40 Jahre Musiktherapeutische Umschau Wortwolken

Vier Dekaden der Musiktherapeutischen Umschau als „Wortwolken“

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40 Jahrgänge Musiktherapeutische Umschau: Bei vierteljährlichem Erscheinen sind das 160 Hefte, bei durchschnittlich jeweils 80–120 macht das insgesamt rund 16.000 gedruckte Seiten… Das sind viele Laufmeter und Kilo Papier, gefüllt mit geschriebener Sprache, und mittlerweile auch viele Megabytes elektronischer PDF-Daten.

Musiktherapeutische Umschau: Chronistin der Zeit

Als ich 2014 zum ersten Mal einer Redaktionssitzung der MU beiwohnen durfte, damals noch im alten Kühhornshof-Turm am Gelände des Hessischen Rundfunks in Frankfurt, prägte sich mir ein Satz von Volker Bernius eindrücklich und nachhaltig ein: Die Musiktherapeutische Umschau verstehe sich nicht als Bewerterin, sondern als Chronistin der Zeit. Zu ihrem 40. Geburtstag habe ich mir nun vorgenommen, an ihrer Sprache, an den Worten und Wörtern anzuknüpfen, die über die Jahrzehnte von all den Autorinnen und Autoren – Praktiker.innen und Wissenschaftler.innen, Musiktherapeut.innen wie Expert.innen angrenzender Bereiche, Kritiker.innen, Mitdenker.innen, Visionär.innen und vielen mehr – in dieser Zeit gesetzt wurden und den Weg in die MU gefunden haben. Angesichts begrenzter Kapazitäten für diese Unternehmung (eine umfassende Inhaltsanalyse aller Jahrgänge würde wohl zumindest eine wissenschaftliche Diplom- oder Masterarbeit hergeben) wurde daraus ein lustvolles Spiel – systematisch zwar, jedoch aus pragmatischen und zeitökonomischen Gründen offen lassend: Zumal die Volltexte der MU erst seit 2007 in elektronischer Form vorliegen, entschied ich mich für eine Reduktion auf die Titel und – soweit diese für die einzelnen Beiträge und Artikel angefertigt wurden – die Zusammenfassungen bzw. Abstracts der Jahre 1980 bis 2019. Das Ziel bestand darin, Worthäufigkeiten innerhalb der vier Dekaden statistisch zu erfassen und damit den Leser.innen sog. „Wortwolken“ anzubieten, die zu Gedankenspielen, Vergleichen, Phantasien oder auch zu konkreten Bezugnahmen und Querverbindungen (z.B. historischer, gesellschaftlicher, politischer Natur) einladen.

 

Methode

Datenerfassung und Sampling

Erfasst wurden alle seit der Gründung der MU 1980 bis zum Ende des 40. Jahrgangs 2019 erschienenen Hefte. Aus den Jahrgängen bis einschließlich 2006 wurden die benötigten Originalseiten händisch gescannt, ab 2007 wurde auf die in der eLibrary des Verlags Vandenhoeck & Ruprecht verfügbaren PDF-Dateien zugegriffen. Es wurden Titel, Autor.innennamen[1] sowie alle vorhandenen Zusammenfassungen / Abstracts übertragen und Einzeldateien pro Jahrgang erstellt. Rechtschreib- und Tippfehler wurden korrigiert und frühere Schreibweisen (z.B. ss / ß) der neuen Rechtschreibung angepasst. Zumal in den ersten Jahren vorwiegend englischsprachige Abstracts abgedruckt wurden (bis 1986 ausschließlich englisch, 1987 bis 1989 gemischt, ab 1990 zweisprachig), wurden jene ausschließlich in englischer Sprache vorliegenden Texte zunächst mit Hilfe der Software DeepL ins Deutsche übersetzt und anschließend sprachlich geglättet bzw. korrigiert. Inkludiert wurden alle Textsorten – Originalbeiträge, Übersichtsarbeiten, Dokumente, Berichte, Standpunkte, Essays, Forum International, Forum Migration, Stichwort Gesundheitspolitik, Steckbrief Forschung etc. – ausgenommen der Editorials, Notizen, Rezensionen sowie Veranstaltungshinweise und Werbungsanzeigen.

