Musiktherapie und Coronakrise

Wie erleben Musiktherapeuten die Covid 19-Pandemie?
Vier Antworten

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Autor: Volker Bernius – 

Die aktuelle Situation ist aufgrund des Umgangs mit der Corona-Pandemie für jeden herausfordernd, weil sie Leben und Arbeit verändert: Nicht nur Improvisation ist gefragt, sondern auch Geduld, Achtsamkeit und Phantasie.

Wir haben einige Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten angeschrieben und jeweils vier Fragen gestellt. Entstanden sind aktuelle Bestandsaufnahmen der letzten Monate. Sie können Anregungen und Hinweise geben für den Umgang mit den neuen Gegebenheiten und Problemen, mit denen wir alle so oder ähnlich konfrontiert sind.

Die persönlichen Einblicke dürften auch Ausblicke auf eine sich vielleicht verändernde – erneuernde? -Musiktherapie sein.

In diesem ersten Teil der Umfrage antworten: Elka Aurora, Silke Kammer, Yuka Kikat und Dr. Johannes Unterberger.

Vier Fragen an ... Elka Aurora, Wiesbaden

Elke Aurora, Musiktherapeuten in Coronakrise
01 Was hat sich in Ihrem Leben seit Corona verändert?

Ich habe noch nie einen so leeren Terminkalender gehabt wie seit dem 14. März. Ich habe aber trotzdem nicht das Gefühl von mehr Zeit. Viel Zeit habe ich damit verbracht mich in Skype, Zoom und co zu vertiefen und digitale Möglichkeiten der Musikaufnahmen zu studieren – und ich  fand es sogar spannend. Ich mache mehr Musik, koche und putze öfter. Wir verbringen in der Familie die Abende regelmäßig miteinander, spielen, schauen fern…

Die eigentliche Veränderung liegt in dieser Regelmäßigkeit. Natürlich telefoniere ich mehr – was mir gar nicht passt, und ich mache mir mehr Sorgen. Sorgen um meine einsame Mutter und um die Menschen, die sowieso schon einsam und/oder krank sind. Eigentlich müssten diese Menschen hinaus in die Welt und sich in sozialen Bezügen erfahren. Das geht alles nicht. Und ich vermisse die Kultur. Ein Theaterstück oder ein Konzert im Fernsehen reizt mich (noch) nicht. Das kann aber auch noch kommen.

02 Was hat sich in Ihrer beruflichen Situation verändert?

Sehr viel. Die Praxis hat erst einmal ganz dicht gemacht. Ich versorge meine zwei Gruppen (Chor und CircleSinging) mit kleinen Videos und Audios. Mit einigen wenigen Klienten telefoniere ich und versuche den Kontakt irgendwie über kurze Nachrichten und email zu halten. So langsam geht es aber schon wieder los und ich sehe meine Klienten mit Abstand. Singen geht nur mit Mundschutz, Blasinstrumente habe ich weggeräumt. Desinfiziert ist natürlich alles. Ich weiß gar nicht, ob die Instrumente das gut aushalten.

In der Klinik arbeite ich mit max. 2 Patienten mit jeweils 2m Abstand. Mit Mundschutz zu arbeiten ist sehr merkwürdig und mit Patienten, die verbal nicht so fit sind, habe ich tatsächlich Verständigungsprobleme, weil ich ihre Mimik nicht sehen kann. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen und dem stellen wir uns. Es ist tatsächlich mehr ein Leben im Hier und Jetzt, weil man sowieso nicht weiß, wie die nächste Woche aussehen wird.

Das Team ist angespannt, wir versuchen trotzdem gute Laune zu behalten und uns gegenseitig zu motivieren. Da ich sonst in der Klinik immer in Gruppen arbeite, genieße ich die kleinen Gruppen und die Einzeltherapien. Wir haben weniger Patienten – und so ist das ganz gut möglich trotzdem fast alle zu sehen. Auch die Patienten haben neue Therapiepläne und müssen sich viel selbst beschäftigen.

Ich muss mit weniger Geld auskommen, aber da ich nichts weiter ausgebe, geht das ganz gut.

Ach ja: Als in der Praxis einer nach dem anderen abgesagt hat, war ich kurzzeitig doch erstaunt, wie wenig systemrelevant meine Arbeit ist. Doch jetzt nach 6 Wochen lockdown melden sich die Leute wieder und merken doch, dass etwas fehlt. Das wiederum hat mich beruhigt.

