Besser als L-Dopa. Musiktherapie bei Parkinson.

Fast so gut wie L-Dopa. Musik beflügelt auch bei Parkinson

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Der große Zeh wippt unwillkürlich mit. Der Kopf fängt an, hin und her zu schaukeln. Bald schwingt der ganze Körper rhythmisch mit. Musik ergreift uns Menschen mitunter sehr spontan und direkt. Man sagt, sie fährt einem in die Glieder. Genau für dieses Phänomen haben Neurowissenschaftlicher eine Erklärung gefunden. Das Phänomen heißt dort Audio-motorische Synchronisation und beschreibt die enge und mittelbare Verzahnung von akustischem Rhythmus und dem motorischen Nervensystem. Es verhält sich fast so wie bei einem Magnet, der in die Nähe eines metallischen Gegenstandes kommt. Die Musik zieht unsere Bewegung förmlich an und schon tanzt der Körper mit.

Bereits das kurzzeitige Hören geeigneter Musik verbessert die Beweglichkeit.

Diese Besonderheit der Wirkung von Musik auf Bewegung kommt in der Therapie von Patienten mit Parkinson zum Tragen. Forscher aus Salzburg konnten zeigen, dass bei dieser Erkrankung bereits das kurzzeitige Hören von lauter, rhythmischer Musik zur messbaren Verbesserung der Beweglichkeit führt[1].

Musik sorgt im Kopf sogar für eine Extradosis Dopamin. Das ist der Hirnbotenstoff, der bei der Parkinsonkrankheit nur noch vermindert zur Verfügung steht. Kanadische Forscher konnten zeigen, dass Dopamin ausgeschüttet wird, wenn wir Musik hören. Viele Parkinsonbetroffene nutzen dies in Ihrem Alltag. Sei es durch laute Musik bei alltäglichen Verrichtungen oder indem sie eine Tanzgruppe besuchen.

Auch online sind Videos verfügbar – besonders wichtig in Zeiten der Pandemie.

In Zeiten von Corona geht das sogar online. Die Gruppe “IntoDance Berlin” bietet auf ihrem YouTube-Kanal Videos zum Mittanzen für zuhause. Anleitungen sind speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit Bewegungs­einschränkungen ausgerichtet. Man kann im Sitzen oder im Stehen im eigenen Wohnzimmer mitmachen.

Herr M. ist 56 Jahre alt und hat seit 7 Jahren Parkinson. Gehen kann er noch sehr gut, aber Bewegungen mit den Händen und Fingern fallen ihm sehr schwer. Alles geht nur langsam und ist mühsam. Knöpfe zu zu machen vermeidet er, wenn möglich. Obwohl er noch nie ein Instrument gespielt hat, setze ich mich mit ihm ans E-Piano. Wir spielen mit einer Hand. Alle 5 Finger nacheinander. Ganz langsam. Wieder und wieder – bis es ein wenig schneller geht. Dann mit der anderen Hand und schließlich mit beiden gleichzeitig. Nach etwa 15 min zeige ich ihm die ersten Töne von „Freude, schöner Götternfunken“. Das ist zwar von Beethoven und aus einer Sinfonie, aber es spielt sich sehr leicht, sogar mit einer Hand. Herr M. probiert gleich, es nachzuspielen. Und nach dem dritten oder vierten Mal gelingt das schon ganz gut. Nach dieser ersten Stunde hat er große Lust, das Klavier spielen erneut zu probieren. Es fällt ihm sehr schwer, aber er merkt, dass es gut ist für die Finger.

In Bewegung bleiben – trotz Parkinson. Das ist das Wichtigste bei dieser langsam fortschreitenden Erkrankung des Gehirns. Aus der Forschung weiß man, dass regelmäßige und intensive Bewegung das Verschlimmern der Symptome bremsen kann.

Gangtraining mit angepasster Beatzahl – hier: Schrittfrequenz.

Für das tägliche Training ist Musik besonders gut geeignet, weil sie in Form des Smartphones immer und überall verfügbar ist. Für das Gangtraining wird die Beatzahl, also das Tempo der Musik an die Schrittfrequenz angepasst. Und los geht’s – im Wohngebiet, im Stadtpark oder im Wald! Aber Vorsicht! Mitunter ist die Schrittfrequenz entscheidend für eine gute Gangsicherheit. Zur Abklärung sollte ein Musik- oder Physiotherapeut konsultiert werden.

Es hilft auch, sich ein Lied zum Gehen vorzustellen, laut einer japanischen Studie.

