40 Jahre Musiktherapeutische Umschau Wortwolken

Social Media als Marketinginstrument für Musiktherapeuten

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Ein Interview von Volker Bernius.

Frau Sperling, Ihr Beitrag in der MU hat den Untertitel „Zwischen Selbstdarstellung und effektiver Marketingstrategie“. Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten tuen sich manchmal schwer mit solchen Begriffen – warum Sie nicht?

Weil ich die Dinge gern beim Namen nenne. Man kann jedes Phänomen und jeden Sachverhalt aus den unterschiedlichsten Perspektiven betrachten und benennen bzw. mit Begriffen belegen.

In puncto der Social Media Thematik / Debatte, könnten sie in meiner Wahrnehmung nicht treffender gewählt sein: Es geht um Aufmerksamkeit, um gehört und gesehen zu werden. Und es geht um Selbstbestätigung und Kundengewinnung.

Ich komme nochmal darauf zurück, dass sich Menschen in sozialen Berufen öfter davor scheuen „sich selbst zu vermarkten“ – um es mal so auszudrücken. Worauf führen Sie das zurück?

Ganz pragmatisch: Einige bringen vielleicht schlicht keine Motivation auf oder haben kein Interesse daran, sich mit diesen Themen zu beschäftigen. Die Notwendigkeit wird ggf. nicht erkannt, weil es ja „auch so irgendwie geht“. Werbung – und alles was damit zusammenhängt – wird als unangenehm empfunden, da es letztendlich dem Zweck dient, Aufmerksamkeit herzustellen…

… heißt das, dass manche den Zusammenhang von Aufmerksamkeit und beruflichem Stand nicht erkennen?

Ich denke es geht hierbei (auch) um Selbstwertthemen bzw. die Frage, ob ich meine beruflichen Leistungen und den daraus resultierenden Erfolg (was auch immer das bedeutet…) mit meinen individuellen Fähigkeiten oder äußeren Erklärungsansätzen (wie beispielsweise dem Zufall) in Verbindung bringe. Zusammengefasst: Was bin ich mit meinem Können eigentlich wert? Und was kann ich überhaupt? Wenn das Resultat positiv ausfällt, darf das ruhig ausgesprochen werden (z.B. in Form von Marketing) ohne, dass es jemanden über die Maßen nervös machen sollte…

… und wenn jemand bei der Antwort auf Frage „was bin ich wert, was kann ich überhaupt“ schwankt und unsicher ist?

Dann bleibt er oder sie mit seinem / ihrem Angebot lieber im Dickicht und entzieht sich so den unter Umständen auf sich projizierten Erwartungen. Es bleibt das Gefühl haften, dass die „Hochglanzversprechungen“ auf einem Flyer gar nicht eingehalten werden können und man vielleicht sogar als „Hochstapler“ enttarnt werden könnte (Imposter-Phänomen). Für viele Menschen ist es eine Riesenüberwindung und ein langer Prozess zu sich selbst und dem eigenen Können zu stehen und mit der Angst vor potentieller Ablehnung umgehen zu lernen. Gleichzeitig möchte man nicht „arrogant“ oder „abgehoben“ wirken. So kann es ein schmaler Grad werden, den eigenen und stimmigen Weg der Selbstvermarktung zu finden und auch zu gehen…

Die sogenannten sozialen Medien sind für die allermeisten seit etlicher Zeit Alltag. Alle unter dreißigjährigen sind damit wie selbstverständlich aufgewachsen. Ich habe mich neulich von jemandem auf Facebook verabschiedet, der seinen Followern jeden Tag mitteilte und aus seiner Sicht wohl mitteilen musste, wo er sich jetzt gerade befindet, was er heute wieder Feines gegessen hat, wen er getroffen hat und an welchem Strand er gerade Urlaub macht… – die aufploppenden Mitteilungen waren mir lästig, diese Last habe ich von mir entfernt … Wo liegen denn für Sie die Grenzen im Spagat: beruflich oder privat.

Eine sehr gute und wichtige Frage. Für mich ist die berufliche Social Media Aktivität eine solche, bei der mein Wissen und meine Aktivitäten als Fachperson im Vordergrund stehen. Es geht vor allem darum Inhalte zu transportieren (Content = qualifizierter Inhalt). Als Person trete ich auch und insofern in Erscheinung, weil klar ist, dass ich diejenige bin, die diese Inhalte produziert. Das heißt, es lassen sich natürlich implizite Rückschlüsse ziehen auf meine Art zu denken, Dinge zu betrachten und Menschen zu begegnen (wie wirkt etwas). Ich muss mich aber nicht mit sog. Statussymbolen (Urlaub, Haus, Auto) inszenieren. Der Wert entsteht durch die Inhalte und den damit erzeugten Eindruck beim Konsumenten (Follower). Man wird im besten Fall als Experte wahrgenommen, während das „private Selbst“ geschützt und somit nicht verletzbar ist. Ich poste nie etwas willkürlich. Womit ich nach außen trete, ist immer bewusst gewählt und entspringt einem Gesamtkonzept. Man kann dieses Vorgehen als strategisch bezeichnen, was ich dem von Ihnen gewählten Beispiel nicht entnehme.

