Gustavo Gattino demokratischer Zugang zu assessment in der Musiktherapie

Für einen demokratischen Zugang zum Thema assessment in der Musiktherapie

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Es geschah am ersten Tag in dem Krankenhaus, wo ich mein erstes Forschungsprojekt durchführte. Geplant war eine Studie über Musiktherapie für autistische Kinder mit Hilfe von improvisierter Musiktherapie. Beim Einführungsgespräch mit der Supervisorin fragte sie: „Wie werden Sie das assessment der Teilnehmer durchführen?“ In dem Moment war mir klar, dass ich auf die Frage nicht vorbereitet war. Ich merkte auch, dass ich wenig über dieses Thema wusste – wahrscheinlich, weil es in meiner gesamten Ausbildung kaum behandelt wurde.

Aber was ist eigentlich ein assessment in der Musiktherapie? Es gibt verschiedene Definitionen von assessment in der Musiktherapie. Ich gebe hier eine Definition aus meinem Buch wieder (Gattino, 2021):

Eine mögliche Definition von assessment

Musiktherapeutisches Assessment kann definiert werden als ein strukturierter Prozess von 1) Vorbereitung; 2) Datensammlung; 3) Analyse, Interpretation und Ausarbeitung von Schlussfolgerungen über die bewerteten Daten; sowie 4) Dokumentation und Kommunikation von musikalischen und nicht-musikalischen Daten über den musiktherapeutischen Prozess, um Informationen zu liefern, um Entscheidungen zu treffen, Hypothesen aufzustellen, mehr über den Klienten zu erfahren und ein besseres Verständnis des musiktherapeutischen Prozesses zu bekommen.

Meine eigenen Erfahrunge mit assessment

Ich habe mein Forschungsprojekt mit einem Bewertungsinstrument durchgeführt, das nicht aus der Musiktherapie stammt, und konnte meine Arbeit veröffentlichen. Mir wurde jedoch bewusst, dass ich mehr über assessment lernen musste, und dass dies bis dahin ein wenig erforschtes Feld in der Musiktherapie war.

Assessment war das Thema meiner Doktorarbeit. Seitdem habe ich mehrere Kooperationen ins Leben gerufen, um verschiedene musiktherapeutische assessment-Instrumente für den Einsatz in Brasilien zu übersetzen und kulturübergreifend anzupassen. Außerdem habe ich mit der Durchführung von Studien begonnen, um die Validität und Zuverlässigkeit verschiedener musiktherapeutischer assessment-Instrumente zu untersuchen. Ich verwende einige Fachbegriffe, die vielleicht nicht leicht zu verstehen sind. Ich möchte jeden davon erklären.

Geringe Verfügbarkeit von frei zugänglichen Informationen

Zunächst ist mir aufgefallen, dass die meisten veröffentlichten Bewertungsinstrumente in englischer Sprache verfügbar sind, und dass deren formale Übersetzung und Anpassung an die kulturelle Realität Brasiliens notwendig sein würde.

Die dänische Musiktherapeutin Hanne-Mette Ridder veröffentlichte 2017 einen standardisierten Leitfaden für Musiktherapeuten zur Übersetzung und Anpassung eines Bewertungsinstruments in zehn Schritten: 1. Vorbereitung; 2. unabhängige Übersetzungen; 3. Abstimmung der Übersetzungen; 4. Rückübersetzung in die Originalsprache; 5. Überprüfung der Rückübersetzung; 6. Harmonisierung aller Versionen; 7. kognitives Debriefing (der Prozess der Analyse des übersetzten Instruments einschließlich der Analyse und Kritik der endgültigen übersetzten Version durch Experten); 8. Überprüfung der Ergebnisse und Abschluss des kognitiven Debriefings; 9. abschließende Überprüfung des Prozesses; und 10. Abschlussbericht der Überprüfung.

Validität und Reliabilität – zwei wichtige Kriterien

Validität und Reliabilität werden in der Regel auf sehr komplexe Weise erklärt. Hier möchte ich zwei einfache Möglichkeiten zum Verständnis dieser Begriffe aufzeigen. Bei der Validität geht es um die Untersuchung der Eigenschaften eines Bewertungsinstruments (in den meisten Fällen seine Punktzahlen und Messwerte). Die Zuverlässigkeit (Reliabilität) wiederum bezieht sich auf die Eigenschaften, die mit der Genauigkeit eines Instruments zusammenhängen. Das heißt, wie genau ist die Übereinstimmung der Ergebnisse verschiedener bewertender Personen untereinander.

