Prof. Dr. Dr. Horst Kächele. Foto: Pressestelle Universität Augsburg

Prof. Dr. med. Dr. phil. Horst Kächele. Ein Nachruf

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Autorin: Susanne Metzner

Am 28. Juni 2020 verstarb nach schwerer Krankheit Horst Kächele, ein Mann, der – beruflich und privat –Vater, Partner, Berater und Freund für sehr viele Menschen war. Auch für mich, die ihn nun schmerzlich vermisst, so wie andere, für die ich in meinem Nachruf zu sprechen versuche. Horst Kächele war stets mit dem Herzen dabei, diskutierte mit ebenso viel Wissen wie mit intellektueller Lust, strahlte unbändige Freude aus, war humorvoll und auch nachsichtig, wenn andere nicht so schnell waren wie er. Er war eine beeindruckende Persönlichkeit voller Energie, Leidenschaft, hellem Verstand und unbeschreiblicher Tiefe.

Das folgende Curriculum Vitae ist so kurz wie möglich gehalten, aber länger als Horst Kächele es vermutlich selbst verfasst hätte. Es lässt hie und da das riesige Netzwerk, in dem er sich bewegte, aufscheinen, freilich ohne es namentlich aufzuführen, da dies den Rahmen eines Nachrufes gesprengt hätte. Und es enthält mit Bedacht Berührungspunkte zur Musiktherapie. Mit einigen wörtlichen Zitaten lasse ich Horst Kächele selbst zu Wort kommen. Es sind wichtige Statements, die uns noch über viele Jahre begleiten werden.

1944 geboren, wuchs Horst Kächele in Stuttgart auf, studierte in Marburg, Leeds (GB) und München Medizin, wo er auch 1969 zum Dr. med. promovierte. Von 1970-75 absolvierte er Ausbildungen in Psychotherapie und in Psychoanalyse in Ulm. 1976 habilitierte er und erhielt seine erste Professur an der Universität Ulm. 1978-1989 war er Leiter der Sektion Psychoanalytische Methodologie, 1988-2004 Leiter des Zentrums für Psychotherapieforschung Stuttgart. 1990 übernahm er zunächst den Lehrstuhl an der Abteilung Psychotherapie an der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm, 1997 den für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie bis zu seiner Emeritierung 2009. In diesem Jahr schloss er auch seine zweite Dissertation zum Dr. phil an der Universität München ab und wirkte weiter an der Internationalen Psychoanalytischen Universität (IPU) Berlin, seit 2019 als Senior-Professor.

Ich selbst habe es immer so verstanden, dass ich zwei Hüte habe, und sie je nachdem, was ich gerade tue, therapieren oder forschen, auch wechseln muss. Der Kliniker muss an das glauben, was er tut, der Forscher muss immerzu fragen, ob das, was er sieht, nicht auch ganz anders sein könnte.

Prof. Dr. Dr. Horst Kächele. Foto: Pressestelle Universität Augsburg
Prof. Dr. Dr. Horst Kächele. Foto: Pressestelle Universität Augsburg

Horst Kächeles Forschungsinteressen waren breit gefächert und umspannten psychoanalytische Prozess- und Outcome­forschung, psychosoziale Folgen der Knochen­marks­trans­plantation, Behandlungen von Essstörungen bis zu klinischer- und neurobiologischer Bindungsforschung und am Rande auch die musiktherapeutische Prozessforschung. Sein letztes großes Thema war die Fehlerkultur in der Psychotherapie. Die Publikationsliste umfasst insgesamt rd. 1.000 Titel, davon ca. 700 Artikel in wissenschaftlichen, begutachteten Fachzeitschriften sowie Buchbeiträge als Erstautor und/oder in Co-Autorenschaft mit prominenten Wissenschaftler*innen, und, was ungewöhnlich ist, deutlich über den deutschen und den anglo-amerikanischen Sprachraum hinausgehend. Darüber hinaus war er (Mit-)Herausgeber von Sammelbänden und schrieb unzählige Rezensionen und Editorials, hielt Vorträge, gab Interviews. Sein bekanntestes Werk ist vermutlich das mit H.Thomä verfasste dreibändige Lehrbuch der psychoanalytischen Psychotherapie, das in 20 Sprachen vorliegt. (Dies bedeutet, dass Musiktherapeut*innen weltweit auf eine gemeinsame psychotherapeutische Referenzquelle zurückgreifen und sich verständigen können. Es sollte darum schulenunabhängig zur Pflichtlektüre unserer Student*innen gehören.)

