Musiktherapie und Coronakrise

Wie erleben Musiktherapeuten die Covid 19-Pandemie?
Vier Antworten 9

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Seit über einem Jahr beschäftigt uns die Covid 19-Pandemie – sicher auch noch weiterhin einige Zeit. Wie verändert die Pandemie den Beruf der Musiktherapeut.in? Welche Chancen für die gesundheitliche Versorgung können entstehen? Und welche Verluste werden spürbar – ausgelöst durch finanzielle Kürzungen?

In der Musiktherapie sind die Erfahrungen sehr weit gespannt, wie in der Gesellschaft insgesamt: von Weiterarbeit und Akzeptanz in Kliniken bis zu Reduktion und Abbruch von ambulanter Arbeit oder Honorartätigkeiten. Musiktherapeut.innen berichten von neuen beruflichen Versuchen, aber auch von existentiellen Sorgen.

Seit Mai 2020 stellen wir Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten jeden Monat jeweils die gleichen vier Fragen. Es entstehen dabei aktuelle Bestandsaufnahmen. Sie können Anregungen und Hinweise geben für den Umgang mit den neuen Gegebenheiten und Problemen, mit denen wir alle so oder ähnlich konfrontiert sind. Die persönlichen Einblicke dürften auch Ausblicke auf eine sich vielleicht verändernde – erneuernde? – Musiktherapie sein. Jede.r ist eingeladen, sich zu beteiligen…

In diesem neunten Teil der Umfrage antworten: Stefan Graw, Astrid Güting, Anke Lechner und Angelika Stieß-Westermann.

Vier Fragen an ... Stefan Graw, Flensburg

Musiktherapie Blog Vier Fragen an Stefan Graw
01 Was hat sich in Ihrem Leben seit Corona verändert?

Das Leben seit Corona ist reduziert. Zum einen merke ich, was ich nicht wirklich brauche und was entbehrlich ist. Das bedeutet eine Erleichterung. Gleichzeitig wird mir bewusst, was ich wirklich brauche und was zur Zeit nicht geht. Und das schlägt aufs Gemüt…

Demgegenüber steht die Erkenntnis und die Beobachtung, was die Coronaeinschränkungen alles an Kreativität und neuen Möglichkeiten zum Vorschein bringt – und was dann doch alles geht: Onlinekonferenzen, Videoproduktionen, Nachbarschaftshilfe u.v.m.

02 Was hat sich in Ihrer beruflichen Situation verändert?

Meine musiktherapeutische Honorarstelle ist seit März 2020 gänzlich weggebrochen – und bis heute konnte ich sie nicht wieder aufnehmen.  Die Suche nach anderen musiktherapeutischen Stellen hat bisher noch nicht gefruchtet. Da ist Beharrlichkeit und ein langer Atem gefragt.

Ich beabsichtige schon seit einiger Zeit, mir als Musiktherapeut eine eigene Praxis einzurichten. Wenn Corona mir keinen weiteren Strich durch die Rechnung macht, könnte es im kommenden Jahr 2022 soweit sein.

Mein anderes Standbein neben der Musiktherapie, das Leiten von Chören, ist auch eingebrochen, aber nicht völlig. Nach Ostern ist vielleicht wieder eine gemeinsame Probenarbeit möglich.

Zudem bin ich gerade dabei, mir ein drittes Standbein auf zu bauen, nämlich die rechtliche Betreuung.

03 Wie sehen Sie die Chancen für Musiktherapie nach Corona?

Das ist schwer vorher zu sagen. Zum einen wird der Bedarf riesig sein, zum anderen werden Menschen weniger Geld haben als vor der Pandemie. Es wäre möglich, dass in Einrichtungen der Einsatz von Musiktherapie nicht wieder auf das Vor-Corona-Niveau hochgefahren wird (mit Verweis auf knappe Gelder). Es ist aber auch gut möglich, dass der Wert und die Möglichkeiten von Musik-therapie eben durch die Auswirkungen der Pandemie neu wertgeschätzt werden.

