Interview mit Anne Oeckinghaus über ihren Artikel in der Musiktherapeutischen Umschau 1-2026.

Die Entwicklung eines musiktherapeutischen Gruppenangebotes in ambulanter Praxis

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Ein Interview mit Anne Oeckinghaus. Von Bettina Eichmanns

Von der Musiktherapeutin Anne Oeckinghaus erschien in der aktuellen Ausgabe der Musiktherapeutischen Umschau (MU 1-26) ein Artikel über ihre 20-jähige Erfahrung mit verschiedenen Formaten von Gruppentherapie in privater Praxis. In diesem Interview gibt sie Kolleginnen und Kollegen, sowie allen an der Musiktherapie interessierten Menschen, Einblick in ihre äußerst fundierten praktischen und theoretischen Kenntnisse und Erkenntnisse in Bezug auf die musiktherapeutische Arbeit mit Gruppen.

Sie haben vor 20 Jahren Ihre Praxis – wenn man das so sagen darf – von Null auf eröffnet und aufgebaut. Woher kamen Ihre ersten Patient:innen – mehr aus anderen Institutionen oder auch aus eigener, persönlicher Initiative

Bevor ich von Hamburg ins Ruhrgebiet gezogen bin, habe ich einem Angestelltenverhältnis gearbeitet. Ich musste mich nicht um Werbung kümmern. Dieser Schritt in die Selbstständigkeit war völlig neu. Wie macht man Werbung für Psychotherapie?

Wie können die Angebote bezeichnet, wieviel therapeutische Fachsprache darf verwendet werden, damit ich die Menschen nicht verschrecke? Zu Beginn habe ich es eher Musikkurs oder Therapeutisches Musizieren genannt, mittlerweile bezeichne ich es als Therapie.

An einer Hauptschule hatte ich ein Konzept zur Kommunikationsförderung mit Musik entwickelt, bei dem sich zurückhaltende und lebhafte Kinder/ Jugendliche im musikalischen Spiel gegenseitig anregen konnten. Dies Konzept habe ich mehrfach für verschiedene Altersgruppen verändert – zu Beginn für Kindergärten, später auch für ältere Kinder und Jugendliche.

Zunächst habe ich mit professioneller Hilfe einer Grafikdesignerin Flyer erstellt und diese in persönlichen Kontakten mit Ärzt:innen, Beratungsstellen, Arbeitskreisen verteilt. Hieraus entstanden Kontakte zu Patient:innen für Einzeltherapie.

Foto: Ohrmuschel Praxis für Musiktherapie von Anne Oeckinghaus in Mühlheim an der Ruhr
Foto: Ohrmuschel Praxis für Musiktherapie von Anne Oeckinghaus – www.ohrmuschel-therapie.de

 

Bei den angebotenen Formaten war Ihnen die zeitliche Begrenzung, die Formulierung von klaren Zielen wichtig.

Die Ohrmuschel ist eine ambulante Praxis. Ich mache mit allen InteressentInnen ein Vorgespräch, bei dem ich mich und die PatientInnen für sich entscheiden, ob wir eine therapeutische Arbeitsbeziehung beginnen. Die ambulanten Gruppenangebote bieten einen Rahmen, sich der therapeutischen Auseinandersetzung in einer ambulanten Gruppe zu stellen. Dieser Prozess kann nur freiwillig entstehen. Dazu gehört es, sich immer wieder neu zu entscheiden und ist somit zeitlich begrenzt.

Je länger ich arbeite, umso größeren Respekt habe ich davor, wie tief Musik wirken kann – seelisch, aber auch körperlich. Daher versuche ich, sowohl im Einzelsetting als auch in der Gruppe einen sicheren Rahmen herzustellen, der es möglich macht, sich zu öffnen und neue Wahrnehmungen zu ermöglichen. Indem wir immer wieder neu Ziele verhandeln, ist Entwicklung möglich.

Sie haben vorwiegend auf Gruppentherapie gesetzt, weil Sie „die Fixierung der Patient:innen auf die Therapeut:in im Einzelsetting gestört hat“. Das ist interessant – meinen Sie damit eine Art Abhängigkeit seitens des/der Patient:in? Können Therapeut:innen diesen Aspekt des Einzelsettings anders gestalten?

