Ein Interview mit Anastasiia Shyroka und Marta Kuziy. Von Bettina Eichmanns
Im aktuellen Heft der Musiktherapeutischen Umschau (3/2025) erschien der Artikel “Musik zur Heilung von Kriegswunden: Untersuchung traumainformierter Prinzipien in musikalischen Veranstaltungen” der beiden ukrainischen Autor:innen. Mitten in der Stadt Lviv, die in kürzester Zeit zu einer humanitären Anlaufstelle für Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten geworden war, haben sie die Konzertreihe “Music for Healing the Wounds of War” realisiert. Gemeint sind vor allem die seelischen Wunden, von denen in den Medien kaum berichtet wird.
Können Sie uns etwas darüber erzählen, wie die Idee zu traumainformierten Musikveranstaltungen entstanden ist?
Marta: Das Besucherzahlen klassischer Konzerte ist in der Ukraine während der letzten 15 Jahre trotz der großen Anzahl an Konzerthallen und Orchestern kontinuierlich gesunken. Schon vor dem Krieg hatte ich das Gefühl, dass wir neue Formate für klassische Musikveranstaltungen entwickeln müssen. Das ist natürlich ein komplexes Thema und eine große Herausforderung. Um sie zu lösen, müssen viele Bereiche einbezogen werden: Bildung, Öffentlichkeitsarbeit, Barrierefreiheit und Marketing. In Schulen und in der Musikunterricht wird kein Bewusstsein für die vielfältigen Möglichkeiten geschaffen, die klassische Musik bietet. Der Ansatz ist eher technisch. Als mir das klar wurde, motivierte es mich sogar, Forschungen zur Entwicklung musikalischer Intelligenz durchzuführen.
Anastasiia: Tatsächlich denken die Menschen, dass klassische Musik für ihr Leben irrelevant ist. Sie können sich nicht damit identifizieren. Wir mussten den Menschen ermöglichen, Musik zu entdecken, die sie anspricht und eine Verbindung zu ihren persönlichen Erfahrungen herstellt. Das macht das Hören klassischer Musik so wertvoll.
Marta: Der eigentliche Wendepunkt kam mit dem Beginn des Krieges. Die Idee, Konzerte zu organisieren, wurde nun konkret – im Jahr 2022, als Lemberg zu einem wichtigen humanitären Zentrum wurde und täglich eine große Zahl von Menschen aufnahm, die vor dem Krieg flohen. Nach den ersten Konzerten kontaktierte ich Anastasiia, und unsere Zusammenarbeit nahm Gestalt an: Marta aus dem Fachbereich Kulturwissenschaften und Anastasiia aus dem Fachbereich Psychologie und Psychotherapie der Ukrainischen Katholischen Universität.
Anastasiia: Es war eine Zeit, in der Musiker, wie viele andere Künstler auch, nach neuen Rollen und neuen Identitäten suchten. Denn es schien fast unmöglich, an Musik oder Konzerte zu denken, wenn die dringendsten Bedürfnisse darin bestanden, Unterkünfte für Vertriebene zu organisieren, Lebensmittel bereitzustellen und medizinische Hilfe zu gewährleisten. Zu dieser Zeit wurde die Philharmonie selbst zu einem Zentrum für Flüchtlinge und Menschen, die ihr Zuhause verloren hatten.
Dennoch beschlossen Marta und ihre Kollegen, eine Reihe von Kammerkonzerten zu veranstalten, bei denen Neuankömmlinge in der Stadt durch Musik und Gespräche über Musik mit ihrer Kultur vertraut gemacht werden konnten. Dies erwies sich als eine sinnvolle Idee: Trotz der humanitären Herausforderungen reagierten viele Menschen positiv auf diese Initiative. Jeder versteht, was Trauma bedeutet, aber nur wenige wissen, wie man damit in einem Konzert umgeht. Wir wussten 2022 noch nichts darüber und wollten einen Rahmen finden – wir lernen immer noch dazu.
Wir haben in den letzten drei Jahren viel Feedback gesammelt, und der wichtigste Aspekt ist, Raum für Reflexion zu schaffen. Wenn man das Konzerterlebnis nicht begleitet, werden die Menschen ihr Trauma erneut durchleben oder es sogar unverändert mit sich herumtragen.
Marta: Wir haben viel über die Wahl der Instrumente (Blasinstrumente, Streichinstrumente, Klavier) nachgedacht, und ich habe mich mit der Wissenschaft des Klangs beschäftigt.