04 Was wünschen Sie sich für die Musiktherapie in Deutschland für die Zukunft?

Dass das Potential von Musiktherapie auf breiterer Basis erkannt und eingesetzt und nicht weiter weggespart wird; eine bessere Vernetzung von ambulanter Musiktherapie mit z.B. psychiatrischen Krankenhäusern; vermehrte und unbürokratischere Finanzierungsmöglichkeiten von ambulanter Musiktherapie.

Vier Fragen an... Astrid Güting, Hamburg

Musiktherapie Blog Vier Fragen an Astrid Güting

Mein Leben ist insgesamt ruhiger und dadurch auch besinnlicher geworden. Ich vermisse kulturelle Veranstaltungen und Cafébesuche. Dafür bin ich viel mehr draußen unterwegs. Seit einem Jahr meide ich möglichst den ÖPNV und fahre alle Arbeitsstellen mit dem Rad an. So konnte ich Hamburg nochmal ganz neu kennen lernen und habe ausreichend Bewegung. Was mir fehlt ist das Treffen in Gruppen, wie z.B. zum gemeinsamen Singen und Musizieren im Freundeskreis und das Training mit meiner Tanzgruppe. Stattdessen kann ich einzelne Freundschaften intensiver pflegen und weiß jeden Kontakt mehr zu schätzen. Gerade noch rechtzeitig vor dem 2. Lockdown habe ich mir ein richtig schönes Klavier gekauft, was mir viel Freude bereitet.

02 Was hat sich in Ihrer beruflichen Situation verändert?

Beruflich hat sich für mich sehr viel verändert. Honorarstellen im Palliativbereich sind lange Zeit ausgefallen. Ich habe bei gutem Wetter vor dem Hospiz Konzerte gegeben und musste die Therapien mit Kindern und Jugendlichen online weiterführen. Da war viel Kreativität und Flexibilität gefragt. Meinen Hauptjob in einer Krebsberatungsstelle habe ich im Sommer verloren, ausgelöst durch Corona. Bei der Entscheidung für neue Aufträge habe ich darauf geachtet, dass diese trotz Lockdown stattfinden können. Ich darf nun für mich ganz neue Arbeitsbereiche in Neurologie und Psychiatrie kennen lernen, was ja immer auch eine Chance darstellt. Glücklicherweise wurde im Hospiz im Herbst entschieden, dass die künstlerischen Therapien im 2. Lockdown weiter stattfinden dürfen. Ich bin dankbar, dass ich schon frühzeitig geimpft werden konnte und merke, dass mich dies sehr entspannt.

Schwierig finde ich nach wie vor das Arbeiten mit Maske – von vielen neuen Kolleg.innen habe ich noch nie das Gesicht gesehen und auch im Umgang mit den Patient.innen fehlt die Mimik.

03 Wie sehen Sie die Chancen für Musiktherapie nach Corona?

Eine Chance sehe ich in der einfacheren Vernetzung über die digitalen Medien. Die Arbeitskreise und Netzwerktreffen finden nun alle über Zoom statt und ich habe den Eindruck, dass dadurch mehr Kolleg.innen teilnehmen können.

Der Bedarf an Therapie wird eher steigen, skeptisch bin ich bezüglich der Finanzierung. Ich denke, die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie lassen sich noch nicht absehen und ich kann nur hoffen, dass es nicht zu weiteren Streichungen von Musiktherapiestellen im Gesundheitswesen kommt.

04 Was wünschen Sie sich für die Musiktherapie in Deutschland für die Zukunft?

Kurz gesagt: Anerkennung und Finanzierungsmöglichkeiten.

