Hilfsprojekte für Ukrainische Musiktherapeutinnen. Gulsanam Sadik

Hilfsprojekte für Musiktherapeut:innen in der Ukraine

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In den letzten Jahren wurde das Interesse an Musiktherapie, ihrer Entwicklung und Ausbildung im post-sowjetischen Raum immer größer. Da es aber dort noch keine akademische Ausbildungen gab, war der Austausch mit im Ausland ausgebildeten, russischsprachigen Kolleg:innen besonders gefragt. So wurde ich vom staatlichen Institut in Kazan eingeladen, an verschiedenen internationalen Konferenzen und Kongressen teilzunehmen und auch einige Seminare zu geben. Es gab eine Facebook-Gruppe, die viele Kolleg:innen aus dem russischsprachigen Raum mit dem Thema Musiktherapie-(Ausbildung) zusammengebracht hat. Dort lernte ich auch einige ukrainische Kolleg:innen kennen. Allerdings war das vor dem Krieg, der nach dem Angriff von Russland auf die Ukraine am 24. Februar 2022 ausbrach.

Weiterhin stand ich mit den ukrainischen Kolleg:innen eng in Verbindung. So hatte ich mitbekommen, dass einige von ihnen mit Kindern flüchten mussten, und die anderen tapfer versuchten, in der Ukraine zu überleben und zu arbeiten. Das war und ist immer noch sehr hart für die junge ukrainische Musiktherapiewelt und die Absolvent:innen des ersten Ausbildungskurses, wie Elena Fitzthum (2022) in ihrem Artikel geschildert hat. Den Gesprächen entnahm ich, dass es an erster Stelle an Musikinstrumenten fehlte, und dass es noch viel Bedarf an professioneller Unterstützung gab und gibt, vor allem an Supervision.

Gründung des Arbeitskreises MT mit Geflüchteten

Ich wendete mich an die DMtG mit der Bitte, bei einem Online-Jour fixe nachzufragen, ob jemand von unseren Kolleg:innen sich vorstellen kann, einen neuen Arbeitskreis für die Arbeit mit geflüchteten Menschen zu gründen. Mehrere Kolleginnen schlossen sich gleich zusammen (alle Arbeitskreise der DMTG mit APs). Gleichzeitig fragte ich die Teilnehmenden, ob jemand bereit wäre, die ukrainischen Kolleg:innen mit Supervision zu unterstützen. Zum Glück hat sich meine sehr geschätzte Kollegin Cordula Reiner-Wormit bereit erklärt, die ukrainischen Kolleg:innen ehrenamtlich mit monatlichen Supervisionssitzungen zu unterstützen. Ich kenne Cordula aus unseren zwei Arbeitsgruppen und bin ihr unendlich dankbar für ihr Engagement.

Es fehlten weiterhin Musikinstrumente

Die ukrainische Kollegin Marina Slot aus Odessa erzählte mir, dass sie mit Gruppen von Kindern und Jugendlichen aus den Kriegsgebieten arbeitet, die emotional hoch belastet sind, dass ihr aber das Instrumentarium fehle. Das Rote Kreuz, wo Marina als Psychologin und Seelsorgerin tätig war, konnte keine Mittel dafür ausgeben, denn wegen der russischen Angriffe auf die Infrastruktur waren zum Beispiel Generatoren für die Stromversorgung verständlicherweise wichtiger als Musikinstrumente.

Hilsprojekte für ukrainische Musiktherapeutinnen. Gulsanam Sadik
Foto: Marina Slot, Odessa, mit den Djemben

Marina fragte explizit nach Trommeln, weil diese Instrumente jetzt in der Ukraine kaum zu finden waren und vor allem kaum bezahlbar. Auch hier kam die DMtG zur Hilfe. Auf eine für mich völlig zauberhaften Art und Weise schaffte es der Vorstand, eine Spende der Firma Thomann in Form von zehn Djemben einzuwerben (mein besonderer Dank gilt Lutz Neugebauer und Judith Brunk). An dieser Stelle möchte ich mich auch im Namen meiner ukrainischen Kolleginnen bei Thomann sehr für diese Spende bedanken. Die Trommeln machten eine abenteuerliche Reise von Deutschland über Polen nach Odessa. Nach einigen Hindernissen am Zoll kamen sie zwei Monate später an.