Sie erwähnen zahlreiche Studien, die zeigen, wie Musik Menschen auf der hormonellen, neurophysiologischen und psychologischen Ebene beeinflusst. Können Sie einige Beispiele dafür nennen, wie dies nachgewiesen wurde? Und wie genau wirken sich diese Effekte aus?
Anastasiia: Es gibt tatsächlich eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten zu diesem Thema, die meisten davon basieren auf einem experimentellen Design. In der Regel gibt es sowohl eine Versuchsgruppe als auch eine Kontrollgruppe, und viele dieser Studien werden in klinischen Umgebungen durchgeführt. Beispielsweise wird den Teilnehmern möglicherweise angeboten, Musik zu hören, um Stress, Anspannung oder Ängste während medizinischer Eingriffe zu reduzieren, während die Teilnehmer der Kontrollgruppe keine Musik hören. Die Forscher messen in der Regel sowohl das subjektive Wohlbefinden als auch physiologische Indikatoren wie Herzfrequenz, Atmung und Stresshormone vor und nach dem Hören. Die meisten Ergebnisse zeigen, dass Musik zwar nicht immer eine lang anhaltende Wirkung hat, aber dennoch einen Einfluss ausübt und zur Regulierung des Zustands einer Person beiträgt.
Ich denke, wir alle haben das schon erlebt – wenn ein Lieblingssong fast augenblicklich unsere Stimmung verändern kann. Selbst intuitiv ist klar, dass Musik eine starke Wirkung hat. Besonders interessant ist, dass seit Beginn des Krieges das Hören von Musik unter den Ukrainern durchweg an vierter Stelle der häufigsten Bewältigungsstrategien steht – direkt nach dem Surfen im Internet, Fernsehen oder Filme schauen und dem Kontakt zu Freunden und Familie (Gemäß den Ergebnissen der neunten Welle der Gradus Research-Umfrage im Rahmen des Programms „How Are You?“, durchgeführt im Januar 2024).
Marta: Und genau das war es, was wir brauchten – eine unmittelbare Wirkung, die den Menschen hilft, mit ihren Gefühlen umzugehen. Wir haben viel über die Länge der Stücke nachgedacht und bei der Auswahl der Stücke für unsere Konzerte einen pädagogischen Ansatz gewählt.
Sie erklären, dass „Live-Musik mit ihren Schwingungen und chills das Körperbewusstsein, die Verkörperung (“embodiment”) und die emotionale Regulierung verbessern (kann).“ Können Sie die Begriffe “chills” und „embodiment” näher erläutern?
“Chills” können als intensive emotionale Reaktion auf Musik beschrieben werden, ein angenehmes Gefühl, das sich oft körperlich als Gänsehaut, Zittern oder Kribbeln bemerkbar macht. Dieser Zustand wird oft durch das Hören von Musik erreicht. Wir wissen, dass das Belohnungssystem des Gehirns auf Musik reagiert und Dopamin ausschüttet. Gänsehaut kann also sowohl als psychologische Reaktion – Gefühle der Ergriffenheit, Hochstimmung oder tiefen Berührung – als auch als physiologische Reaktion angesehen werden, die mit der Aktivierung des autonomen Nervensystems einhergeht, wie z. B. Gänsehaut, Veränderungen der Herzfrequenz oder der Atmung.
Vielleicht ist diese Verbindung zwischen Körper und Geist, wenn wir bewusst Gänsehaut und andere angenehme Empfindungen wahrnehmen, sehr wichtig. Diese Verbindung geht unter Stress oft verloren – Menschen neigen dazu, ihren Körper und seine Bedürfnisse nicht wahrzunehmen und reagieren daher nicht darauf. Beispielsweise kann Ihr Körper müde sein und Ruhe brauchen, aber unter Stress ignorieren Sie dies möglicherweise und machen einfach weiter. Schließlich sendet der Körper stärkere Signale aus – durch Schmerzen, Müdigkeit oder sogar Krankheit. Der Körper spricht tatsächlich; er hat seine eigenen Bedürfnisse, und es ist wichtig, mit ihm in Verbindung zu bleiben. Musik hören kann wirklich helfen, diese Verbindung aufrechtzuerhalten. Darum geht es beim Phänomen des “embodiment”.
Sie schreiben: “Eine der positiven Auswirkungen kultureller Veranstaltungen ist, dass sie die Möglichkeit bieten, den Fokus von den Nachrichten zu nehmen.“ Wie ausgewogen ist Ihrer Meinung nach die Kriegsberichterstattung in den ukrainischen Medien?
