Ich glaube, dass es mir letztendlich gelungen ist, einerseits die Position der Betroffenen nicht vollständig abzulehnen, Ihnen andererseits die ethischen Aspekte und meine Haltung näher zu bringen. [1]

Sicher könnte man argumentieren, dass es jetzt noch zu früh sei, über ethische Implikationen der gegenwärtigen Krise nachzusinnen: Die Situationen ändern sich wie die Diskussionen darüber von Tag zu Tag. Es gibt noch keinen Abstand, aus dem heraus die Lage sicher bewertet werden kann. Zudem scheinen manche Kolleg.innen weder Zeit noch Kraft für derartige Überlegungen zu finden, da sie mit existentiellen Problemen vollauf beschäftigt sind, etwa mit der Frage, wie sie in der nächsten Zeit über die Runden kommen sollen.

Wir meinen, dass gerade jetzt der Austausch besonders wichtig ist! Was kann die Profession tun, welche Ideen gibt es, wenn die Berufsausübung derartig gefährdet ist und die Kolleg.innen wirtschaftlich oder gesundheitlich bedroht sind? Um die gegenwärtige Lage zu untersuchen, um sich darin zu orientieren, um sein Verständnis zu erweitern, muss man jetzt Fragen stellen.

Vor diesem Hintergrund haben wir uns entschlossen, über die Sammlung von Fallbeispielen hinaus ein Gesprächsforum zu eröffnen. Dieses Online-Format ist ein Angebot zum Austausch über ethische Fragestellungen für Musiktherapeut.innen und Musiktherapie-Studierende aus dem deutschsprachigen Raum. Wir möchten in diesem Setting einen Diskurs zu aktuellen Themen anregen, die – wie im Moment die Corona-Krise – unsere Community beschäftigen, und somit dazu beitragen, dass eine Orientierung in komplexen beruflichen Situationen leichter fällt. Wir freuen uns, wenn Sie dabei sind.

Die Online-Konversationen: Ethik in der Musiktherapie beginnen am Freitag, 19. Juni 2020, 17-18 Uhr. Den Zugangslink finden Sie auf der Website des Instituts für Musiktherapie der HfMT Hamburg unter „Aktuelles“ (www.hfmt-hamburg.de/paedagogik-und-wissenschaft/musiktherapie) und der Website des Instituts für Musiktherapie an der mdw unter „Aktuelles“ (www.mdw.ac.at/mth).

Wenn Sie sich mit eigenen Beispielen beteiligen möchten, finden Sie das entsprechende Formular auf der Website des Instituts für Musiktherapie der HfMT Hamburg unter „Aktuelles“ (www.hfmt-hamburg.de/paedagogik-und-wissenschaft/musiktherapie). Bitte senden Sie dieses an eckhard.weymann@hfmt-hamburg.de, Prof. Dr. Eckhard Weymann, Hochschule für Musik und Theater, Harvestehuder Weg 12, 20148 Hamburg.

Literatur: Stegemann, T. & Weymann, E. (2019). Ethik in der Musiktherapie. Grundlagen und Praxis. Gießen: Psychosozial-Verlag.

[1] Bei den kursiv gesetzten Textteilen handelt es sich um Fallvignetten, die wir im Zuge unserer Umfrage (s.u.) bereits erhalten haben. Die Musiktherapeut.innen, von denen diese Beispiele stammen, haben ihr Einverständnis zur Veröffentlichung erteilt.

Ethik in der Musiktherapie Thomas Stegemann und Eckhard Weymann
Univ.-Prof. Dr. Dr. Thomas Stegemann (li), Prof. Dr. Eckhard Weymann

Univ.-Prof. Dr. Dr. Thomas Stegemann ist Professor für Musiktherapie und Leiter des Instituts für Musiktherapie (Diplomstudium und Doktoratsstudium, PhD) der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

Prof. Dr. Eckhard Weymann ist Diplom-Musiktherapeut, Diplom-Musikpädagoge, Supervisor und Leiter des Instituts für Musiktherapie (Masterstudium und Promotionsstudium zum Dr. phil.) der Hochschule für Musik und Theater Hamburg.