Ich habe in meiner Praxis Einzel- und Gruppentherapieangebote. In der Einzeltherapie sind die PatientInnen der Therapeutin allein ausgesetzt. Es gibt keine Klinikstation oder andere Bezugstherapeut:innen. Alle aufkommenden Themen werden mit der Therapeutin ausgetragen. Dies verlangt sowohl von der Therapeutin fortwährende Reflexion in Supervision und Selbstreflexion. Auch von der Patient:in verlangt dies großes Vertrauen und Mut.

Es steht mir nicht zu, Tipps zu geben, wie man mit dieser Abhängigkeit umgeht. Aber ich finde es wichtig, sich dieser Fragilität immer wieder bewusst sein.

Eine therapeutische Gruppe ist meiner Ansicht nach, trotz des geschützten Rahmens eines Settings, etwas näher am privaten Leben der Menschen. Selbst wenn Patient:innen viel Klinikerfahrung haben, zeigen sich Dynamiken deutlicher und offener. Die Therapeutin kann Konfliktlösungen live begleiten.

Viele Teilnehmende der Gruppenangebote waren Ihnen schon aus „längeren therapeutischen Prozessen“ bekannt und das Gruppenangebot sollte „die Triangulierung fördern“. Können Sie diesen Begriff genauer erklären?

Viele PatientInnen sind in alten familiären Mustern gefangen und haben sich emotional nicht von den Elternfiguren abgelöst. Im Gruppenkontext werden diese mitunter auf Mitpatient:innen übertragen. Auftretende Zuschreibungen führen zu Konflikten und so kann im Idealfall der Trennungs-Individuierungsprozess der Kindheit in der Gruppe nachgeholt werden.

Dadurch, dass ich die Patientinnen schon länger kenne und meist auch Einzelsitzungen mit ihnen habe, können wir den Gruppenprozess so reflektieren und begleiten.

Sie haben beschlossen, Ihr Angebot für Gruppen „Kurs“ zu nennen. Er besteht aus jeweils acht Terminen. Warum haben Sie diese Bezeichnung gewählt? Ist sie nicht etwas irreführend, da sich der Vergleich mit Kursen etwa in Fotografie, Malen oder Tango aufdrängt

Der Begriff „Kurs“ meint eigentlich nur die Organisationsform. In dem jeweiligen Format wird die Methode benannt: Musikimagination für Erwachsene und die Jahreszeit, in der das Angebot stattfindet. Bei Interesse von neuen Patientinnen gibt es die Möglichkeit sich zunächst über die Methode des kreativen Tuns anzunähern. So können kreativtherapeutische Kompetenzen offenbar werden und nicht nur Mangeldiagnosen. Dies kann für den Start einer neuen Beziehung aufbauend sein.

Am Anfang haben Sie auf zeitlich begrenzte Angebote gesetzt und klare Ziele formuliert. Dennoch trifft sich eine Gruppe, zumindest was einige Mitglieder angeht, seit fünf Jahren. Teilnehmende melden sich immer wieder an. Sie schreiben, dass Sie das beschäftigt hat. Warum?

Dies hängt eventuell mit einer sehr individuellen Wahrnehmung zusammen. In meiner Intervisionsgruppe und in meinen Arbeitskreisen arbeiten die meisten KollegInnen im klinischen Zusammenhang, bei dem die Patientinnen oft eine viel kürzere Verweildauern haben.

Es ist schön, den Prozess bei den Patient:innen im ambulanten Kontext über solch einen langen Zeitraum zu begleiten. In der Klinik können akute Krisen aufgefangen und Prozesse angeregt werden. Die konkrete Bearbeitung und Auseinandersetzung beginnt erst danach.

Können Sie und etwas mehr über Ihre Weiterbildung zur Musikimagination (MiMe) sagen?