Anastasiia: Wir haben viele verschiedene Informationsquellen, daher kann man sagen, dass es eine Ausgewogenheit aus mehreren Quellen gibt. Aber ich würde die Nachrichten eher als einen Ansturm von allen Seiten beschreiben. Sie kann nicht ausgewogen sein, weil jeden Tag etwas passiert – Beschuss, Verluste, neue Entwicklungen. All das wird über verschiedene Medienkanäle, soziale Medien und Mundpropaganda verbreitet – eine echte Informationsüberflutung. Kulturelle Veranstaltungen bieten einen anderen Raum, in dem man eine Pause einlegen und eine andere Erfahrung machen kann, wie Ruhe, Gelassenheit und Erneuerung. In den Nachrichten wird nie über Leid, Trauma oder Verlust berichtet.
Trauma-informierte Musikveranstaltungen unterscheiden sich von regulären Konzerten durch einen Ansatz, der sich an den Grundsätzen spezialisierter Kuratoren orientiert. Dieser Ansatz umfasst Inhaltswarnungen und Auswahlmöglichkeiten. Wie funktioniert das und welche Art von Inhalten erfordern „Warnungen“ – wie wählen die Teilnehmer aus?
Marta: Bei der Auswahl der Stücke für Konzerte haben wir uns auch an den Grundsatz gehalten, die Zuhörer nicht mit langen Musikstücken zu überfordern. Die Menschen müssen oft auf ihren Handys nach Luftangriffswarnungen schauen oder sich vergewissern, dass ihre Angehörigen in Sicherheit sind. Die Übergänge sollten also nicht zu lang sein, aber lang genug, um die Menschen von ihren alltäglichen Sorgen abzulenken.
Anastasiia: Wir haben die Programm-Inhalte gemeinsam mit den Musikern geplant, wobei wir stets ein bestimmtes Thema gewählt hatten, wie zum Beispiel Träumen. Wir achten sehr darauf, worüber die Menschen sprechen, was sie brauchen. Wie ich bereits erwähnt habe, ist das Leben heute so schnelllebig, dass die Menschen einen Raum brauchen, in dem sie innehalten können, wenn auch nur für kurze Zeit.
Marta: Bei der Gestaltung der Programme haben wir auch unsere Herkunft im Blick behalten. Die Menschen sollten ihre Wurzeln, ihr Land kennenlernen: Was bedeutet es, Ukrainer:in zu sein? Deshalb haben wir immer mindestens ein Stück ukrainischer Komponisten in jedes Programm aufgenommen.
Anastasiia: Wir beginnen immer mit einem kurzen Eröffnungsstück, als sanfte Begrüßung, um zur Ruhe zu kommen und allen zu helfen, dem Lärm des Alltags zu entfliehen.
Marta: Danach folgt ein Gesprächsteil: Wir erklären die musikalische Seite von Emotionen, wie Komponisten bestimmte emotionale Effekte erzeugen und wie sich Traditionen im Laufe der Geschichte und in verschiedenen Ländern unterscheiden. Wir zeigen einige Folien, sprechen über die Musikgeschichte und einige technische Aspekte wie Tonart, Klangfarbe und Struktur.
Anastasiia: Dann würde ich das Publikum auf das Hörerlebnis vorbereiten. Manchmal erzählte ich Geschichten, verwendete Metaphern oder einige Elemente der GIM-Technik (Guided Imagery and Music). Wir entwerfen eine Art Reise für das Publikum – etwas, das ihm so viele Ressourcen wie möglich für Erneuerung bietet. Das kann eine Reise zurück zu Orten aus der Kindheit sein, zu hellen Träumen oder zu tiefem Gebet und unerschütterlicher Hoffnung. Wichtig ist, dass das Programm einen Bezug haben zu den Ressourcen und Erfahrungen, die sie dem Publikum bieten können. Während der Konzerte haben wir die Menschen gebeten, auf sich selbst zu achten. Wir haben sie an ihre Entscheidungsfreiheit erinnert – niemand kann uns in solchen Momenten vorschreiben, was wir fühlen sollen. Viele Menschen haben geweint – das ist normal.