Welche Chancen sehen Sie, Frau Sperling, generell für das Fach Musiktherapie im Zusammenhang mit Social Media?

Ganz salopp gesprochen: die Sichtbarkeit der Disziplin für eine nicht fachlich eingebundene  Öffentlichkeit (die „Allgemeinheit“). Man könnte auch sagen: Ein allgemeines Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es Musiktherapie überhaupt gibt und diese als eigenständiges kreativtherapeutisches Verfahren auch wissenschaftlich fundiert ist. Dazu gehört auch Nachwuchsförderung, da sich die meisten jungen Menschen im Social Media bewegen.

Bitte erklären Sie zwischendurch die Unterschiede zwischen einer persönlichen Website und Instagram – in ihrer Funktion und Darstellung.

Britta Sperling Social Media für Musiktherapeuten
Bildquelle: Pixabay.

Die Webseite ist eine Art Online-Visitenkarte. Sie muss im Web erst einmal gefunden werden, wenn nicht konkret nach ihr gesucht wird. Das bedeutet, dass die Seiten so gebaut sein müssen, dass die sogenannte Suchmaschinenoptimierung (SEO) implementiert wurde. Dies gelingt den wenigsten Laien über selbst gesteuerte Webseiten-Bausatzsysteme, sondern erfordert eine professionelle SEO-Optimierung für ein besseres Ranking…

… und bei Instagram?

Hier steht die Interaktion mit den Followern und der Aufbau einer aktiven Community im Vordergrund, so dass diese motiviert sind über einen Profillink zur Webseite zu gelangen und dort gezielte Informationen über das berufliche Angebot einzuholen. Bei Instagram ist immer etwas „in Bewegung“: es gibt Beiträge, Storys, Live-Interviews. Hier kann man auch kurzfristig konkrete Angebote bewerben und Fragen beantworten. Die Webseite ist statisch und dem früheren Printmarketing am ehesten vergleichbar.

Was macht jetzt den Unterschied von Instagram und Facebook aus, außer dass Facebook für viele veraltet ist und Instagram daher eher für eine jüngere Zielgruppe attraktiver ist?

Beide Plattformen sind unterschiedlich aufgebaut und sprechen in ihrer Darstellung unterschiedliche Bedürfnisse, aber auch zentrale Mechanismen der Informationsverarbeitung an. Für mich ist die Aktivität auf Instagram eine sehr kreative Angelegenheit. Als „Bilderdenkerin“ werden mir hier die Informationen über meinen bevorzugten Verarbeitungskanal präsentiert und ich kann meine eigenen Inhalte über eben diesen ausdrücken: über Grafiken, Symbole, Schriften, Texte. Im Feed ist alles sehr symmetrisch angeordnet und in einer solchen Darstellung sind viele implizite Informationen über den Postenden enthalten.

Facebook wird – meiner Beobachtung nach – in letzter Zeit vor allem aufgrund der Gruppenfunktion genutzt. Themenspezifisch wird sich dort über alles Mögliche ausgetauscht. Ich bin selbst dort aber nicht mehr wirklich präsent.

Möchte man eine Marke positionieren und sichtbar machen (Personal Brand) ist Instagram wesentlich besser geeignet.

Wenn ich jetzt Ihren Instagram-Auftritt als Beispiel für eine Marketingstrategie nehme – was hat es für Sie für Vorteile, wenn Sie als Musiktherapeutin und Psychologin sichtbar sind?

Ich konnte noch sie so selbstbestimmt arbeiten wie seither. Auch wenn ich zuvor schon selbstständig gearbeitet habe, war ich immer darauf angewiesen eine fortwährende Akquise parallel zu gestalten. Nun ist es so, dass die Klientenanfragen zu mir kommen und ich mich nicht mehr konkret um Aufträge bemühen muss. Meine Alltagsorganisation rund um Kind und Kegel kann ich optimal steuern und organisieren. Es passt einfach in meine momentane Lebenssituation und ich kann mir eine Freiberuflichkeit ohne Social Media nicht mehr vorstellen.

Beiträge zu erstellen, Texte zu schreiben, zu gestalten ist für mich ein kreativer Ausgleich zu der Arbeit mit den Klient.innen. Es macht mir einfach Spaß.

Wer sich bei Instagram oder über eine Website selbst darstellt, in welchem Zusammenhang steht für Sie der Beruf oder die community?

Wichtig ist es, sich zu jedem Zeitpunkt darüber bewusst zu sein, dass man mit der Außendarstellung auch ein stückweit das Fach repräsentiert, für das man steht.