Vier Fragen an... Anke Lechner, Markt Erlbach

Musiktherapie Blog Vier Fragen an Anke Lechner

Von einem auf den anderen Tag waren meine Arbeitsstätten Kindergarten, Schule, Seniorenheim geschlossen. Durch meine freiberufliche Tätigkeit entfiel damit auch jedes Einkommen. Alles, was sicher erschien und über viele Jahre aufgebaut war – einfach gestrichen, ein finanzielles Überleben sehr unsicher und vor allem die viele freie Zeit machte mir zu schaffen. In Haus und Garten ist immer etwas zu tun, viele Dinge, die schon lange erledigt werden sollten … aber ein Aufraffen dazu war in der ersten Zeit nicht möglich. Das Leben fühlte sich an wie in einer Blase und erst nach einigen Wochen stellte sich so etwas wie ein normaler Tagesrhythmus wieder ein.

02 Was hat sich in Ihrer beruflichen Situation verändert?

Das Seniorenheim, in dem ich musiktherapeutisch arbeite, ist für mich immer noch geschlossen, instrumentale Einzelschüler unterrichte ich z.T. online (seit März 2021 auch wieder in Präsenz), Unterricht in den Kindergärten findet je nach Inzidenzzahlen statt, Schulunterricht Musik ist noch nicht möglich. Im zweiten Lockdown wollte und konnte ich nicht mehr arbeitslos abwarten und suchte mir eine Beschäftigung in Teilzeit, , die zwar mit meinem Berufsbild nichts zu tun hat, aber in finanzieller Sicht hilft. Jetzt arbeite ich also auch „artfremd“ in Teilzeit in einem Impfzentrum. Dort habe ich – wenn auch immer nur kurz – Kontakt zu Menschen, vielen älteren Menschen.

03 Wie sehen Sie die Chancen für Musiktherapie nach Corona? 

In meiner Freiberuflichkeit sehe ich wenig Chancen für das musiktherapeutische Arbeiten im Seniorenheim: in den letzten Jahren wurde meine Arbeit dort über die Deutsche Alzheimer Gesellschaft von der Barmer Ersatzkasse finanziell gefördert. Bereits in der zweiten Woche des ersten Lockdown teilte die Barmer mit, dass alle Projektförderungen in der Arbeit mit Senioren eingestellt werden. Ein neuer Sponsor für diese Arbeit hat sich bis heute nicht finden lassen. Das macht mich sehr betroffen, denn gerade diejenigen, die am Ende der langen Kette sind (Kinder und Senioren) fallen einfach durchs Raster und ohne finanzielle Unterstützung ist mir ein Arbeiten im Seniorenheim nicht möglich. Der Anspruch ist, dass wir wieder alles umsonst machen und alle – auch finanzielle – Anerkennung, die in den letzten Jahren so hart erarbeitet wurde, ist wieder hinfällig.

04 Was wünschen Sie sich für die Musiktherapie in Deutschland für die Zukunft?

Musiktherapie sollte als therapeutische Maßnahme anerkannt werden, von den Krankenkassen bezahlt werden. Jeder weiß, wie wichtig Musik für den Menschen ist – egal welchen Alters – und was Musik bewirken kann. Dies muss auch offiziell anerkannt werden. Dann könnten Musiktherapeuten z.B. in Praxen für Ergotherapie, Logopädie o.ä. mitarbeiten und eine wichtige Verbindung zwischen verschiedenen Therapieformen schaffen.

Vier Fragen an... Angelika Stiess-Westermann, Frankfurt

Musiktherapie Blog Vier Fragen an Angelika Stieß-Westermann

Die Auswirkungen sind vielschichtig. Durch die Reduzierung der physischen Außenkontakte ist der Alltag ruhiger getaktet, Tagesstrukturen etablieren sich, wie zB Spaziergänge in der Natur. Andererseits fehlt der unmittelbare und unbefangene Kontakt zu Menschen. Als fast quälend empfand ich die Kasernierung meiner Mutter im Heim während ihrer Corona- Erkrankung, die sie überstanden hat. Meine Entscheidung, im ersten Halbjahr 2021 unbezahlten Urlaub zu nehmen, ist vom Wunsch nach mehr gemeinsamer Zeit mitgeprägt.