03 Wie sehen Sie die Chancen für Musiktherapie nach Corona?

Diese Frage habe ich nicht wirklich verstanden. Was soll denn nach Corona anders sein als vor Corona? Aber ich nehme die Frage mal zum Anlass mich über den Begriff der „neuen Normalität“ auszulassen. Alle Welt spricht von einer neuen Normalität, an die wir uns gewöhnen müssen. Das sehe ich anders. Wir befinden uns in einem Ausnahmezustand und der ist genau das: eine Ausnahme. Nach Corona möchte ich meine Familie und Freunde wieder umarmen und meinen Patienten wieder die Hand geben können. Das ist genau das, was zur Zeit fehlt. Das “physical distancing” ist die Ausnahme. So auch in der Musiktherapie und nach Corona soll das einfach wieder aufgehoben sein. Um nochmal zur Frage zurückzukommen: Im besten Falle wird man die Nähe und das Körperliche der Musiktherapie mehr zu schätzen wissen. Aber so richtig glaube ich das nicht.

04 Was wünschen Sie sich für die Musiktherapie in Deutschland für die Zukunft?

Für die Musiktherapie wünsche ich mir immer dasselbe: Dass sie endlich mehr Anerkennung in unserem Gesundheitssystem findet…

Vier Fragen an... SILKE KAMMER, Bad NauheiM

Musiktherapie Blog Vier Fragen an Yuka Kikat

Ich halte mich an die vorgegebenen Regeln; bleibe weitestgehend zu Hause und beschränke meine Kontakte auf Telefon, Internet und soziale Netzwerke. Mein 7jähriger Sohn geht an 3 Tagen die Woche in die Notbetreuung in der Schule, da ich durch meine Anstellung in einer Klinik für Psychosomatik und Psychiatrie systemrelevant bin. Für meine 10jährige Tochter habe ich den Anspruch nicht geltend gemacht, sie bleibt zu Hause oder begleitet mich zuweilen in die Klinik; erledigt dann im Büro ihre Schulaufgaben. Diese werden in der restlichen Zeit zu Hause auch betreut. Dazu die „normale“ Haushaltsführung. Mein Mann, ebenfalls systemrelevant, hat längere Schichten. Wir sind dankbar um unseren Garten, dass wir ländlich wohnen und mit unserem Hund regelmäßig rauskommen. Die Familie – Geschwister, Nichten / Neffen; besonders meine 100 km entfernt alleinlebende Mutter – fehlen mir jedoch sehr. Es hätten einige Geburtstage und natürlich Ostern im Familienverbund stattfinden sollen. Ebenso haben wir in den Ferien, in denen ich eine Woche Urlaub hatte, keine Ausflüge unternommen, wie wir es geplant hatten. Wir üben uns in Geduld und leben von Anordnung zu Anordnung.

02 Was hat sich in Ihrer beruflichen Situation verändert?

Auch hier läuft es von Anordnung zu Anordnung. Ich bin mit 40% an 3 Tagen die Woche in einer Klinik für Psychosomatik und Psychiatrie (Vitos Weil-Lahn Weilmünster); die Gruppen hier wurden neu aufgeteilt, jeweils zweigeteilt, so dass nun max. 5 Patienten in einer Gruppe sind (normalerweise 8-10). Normalerweise findet die Musiktherapie 1x wöchentlich für 90 Minuten statt, aktuell sind die Gruppen auf 60 Minuten reduziert. Diese Umstrukturierung ist komplett im Behandlungsplan integriert, auch die anderen Therapien wurden angepasst. Es existiert also ein „Corona-Notfall-Behandlungsplan“. Wir sollen so wenige Stunden wie möglich arbeiten und mit Mundschutz, natürlich werden auch die sonstigen Hygieneregeln beachtet (am Eingang zum MT-Raum habe ich einen Desinfektions-Spender aufgestellt, die Patienten und ich desinfizieren sich beim Betreten und Verlassen des Raumes die Hände). Unsere Dienstzeiten sollen wir so gering wie möglich halten; es läuft auf Minusstunden hinaus. Wie damit umgegangen wird, falls welche übrigbleiben, ist mir nicht bekannt. Durch Urlaube oder Krankheit meines Kollegen baue ich aber zeitweise auch immer wieder Überstunden im Laufe des Jahres auf. Die Belegung ist reduziert auf etwa 60%, in der Psychiatrie ist eine Station geschlossen, allmählich öffnen wir die Angebote etwas. Wir spüren anhand der Nachfrage und der schrumpfenden Warteliste, dass Patienten einen Klinikaufenthalt aktuell scheuen. Die Menschen, die wir betreuen, erleben wir als akute Fälle. Es besteht Besuchsverbot und Ausgangssperre. Die Patienten dürfen sich nur auf dem Klinikgelände bewegen.