Marta: Jedes Mal bringen die Musiker einzigartige Musikstücke und Eindrücke mit, die durch Diskussionen bereichert und am Ende durch eine Wiederholung des ersten „Übergangsstücks” umrahmt werden. Abschließend teilen wir eine Playlist mit den beim Konzert aufgeführten Stücken sowie einigen weiteren, ähnlichen Werken. Auf diese Weise können die Zuhörer später zur Musik zurückkehren und mehr über den Reichtum und den Wert klassischer Musik erfahren. Das meinen wir mit Warnungen und Wahlmöglichkeiten – dass die Zuhörer angeleitet werden und sich bewusst sind, was passieren wird. Als wir die Konzerte vorbereiteten, haben wir auch an die Musiker gedacht. Während des Krieges fühlten sich viele von ihnen deprimiert und verwirrt und fragten sich: Wie kann ein Musiker während des Krieges nützlich sein? Einige von ihnen schlossen sich den Streitkräften an. Aber diejenigen, die blieben, suchten nach einer Möglichkeit, sich nützlich zu machen.
Anastasiia: Dieses Projekt hat ihnen neue Möglichkeiten eröffnet. Sie waren es nicht gewohnt, während der Konzerte Reaktionen und Rückmeldungen vom Publikum zu erhalten. Sie mussten eine neue Identität entwickeln und ein tieferes Bewusstsein dafür, wie stark Musik auf den Zuhörer wirkt. Sie erkannten, dass sie einen Beitrag leisten und etwas bewirken können.
Haben „Music For Healing“-Veranstaltungen etwas mit rezeptiven Gruppenmusiktherapie-Sitzungen oder dem Konzept der Gemeinschaftsmusiktherapie gemeinsam? Und worin bestehen die Unterschiede?
Anastasiia: Nein und ja. Nein, weil bei den meisten Gruppensitzungen oder Gemeinschaftstherapien die Menschen dazu eingeladen werden, selbst aktiv an der Musik teilzunehmen – durch Singen, einfache Instrumente oder Bewegung. Unsere Idee war es jedoch, das Konzertformat so zu nutzen, dass es den größten therapeutischen Nutzen bringt. Aus unseren vielen Gesprächen mit den Teilnehmern haben wir gelernt, dass nur weil die Menschen still sitzen, ohne zu singen oder sich zu bewegen, dies nicht bedeutet, dass während der Veranstaltung nichts in ihnen vor sich geht. Tatsächlich erlebt jeder Mensch seine eigene innere Transformation. Der eine kann sich vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit entspannen und weinen. Ein anderer erinnert sich vielleicht an Schulerinnerungen und löst langjährige Probleme oder findet wieder zu seiner Inspiration zurück. Diese Konzerte verändern die Menschen – und ich denke, wir unterschätzen oft ihr Potenzial.
Ja, in gewisser Weise ähnelt es einer Gruppentherapie, denn sowohl in unseren Konzerten als auch in der Therapie legen wir großen Wert auf psychologische Sicherheit, Vertrauen und Beziehungen. Wir bieten einen Raum für Reflexion und den Austausch von Erfahrungen – etwas, das im Alltag oder bei traditionellen Konzerten normalerweise keinen Platz hat.
Es ist allgemein anerkannt, dass Musik Emotionen hervorruft. Sie erwähnen das BRECVEMA-Modell, das eine Analyse dieses Prozesses liefert. Können Sie uns etwas mehr über dieses Modell erzählen? Woher stammt es und welche anderen Anwendungen gibt es?
Marta: Das BRECVEMA-Modell wurde vom Musikpsychologen Patrik Juslin (Juslin & Västfjäll, 2001) und seinen Kollegen als Rahmenkonzept zum Verständnis der Mechanismen vorgeschlagen, durch die Musik Emotionen hervorruft. Das Akronym BRECVEMA steht für acht Prozesse: Hirnstammreflexe, rhythmische Synchronisation, evaluative Konditionierung, Ansteckung, visuelle Vorstellungskraft, episodisches Gedächtnis, musikalische Erwartung und ästhetisches Urteilsvermögen. Jeder Mechanismus hebt eine andere Art und Weise hervor, wie Musik affektive Reaktionen auslösen kann – zum Beispiel werden Schauer oft durch musikalische Erwartung (Verletzungen oder Bestätigungen vorhergesagter Muster) und episodisches Gedächtnis (persönliche Assoziationen) erklärt.
Anastasiia: Das Wichtigste für uns an diesem Modell war die Idee, dass wir, wenn das Musikerlebnis eines Zuhörers von verschiedenen Mechanismen beeinflusst wird, zumindest einige davon nutzen können, um die Erfahrungen zu fördern, die wir hervorrufen möchten. Wir können beispielsweise die Musik sorgfältig auswählen – ihren Rhythmus, ihre Komplexität und ihre Instrumentierung. Wir können entscheiden, welche Bilder zu Beginn des Konzerts gezeigt werden und welche Geschichten erzählt werden, um die Zuhörer zu einer bestimmten emotionalen Erfahrung zu führen.
