Lars Christiansen Interkulturelle Kompetenz und therapeutische Identität in der Musiktherapie: Russland

Interkulturelle Kompetenz und therapeutische Identität in der Musiktherapie

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„Ich bin nicht mehr dieselbe, seit ich den Mond auf der anderen Seite der Welt habe scheinen sehen.“ (Mary Anne Radmacher)

Im Jahr 2016 studierte ich als Teilnehmer des Council of International Programms der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit vier Monate Musiktherapie als Gaststudent an der West Virginia University in Morgantown. Ich begleitete eine niedergelassene Musiktherapeutin zu ihren Klient:innen. Außerdem entwickelte und implementierte ich ein Musikangebot im Friendship Room, einer Einrichtung, die Hilfsangebote für Menschen anbietet, die von Suchterkrankungen, Wohnungslosigkeit und/ oder psychischen Problemen betroffen sind.

Begeistert von diesen Erfahrungen beschloss ich, Mitglied des Council of International Fellowship e.V. zu werden, um so weitere Auslandserfahrungen zu sammeln. Im Rahmen jeweils dreiwöchiger Programme bereiste ich die Türkei (2017), Russland (2018) und Griechenland (2022). Im Jahr 2023 absolvierte ich ein zweimonatiges Musiktherapie-Praktikum in Bangkok.

Lars Christiansen Interkulturelle Kompetenz und therapeutische Identität in der Musiktherapie

Durch meine Aufenthalte erhielt ich Einblick in die Arbeitsweisen unterschiedlicher Musiktherapeut:innen und erlebte die (Arbeits-)Kulturen der jeweiligen Länder. Auf meinen Reisen wurde mir zunehmend bewusst, welche Entwicklungsmöglichkeiten durch Auslandsaufenthalte entstehen. Insbesondere die Entwicklung einer therapeutischen Identität kann durch Auslandserfahrung(en) maßgeblich unterstützt werden.

Definition interkulturelle Kompetenz

Eine Zielsetzung, die mit Auslandsaufenthalten oft einhergeht, ist der Erwerb interkultureller Kompetenzen. Der Erfolg dieses Vorhabens ist dabei keineswegs garantiert. Das verdeutlicht Bolten, der interkulturelle Kompetenz definiert

„(…) als das erfolgreiche ganzheitliche Zusammenspiel von individuellem, sozialem, fachlichem und strategischen Handeln in interkulturellen Kontexten.“ (Jürgen Bolten, 2007)

Es handelt sich daher um eine komplexe Aufgabe, die nicht nur das theoretische Erlernen, sondern auch eine praktische Handlungsebene erfordert. Wenden wir uns zuerst der Theorie interkultureller Kompetenzen zu und betrachten diese differenziert. Thomas Eppenstein (2015) benennt folgende Fähigkeiten als Kernkompetenzen von interkultureller Kompetenz:

1/ Empathie

Die Fähigkeit der Empathie bedeutet

„das kognitive Hineindenken und das affektiv-motivationale Einfühlen in die Position des Interaktionspartners (…).“

Hier geht es darum, einen Perspektivwechsel zu vollziehen, aus dem heraus eine gemeinsame Interpretationsgrundlage entsteht. Empathie zeichnet sich u.a. durch die Bereitschaft und Fähigkeit aus, sich auf andere kulturelle Bedeutungssysteme einzulassen. Kognitive Differenzierungsleistungen, sowie ein hohes Maß an affektiven interaktiven Kompetenzen sind ebenso Grundlage von Empathie, wie die respektvolle Toleranz anderen Lebensformen gegenüber.

2/ Rollendistanz

Rollendistanz bedeutet für den interkulturellen Zusammenhang

„(…) zunächst die Fähigkeit, die eigenen verinnerlichten kulturell bestimmten Deutungs- und Verhaltensmuster zu erkennen und zu verstehen, dass sie ein Resultat der im Sozialisationsprozess tradierten und im gesellschaftlichen Kontext vermittelten Werte, Normen und Traditionen darstellen. Eine reflektierende und interpretierende Haltung Normen gegenüber ermöglicht es dem Individuum, sich von Rollenerwartungen zu lösen und offen für andere Rollenverständnisse zu sein. Eine grundlegende Voraussetzung, um in Konfliktfällen Lösungen herbeizuführen.”

3/ Ambiguitätstoleranz

Ambiguitätstoleranz ist für Eppenstein eine wesentliche Bedingung zur Ausbildung von Identität und hat eine zentrale Bedeutung im interkulturellen Annäherungsprozess. Hierbei werden kulturell bedingte Unterschiede wahrgenommen, ohne negativ wertend verarbeitet zu werden oder mit Aggression auf diese zu reagieren. Weiter befähigt eine ausgeprägte Ambiguitätstoleranz das Individuum dazu, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen bzw. simplifizierende Interpretationen zu erzwingen.