Die meisten anderen Kollegen, egal ob Therapeuten jeglicher Fachrichtung oder Büroangestellte, wurden – so keine Homeoffice-Arbeit möglich – Pflegeteams zugeteilt und unterstützen die Kollegen in neu arrangierten 12-Stunden-Schichten. Unsere Klinik verfügt noch über eine Neurologie mit Stroke-Unit, hier wurde eine von zwei Intensivstationen gesperrt und hält 21 Betten mit Beatmung für Corona-Patienten bereit. Bisher gab es keinen Bedarf. Da sich auch nichts abzeichnet, soll ab Mai allmählich und vorsichtig zurück zum regulären Betrieb übergegangen werden.

Bezüglich meiner freiberuflichen Tätigkeit – 2 Vormittage die Woche in Seniorenheimen – dies ist komplett seit Mitte März ausgesetzt. Weiterhin wurden und werden Seminare abgesagt, für die ich als Referentin gebucht war. Somit fehlt mir knapp die Hälfte meines Netto-Einkommens.

03 Wie sehen Sie die Chancen für Musiktherapie nach Corona?

Subjektiv gesehen habe ich das Glück, dass meine Arbeit sowohl frei als auch in der Klinik als wichtig und nicht bis schwer verzichtbar gesehen wird (sonst wäre ich schon der Pflege zugeteilt worden). Ich denke, wenn wir die Krise überstanden haben, wird es auch in der Musiktherapie weitestgehend wie gewohnt weiter gehen. Politische Aspekte werden aber vermutlich in den Hintergrund rücken müssen, da zunächst die Folgen der Pandemie „bereinigt“ werden.

04 Was wünschen Sie sich für die Musiktherapie in Deutschland für die Zukunft?

Nach wie vor ein angemessenes Ansehen. In meiner beruflichen Welt habe ich dies, und ich habe es mir auch schwer erarbeitet. Interdisziplinarität ist ein wichtiges Feld hierbei. Auf der Zusammenarbeit mit angrenzenden Berufsgruppen sollte mehr Wert liegen. Dies ist ein Geben und Nehmen, und wenn man sich gegenseitig öffnet, profitiere ich sehr davon. Die Behandlung kann so ganzheitlicher erfolgen.

Auch mehr Transparenz und Wertschätzung in der Gesellschaft, Anerkennung durch Kassen und Politik – also weiterhin die Ziele verfolgen, die wir jetzt schon haben.

Vier Fragen an... Yuka Kikat, Hamburg

Musiktherapie Blog Vier Fragen an Yuka Kikat

Familienleben – Ich habe zwei kleine Kinder, die zu Hause sind, da die Kita geschlossen ist. Wir brauchen mehr Struktur und Absprache, um Arbeit und Familie in Balance zu halten.  Ich spreche mehr mit meinem Mann ab und bin dankbar, da er sich nun tagsüber um die Kinder kümmert. 

Bewusstheit über unterschiedlichste Art der Kontakte. Ich nehme auch das Bedürfnis nach Kontakten sehr stark wahr. Besonders Freundschaft. Ich schreibe mehr und benutze häufiger mal VideoChat.

Freizeitgestaltung und Auszeitgestaltung. Da ich jetzt wirklich kaum Freizeit für mich habe, lerne ich nochmal bewusster die Zeit einzuteilen und auch eine Auszeit zu nehmen: Ich habe gerne kurze Konzertabschnitte online gehört.

02 Was hat sich in Ihrer beruflichen Situation verändert?

Unser Fachtherapie-Team in der Psychiatrie bietet weiterhin Gruppen an, aber einheitlich eine reduzierte Gruppengröße von max. 5 Patient.innen – nur von einer Station. Es gibt keine stationsübergreifende Gruppe mehr.