Die großen Herausforderungen […] sehe ich in der Abstimmung zwischen Gruppen, Schulen, Individuen. Bei aller Verschiedenheit ist Abstimmung besser als Abgrenzung.

Horst Kächele war Mitglied in zahlreichen Fachgesellschaften (u.a. DPV, DPG) und (Entscheidungs-)Gremien (u.a. DFG; Wiss.Beirat Psychotherapie; wiss. Beirat der Musiktherapeutischen Umschau). Er war Gastprofessor am University College London, Psychoanalysis Unit (1995-2000, 2009-2012) und an der Universidad de Chile seit 2005. Er war zweimal Wissenschaftspreisträger der Stadt Ulm (1973 zusammen mit H. Thomä & C. Schaumburg; 1992 zusammen mit E. Mergenthaler 1992). Er erhielt weitere renommierte Auszeichnungen, darunter den Sigmund Freud Preis der Stadt Wien (2002), den M. Sigourney Award der Amerikanischen Psychoanalytischen Vereinigung (2004), den Senior Scientist Award der Gesellschaft für Psychotherapieforschung (2012), den Margrit Egnér-Preis (2015) und (natürlich deutlich bescheidener) im Bereich der Musiktherapie die Gertrud Katja Loos-Medaille (2005). Im letzten Jahr begann ich, den Antrag auf Verleihung der Ehrendoktorwürde für Horst Kächele an meiner Fakultät vorzubereiten. Aber Universitätsgremien sind einfach zu träge, und darüber hinaus ist das Fach Musiktherapie dann wohl doch zu unbedeutend. Es wäre dennoch mehr als nur angemessen gewesen.

Music Therapy has been a minority, but is now a significant minority!

Großes Interesse hegte Horst Kächele auch für die nichtärztlichen, nicht-psychologischen, akademisch-heilkundlichen Fächer, insbesondere die Musiktherapie. Mehr als 30 Jahre beschäftigte er sich mit wissenschaftlichen Forschungs- und Erklärungsansätzen bezüglich musiktherapeutischer Behandlungs-, aber auch Diagnostikmöglichkeiten und supervidierte die Promotionen namhafter Musiktherapeut*innen. Mit zahlreichen musiktherapeutischen Publikationen und Vorträgen vor interdisziplinärem Fachpublikum förderte Horst Kächele maßgeblich eine, aus wissenschaftlicher Perspektive für die Musiktherapie dringend benötigte Art musiktherapeutischer Veröffentlichungskultur, durch die musiktherapeutische Themen verbreitet und – wenn nötig – kritisch diskutiert wurden. Unter anderem sorgte er 2010 dafür, dass die Musiktherapie im ‚Uexküll’, dem Lehrbuch für psychosomatische Medizin, erstmals ein eigenständiges Kapitel erhielt.

Man muss immer darauf gefasst sein, dass das nächste Forschungsergebnis schon hinter der nächsten Ecke lauert.

Bereits 1989 gründete er zusammen mit Musiktherapeut*innen die „Ulmer Werkstatt für musiktherapeutische Grundlagenforschung“, die nach seiner Emeritierung 2009 von Ulm nach Augsburg wanderte, freilich unter seiner zuverlässigen und weiterhin wohlwollend-kritischen Begleitung. Von Anfang an beförderte er ein didaktisches Format, in dem musiktherapeutische Diplom- und Doktorarbeiten in statu nascendi einem interdisziplinären Fachpublikum vorgestellt und diskutiert werden konnten. Das war anfänglich für die Nachwuchswissenschaftler*innen zuweilen auch eine Angstpartie. Seine kritischen Anmerkungen konnten schmerzen, weil sie auf Eitelkeiten oder Insuffizienzgefühle trafen, aber sie waren nie verletzend, sondern einfach nur herausfordernd. Denn letztlich waren es doch die Fragen und Bemerkungen von Horst Kächele, die den Anstoß für einen wissenschaftlichen Diskurs innerhalb der Musiktherapie gaben, der von Diskussionsfreude, Ambiguitätstoleranz bei strittigen Fragen und Selbstkritik bezogen auf fehlende Evidenz geprägt war. Davon profitieren auch die längst ausgewiesenen Musiktherapie-Forscher*innen noch immer.