In meinem Studium der Musiktherapie bei Frau Dr. Rosemarie Tüpker habe ich die aktive Musiktherapie und die freie Improvisation kennengelernt. Patient:innen schlugen jedoch immer wieder vor, Musik zu hören. So bin ich zur Weiterbildung zur Musikimagination gekommen.

Die Weiterbildung wurde von Frau Dr. Dorothea Duelberg und Dr. Isabell Frohne Hagemann geleitet. Die Termine fanden als Wochenendseminare in den Praxisräumen von Frau Duelberg in Neuss statt.

Es gab einen sehr hohen Selbsterfahrungswert. Zunächst war ich sehr skeptisch, da ich mir nicht vorstellen konnte wie man ein und dieselbe Musik einer Gruppe von recht unterschiedlichen Menschen zumuten kann. Außerdem hatte ich Angst, dass die Musik manipulativ wirken könnte.

Dennoch möchte ich die Methode der Musikimagination nicht mehr missen. Vor allem Menschen, die psychosomatisch erkrankt sind und ihre Thematik versuchen narrativ zu verarbeiten, werden eingeladen, sich auf ihre eigene Wahrnehmung einzulassen. Ich bin aufmerksamer in Bezug auf die Sprache der Therapeutin geworden, die in der Musikimagination verwendet wird. Dafür bin ich sehr dankbar.

Dennoch habe ich nur die kleine Version gemacht. Die ausführliche Technik lernt man im GIM, der Guided Imagery and Music (Imaginative Psychotherapie mit Musik) nach Helen Bonny.

Eine interessante Formulierung von Ihnen ist, dass die Gruppe mehr und mehr in aktives Musizieren und den Gebrauch der Stimme eingestiegen ist, dass sie „hungrig nach Tiefe“ war. Gibt es bestimmte Phasen, im Sinne von etwas Zyklischem, die sich wiederholen, oder die in allen Gruppen ähnlich sind?

Wie oben gesagt, haben Gruppen die Möglichkeit, Konflikte dynamisch zu bearbeiten. Dies geht am besten im praktischen Musizieren und in der freien Improvisation. Indem ich im Kurs „Musikimagination für Erwachsene“ zunehmend aktives Musizieren habe einfließen lassen, haben die Patient:innen diese Technik kennengelernt. Da dies teils ungewohnt war, gab es zunächst enger gefasste Spielformen, die wir dann erweitert haben.

Derzeit beginnen wir die Gruppe vor dem verbalen Austausch mit einer freien Spielrunde, die dann zum verbalen Austausch führen kann. Es hat sich bewährt, das freie Spiel an den Anfang zu setzen. Dabei kann es zu Konflikten oder Fragen kommen, die geklärt werden können.

Wir enden wir oft mit einem Lied oder einer gebunden Form. Die Patient:innen kehren auf die Heimreise in ihren Alltag zurück. Auch bei der Auswahl der Musikimaginationsmusik lässt sich innerhalb der acht Wochen ein Rhythmus erkennen. Wir starten mit Musik die eher Sicherheit vermittelt. Dann ist Raum für Herausforderndes, um dann wieder zur Ruhe zu kommen.

Da die Musik dennoch bei jedem/ jeder anders wirken kann, bedarf es des therapeutisch sicheren Raums, um die unterschiedlichen Wahrnehmungen aufzufangen. Da die beschriebene Fünf-Jahresgruppe diesen Prozess nun mehrfach gemacht hat, werden sie immer mutiger und sicherer im Umgang mit Musik, der Gruppe und sich selbst.

Sie haben die japanische Musiktherapeutin Nobuyo Tada von Twickel und ihr Konzept von der Stimme kennengelernt. Können Sie darüber mehr berichten?

Mein persönlicher Kontakt mit Frau Tada von Twickel ist jetzt ca. 30 Jahre her. Das Buch „Das Leben und die Musik“ hat sie 2009 herausgegeben. Ich habe es erst vor Kurzem entdeckt. Beim Lesen erinnerte ich mich an Wahrnehmungsübungen – Übungen und Szenen. Wir wurden eingeladen, die eigene Stimme, den eigenen Klang zu finden.