Wenn ich in meinem privaten Sommerurlaub drei Klangstäbe in den Sand stelle, meine rot lackierten Fußnägel in Flip Flops daneben strecke, davon ein Foto schieße und kommentiere: „Musik tut einfach gut“, dann entsteht ein gewisser Eindruck. Ich möchte das zunächst gar nicht bewerten, sondern dafür plädieren, dass das, was man zeigt, immer in einem bestimmten Kontext wahrgenommen wird: und das sollte einem bewusst sein! Es werden dann im Umkehrschluss schließlich genau die angesprochen, für die das eben „so passt“. Das Gesetz der Resonanz funktioniert online genauso wie real. Also darf man sich ruhig immer wiederkehrend die Frage stellen: Für was stehe ich hier eigentlich…? Und was für eine Wirkung / Atmosphäre möchte ich erzielen und warum…? Und vielleicht geht es dann also auch für einen Selbst immer wieder um die Frage: Was ist eigentlich Musiktherapie? Und was verkörpert meine Arbeit?

Ihre letzte Antwort zielt auch auf ethische Fragestellungen ab, die beachtet werden müssen, welche sind das aus Ihrer Sicht?

Selbstverständlich sind ethische Fragestellungen wichtig. Da geht es zum Beispiel zentral um die Frage, ob für therapeutische Dienstleistungen im weitesten Sinne überhaupt Werbung gemacht werden sollte und darf….

Ich schreibe im Artikel in der Musiktherapeutischen Umschau etwas über die Idee des ethischen Marketings und kann mich persönlich recht gut damit identifizieren. Sobald in der Außendarstellung das Gefühl entsteht, dass es dahinterliegend doch eher um das Ego des.r Werbenden geht, wird es schwierig. In meiner Beobachtung kann das durchaus ein schmaler Grad sein. Wenn es darum geht, konkrete Therapieelemente (Fallbeispiele, Bilder) zu veröffentlichen, gilt es die Einwilligungen und Datenschutzbestimmungen besonders sorgfältig zu prüfen. Auch das sollte selbstverständlich sein.

Welche konkreten Empfehlungen haben Sie für jemanden, der sich nach außen hin sichtbar machen möchte, der / die das vielleicht sogar braucht, damit Patient.innen sich informieren und anmelden können?

Ich würde mir anschauen, wie Andere bzw. solche, von denen ich mich selbst angesprochen fühle, das machen. Nicht um etwas zu kopieren, sondern um Inspiration zu sammeln. Dann würde ich dazu raten, sich ganz bewusst damit auseinander zu setzen, dass Neues und Unbekanntes immer Unbehagen und ambivalente Gefühle auslösen. Das Ganze hat schlichtweg auch einen großen Gewöhnungseffekt. Es ist völlig in Ordnung, wenn man sich gegen eine Sichtbarkeit entscheidet, nur sollte einem bewusst sein, dass die Welt und Zeit in der wir – auch nach der Pandemie – leben, die ist, die sie nun mal ist, nämlich eine zunehmend digitalisierte…

… das wird uns alle noch vielfach beschäftigen und herausfordern…

… der ganze Prozess rund um die Entstehung und das Pflegen eines Onlineauftritts ist im Übrigen aber eine hoch kreative Angelegenheit und berührt damit eine „unserer“ Kernkompetenzen 😊 – Anfangen. Am besten jetzt….!

Vielen Dank, Britta Sperling, für das Gespräch.

Den Podcast Sensibel Sein von Britta Sperling finden Sie überall, wo es Podcasts gibt (Apple Podcast, Spotify), und auch auf ihrer Homepage unter dem Menüpunkt Podcast.
Britta Sperling auf Instagram: @britta_sperling
Mit der Ausgabe der Musiktherapeutischen Umschau 42 (2/2021) wurden auch verschiedene Beiträge in einer preprint-Version online veröffentlicht („Vorab-Beiträge“). Für Mitglieder der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft sind die preprint-Beiträge bereits jetzt abrufbar (Anleitung siehe Mitgliederbereich auf der Homepage).
Das Interview bezieht sich auf den bereits im preprint erschienenen Beitrag: Britta Sperling. Like it or like it not – Zwischen Selbstdarstellung und effektiver Marktstrategie. Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten in den sozialen Medien. Die Print-Ausgabe Musiktherapeutische Umschau 42 (3/2021) erscheint im Herbst 2021.
Britta Sperling

Britta Sperling

Diplom-Psychologin, Ruhr Universität Bochum. Musiktherapeutin (M.A.), Westfälische Wilhelms Universität Münster. Heilpraktikerin für Psychotherapie. Freiberufliche Tätigkeit als Musiktherapeutin innerhalb des Unternehmens Musik auf Rädern www.musikaufraedern.de. Selbstständig tätig in freier Praxis und Onlinepraxis für Psychologische Beratung und Musiktherapie mit dem Schwerpunkt Hochsensitivität und Hochbegabung. In Ausbildung zum ECHA Coach (Specialist in Coaching the Gifted) am Internationalen Centrum für Begabungsforschung (ICBF) in Münster. www.britta-sperling.de. www.instagram.com/britta_sperling/.

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