Natürlich können wir nicht jede einzelne Reaktion vorhersagen, aber wir können die Gesamtatmosphäre des Konzerts gestalten, indem wir all diese Elemente sorgfältig berücksichtigen. Das BRECVEMA-Modell kann auch in anderen Bereichen nützlich sein, beispielsweise in der Bildung oder bei Filmmusik.
Sie haben acht Kernprinzipien für traumainformierte Musikveranstaltungen entwickelt, darunter Brücken bilden („Bridging“), „Holding“, Zugehörigkeit („Belonging” ) und Transzendenz. Obwohl die Veranstaltungen mit größter Sorgfalt kuratiert wurden, beschreiben Sie die Auswirkungen als vorübergehend. Warum?
Anastasiia: Wenn wir von einer emotionalen Wirkung sprechen, kann diese nach dem Konzert höchstens einige Stunden anhalten. Wenn wir jedoch die Bildung positiver Erinnerungen betrachten, werden die Menschen diese Erinnerungen bewahren und immer wieder darauf zurückkommen.
In den Gesprächen erzählten uns die Teilnehmer, dass unsere Veranstaltungen ihre Wahrnehmung schwieriger Lebenssituationen und ihrer Gefühle verändert haben. Einige lernten beispielsweise, in schwierigen Zeiten Abstand zu traumatischen Ereignissen zu gewinnen. Andere erkannten, dass jede Emotion einen Anfang und ein Ende hat, auch wenn man sie nicht aktiv bekämpft. Einige haben verstanden, dass andere ähnliche Gefühle haben und wir uns gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Ich glaube, dass dieses Wissen die Menschen verändert hat und weiterhin wirkt.
Marta: Auch der Fokus der Musiker beim Musizieren hat sich verändert. Während des Krieges kamen viele von ihnen zu dem Schluss, dass sie ihrem Land als Soldaten nützlicher sind als als Musiker. Durch dieses Projekt verlagerte sich das Ziel der Aufführung von der Perfektion der Ausführung der Stücke hin zur Einbindung des Publikums, indem man sich sorgfältig und aufmerksam mit dem Repertoire auseinandersetzte und die Musik entsprechend den Bedürfnissen der Zuhörer auswählte.
Können Sie einen bedeutungsvollen und unvergesslichen Moment beschreiben, den Sie während der Veranstaltungen erlebt haben?
Anastasiia: Für mich persönlich ist jedes Konzert auf seine Weise ein unvergessliches Ereignis. Ich erinnere mich an die Begeisterung einer Teilnehmerin, als sie sich daran erinnerte, wie wichtig Leidenschaft in ihrem Leben ist, obwohl sie dachte, dieses Gefühl für immer verloren zu haben. Wir wurden alle ein wenig wie spontane, fröhliche Kinder – und es war warm und wunderbar. Ich erinnere mich an ein Konzert, das sich mit Hoffnung befasste. Alle im Saal – über 100 Menschen – standen auf und hörten gemeinsam das Stück „We Are“, das auf der ukrainischen Nationalhymne basiert. In diesem Moment ging es auch um die Kraft, die wir haben, wenn wir zusammen sind. Wir fühlten uns nicht allein.
Marta: Ich war so beeindruckt davon, wie viele Menschen gekommen waren. Einige von ihnen nahmen jedes Mal teil, sodass das Publikum von Konzert zu Konzert immer größer wurde. Daher dachten wir: Wir haben unser Ziel erreicht.
Wie sieht Ihre Vision für die Zukunft aus – wird es weitere „Music for Healing”-Veranstaltungen geben?
Marta: Ja, wir planen gerade die nächste Konzertreihe. Wir sind sehr dankbar, dass wir Unterstützer gefunden haben, darunter die Titus Befluge Foundation, vertreten durch Mischa Sutter, sowie Sabine Duschmale-Oeri. Wir hoffen auch, wirklich schöne und magische Momente zu schaffen, in denen die Zuhörer Musik, sich selbst und andere auf eine neue, widerstandsfähigere Weise entdecken können. Das ist etwas, was die Menschen gerade jetzt wirklich brauchen – und das motiviert uns, weiterzumachen.
Links
Anastasiia Shyroka, Marta Kuziy. Musik zur Heilung der Kriegswunden: Untersuchung traumainformierter Prinzipien in musikalischen Veranstaltungen. Musiktherapeutische Umschau, 46(3), 242-255.