 

Tabelle 1

Anzahl der inkludierten Beiträge nach Dekaden

Smetana Wortwolken Beitrag muum.2020.41.4.365-Tabelle1

Datenaufbereitung

Alle 40 erstellten Word-Dateien wurden in MaxQDA® (Version 2018.2) importiert und in vier Datensets nach Dekaden eingeteilt. Die Programmfunktion „Visual Tools“ wurde genutzt, um aus den einzelnen Datensets jeweils eine „Wortwolke“ zu erstellen. Bevor das endgültige Resultat vorlag, wurden die folgenden Anpassungen innerhalb der automatisch erstellten Worthäufigkeitslisten vorgenommen:

  1. Editierung der „Stopp-Liste“ (d.h. Ausschluss jener Wörter, die statistisch nicht erfasst werden sollten):
  • irrelevante Wortarten wie z.B. bestimmte und unbestimmte Artikel, Pronomen, Konjunktionen, Numerale, Adverben, Partikel;
  • die (naturgemäß) am häufigsten erfassten Worte Musik sowie Musiktherapie (bzw. musiktherapeutisch, Musiktherapeut etc.);
  • weitere Begriffe mit hoher Häufigkeit ohne inhaltliche Relevanz (z.B. beleuchtet, durchgeführt, Bereich, Beispiel, aufgezeigt uvm.).

2.  Zusammenfassung artverwandter Worte innerhalb der Häufigkeitstabelle

  • Zusammenfassung unterschiedlicher Fälle sowie unterschiedlicher Zeit- bzw. Partizipformen;
  • Einordnung von Komposita in vorhandene Grundwörter (z.B. Entwicklungsstadien > Entwicklung, Kommunikationsformen > Kommunikation etc.);
  • Zusammenfassung von identischen Worten bei unterschiedlicher Schreibweise (z.B. Potential > Potenzial, sensumotorisch > sensomotorisch).

Anschließend wurde in den bei MaxQDA® vorhandenen Optionen zur Erstellung von Wortwolken die Visualisierung der jeweils 100 häufigsten Worte festgelegt. Die Schriftgröße stellt linear proportional die Worthäufigkeit dar (Abbildungen 1–4). Weiters wurden aus den Worthäufigkeitstabellen aller 40 Jahrgänge die jeweils zehn häufigsten Nennungen extrahiert (Tabelle 2).

 

Ergebnisse

1980 – 1989

40 Jahre Musiktherapeutische Umschau in Wortwolken
Abbildung 1. Wortwolke MU, 1. Dekade, Jahrgänge 1-10.

 

1990 – 1999

40 Jahre Musiktherapeutische Umschau in Wortwolken
Abbildung 2. Wortwolke MU, 2. Dekade, Jahrgänge 11-20.

 

2000 – 2009

 

40 Jahre Musiktherapeutische Umschau in Wortwolken
Abbildung 3. Wortwolke MU, 3. Dekade, Jahrgänge 21-30.

 

2010 – 2019

40 Jahre Musiktherapeutische Umschau in Wortwolken
Abbildung 4. Wortwolke MU, 4. Dekade, Jahrgänge 31-40.

 

Die „Top Ten“ im Überblick

Tabelle 2

Worthäufigkeiten Rang 1–10 mit Anzahl der Nennungen

Smetana Wortwolken Beitrag muum.2020.41.4.365-Tabelle2

 

Diskussion I: Eine subjektive Betrachtung der Autorin

Ein erster Überblick auf die jeweils häufigsten Begriffe mag doch eine gewisse Beruhigung verschaffen: Die Patienten (als Summe der Singular- und Pluralformen aller Nennungen von Patient.innen) und Menschen stehen unumstritten im Mittelpunkt, wobei hier Kinder besonders häufig benannt werden (im Unterschied zu Jugendlichen, die mit 64 Nennungen in der Gesamttabelle auf Rang 38 landen und Erwachsenen mit 35 Nennungen auf Rang 112). Ob sich dies auch in der musiktherapeutischen Arbeitsrealität so abbildet?