Mangel an frei zugänglichen Ressourcen

Ich stellte bald fest, dass ein Großteil der Literatur über assessment nur in englischsprachigen Büchern und wissenschaftlichen Artikeln verfügbar war. Diese Ressourcen waren in den meisten Fällen kostenpflichtig und ermöglichten daher keinen demokratischen Zugang zum Thema. Dies ist höchstwahrscheinlich einer der Gründe für das fehlende Wissen über assessment: der Mangel an frei zugänglichen Ressourcen in der Landessprache der Musiktherapeut:innen eines bestimmten Landes (wenn diese nicht Englisch ist).

Was ist das International Music Therapy Assessment Consortium (IMTAC)?

Ein innovativer Vorschlag zur Demokratisierung des Zugangs zum Thema assessment war die Gründung des “International Music Therapy Assessment Consortium” (IMTAC). IMTAC ist ein Zusammenschluss verschiedener Institutionen, der den Zugang zum Thema Assessment in der Musiktherapie erleichtern und das Wissen darüber erweitern soll. Auf der IMTAC-Website sind eine Liste von assessment-Instrumenten für die Musiktherapie sowie eine Reihe von kostenlosen Webinaren abrufbar.

Für mich ist es eine herausragende Leistung, Teil dieser Gruppe zu sein, zu der auch von zwei deutsche Kollegen und Mit-Initiatoren gehören: Dr. Thomas Wosch und Dr. Thomas Bergmann. Eine der aktuellen Initiativen der Gruppe besteht darin, Musiktherapeut:innen und Musiktherapiestudent:innen über die Facebook-Gruppe einen Interaktionsraum zu bieten.

Webinare zum Austausch unter Praktikern geplant

Wir werden eine Reihe von Webinaren innerhalb der IMTAC-Facebook-Gruppe organisieren. Musiktherapeut:innen werden eingeladen, darüber zu sprechen, wie sie Assessment in ihrer beruflichen Praxis einsetzen. Unser Ziel ist es, eine engere Verbindung zwischen Forschung und klinischer Praxis zu ermöglichen. Wir wollen zeigen, dass assessment weit über die Veröffentlichung von Studien hinausgeht und Teil des täglichen Lebens von Musiktherapeut:innen ist.

Buch über assessment zum kostenlosen Download

Um dem Ziel einer demokratischen Verfügbarkeit zu Informationen und Instrumenten im Bereich assessment näher zu kommen, habe ich 2021 ein Buch mit dem Titel “Essentials of Music Therapy Assessment” (Download-Link) veröffentlicht, das kostenlos online abrufbar ist. Das Buch bietet Musiktherapeut:innen, die in ihrer assessment-Praxis unabhängig sein wollen, die Einführung in einige wesentliche Themenbereiche an. Die Hauptthemen des Buches sind die Darstellung von Konzepten und Definitionen von assessment in der Musiktherapieforschung, die Beschreibung der vier wichtigsten assessment-Instrumente in der Musiktherapie (Akteneinsicht, Interviews, Beobachtungen und Tests/Messungen), die Analyse und Interpretation von assessments, sowie die Ausbildung im Bereich der Beurteilung in der Musiktherapie.

Dieses Buch wird derzeit in verschiedene Sprachen übersetzt, um auch diese auf der Website der Universität Aalborg kostenlos zur Verfügung zu stellen. Eine deutsche Übersetzung ist noch nicht offiziell. Kontaktieren Sie mich, um diese Initiative zu unterstützen, wenn Sie an diesem Vorschlag interessiert sind.

Materialien auf meiner Webseite

Zusätzlich zum Buch über die Beurteilung in der Musiktherapie stelle ich auf meiner Website eine Reihe von Materialien für Musiktherapeuten zur Verfügung, die Musiktherapeut:innen in ihrer klinischen Praxis verwenden können. Zu diesen Ressourcen gehören die Dokumentation der Beurteilungspraxis, Listen von Beurteilungsinstrumenten, ein Leitfaden zur Organisation der Beurteilungspraxis und zwei Beobachtungsinstrumente (eines für Einzelsitzungen und das andere für Gruppen). Diese Ressourcen können über den folgenden Link abgerufen werden.

Wie präsent ist assessment in den Musiktherapie-Ausbildungen?