Die Japanerin hat mich nachhaltig vor allem durch ihre liebevolle Haltung voller Ruhe und Offenheit, ihr Menschenbild, ihre Spiritualität beeindruckt.

Persönlich habe ich mich durch eine Beobachtung aus ihrem eigenen Gesangsunterricht angesprochen gefühlt. Sie schreibt, dass sie die klassische Gesangsausbildung als befremdlich und künstlich empfunden hat. So hat sie sich auf die Suche nach einem natürlichen Zugang zur eigenen Stimme, zur eigenen Stimmung gemacht. Dies beschreibt sie in ihrem Buch.

Durch die Teilnahme an Ihrer Gruppe, immer wieder bewusst und freiwillig gewählt aufgrund eines zeitlich überschaubaren Formats, haben sich die Mitglieder einen „sicheren Raum“ und eine „geschützte Öffentlichkeit“ geschaffen. Womöglich können solche Formate Klinikaufenthalte vermeiden. Nimmt die deutsche Gesundheitspolitik dieses Potential wahr?

Im Herbst letzten Jahres 2025 war ich auf der Dapo-Tagung der Psychoonkologen in Wiesbaden und dem Europäischen Musiktherapie Kongress in Hamburg. Überall ging es um Berufspolitik. Einer (Teilnehmer, Sprecher?) sagte, es sei nicht mehr nötig die Wirksamkeit der Musiktherapie zu erklären und Belege dafür zu erarbeiten. Es müssten jetzt Handlungen in der Politik folgen, wie zum Beispiel Musiktherapie von der roten Liste der Kontraindikationen zu nehmen. Dies scheint ein sehr komplexer bürokratischer Prozess zu sein. Das wäre ein wichtiges Ziel für die Gesundheitspolitik. Die präventive Arbeit würde möglicherweise Gelder in den Kliniken sparen.

Ihr Fazit?

Angebote von Musik-/ Therapiegruppen im ambulanten Kontext sind herausfordernd für Patient:innen und Therapeut:innen. Dennoch ist es eine sehr befriedigende Tätigkeit. Ich kann Kolleginnen und Kollegen nur einladen, Angebote zu machen.

Links

Ohrmuschel Praxis für Musiktherapie Anne Oeckinghaus – www.ohrmuschel-therapie.de

Oeckinghaus, Anne. Die Entwicklung eines musiktherapeutischen Gruppenangebots in ambulanter Praxis. Musiktherapeutische Umschau Bd. 47, 1. Vandenhoeck & Ruprecht.

Literatur

Geiger, Edith Maria, Maack Carola (2010). Lehrbuch Guided Imagery and Music (GIM). München, Basel: zeitpunkt musik, Reichert Verlag.

Hack Aurelia (2019). Leg den Schwarzen Hund an die Leine – Wege aus der Depression (1. Aufl.). München: Scorpio Verlag.

Leuner Hanscarl, Horn Günther, Klessmann Edda (2017). Katathymes Bilderleben mit Kindern und Jugendlichen (5. Aufl.). München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag.

Tüpker, Rosemarie (2024). Gruppenimprovisation – Spielformen aus der Musiktherapie. Norderstedt: Books on Demand.

von Twickel, Nobuyo Tada (2009). Das Leben und die Musik – Hibiku no Utsuwa – Musik und Musiktherapie zwischen Japan und Deutschland. Wiesbaden: zeitpunkt musik, Reichert Verlag.

Headerfoto: pxhere

 

 

Bild von Anne Oeckinghaus

Anne Oeckinghaus

Anne Oeckinghaus, Jahrgang 1966, Diplom-Musiktherapeutin DMtG zert./HPG. Musik-, Religions- & Theaterpädagogin für Sekundarstufe 1. Zertifiziert in Musikimagination IMIT. Sie hat musiktherapeutisch in einer Tagesklinik mit Erwachsenen und in großen Kinder- und Jugendgruppen gewaltpräventiv gearbeitet. Aktuell ist sie in der eigenen Praxis Ohrmuschel in Mülheim an der Ruhr und auf einer Kinderpalliativstation in Leverkusen tätig. www.ohrmuschel-therapie.de.

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