Die Musik sollte rhythmisch und motivierend sein und eher laut abgespielt werden (Beispiele finden Sie unter www.mit-musik-geht-reha-besser.de/musik. Und wenn mal keine Musik verfügbar ist, hilft es auch, sich ein Lied zum Gehen vorzustellen. Hierzu wurde eine Studie an japanischen Patienten durchgeführt. Gangstabilität und das Wenden verbesserten sich in nur einer Trainingssitzung.[2]

Im Parkinsonzentrum Beelitz-Heilstätten wird seit 20 Jahren Musiktherapie in der täglichen Patientenarbeit eingesetzt. Dort wurde ein Gymnastikprogramm mit passgenauer Therapiemusik entwickelt – die Beelitzer Musikgymnastik (hier geht es zum YouTube-Kanal). Die Kompositionen sind so gestaltet, dass sie die Patienten optimal beim täglichen Heimtraining unterstützen.

Das therapeutische Singen spielt eine wichtige Rolle.

Neben der Bewegung nach Musik spielt das Therapeutische Singen eine wichtige Rolle in der Parkinsontherapie. Auch hierbei geht es um die stimulierende Wirkung von Rhythmen und Melodien auf die Bewegungsverlangsamung im Stimm- und Atemtrakt. Das Singen sorgt für eine lautere und kräftigere Stimme und hebt auch die Stimmung. In England werden die Wirkungen auf den Parkinson derzeit in einer Forschungsinitiative untersucht (weitere Informationen unter www.singtobeat.co.uk).

Dennoch ist Musiktherapie derzeit für Parkinsonpatienten noch nicht auf Rezept zu haben. Aber sie wird in den meisten Parkinson-Fachkliniken eingesetzt, zumeist als Baustein einer sogenannten Komplexbehandlung in Kombinationen mit anderen aktivierenden Therapien wie Physio- und Ergotherapie. Eine ambulante Musiktherapeutin findet man über Nationale Register Musiktherapie. https://bag-musiktherapie.de/nationales-register.

Darüber hinaus können die Betroffenen Musik individuell zuhause einsetzen, um die Symptome der Erkrankung ein Stück zu mildern. Das kann auch in Form von Klavierunterricht sein.

An einer dreiwöchigen Studie, die Dr. phil. Stefan Mainka leitet, können Parkinsonpatienten teilnehmen, die jünger als 80 Jahre sind. Den Studienaufruf finden Sie hier.

[1] Günther Bernatzky, Patrick Bernatzky, Horst-Peter Hesse, Wolfgang Staffen, Gunther Ladurner (2004). Stimulating music increases motor coordination in patients afflicted with Morbus Parkinson. Neuroscience Letters, Volume 361, Issues 1–3, 6 May 2004, Pages 4-8.  https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15135879/
[2] Masayuki Satoh, Shigeki Kuzuhara (2008). Training in mental singing while walking improves gait disturbance in Parkinson’s disease patients. European Journal of Neurology 60(5), Pages 237-43. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18756088/

Headerbild: Stefan Mainka.

Stefan Mainka

Stefan Mainka

Dr. phil. Stefan Mainka ist tätig als Musiktherapeut und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Neurologischen Fachkrankenhaus f. Bewegungsstörungen /Parkinson Beelitz-Heilstätten in Brandenburg. Er betreibt das Info-Portal www.mit-musik-geht-reha-besser.de. Als deutscher Landesvertreter sitzt Stefan Mainka in der Europäischen Musiktherapeutischen Vereinigung (www.emtc-eu.com). Zuletzt war er beteiligt an der Entwicklung der IPhone-App CuraSwing, einer Anwendung für mobiles Musikfeedback.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Klasse, danke für`s Reinstellen! Ist die I-Phone-App Cura Swing schon ready to use? Alles Gute, liebe Grüße, Gaby Flossmann

  2. Monika Hoog Antink

    Sehr interessanter Beitrag, vielen Dank! Ich würde mir gern die japanische Studie anschauen, aber Fußnote 1 und 2 verweisen auf den gleichen Link? Herzliche Grüße

    1. Liebe Frau Hoog Antink! Vielen Dank für den Hinweis, die Fußnote zu der japanischen Studie ist jetzt korrigiert! Bettina Eichmanns

  3. Stefan Mainka

    Liebe Frau Flossmann,
    Die App CuraSwing finden Sie im Apple App Store. Sie ist dort frei verfügbar & ready to swing! 😉
    herzliche Grüße!

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