4/ Kommunikative Kompetenz

Die kommunikative Kompetenz umfasst nicht nur die sprachliche Fähigkeiten (inkl. Fremdsprachenkenntnisse), sondern als weitere Komponente auch die emotionale Kommunikation zwischen den Interaktionspartnern. Diese schafft prägende Erfahrungswerte und ist somit oftmals noch bedeutsamer als die Kommunikation auf sprachlicher Ebene.

„Kommunikative Kompetenz kann demnach als individuelle Fähigkeit verstanden werden, im Interaktionsprozess einen Ausgleich zwischen der kognitiven und affektiven Ebene herzustellen“. Wenn beide Interaktionspartner auf dieser Handlungsebene agieren, ist die Grundlage für solidarisches Handeln im interkulturellen Verständigungsprozess geschaffen.”

Begegnung mit dem Unbekannten

Der Zusammenhang zwischen interkulturellen Kompetenzen und der therapeutischen Identität ist klar ersichtlich: Beide Fähigkeiten sind erforderlich, um eine funktionierende zwischenmenschliche Beziehung zu gestalten. Am Anfang dieser Beziehung steht immer die Begegnung mit dem Unbekannten, anhand derer man voneinander, und immer auch etwas über sich selbst, lernt.

Lars Christiansen Interkulturelle Kompetenz und therapeutische Identität in der Musiktherapie
Foto: The Friendship Room, Sijie Yuan

Irvin D. Yalom versinnbildlicht diese Beziehung folgendermaßen:

„Ich betrachte meine Patienten und mich am liebsten als gemeinsam Reisende, ein Begriff, der die Unterscheidung zwischen ihnen (den Leidenden) und uns (den Heilern) aufhebt.“ (Yalom, 2010)

Ich interpretiere diese Aussage so, dass es sich bei dieser gemeinsamen Reise nicht um einen All-inclusive Urlaub mit dem Kreuzfahrtschiff, sondern vielmehr um eine Abenteuerreise ins Neuland handelt.

Musiktherapie und Reisen – Improvisation ist gefragt

Wenden wir uns nun der praktischen Handlungsebene zu und betrachten die meiner Meinung nach größte Gemeinsamkeit zwischen der Musiktherapie und dem Reisen – die Fähigkeit zur Improvisation. Es bestehen zwei Möglichkeiten, Improvisation im beruflichen Kontext einzusetzen. Einerseits die Improvisation als eine dem professionellen Handeln inhärente Fähigkeit anzuwenden, durch die man in der Lage ist, flexibel auf die anfallenden Herausforderungen des Berufsalltags von Musiktherapeut:innen zu reagieren.

Andererseits handelt es sich um eine spezifische Technik des Musizierens.

„Die freie Improvisation ist dabei die „Via Regia“ zum Unbewussten der Patienten und Patientinnen.“ (Thomas Stegemann, 2020)

Improvisation bedeutet, Musik zu spielen, die nicht bereits geschrieben ist. Man schafft etwas Neues. Bei dieser Art des Musizierens können allerlei Gedanken und Gefühle aufkommen, angenehme und unangenehme. Es geht darum, dem Moment zu vertrauen und ins Unbekannte zu treten. Genau hier besteht ein Zusammenhang zwischen der Musiktherapie und dem Reisen, welcher anhand der Improvisation deutlich wird: das Neue bedeutet Wagnis.

Reisen als therapeutische Angelegenheit

Dass das Reisen an sich dabei auch einen therapeutischen Effekt haben kann, verdeutlicht Politycki anschaulich:

„Je existentieller die Herausforderungen, desto klarer und einfacher werden die Gedanken, die man während der kurzen Verschnaufpausen hat. Es denkt.“ (Matthias Politycki, 2017)

Wenn man in ein unbekanntes Land reist, werden viele Dinge anders sein, als man sie erwartet. Unterschiede treten in verschiedenen Bereichen zutage, darunter Kultur, Klima, Zeitzone, zwischenmenschliche Interaktion, Religion, Ernährungsgewohnheiten und sogar der Straßenverkehr.

Es ist eine Sache, über diese Unterschiede zu lesen, aber eine völlig andere, sie persönlich zu erfahren und die damit verbundenen Gefühle zu erleben. In dieser neuen Umgebung funktionieren die üblichen Bewältigungsstrategien wahrscheinlich nicht. Man muss improvisieren und neue Wege entdecken. Während einer Reise erwirbt man wichtige Fähigkeiten:

  1. Geduld und Gelassenheit wachsen, da die Dinge anders verlaufen können als erwartet und gewohnt.
  2. Die Selbstkenntnis wird vertieft, insbesondere bei Alleinreisen ins Ausland, da man sich von allem Bekannten löst. Man stellt sich die Fragen: Wer bin ich und wer noch?
  3. Eine neue Perspektive wird gewonnen, indem man seinen Standpunkt durch eine Auslandsreise verändert. Die Betrachtungsweise von Dingen verändert sich, und es besteht die Möglichkeit, das Leben zu Hause neu zu bewerten.
  4. Die Vorteile eines Auslandsaufenthalts bleiben lange erhalten, da das Lernen ein fortlaufender Prozess ist, der über das Ende der Reise hinausgeht.