Der Begriff der Arbeit taucht in allen Dekaden sehr häufig auf, ebenso das Wort Entwicklung. Gefreut hat mich bei der ersten Betrachtung auch, dass es Beziehung und Prozess ins obere Ranking geschafft haben, und dass in der vierten Dekade Forschung und Praxis gleichauf liegen.

Nun lasse ich meinen Blick durch die Wortwolken der einzelnen Dekaden wandern und halte Ausschau auch nach den „kleineren“ Wörtern, nach gut sichtbaren oder auch versteckten Begriffen, nach Auftauchendem und Verblassendem – denn vielleicht bildet sich gerade darüber etwas ab, was in einer bestimmten Zeit gerade wichtig, besonders, bemerkenswert war?

Bei meinem ersten Screening über die häufigsten Wörter der ersten Dekade (Abbildung 1) bekomme ich den Eindruck, dass ein Rahmen hergestellt wird, um

 

Konzepte und Modelle

Musiktherapie zu verorten im Kanon angrenzender Disziplinen wie etwa der Musikpädagogik oder der Psychotherapie; um Konzepte und Modelle zu diskutieren, oder einfach um Themen zu konturieren und verschiedene Aspekte zu integrieren. Welche konkreten Bezüge hier wohl zur Tiefenpsychologie bestehen in der (psycho-)analytischen Auseinandersetzung mit unbewussten, inneren, symbolischen, psychischen Dimensionen, der Übertragung oder mit Träumen? Auffallend oft geht es offenbar um Fragen der Ausbildung und Selbsterfahrung, wohingegen in der zweiten Dekade (Abbildung 2) der Stellenwert von Fort- und Weiterbildung zu steigen scheint, zumal fast ebenso häufig von Tagung und Workshop die Rede ist;

Supervision und Improvisation

und noch mehr wird die Supervision thematisiert – wie steht das denn in Verbindung mit Orten wie Ulm, München, Berlin, Hamburg? Bedeutsam wird auch die Nennung einzelner Instrumente: Welche Rolle hier etwa das Klavier oder der Klang des Gongs spielen mag? Es geht wohl oft aktiv zu, und die Improvisation nimmt einen besonderen Stellenwert ein, ebenso wie das Hören.

Interessanterweise dürfte in der dritten Dekade (Abbildung 3) vermehrt von rezeptiver Musiktherapie berichtet werden, und mir fällt die Häufung von Wörtern auf, die sich auf besondere – unspezifische? – Phänomene der Musiktherapie beziehen: Atmosphäre, Grenzen, Stille, Sinn, Spiritualität.

Rezeptiv – Forschung und Praxis

Erstmals sind bestimmte Diagnosen unter den beliebtesten Begriffen zu finden: Autismus, Tinnitus, und es wird über Störungen geschrieben. Ob die Abkürzung CoMT (für „Community Music Therapy“) im Zusammenhang mit einer besonderen Zuwendung zu Themen der Kultur und Gesellschaft steht? Auch dass EEG im oberen Ranking der 2000er Jahre liegt, finde ich interessant, ebenso wie die neue Proportionalität zwischen Forschung und Praxis.

