Musiktherapie Blog Improvisation in der Psychotherapie Britta Sperling

Aus der Praxis: wenn Worte nicht mehr weiterhelfen

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Autorin: Britta Sperling –

Über die musiktherapeutische Improvisation in der Psychotherapie

Musiktherapeutische Elemente in psychotherapeutische Settings einzubauen, kann dabei helfen, sprachliche Ausdrucksbarrieren zu lösen und die Arbeit an emotionalen Inhalten umzuleiten.

Hier ist keine Verständigungsschwierigkeit im herkömmlichen Sinne gemeint (Therapeut und Klient sprechen nicht dieselbe Sprache), vielmehr kommt es in therapeutischen Gesprächen immer wieder zu diesem Moment, an dem sich eine der beiden Seiten fragt: wie soll ich das nun ausdrücken? Man meint zu verstehen was der andere an Bedeutung zu übermitteln versucht, aber reicht dieses Verstehen – gepackt in Worte – wirklich aus, um einen tiefgreifenden Einblick in die Seelenstruktur des Klienten / der Klientin zu entwickeln?

Wenn dieser Moment gekommen ist, in dem ich kurz innehalte, um für mich zu klären, wo die Verstrebungen aus Übertragungs- und Gegenübertragungsdynamik meinen Klienten / meine Klientin und mich hinführen werden, weiß ich: nun ist es Zeit für Musik!

Meist schlage ich eine einfache freie Improvisation vor, mit einem Instrument der Wahl. Ich begleite dann am Klavier.

Kein Anamnesebogen der Welt liefert mir einen so umfassenden Einblick in psychologische Aspekte der Persönlichkeit meines mitspielenden Gegenübers.

Es ist immer wieder erstaunlich wie vorherige Irritation, Geringe um das passende Wort, Schweigen, sich auflösen in einer Welt des klanglichen Ausdrucks. Zunächst versuche ich zu spüren, welche Form der „Begleitung“ des musikalischen Miteinanders für meinen Klienten / meine Klientin am angemessensten ist. Wer bewegt sich im Vorder-, wer im Hintergrund? Welche Form der „Führung“, des „Loslassens“ ist zumutbar? Ist es überhaupt erträglich sich auf so etwas Verrücktes wie „einfach mal Spielen und schauen was passiert“ einzulassen? Welches Instrument wurde überhaupt gewählt? Kein Anamnesebogen der Welt liefert mir einen so umfassenden Einblick in psychologische Aspekte der Persönlichkeit meines mitspielenden Gegenübers. Diese Form der musikalischen Interaktion ist: Beziehung! Wie sich mein Klient / meine Klientin in dieser Beziehung zeigt und ausdrückt und wie ich mich dabei fühle, das liefert mir die wertvollsten Analyseaspekte unserer gemeinsamen psychotherapeutischen Arbeit.

Improvisation ermöglich eine Unmenge von Möglichkeiten des Selbsterlebens in der Beziehung zu einer anderen Person.

Es ist immer hilfreich, diese sogenannte „Erstimprovisation“ auditiv festzuhalten. Eine Aufnahme ermöglicht zum einen das spätere Hören „von Außen“, kann aber auch zur Verlaufskontrolle mit weiteren Improvisationen im therapeutischen Prozess herangezogen werden. Der Klient / Die Klientin bekommt so die Möglichkeit, das eigene „musikalische Sein“ aus einer Beobachterperspektive wahrzunehmen und sich selbst zu reflektieren. „Mein Instrument klingt total unsicher“ oder „Ohne die Klavierbegleitung hätte ich mich das niemals getraut“ sind nur zwei mögliche Erkenntnisse aus einer Unmenge von Möglichkeiten des Selbsterlebens in der Beziehung zu einer anderen Person, welche die musiktherapeutische Improvisation im psychotherapeutischen Kontext ermöglicht!

Es spielen sich in der Therapie mit Musik tatsächliche Erfahrungen ab.

Was ist das Wertvolle daran? Es spielen sich in der Therapie mit Musik tatsächliche Erfahrungen ab. Es wird erlebt, gefühlt, ausprobiert, probe-gehandelt und all das erfolgt mittels unseres auditiven Systems, welches bereits so früh in uns angelegt ist und ohne große Umschweife an existentiellen Themen und Erfahrungen anknüpfen kann. Und darüber hinaus erfolgt dies in einem sicheren Beziehungssystem, welches eigens für diese Art der Selbsterfahrung existiert (therapeutische Beziehung). Das ist damit gemeint, wenn wir Musiktherapeuten sagen: „Wir können mit Musik in tiefe Schichten vordringen“.

[Vielleicht liegt hier der Ursprung begründet, warum Musiktherapie in der klinischen Hierarchisierung häufig belächelt und als „nettes Beschäftigungsangebot“ supplementiert wird. Denn wer kann sich heutzutage schon eine Welt vorstellen, in der das reine Erleben (Fühlen) eine stärkere Veränderungswucht hervorruft als das gesprochene Wort…?]

Dipl.-Psych. Britta Sperling ist in eigener Praxis tätig.

www.britta-sperling.de

Header-Foto: Franziska Pabst, Copyright: Britta Sperling