 

Eine weitere Spendenaktion

Was den Bedarf an Instrumenten betraf, war dies erst ein kleiner Anfang. Im Austausch mit Prof. Dr. Karin Schumacher entstand dann die Idee, über die DMtG eine Spendenaktion für Gebrauchtinstrumente zu starten. Und so haben wir im Februar 2023 eine Spendenaktion gestartet, bei der mehrere Instrumente von Kolleg:innen aus ganz Deutschland gespendet wurden. Ich möchte mich hier bei allen Kolleg:innen, die ihre Instrumente gespendet haben, sehr herzlich bedanken!

Einige Kolleg:innen, die keine gebrauchten Instrumente spenden konnten, äußerten den Wunsch, sich mit einer Geldspende zu beteiligen. Dann wurde unsere Aktion auf Geldspenden erweitert, und es konnten noch mehr Instrumente dazugekauft werden.

Aber es blieb noch das große Problem mit der Lieferung in die Ukraine. Es war klar, dass eine Lieferung mit der Post weder bezahlbar noch sicher gewesen wäre. Ich suchte nach Möglichkeiten und hatte ein unglaubliches Glück, den Verein „Lemberg wir kommen“ aus Essen zu finden, der seit Anfang des Krieges regelmäßig humanitäre Touren in die Ukraine macht. Einige tolle Menschen, Mitglieder dieses Vereins, waren bereit, unsere Instrumente unentgeltlich zu transportieren.

Hilsprojekte für ukrainische Musiktherapeutinnen. Gulsanam Sadik
Foto: Matthias Maruhn vom Verein “Lemberg wir kommen” mit der ukrainischen Kollegin Olha Osadcha und ihr Ehemann, die die Instrumente empfangen haben.

Somit konnte ich im Mai letzten Jahres einen Teil der Instrumente nach Kiev verschicken. Beim Laden der Instrumente sagte mir Matthias Baer (Vorstand des Vereins), dass auch ich bei der nächsten Tour mitfahren könnte, müsste mich aber als Fahrerin des Lieferwagens zur Verfügung stellen.

Meine Reise nach Lviv

Es war für mich eine tolle Möglichkeit, endlich die ukrainischen Kolleg:innen und auch den Vorstand des ukrainischen Musiktherapie Verbandes (AMU), mit dem ich ständig in Verbindung und Austausch war, persönlich kennenzulernen, mir auch selbst ein Bild davon zu machen, wie es mit der Musiktherapie in der Ukraine steht.

Am 12. Juni ging meine fünftägige Reise nach Lviv (Lemberg) mit sechs mutigen Männern vom Verein “Lemberg wir kommen” los. Morgens früh nach 24 Stunden Fahrt in Lviv angekommen, wurde ich von den Vorstandsmitgliedern der AMU zum Frühstück eingeladen. Ich habe erfahren, dass einige Kolleg:innen extra aus den anderen Städten eingereist waren, um uns persönlich kennenzulernen und ihre Instrumente abzuholen.

Es waren drei Tage voller Begegnungen, interessanter Gespräche, leckerem Essen. Ein besonderer Moment ist fest in meiner Erinnerung geblieben. Das war am Tag der „Bescherung“ (siehe Headerfoto: Lviv: mit ukrainischen Kolleg:innen Olena Romanova, Dariia Yurchyshyn, Oksana Matwienko in ihrer Praxis, Olha Osadcha, Natalija Zhabko, Vorstand AMU, Alexander Lvov, Vorsitzender AMU). Es war so viel Freude und Begeisterung da, besonders als die Kolleg:innen zum ersten Mal im Leben das von Bernhard Deutz von der Klangwerkstatt Deutz (Berlin) gespendete Monochord gespielt haben (Das Monochord wird jetzt im Musiktherapieraum der Lviver Polyklinik eingesetzt).

Plötzlich in den Luftschutzkeller

Als die weiteren Instrumente von Herrn Deutz gespielt wurden, sagte eine Kollegin, dass ihr Berufsleben nie mehr so wie früher sein würde, weil sie jetzt seine Instrumente kennengelernt hat. Und genau in diesem freudigen Moment fingen die Alarmsirenen an zu heulen. Wir mussten in den Luftschutzkeller gehen.

Da wir fast in Souterrain waren, konnten wir dort bleiben und uns weiter über die Geschenke freuen. Mir aber wurde in diesem Moment plötzlich so bewusst spürbar, wie nah das Leben und der Tod eigentlich sind. Zirka eine Woche, nachdem wir aus Lemberg zurück waren, passierte einer der schlimmsten Bomben-Angriffe in Lemberg, wobei mehrere Menschen ums Leben kamen. Es gibt keinen Ort in der Ukraine, wo man immer sicher ist.