02 Was hat sich in Ihrer beruflichen Situation verändert?

Insgesamt wird an meinem Arbeitsplatz bei aller Anspannung besonnen mit der Coronakrise umgegangen: Die Gruppengröße wurde reduziert. Ich war nurmehr einer einzelnen Station zugeteilt, was wiederum Kontakte mit den Mitbehandelnden eher vertiefte und Auseinandersetzung und Entwicklung möglich machte. Die Arbeit mit Masken- und Abstandsregeln empfinde ich als einschränkend. Mir fehlt die Mimik! Die gute frische Luft habe ich allerdings schätzen gelernt.

03 Wie sehen Sie die Chancen für Musiktherapie nach Corona? 

Die Arbeit mit Hygiene- Einschränkungen ist mühsam, aber möglich. Und wir dürfen die rezeptive Musiktherapie nicht vergessen, können wir doch über das Hören und den Austausch das enorme Potenzial der Musik nutzen, um Distanzen zu überwinden.

Der digitale Aufwind kann für die Verbreitung von Info-Veranstaltungen, Workshops und Fortbildungen genutzt werden.

Und wie soll jemals die Welle an psychischen Folgeerscheinungen der Corona- Krise aufgefangen werden, wenn nicht mithilfe der Musiktherapie?

04 Was wünschen Sie sich für die Musiktherapie in Deutschland für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass die Musiktherapie anerkannt und bekannter wird, (noch mehr Öffentlichkeitsarbeit), und eine noch stärkere Vernetzung der MusiktherapeutInnen untereinander, zB. eine gegenseitige Hospitation, wechselseitige Fortbildung.

Wir bedanken uns bei den Autor.innen für die Antworten. Auch nach diesem achten Teil setzen wir die Reihe gerne weiter fort: Wenn Sie, liebe Musiktherapeut.innen, auch die Fragen beantworten möchten, schicken Sie diese bitte an blog@musiktherapie.de.

Die vorherigen Folgen der Serie:

Vier Antworten von Elka Aurora, Silke Kammer, Yuka Kikat und Dr. Johannes Unterberger (7. Mai 2020); Vier Antworten 2 von Inga Auch-Johannes, Sandrine Doepner, Lena Eliaß und Dorothea Käding (8. Juni 2020); Vier Antworten 3 von Susanne Heinze, Sandra Schneider-Homberger, Verena Lodde, Gustav von Blanckenburg und Gaby Flossmann (6. Juli 2020); Vier Antworten 4 von Holger Selig, Ursula Senn, Britta Sperling, Stephanie Scaleppi, und Daniela Goebel (11. August 2020); Vier Antworten 5 von Agnes Brazsil, Dani Koppe, Dirk Kreuzer und Julia Tostmann (10. September 2020); Vier Antworten 6 von Maria Grohmann, Flora Kadar und Sandra Wallmeier (19. Oktober 2020); Vier Antworten 7 von Dr. Boris Becker, Sarah Bonnen, Eva-Maria Holzinger und Sophie Kitschke, aus Santiago de Chile (27. November 2020); und Vier Antworten 8 von Katja Gieselmann-Klose, Heike Hund, Oliver Schöndube, und Ilka Waldmann (19. Januar 2021).

Autor.innenfotos: die Rechte liegen bei den Autor.innen.

Headerfoto: pxhere

Volker Bernius

Volker Bernius

Volker Bernius, Studium der Theologie, Musik, Psychologie. Seit 1979 Redaktionsmitglied der Musiktherapeutischen Umschau, ab 1986 Chefredakteur, Beisitzer im Vorstand der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft: Von 1981 bis 2015 Bildungs-, Kultur- und Wissenschaftsredakteur Hessischer Rundfunk, Mitgründer und Fachbeirat der Stiftung Zuhören, Journalist, Autor, Herausgeber, Dozent.

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