Wie Niederlagen spannend sein können

Aus diesen Gründen kann ein Auslandsaufenthalt einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung einer therapeutischen Identität leisten. Es geht darum, dass man lernt, mit dem Unbekannten umzugehen, Herausforderungen zu bewältigen und dadurch persönliches Wachstum zu erfahren. Dass dabei selbst vermeintliche Niederlagen (vielleicht ja auch gerade diese?!) die Entwicklung fördern und somit eigentlich Erfolge sind, legt Meyerhoff nahe:

„Vielleicht ist es sogar spannender, an unbekannten Orten Niederlagen zu erleiden, als an bekannten Orten Erfolge zu feiern.“ (Joachim Meyerhoff, 2013)

Eine Erörterung der Frage nach der eigenen therapeutischen Identität beinhaltet zwangsläufig die Erkenntnis, dass es sich hierbei um einen kontinuierlichen Prozess handelt. Denn die therapeutische Identität kann theoretisch zwar erlernt werden, muss meiner Meinung nach jedoch unabdingbar in der zwischenmenschlichen Beziehung gelebt und dort als existent erfahren werden. Die Entwicklung einer therapeutischen Identität ist ein persönlicher Lernprozess, welcher mit der Aufnahme einer therapeutischen Ausbildung beginnt und im anschließenden Berufsleben dann a posteriori Kon- oder Divergenz erfährt. Die therapeutische Identität stellt das Herzstück einer erfolgreichen therapeutischen Beziehung dar. Sie bildet das Fundament für das Vertrauen, welches zwischen Therapeut:innen und Klient:innen aufgebaut wird, und beeinflusst somit maßgeblich den Verlauf und die Ergebnisse des therapeutischen Prozesses.

Ich danke Prof. Dr. Dena Register von der Florida Gulf Cost University, die mich in den USA und Thailand begleitete und meine Entwicklung maßgeblich unterstützte!

Literaturangaben

Bolten, Jürgen (2007). Interkulturelle Kompetenz. Thüringen, Landeszentrale für politische Bildung.

Eppenstein, Thomas (2015): Interkulturelle Kompetenz. Zugänge für eine kultursensible Soziale Arbeit. In: Eppenstein, Thomas; Krummacher, Michael; Zacharaki, Ioanna (Hrsg.): Praxishandbuch interkulturelle Kompetenz. Vermitteln, vertiefen, umsetzen. Schwalbach am Taunus, Wochenschau Verlag Dr. Kurt Debus GmbH, 35-65.

Meyerhoff, Joachim (2013). Alle Toten fliegen hoch: Amerika. Köln, Kiepenheuer & Witsch.

Schmidt, Hans Ulrich, Stegemann, Thomas, Spitzer, Carsten (Hrsg.) (2020). Musiktherapie bei psychischen und psychosomatischen Störungen. München, Urban & Fischer.

Politycki, Matthias (2017). Schrecklich schön und weit und wild: Warum wir reisen und was wir dabei denken. Hamburg, Hoffmann und Campe Verlag.

Yalom, Irvin D. (2010). Der Panama-Hut oder was einen guten Therapeuten ausmacht. München, Btb Verlag.

Links

The Council of International Fellowship – www.cifinternational.com.

Council of International Fellowship e.V. – www.cif-germany.de.

Header-Foto: CIF-Russia

Lars Christiansen

Lars Christiansen

Lars Christiansen wurde in der Hansestadt Hamburg geboren und ist in ihr aufgewachsen- er ist ein waschechter „Hamburger Jung“. Den Hamburger Hafen begreift er als „Tor zur Welt“, von dem aus das Leben seinen fließenden Lauf nimmt. Er ist gelernter Heilerziehungspfleger und hält einen Bachelorabschluss in Gesundheits- und Sozialmanagement. Derzeit absolviert er ein Masterstudium in Musiktherapie an der Theologischen Hochschule Friedensau. Lars Christiansen arbeitet als Fachtherapeut für Musik in der Oberberg Fachklinik Marzipanfabrik (Kinder- und Jugendpsychiatrie) und der Oberberg Tagesklinik Hamburg (TK für Erwachsene mit psychischen Erkrankungen).

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. B.Hille

    Wieder ein Text von Lars Christiansen, welcher mich als Leser mit auf seine Reise nimmt.
    Die Sichtweisen von Lars Christiansen auf den Zusammenhang zwischen Musik, Begegnung, Erfahrung und letztendlich Therapie ist spannend, durchdacht, wissenschaftlich untermauert und macht Lust auf mehr.

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