Dass sich in der vierten Dekade (Abbildung 4) Worte wie Übergänge, Dissonanzen, Scham und Fehler häufen, mag wohl den gehaltvollen und beitragsstarken MU-Themenheften dieser Jahre geschuldet sein. Aber es zeugt auch von einer bewussten Hinwendung zu und Auseinandersetzung mit herausfordernden Themen unserer Zeit. Neben den Terminus Autismus tritt nun die mittlerweile gebräuchliche

Themen der Zeit

Abkürzung ASS, und es taucht die Frage auf, ob die Beschäftigung mit Liedern und dem Singen mit der nun häufigeren Beachtung von Musiktherapie bei Demenz einhergeht oder auch in einem weiter gefassten Kontext zu verstehen ist? Haben Gruppen an Bedeutung verloren, die zwar in der Top Ten-Liste zu finden sind sowie in der ersten Dekade noch auftauchen, in den drei weiteren Jahrzehnten aber nicht mehr?

 

Diskussion II

An dieser Stelle sind nun Sie, liebe Leserin, lieber Leser, eingeladen, meinen Streifzug durch die Wortwolken fortzusetzen oder Ihre ganz eigenen Gedankenwege zu bahnen. Was fällt Ihnen ins Auge? Welche Zusammenhänge oder auch Kontraste und Widersprüche können Sie erkennen? Gibt es Parallelen zu Ihrer eigenen Geschichte und Ihren persönlichen (Arbeits-)Kontexten?

Ab wann tauchen welche Diagnosen bzw. Indikationen auf? Was hat sich wohl am Begriff der Familie seit den 1980er Jahren verändert? Ist Musiktherapie wirklich hauptsächlich für Kinder? Finden sich auch in Ihrer (musiktherapeutischen) Arbeit der vergangenen zehn Jahre vermehrt Verarbeitungsprozesse des Holocaust?

Was überrascht Sie? Was überrascht Sie nicht? Vermissen Sie etwas? Auch das „Fazit für die Praxis“ – sollte es denn eines geben – überlasse ich diesmal Ihnen selbst.

Die Redaktion würde sich freuen, wenn Sie Ihren persönlichen Streifzug durch die “Wortwolken” verschriftlichen möchten. Posten Sie unten im Kommentarfeld. Dazu ist die Angabe Ihres Namens und Ihrer Email-Adresse, aber keine Registrierung erforderlich)!

 

Danksagung

Ein besonderer Dank gilt Volker Bernius, der während des Lockdowns einen beträchtlichen Teil des Einscannens übernommen hat.

 

Literatur

MAXQDA, Software für qualitative Datenanalyse, 1989 – 2020, VERBI Software. Consult. Sozialforschung GmbH, Berlin, Deutschland.

Musiktherapeutische Umschau, Jahrgang 1–40.

 

 

 

 

 

Monika Smetana

Monika Smetana

Mag. art. Monika Smetana PhD ist Musiktherapeutin (Kurzstudium/ Diplomstudium Wien), seit 2015 Univ.-Assistentin (PostDoc) und seit 2016 stv. Institutsleiterin am Institut für Musiktherapie der mdw. Seit 2017 Mitarbeit am Wiener Zentrum für Musiktherapie-Forschung (WZMF). Langjährige musiktherapeutische Erfahrung im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie im geriatrischen Bereich. Auszeichnungen für wissenschaftliche Arbeiten: Johannes-Th.-Eschen-Preis der DMtG 2002, Award of Excellence 2012 des BMWF, Wissenschaftspreis der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie 2012, Best Publications Award der mdw 2013.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Christine Back

    Liebe Frau Smetana,
    was für eine schöne Idee, vier Dekaden der MU als „Wortwolken“ darzustellen! Und, wie von Ihnen angeregt, habe ich meinen Blick über die Wortwolken wandern lassen. Das erste was mir persönlich aufgefallen ist war, dass die Worte Musik und Musiktherapie nicht auftauchen. Das hat mich ehrlich verwundert. Gott-Sei-Dank hab ich beim Nachlesen zur Datenaufbereitung noch entdeckt, dass diese Begriffe in der Editierung ausgegrenzt wurden. Aber das berührt mich nun auch wieder, weil das Besondere zum Selbstverständlichen wird und darüber nicht mehr in Erscheinung tritt.
    Naja, darüber kann ich ja noch weiter sinnieren…

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