Musikbasierte Autismusdiagnostik (MUSAD) Neuer Zertifikatskurs

10 Jahre Musikbasierte Autismusdiagnostik

Share on facebook
Share on twitter
Share on google
Share on email

Autor: Thomas Bergmann –

Ten years after – die umfangreiche Entwicklung und Erprobung der Musikbasierte Skala zur Autismus-Diagnostik (MUSAD) ist nun abgeschlossen und durch internationale Veröffentlichungen flankiert (NJMT, RIDD, JADD). Das heißt konkret, Musiktherapeut.innen können nun mit diesem Verfahren zu einer validen und teambasierten Autismusdiagnostik bei Menschen mit intellektuellen Entwicklungsstörungen (d. h. geistiger Behinderung) und eingeschränkter Sprache beitragen. Das MUSAD Manual wird in Kürze bei Hogrefe, dem führenden deutschsprachigen Verlag für psychologische Diagnostik, erscheinen. Vom Zentralinstitut für Weiterbildung der UdK Berlin wird für Herbst 2020 ein DMtG-zertifizierter Workshop zur Einführung in die MUSAD angeboten (hier geht es zur Pressemitteilung).

Wie funktioniert die MUSAD?

Klar beschriebene musikalisch-interaktive Situationen werden in spielerischem Kontakt mit einer Person mit Autismusverdacht hergestellt, um autismustypische Verhaltensweisen auszulösen und damit beobachten zu können. Das funktioniert am Beispiel der MUSAD-Trommelsituation so: Durch gleichmäßiges und gleichzeitiges Schlagen einer Trommel mit beiden Händen im Face-to-Face-Kontakt mit dem Gegenüber wird zum gemeinsamen Spiel animiert. Allein dadurch kann schon soziales Interesse durch die die Lust am sozialen Mitmachen beobachtet werden.

Wird nun allmählich das Tempo angezogen und verlangsamt, kann beobachtet werden, ob sich die andere Person metrisch anpasst, was als „attunement“, d. h. die Abstimmung mit einer anderen Person, auch eine soziale Fähigkeit ist. Durch Wechsel von rechter und linker Hand, anstatt mit beiden Händen zu spielen, kann motorische Koordinationsfähigkeit beobachtet werden. Danach unterbricht die untersuchende Person den gleichmäßigen Puls und lädt das Gegenüber mit einem kurzen rhythmischen Motiv zum Trommel-Dialog ein.

Doch wird diese Einladung zur sozialen Reziprozität überhaupt wahrgenommen? Wenn ja, kommt es zu einem flexiblen Austausch von Spielideen oder erschöpft sich das abwechselnde Spiel in bloßer Imitation? Ist das abwechselnde Spiel von Blickkontakt begleitet, der bedeutet, „jetzt bist Du dran“? Ist der Spielgestus, das heißt die Bewegung der Hände zur Tonerzeugung, auch auf den Anderen gerichtet? Wird generell eine Face-to-Face-Ausrichtung zugelassen oder lieber eine Ausrichtung über Eck? Dies sind alles Beobachtungsschwerpunkte, die Aufschluss über das mögliche Vorliegen einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) liefern können.

Bei der MUSAD werden diese Beobachtungen durch Items, wie z. B. „Wechselseitigkeit in der musikalischen Interaktion“ 4-stufig nach definierten Verhaltensmerkmalen operationalisiert, das heißt in Zahlenwerte übertragen. Von diesen Items sind 26 für einen diagnostischen Algorithmus ausgewählt, das heißt ihre einzelnen Werte werden zu einem Gesamtwert addiert. Liegt dieser über 30 Punkten, kann mit ca. 80% Wahrscheinlichkeit von einer ASS ausgegangen werden. Liegt er darunter, hat die untersuchte Person mit gleicher Wahrscheinlichkeit keine ASS. All dies soll einerseits spielerisch und natürlich gestaltet werden, andererseits aber auch strukturiert und in der Bewertung präzise. Vor dem Hintergrund von 12 MUSAD-Situationen und 47 zu bewertenden Items braucht dies eine Anleitung, eine Einführung und Übung.

Was sind die besonderen Qualitäten der MUSAD?

Die MUSAD als strukturiertes, diagnostisches Beobachtungsinstrument ist im Konzept mit der Diagnostischen Beobachtungsskala für Autistische Störungen (ADOS), einem spiel- und interviewbasierten Verfahren zur ASS-Diagnostik, vergleichbar. Aber die nonverbale Qualität musikalischer Interaktion zu nutzen, um Menschen mit eingeschränkter Sprache angemessen zu untersuchen, das ist wirklich neu. Man spielt ja Musik – damit ist musikalischer Ausdruck und musikalische Interaktion eine altersunabhängige Spielform. Man kann mit einem 5-jährigen Kind, einem 15-jährigen Jugendlichen oder einem 50-jährigen Erwachsenen gemeinsam trommeln, ohne dass das irgendwie unpassend wäre.

Weiterhin braucht musikalische Interaktion keine Worte und ist dennoch hoch kommunikativ. Die musikalischen Parameter Melodie, Rhythmus, Klang, Form und Dynamik findet man auch in der Sprache. Damit bietet ein musikbasiertes Setting einen idealen Rahmen, um nicht sprechende Menschen zu untersuchen und Kommunikations- und Interaktionsfähigkeit zu beobachten. Und dann ist da noch die häufige Vorliebe für Musik bei Menschen aus dem Autismus-Spektrum, was es – wie auch in der Therapie – erleichtert, überhaupt in Kontakt treten zu können und zu motivieren.

Eine weitere Qualität der MUSAD ist die umfangreiche psychometrische Überprüfung. In drei Studien mit insgesamt 275 untersuchten Personen wurde die Testgüte anhand der Hauptkriterien Objektivität, Reliabilität und Validität bestätigt. Damit ist die MUSAD gleichwertig mit anderen etablierten Verfahren zur Autismusdiagnostik (Fragebögen, Interviews, Beobachtungsinstrumente) und stellt eine Ergänzung in einem leitliniengerechten, teambasierten und damit multiperspektivischen diagnostischen Procedere dar. Die psychometrischen Eigenschaften der MUSAD sind auf der Seite des International Music Therapy Assessment Consortium (IMTAC) kurz zusammengefasst.

Weiterführende Links

Headerfoto: Gunnar Kreutner.

Thomas Bergmann Musiktherapeut MUSAD

Dr. Thomas Bergmann ist Musiktherapeut am Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge Berlin, Supervisor und Lehrtherapeut (DMtG) in eigener Praxis sowie Lehrbeauftragter der Medical School Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Austismus-Spektrum-Störungen und sozio-emotionale Entwicklung.

Kontakt: thomas.bergmann@musiktherapie.de

 

Schreibe einen Kommentar

vierzehn − drei =