+++ English translation +++
Music for Healing The Wounds Of War. Trauma-informed concerts in the Ukraine
An interview with Anastasiia Shyroka und Marta Kuziy
The current issue of Musiktherapeutische Umschau (3-2025) features an article by the two Ukrainian authors entitled ‘Music for Healing War Wounds: Investigating Trauma-Informed Principles in Musical Events’. In the city of Lviv, which quickly became a humanitarian hub for refugees from war zones, they organized a concert series entitled ‘Music for Healing the Wounds of War’, addressing primarily the psychological and emotional wounds, which are never addressed in the news.
Can you tell us a little bit about how the idea of trauma-informed musical events was born?
Marta: Audiences at classical concerts in Ukraine have continued to decline over the last 15 years, despite the large number of philharmonic halls and orchestras. Even before the war, I felt that we needed to develop new formats for classical music events. This is a complex issue and a great challenge, of course. In schools and in music education, they do not create awareness of the wide range of possibilities that classical music offers. Their approach is rather technical. Addressing it requires efforts in several areas: education, outreach, accessibility, and marketing. When I realized this, it even motivated me to conduct research on the development of musical intelligence.
Anastasiia: In fact, people think that classical music is not relevant to their lives. They cannot identify with it. We needed to allow people to discover music that resonates with them, that can create a connection with their personal experiences. This is what makes listening to classical music valuable.
Marta: The real turning point came with the start of the war. The idea of organizing concerts now became concrete — in 2022, when Lviv became a major humanitarian hub and welcomed large numbers of people fleeing the war every day. After the first few concerts, I contacted Anastasiia and our collaboration took shape: Marta from the Department of Cultural Studies and Anastasiia from the Department of Psychology and Psychotherapy of the Ukrainian Catholic University.
Anastasiia: It was a moment when musicians, like many other artists, were searching for new roles and new identities. After all, it seemed almost impossible to think about music or concerts when the most urgent needs were things like arranging housing for displaced people, providing food, and ensuring medical assistance. At that time, the Philharmonic hall itself became a center for refugees and people who had lost their homes.
Nevertheless, Marta and her colleagues decided to launch a series of chamber concerts where newcomers to the city could get acquainted with its culture—through music and through conversations about music. This turned out to be a meaningful idea: despite the humanitarian challenges, many people responded warmly to this initiative.
However, while everyone understands trauma, not many people know how to address it in a concert. We knew nothing about this in 2022, and we wanted to find a framework – we are still learning.
We have collected a lot of feedback over the last three years, and the most important aspect is to give space for reflection. If you don’t guide the concert experience, people will re-live their trauma or even take it how with them, unchanged.
Marta: We reflected a lot on the choice of instruments (wind, strings, piano) and I studied the science of the nature of sound.
You mention numerous studies that show how music impacts the hormonal, neurophysiological and psychological states of human beings. Can you give some examples of how this has been shown? And what exactly are the effects?
Anastasiia: There’s actually quite a lot of research on this, and most of it uses an experimental design. Typically, there’s both an experimental and a control group, and many of these studies take place in clinical settings. For example, participants may be offered music listening as a way to reduce stress, tension, or anxiety during medical procedures, while those in the control group do not listen to music. Researchers usually measure both subjective well-being and physiological indicators—like heart rate, breathing, and stress hormones—before and after listening. Most findings show that, while the effect is not always long-lasting, music does indeed have an impact and helps regulate a person’s state.
I think all of us have experienced this in everyday life—when a favorite track can almost instantly change our mood and how we feel. So even intuitively, it’s clear that music has a powerful effect. What’s especially interesting is that since the beginning of the war, listening to music has consistently ranked as the fourth most common coping strategy among Ukrainians—right after spending time online, watching TV or films, and connecting with friends and family (According to the results of the ninth wave of the Gradus Research survey as part of the “How Are You?” program, conducted in January 2024).
Marta: And that’s exactly what we needed – an immediate effect that helps people in dealing with their feelings. We reflected a lot on the length of pieces, and adopted an educational approach in choosing the pieces for our concerts.
You write: “Live music with its vibrations and chills can improve body awareness, embodiment and emotional regulation.” Can you explain the terms “chills” and “embodiment”?