In meiner freien Praxis habe ich initiativ fast alle Termine abgesagt und habe nur eine.n Patient.in weiterbehandelt. Alle Patient.innen, denen ich absagen musste, haben das so angenommen. Somit haben sie mir und meiner Familienorganisation sehr geholfen. Ich hatte dadurch zum Glück keine Nachteile. Ich fange aber im Mai wieder an, Einzeltherapien anzubieten. 

Es gibt aber viele Unsicherheiten. Ich begleite ein neues japanisches Ausbildungsinstitut für klinische Musiktherapie in Tokio. Viele Studierende wollten im März für eine musiktherapeutische Seminarwoche nach Hamburg kommen. Das mussten wir leider absagen. Vielleicht gibt es einen Nachholtermin, aber ob das gehen kann, wissen wir noch immer nicht. Hier gibt es viele Unklarheiten und Auswirkungen. 

03 Wie sehen Sie die Chancen für Musiktherapie nach Corona?

Ich kann nicht konkret benennen, was es an Chancen für Musiktherapie nach Corona geben könnte. Ich kann mir aber vorstellen, dass viele Menschen unter Einsamkeit leiden und sich  dadurch Isolation, Depression und andere psychische Erkrankungen entwickeln und vermehren. Und dabei kann Musiktherapie sicherlich viel beitragen, unterstützen und helfen.

In meiner klinischen Arbeit habe ich bereits einige Patient.innen, die in der Corona-Zeit Depressionen, Zwangsstörungen oder Psychosen entwickelt haben.

Neue Konzepte – In meinem Krankenhaus haben wir unter Kolleg.innen schon über mögliche konzeptuelle Veränderungen gesprochen. Durch die kleinere Patientenzahl ist die therapeutische Arbeit intensiver und persönlicher bzw. tiefer gehend geworden. Das finden wir sehr positiv. Wir haben auch mehr Zeit für eine angemessene Dokumentation. 

Wir vermissen aber auch Konfliktpotentiale in den Gruppen, weil die Patient.innen oft homogen sind. Gemischtes und größeres Gruppensetting brachten bei manchen Stunden mehr Konflikte auf der Beziehungsebene, womit ich gleich arbeiten konnte. 

04 Was wünschen Sie sich für die Musiktherapie in Deutschland für die Zukunft?

Ich wünsche, dass Musiktherapie von der Gesellschaft mehr Anerkennung erhält – allgemein, aber auch finanziell für die professionelle Leistung.

vier fragen an... dr. johannes unterberger, wasserburg am inn

Diese Frage ist ohne Belang. Wir erleben alle ähnliche Veränderungen.

02 Was hat sich in Ihrer beruflichen Situation verändert?

Die Arbeit der Ergo- und Kreativtherapien in unserer Klinik ist stark reduziert. Ein Therapeut für 1-2 Stationen, alles auf Station, ein Angebot pro Tag. Die Therapeutinnen sind unterfordert. Änderung ist derzeit keine in Sicht, weil die Krankenhausleitung strikte Regeln vorgibt. Wir werden normal weiterbezahlt.

03 Wie sehen Sie die Chancen für Musiktherapie nach Corona?

Die MT wird in der Nach-Corona-Zeit wieder ihren angestammten Platz einnehmen (zumindest bei uns).

04 Was wünschen Sie sich für die Musiktherapie in Deutschland für die Zukunft?

Ich fürchte, dass in Deutschland der Punkt, an dem alle Verbände und Ausbildungseinrichtungen an einem Strang ziehen werden, unerreichbar ist. Sehr bedenklich finde ich derzeit, dass die Schmalspurausbildungen diverser Anbieter so stark auf den Markt drängen. Da müsste die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft mehr Widerstand an den Tag legen.

Wir bedanken uns bei den Autor.innen für die Antworten. Nach diesem Auftakt setzen wir die Reihe gerne fort: Wenn Sie, liebe Musiktherapeut.innen, auch die Fragen beantworten möchten, schicken Sie diese bitte an blog@musiktherapie.de.

Autor.innenfotos: die Rechte liegen bei den Autor.innen.

Headerfoto: pxhere

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