Ich möchte auch die Frage aufwerfen, ob es bei Euch Forscher*innen gibt, denen man Leadership zugesteht. Dazu gehört auch Leidenschaft für das Fach und für die Forschung.

Von Horst Kächele konnten wir Musiktherapeut*innen lernen, dass unser Fach wissenschaftlich und berufspolitisch nur vorankommen wird, wenn unterschiedliche Forschungsstrategien parallel verfolgt werden und die Ergebnisse nach und nach immer mehr aufeinander bezogen werden können. Bei der grundlagen-orientierten Forschung sei die je individuelle Neugierde des/der einzelnen Wissenschaftler*in unverzichtbar (und unbezahlbar). Hingegen sei bei der anwendungsorientierten Forschung die Übereinkunft der ‚scientific community‘ unerlässlich und pragmatisch notwendig.

Horst Kächele forderte mehr Replikationsstudien statt immer neue Forschungsdesigns aufzulegen, riet uns dazu, die Versorgungsepidemiologie und die Gesundheitspolitik zu berücksichtigen und eher Versorgungslücken ausfindig zu machen, als sich in jenen Anwendungsfeldern, in denen andere Berufsgruppen bereits forschungsstark sind, in unnötiger Konkurrenz aufzureiben. Mit seinem Weitblick und seiner Erfahrung machte er uns stets auf die Aufwand-Nutzen Relation aufmerksam. So wischte er die Frage, ob sich die Musiktherapeutische Umschau um einen Impact-Faktor bemühen sollte, mit einer kurzen Bemerkung vom Tisch, was denn ein geringer IF nützen würde und ob dies die Anstrengungen wert sei. Und er fand, dass eine Fachzeitschrift von einem Berufs- und Fachverband eigentlich unabhängig sein sollte.

Horst Kächele war seiner Zeit in vielem voraus, und ich möchte hoffen, dass die Förderung, die er der Musiktherapie angedeihen ließ, ein Indikator dafür ist, dass unser kleines Fach noch ganz andere, ungeahnte Entwicklungen in der Zukunft nehmen wird.

Hello Festlaune 75 and some more. Horst. Feb 2019

Im Februar 2019 erreichte mich eine bunte Karte, auf der alle bis dahin erschienenen Buchdeckel seines Lehrbuches abgebildet waren, auf der Rückseite handschriftlich die knappen Worte. Ich verstand erst nicht. Wie aber könnte die bemerkenswerte Kombination seiner Fähigkeiten wohl besser ausgedrückt werden? Er versprühte Energie, schenkte sein Wissen (ich kenne keinen großzügigeren Wissenschaftler; er hielt nichts zurück, ließ immer teilhaben, war immer ansprechbar), er war ein global player, und gleichzeitig vermochte er, was nur wenige können, auf knappstem Raum das wirklich Wesentliche zu formulieren. Wenn ich ihm mit vielleicht langen Erklärungen einen Sachverhalt schilderte, bekam ich als Antwort dann z.B. eine SMS, die alles – scheinbar einfach – auf den Punkt brachte. Kein Wort zuviel, aber eben genau das, was mir half, eine Lösung zu finden und das Innere zu beruhigen.  Oder es machte mir schlicht Mut, weiterzumachen. Es ging mir so wie vielen, nein, wie allen, die ich in den letzten Tagen gesprochen habe. Kolleg*innen, die ihn verehrten oder auch liebten, die ihn vermissen und gleichwohl auch weiterhin die Verbindung zu ihm spüren: Some more, Horst, Festlaune, hello.

Prof. Dr. Susanne Metzner, Masterstudiengang Musiktherapie, Universität Augsburg

Fotos: Pressestelle Universität Augsburg.

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