Anastasiia: Chills can be described as an intense emotional reaction to music, a pleasant feeling often felt physically as goosebumps, shivers, or a tingling sensation. This state is often achieved by listening to music. We know that the brain’s reward system reacts to music, releasing dopamine. So, chills can be seen both as a psychological reaction—feelings of being moved, uplifted, or deeply touched—and as a physiological reaction involving the activation of the autonomic nervous system, such as goosebumps, changes in heart rate, or breathing.
Perhaps this mind-body connection, when we consciously notice chills and other pleasant sensations, is very important. That connection is something we often lose under stress – people tend not to notice their body and its needs, and as a result, they don’t respond to them. For example, your body may be tired and need rest, but under stress you might ignore it and just keep going. Eventually, the body starts signaling more strongly—through pain, fatigue, or even illness. The body does speak; it has its own needs, and it’s important to stay connected with it. Listening to music can really help to maintain this connection. That’s what embodiment is about.
“One of the positive effects of cultural events is that they offer a chance to shift focus away from the news feed.” How balanced is, in your opinion, the war reporting in the Ukrainian media?
Anastasiia: We have a lot of different sources of information, so we can say that there is a balance from multiple sources. But I would rather describe the news as an onslaught coming from all sides. It can’t be balanced, because something happens every single day—shelling, losses, updates. All of it is spread through different media channels, social media, and word of mouth – a real information overload. Cultural events provide a different space, where you can take a break and have a different experience, of quiet, calm, and renewal. The news never report on suffering, trauma or loss.
Trauma-informed music events are set apart from regular concerts by an approach that is guided by principles implemented by specialized curators. This approach includes content warnings and choice. How does this work, and what kind of content requires “warnings” – how do participants choose?
Anastasiia: In our case, the content was planned in advance together with the musicians, always keeping the theme of the meeting in mind. Every concert has a central theme, like dreaming, for example. We pay close attention to what people are talking about, what they need. As I mentioned earlier, life is so fast-paced now that people really need a space where they can pause, even for a short while.
When choosing the pieces for concerts, we also followed the principle of not overwhelming the listener with long music. People often need to check their phones for air raid alerts or make sure their loved ones are safe. So the opening moments of transition had to be too short, but long enough to draw a person away from everyday concerns.
Marta: Also, when we designed the programmes, we kept our origins in mind. People should get to know their roots, their country: what does it mean to be Ukrainian? Therefore, we have always included at least one piece by Ukrainian composers
Anastasiia: We always begin with a short opening piece, as a gentle greeting, to calm down and to help everyone get away from the noise of daily life.
Marta: After that, a conversational section follows: we explain the musical side of emotions, how do composers create certain emotional effects, and how traditions vary across the historical periods and countries. We show some slides, we talk about the music history and some technical aspects like the key, the timbre, the structure.
Anastasiia: Then I would prepare the audience to the listening experience. Sometimes I told stories, used metaphors or some elements of the GIM (Guided Imagery and Music) technique. We designed a kind of journey for the audience—something that can offer them as many resources for renewal as possible. It might be a journey back to comforting places from childhood, to bright dreams, or into deep prayer and steadfast hope. The important thing is that these ideas are meaningful in terms of the resources and experiences they can give to the audience. Throughout the concerts, we asked people to take care of themselves. We reminded them of their capacity to choose – nobody can tell us what to do in these moments. Many people cried – it’s normal.
Marta: Each time, new musicians introduced us to a unique set of musical works and impressions, which were enriched by discussion and then tied together at the end by repeating the initial “transition” piece. Finally, we share a playlist with the pieces performed at the concert, along with similar but new compositions. This way, listeners can return to the music afterwards and discover more of the richness and the value of classical music. This is what we mean by warnings and choice – that listeners are guided and conscious of what will happen.
When we were preparing the concerts, we also thought about the musicians. During the war, many of them felt depressed and confused, asking themselves: how can a musician be useful during the war? Some of them joined the armed forces. But those who remained were looking for a way to be useful.
Anastasiia: This project has created new opportunities for them. They were not used to receive responses and hear reflections from the audience during concerts. They had to develop a new identity and a deeper awareness of how powerful the impact of music is on the listener. They realized that they can make a contribution, make a difference.
Do Music For Healing-Events have something in common with receptive group music therapy sessions or the concept of community music therapy? And what are the differences?
Anastasiia: Both – no and yes. No, because in most group sessions or community therapies, people are invited to actively participate in the music themselves—through singing, simple instruments, or movement. Our idea, however, was to use the concert format in a way that provides the greatest therapeutic benefit. From our many conversations with participants, we’ve learned that just because people sit quietly without singing or moving, it doesn’t mean nothing is happening inside them during the event. In fact, each person experiences their own internal transformation. Someone might, for the first time in a while, relax and cry. Someone else might revisit school memories and resolve long-standing issues, or reconnect with something that inspires them. These concerts do change people—and I think we often underestimated their potential.
