Filmrezension Musikfilme aus musiktherapeutischer Sicht vonHaffa-Schmidt Back

Die zwei von der Filmstelle:
“Rocketman”

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Wenn die beiden Musiktherapeutinnen Christine Back und Ulrike Haffa-Schmidt in Nürnberg ins Kino gehen, setzen sie ab und zu ihre Musiktherapeutenbrille auf. Dabei entdecken sie immer wieder interessante Berührungspunkte zu ihrem Berufsfeld.

Rocketman

  • Kinostart: 30. Mai 2019
  • Erscheinungsjahr: 2019
  • Dauer: 121 Minuten
  • Regie und Drehbuch: Dexter Fletcher
  • Darsteller: Taron Egerton, Jamie Bell, Richard Madden
  • Genre: Biografie
  • Produktionsland: USA

„DER“ WERBEBOOSTER FÜR MUSIKTHERAPIE

Es ist nicht das erste Mal, dass sich ein prominenter Musiker als Fan von Musiktherapie zu erkennen gibt. Internationale Musikstars wie Phil Collins, Sting und Bono unterstützen z.B. schon länger die Nordoff/Robbins Musiktherapie. Und 2015 hörte ich auf einer Fortbildung in Magdeburg Herbert Grönemeyer in einem Vortrag davon sprechen, wie ihm seine eigene Musik bei der Trauerverarbeitung des Todes seiner 1998 an Brustkrebs verstorbenen Ehefrau geholfen hat. Solch ein Engagement berühmter Künstler macht die Öffentlichkeit neugierig für das, was Musik auch im Gesundheitswesen bewirken kann. Auch Elton John engagiert sich für die Nordoff/Robbins Musiktherapie und hat, aus meiner Perspektive, mit dem Film „Rocketman“ seine ganz persönliche Form von „Vortrag“ über die Wirkung von Musik produziert.

Der Film ist eine gelungene Mischung aus den wichtigen Momenten der Biografie des Künstlers Elton John (intensiv dargestellt von Taron Egerton) und der damit untrennbar verbundenen Musik. Der Film erzählt in Rückblenden schonungslos von den schwierigen Bedingungen und den Problemen des Künstlers.

Doch anders als in anderen Biopics, werden in diesem Film die Songs von Elton John so eingesetzt, dass sie den Zuschauer, die Zuschauerin in diesen biografisch emotionalen Momenten entweder mit harten Bildschnitten förmlich überrumpeln oder mit fast unmerklichen Klangübergängen wegdissoziieren lassen.

Musik als distanzierende Notlösung oder Flucht, weil das, was da gerade im Leben (oder im Kino) passiert, sonst nicht aushaltbar ist. Zusammengehalten wird diese Achterbahn aus Drama und wilder Lebendigkeit dadurch, dass der rote Faden des Films die Therapie des Künstlers ist.

Der Film beginnt damit, dass Elton John in voller Bühnenmontur in eine Klinik einläuft und endet mit der letzten Sitzung, wo er im Trainingsanzug Resümee zieht. Dazwischen gibt es immer wieder Therapieszenen, durch die der Künstler optisch, wie eine Zwiebel vom Ballast seiner angesammelten Kostümierung befreit wird.

Rocketman (2019), Filmszene vor Musiktherapieraum
Szene aus Rocketman (Paramount Pictures, 2019): Taron Egerton als Elton John vor Musiktherapieraum

Musikimpuls in der Musiktherapie – einmal anders

In der Musiktherapie brauchen wir Musikimpulse wie die aktive Improvisation oder das rezeptive Fürspiel. Warum nicht auch einmal einen Musikfilm als Impuls verwenden? Ich habe den Film „Rocketman“ mit einer Musiktherapiegruppe aus der psychosomatischen Tagesklinik angeschaut. Die PatientInnen erspürten und reflektierten unmittelbar den Kontext zu ihrer eigenen Therapiesituation. Ich lud sie ein, mit den entstandenen Eindrücken weiterzuarbeiten.

Dabei entstand die Idee, ähnlich wie beim musikalischen Lebenspanorama in Selbsterfahrungsprozessen, nach Songs zu suchen, die in ihren eigenen Lebensabschnitten eine Bedeutung hatten. Über mehrere Therapieeinheiten wurden diese vorgestellt und vorgespielt und wurden so zum Ausgangspunkt intensiver und berührender Therapieprozesse.

„Rocketman“ ist ein Film, den wir zwei von der Filmstelle euch allen wärmstens ans Herz legen. Entweder ihr habt einfach nur tierisch viel Spaß bei dem richtig gut gemachten Musical-Spektakel, mit tollen Tanzszenen, super produzierten Arrangements und hohem Unterhaltungswert. Und Taron Egerton singt wirklich gut. Oder ihr greift den Film auch einmal für die Musiktherapie auf, als ein Beispiel, wie Musik einerseits ein Mittel für eine überlebensnotwendige Verarbeitung oder Verdrängung schwieriger Situationen sein kann, oder eben auch ein Weg in die Heilung.

Unser Fazit: Sehr sehenswert.

Ach ja – und übrigens: Das Foto oben, bei dem Taron Egerton als Elton John vor dem Musiktherapieraum steht, ist aus dem Film. Habt ihr entdeckt, vor welchem Lied? Schreibt uns die Lösung in den Kommentar. Oder vielleicht hat ja jemand auch schon einmal mit einem Film in der Musiktherapie gearbeitet. Wir sind gespannt, von euch zu hören.

Filmtipp

Noch ein Film Tipp, der ganz frisch bei uns eingetroffen ist: Am 28. März 2024 ist der Kinostart von “Opus” (Film von Neo Sora, Japan 2023, Schwarz-Weiß, 103 Minuten), einem besonderen Künstlerporträt über den japanischen Musiker und Filmkomponisten Ryuichi Sakamoto und über das Leben und die Erfüllung durch die Musik.
Christine Back

Christine Back

Christine Back ist Musiktherapeutin, Lehrmusiktherapeutin (DMtG), Heilpraktiker für Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz (HPG). Tätigkeit in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Martha-Maria-Krankenhaus Nürnberg, div. Lehrtätigkeit, selbständige Musikerin und Komponistin.

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