Stellensuche für Musiktherapeuten. FOTO: Martin Kucera/ Naturtonmusik

Neue Stellen für Musiktherapeuten schaffen – ein Erfahrungsbericht

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Aus der Schweiz nach Deutschland kommen als Musiktherapeut? Das klingt für viele Personen erst einmal seltsam. In der Schweiz ist die Berufsbezeichnung rechtlich geschützt und die Anerkennung durch die Krankenkassen längst Alltag. Das Lohnniveau liegt massiv höher als in Deutschland. So ein Landeswechsel benötigt also durchaus andere, eher in den privaten Lebensumständen liegende Gründe. Diese sind natürlich auch in meinem Falle vorhanden: bald Vater zu werden ist eine wunderschöne Folge eben jener weiteren privaten, diesen Landeswechsel verursachenden Umstände.

Festanstellungen für Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten sind rar, gerade in meiner neuen Heimat, der Schwäbischen Alb. Ich ermutige deshalb Musiktherapeut.innen, die auf Stellensuche sind, gerne, den Weg von Initiativbewerbungen zu gehen. Meine Erfahrung zeigt, dass hier viele Türen aufgehen können. Gerade diese Herausforderungen, neues zu schaffen und Wege zu ebnen, können sehr reizvoll sein und viele Chancen öffnen.

Auf Augenhöhe mit potentiellen Arbeitgebern verhandeln

Was hierfür benötigt wird, ist individuell – eine «Anleitung» zu erstellen ist unmöglich. Ich glaube, der Weg zur erfolgreichen Schaffung neuer Stellen liegt in radikaler Sachlichkeit, Ehrlichkeit, dem Wissen um die eigenen Kompetenzen und deren Grenzen (!), sowie einer guten Portion Selbstbewusstsein. Wer seinen eigenen Wert kennt, diesen als Bedingung benennen kann und potentielle Arbeitgeber als Geschäftspartner auf Augenhöhe sieht, hat gute Chancen, ernstgenommen zu werden.

Dazu gehört eine genaue Vorstellung zum Gehalt, zur Eingruppierung und Einstufung in den jeweiligen Tarifverträgen, sowie zur benötigten Infrastruktur und zum  Startbudget z.B. für die Anschaffung von Instrumenten, sowie zu den Arbeits- und infrastrukturellen Bedingungen, welche akzeptiert werden oder eben nicht.

Die eigenen Schwerpunkte – und Grenzen – genau kennen

Die Bewerberin oder der Bewerber sollte wissen, wo die eigenen Schwerpunkte innerhalb der musiktherapeutischen Arbeit liegen. Die Musiktherapie als die perfekte Therapieform für grundsätzlich alles und jeden anzusehen mag der eigenen idealisierten Ansicht entsprechen, dies gegenüber potentiellen Arbeitgebern und somit gegenüber allen anderen im Gesundheitswesen tätigen und wertvolle Arbeit leistenden Disziplinen darzustellen, ist aber womöglich der direkte Weg dazu, nicht ernstgenommen zu werden.

Am Besten ein fertiges Konzept für die Umsetzung haben

Wichtig ist also eine genaue Vorstellung von dem, was die Musiktherapie in genau dieser oder jener Klinik oder Institution zum Behandlungserfolg für die Patient.innen und zur Wirtschaftlichkeit des Unternehmens beitragen kann, sowie ein fertiges Konzept für die Umsetzung.  Hierfür auch Literatur, Studien und Erfahrungsberichte nennen zu können, ist eine zu Initiativbewerbungen gehörende Selbstverständlichkeit. Diese müssen nicht sofort mitgereicht werden – das Vorhandensein muss aber benannt werden, und die Belege müssen bei Bedarf nachgereicht werden können.

In Bewerbungen Interesse zu wecken ist also meiner Meinung nach in erster Linie eine Frage der Haltung, welche eingenommen wird. Dazu gehört auch die Demut anzuerkennen wo andere Disziplinen den eigenen Kompetenzen überlegen sind, um durch interdisziplinäre Zusammenarbeit den größten Erfolg erzielen zu können.

Im neuen Arbeitsumfeld flexibel sein und Ergebnisse liefern

Ist die Schaffung der neuen Stelle geglückt, ist natürlich Flexibilität und schnelles Liefern von Ergebnissen gefragt. Wie in jeder anderen Geschäftsbeziehung sind bei Start eines Projektes nicht alle Unklarheiten schon aus dem Weg geräumt. Die im Gesundheitswesen tätigen Unternehmen sind großem Druck und stetigem Wandel ausgesetzt. Nun ist es Aufgabe der neu eingestellten Therapeutin oder des neu eingestellten Therapeuten, sich den sich vielleicht erst entwickelnden Bedingungen innerhalb der von ihm oder ihr selbst gesetzten Grenzen anzupassen.

Die Ankunft einer neuen Disziplin im interdisziplinären Team mag durchaus bei den anderen Disziplinen auch Ängste, vielleicht sogar Neid auslösen – gerade in diesem sich stetig ändernden, politisch umkämpften Berufsfeld. Diesen Widerständen respektvoll und mit Sachlichkeit zu begegnen ist der wahrscheinlich einzige gangbare Weg.

Man benötigt auch etwas Glück

Dieser Text spiegelt lediglich die Ansichten und Erfahrungen des Autors wider. Natürlich gehört eine gute Portion Glück zum Erfolg bei der Schaffung neuer Stellen. Ich habe jedoch an verschiedenen Orten großes Interesse wecken können und daraufhin auswählen können, und mich dann für meinen derzeitigen Schwerpunkt, die Schmerztherapie entschieden. Dies bringt mich dazu, auch andere Musiktherapeuten zu ermutigen, Initiativbewerbungen anzugehen.

Headerfoto: Martin Kucera/ Naturtonmusik Instrumentenbau www.naturtonmusik.de

 

Martin Kucera

Martin Kucera

Musiktherapeut FMWS, Dozent FMWS/ FMAS, Mitglied der DMtG (Zertifizierungsanwärter), Musiktherapeut in der Schmerzklinik der Albklinik Münsingen. Trat im Juli 2020 als neuer Geschäftsführer von Naturtonmusik Instrumentenbau die Nachfolge von Joachim Marz als Instrumentenbauer an. Naturtonmusik entwickelte das Behandlungsmonochord, erfand das Kotamo und entwickelte das Körpermonochord zum ausgereiften, therapeutisch praktikablen Instrument. Die Werkstatt befindet sich nicht mehr in der Schweiz, sondern in Gomadingen auf der Schwäbischen Alb. www.naturtonmusik.de

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