Yes, in a sense it’s similar to group therapy, because both in our concerts and in therapy we pay a lot of attention to psychological safety, trust, and relationships. We provide a space for reflection and sharing experiences—something that usually has no room in everyday life or in traditional concerts.
It is widely accepted that music evokes emotions. You mention the BRECVEMA-model, which provides an analysis of this process. Can you tell us some more about this model? Where does it come from, and what other applications exist?
Marta: The BRECVEMA model was proposed by music psychologist Patrik Juslin у (Juslin & Västfjäll, 2001) and colleagues as a framework for understanding the mechanisms through which music induces emotions. The acronym BRECVEMA stands for eight processes: Brain stem reflexes, Rhythmic entrainment, Evaluative conditioning, Contagion, Visual imagery, Episodic memory, Musical expectancy, and Aesthetic judgment. Each mechanism highlights a different way in which music can trigger affective responses—for example, chills are often explained through musical expectancy (violations or confirmations of predicted patterns) and episodic memory (personal associations).
Anastasiia: What was most important for us in this model is the idea that if a listener’s musical experience is influenced by different mechanisms, we can at least use some of them to favor experiences we want to evoke. For example, we can carefully choose the music—its rhythm, complexity, and instrumentation. We can decide which images to show at the beginning of the concert, and which stories to share to guide listeners toward a certain emotional experience. Of course, we can’t predict every individual reaction, but we can shape the overall atmosphere of the concert by thoughtfully considering all these elements. The BRECVEMA model can also be useful in other areas, such as education or film music for example.
You have developed seven core principles of Trauma-Informed Musical Events, such as Bridging, Holding, Belonging, Transcendence. Even though the events were curated with utmost care, you describe the effects as temporary. Why?
Anastasiia: If we’re talking about an emotional effect, it can last a few hours at most after the concert. But if we consider the forming of positive memories, people will keep these memories and return to them.
In interviews, participants told us that our events changed the way they perceive difficult life situations and emotions. For example, some learned to create a distance between themselves and traumatic events. Others realized that an emotion has a beginning and an end, even if you don’t actively inhibit it. Some understood that others experience similar feelings, and that we are not so different from each other. I believe this knowledge has changed people’s worldview, and it still lives on.
Marta: The musicians’ focus in music making changed as well. During the war, many of them decided that they are more useful to their country as soldiers rather than as musicians. Through this project, the objective of the performance changed from perfection in the execution of the pieces to engaging with the audience, practicing careful and attentive care by exploring the repertoire and selecting music according to the listeners’ needs.
Can you describe the most meaningful and unforgettable moments you experienced during the events?
Anastasiia: For me personally, each concert is a memorable event in its own way. I remember one participant’s excitement when she recalled the importance of passion in her life, thinking she had lost this feeling forever. We all became a little like spontaneous, joyful children—and it was warm and wonderful. I remember at a concert focused on hope, everyone in the hall—over 100 people—stood up and listened together to the piece “We Are”, which is based on the Ukrainian national anthem. That moment was also about the power we hold when we are together. We did not feel alone.
Marta: I was so impressed by how many people came. Some of them participated every time, so the audience kept growing from concert to concert. So our thought was: we achieved our goal.
What is your vision for the future – will there be more Music for healing events?
Marta: Yes, we are about to start planning the second concerts for healing season. We are very grateful to have found supporters, including the Titus Befluge Foundation represented by Mischa Sutter, as well as Sabine Duschmale-Oeri. We also hope to create truly beautiful and magical moments, where listeners can discover music, themselves and others in a new, more resilient way. That’s something people really need right now – and this is what motivates us to move forward.
Links
Anastasiia Shyroka, Marta Kuziy. Musik zur Heilung der Kriegswunden: Untersuchung traumainformierter Prinzipien in musikalischen Veranstaltungen (Musik for Healing the Wounds of War: Exploring Trauma-Informed Principles in Musical Events). Musiktherapeutische Umschau, 46(3), 242-255.

MARTA KUZIY
Marty Kuziy, D. A. is Associate Professor of Cultural Studies at the Ukrainian Catholic University, part of the Artes Liberales Program, and a concert pianist. Her work focusses on classical music, active listening, and the emotional dimensions of musical experience.