Die Digitalisierung als Chance

In vielen Gesprächen in Lemberg wurde der Wunsch nach Austausch und Methodenerweiterung deutlich. Daraus entstand die Idee, Online-Seminare mit den Inhalten, die für ukrainische Kolleginnen aktuell hilfreich und von große Interesse sind, anzubieten. Im Herbst folgten dann Seminare von Prof. Dr. Karin Schumacher zum EBQ-Instrument (Einschätzung der Entwicklungs- und Beziehungsqualität), von Dr. Andreas Wölfl (Institut für Musiktherapie, Freies Musikzentrum München) mit „TrommelPower“, und auch von mir mit der Vertiefung einiger Themen. An dieser Stelle bedanke ich mich sehr herzlich bei Karin Schumacher und Andreas Wölfl für deren Engagement und Unterstützung. Die Resonanz ukrainischer Kolleg:innen zeigt, wie existenziell wichtig diese Art der Unterstützung ist.

Hier einige Äußerungen der Kolleg:innen, die ich frei übersetzt habe:

„Es ist für uns eine unglaubliche Ressource geworden wenn wir einmal im Monat uns online bei Supervision mit Cordula treffen und uns nicht mit dem Krieg, sondern mit unserem Beruf d.h. die Zukunft beschäftigen.”

„Es hat uns als Gruppe wieder zusammen gebracht, weil wir nach dem Krieg alle auseinander gingen und uns aus den Augen verloren.”

„Durch die Seminare haben wir viele neue Impulse bekommen, die uns sehr motivieren, trotz der Kriegsmüdigkeit weiter zu arbeiten und zu wachsen.”

„Durch diese Unterstützung fühlen wir uns der europäischen Musiktherapie-Community zugehörig, da wir nicht alleine sind.”

„Mit den neuen Instrumenten öffnen sich uns neue Möglichkeiten in der Arbeit und bringen so viel Motivation mit.”

Das nächste Projekt

Es gibt noch viel Bedarf an Unterstützung der ukrainischen Kolleg:innen. Ein neues Projekt ist gerade in Vorbereitung: zusammen mit dem Dr. Andreas Wölfl versuchen wir, den drei ukrainischen Kolleginnen die Fortbildung in TrommelPower zu ermöglichen. Dafür brauchen wir ein wenig finanzielle Unterstützung und würden uns über die Spenden sehr freuen. Es wäre ein nachhaltiges Projekt, das helfen könnte, in der Zukunft TrommelPower Ukraine zu gründen, damit die weiteren ukrainischen Kolleg:innen dort ausgebildet werden könnten, um diese Methode an Schulen und Flüchtlingsunterkünften anzuwenden.

Literaturangaben

Fitzthum, Elena (2022). Vom Aufbau einer Musiktherapieausbildung in der Ukraine trotz Pandemie und Krieg. Eine Mission Impossible? Musik und Gesundsein Bd. 42, Reichert Verlag Wiesbaden, 24-26.

Lvov, Oleksandr; Zhabko, Natalia. Musiktherapie in der Ukraine. Musik und Gesundsein Bd. 43, Reichert Verlag Wiesbaden, 22-23.

Links

Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft e.V. (DMTG) – www.musiktherapie.de.

Association of Music Therapists of Ukraine (AMU) – https://musictherapy.org.ua.

Zeitschrift “Musik und Gesundsein” – https://musik-und-gesundsein.net.

Freies Musikzentrum München – www.freies-musikzentrum.de.

Lemberg wir kommen e.V. – www.lembergwirkommen.de.

Wir bedanken uns für die Instrumentenspenden der Firma Thomann und der Klangwerkstatt Deutz!

Gulsanam Sadik

Gulsanam Sadik

Gulsanam Sadik (ehem. Sadikova) ist Musiktherapeutin (M.A.) DMtG, Pianistin und Klavierpädagogin, diplomierte Sängerin und Gesangspädagogin, Somatic Experiencing Practitioner (SEP, Traumabehandlung nach Peter Levine). Sie arbeitet als Dozentin an der Ev. Hochschule Bochum (Einführung in die Musiktherapie). Sie ist Ansprechperson für NRW im Bundesweiten Arbeitskreises Musiktherapie an Musikschulen (BAMMS) und Gründungsmitglied des Arbeitskreises „Musiktherapie mit Geflüchteten“. Sie arbeitet als Musiktherapeutin an der Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik Ratingen.

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