In den Jahren meines Studiums habe ich festgestellt, dass viele Auszubildende mit dem Thema assessment nicht vertraut sind. Was könnten die Gründe für diese Realität sein? Ich nenne hier einige Möglichkeiten: eine starke Konzentration auf die Planungs- und Behandlungspraxis, und das daraus resultierende geringe Ausbildungsangebot zum Thema assessment.

Bei einer Überprüfung der Lehrpläne von 152 Musiktherapieausbildungen (Bachelor und Master) in der ganzen Welt habe ich erfahren, dass die meisten von ihnen keine speziellen Seminare über assessment beinhalten. Nur 29 von ihnen sehen zum Thema assessment (innerhalb oder außerhalb des musiktherapeutischen Kontextes) eigene Lehrinhalte vor. Von diesen 29 Kursen waren neun Bachelor- und zwanzig Masterstudiengänge. Daraus können wir schließen, dass das Thema assessment in unseren Ausbildungen stärker berücksichtigt werden muss!

Fortbildungsangebote zu assessment im Allgemeinen sind rar

Was das frei zugängliche Fortbildungsangebot zu assessment-Themen anbelangt, habe ich nicht viel gefunden. Die meisten Schulungen beziehen sich auf ein bestimmtes Bewertungsinstrument. Mit anderen Worten, es gibt praktisch kein allgemeines Fortbildungsangebot.

Während des ersten Jahres der Pandemie 2020 entstanden viele kostenlose Online-Seminare zu musiktherapeutischen Themen, allerdings nichts zu assessment. Aus diesem Grund habe ich ein Webinar zum Thema assessment in der Musiktherapie zu verschiedenen Zeiten gestartet, um Musiktherapeuten auf der ganzen Welt das Erlernen dieser Inhalte zu erleichtern.

Kostenloses Einführungs-Webinar zu assessment

Es war eine fantastische Erfahrung, die ich in den kommenden Jahren weiter ausbauen möchte. Im Rahmen einer Zusammenarbeit mit der Universität Aalborg werde ich die Möglichkeit haben, am 15. und 16. Oktober 2022 einen zweitägigen Kurs zum Thema Beurteilung in der Musiktherapie völlig kostenlos anzubieten. Wenn Sie an einer Teilnahme interessiert sind, finden Sie hier die Informationen und das Anmeldeformular.

Fazit

Aus meinen Erfahrungen heraus kann ich schlussfolgern, dass assessment in der klinischen Praxis aller Musiktherapeut:innen präsent ist, auch wenn es nicht zu den am häufigsten behandelten Themen in der Ausbildung und in der Fachliteratur gehört. Es werden jedoch verschiedene Anstrengungen unternommen, um die Verfügbarkeit von Materialien und Aus- und Fortbildung zu diesem Thema demokratischer zu gestalten.

Ich hoffe, dass Musitherapeut:innen für assessment immer mehr Bewusstsein entwickeln. Derzeit ist assessment in der Realität der Forscher, die das Thema untersuchen, präsenter als im täglichen Leben der Musiktherapeut:innen. Daher ist es notwendig, die Kluft zwischen diesen beiden Realitäten durch einen demokratischen und sinnvollen Zugang zu den assessment-Instrumenten in der Musiktherapie zu verkleinern.

assessment bietet die Möglichkeit, auf der Suche nach mehr Erkenntnis über den betreuten Klienten die subjektiven und objektiven Aspekte des musiktherapeutischen Prozesses zu verstehen.

Referenzen

Gattino, G. S. (2021). Essentials of Music Therapy Assessment. Forma e Conteúdo Comunicação Integrada (Download).

Jacobsen, S.,Waldon E. & Gattino, G. (2019). Music Therapy Assessment: Theory, Research, and Application. Jessica Kingsley Publishers.

Ridder, H. M., McDermott, O., & Orrell, M. (2017). Übersetzungs- und Anpassungsverfahren für musiktherapeutische Outcome-Instrumente. Nordic Journal of Music Therapy, 26(1), 62-78.

Copyright Header-Foto: Gustavo Schulz Gattino

Gustavo Schulz Gattino

Gustavo Schulz Gattino

Gustavo Schulz Gattino, PhD, ist Musiktherapeut und außerordentlicher Professor in der Abteilung für Kommunikation und Psychologie an der Universität Aalborg (Dänemark). Er ist Dozent in den Bachelor-, Master- und PhD-Studiengängen für Musiktherapie an dieser Universität. Er ist vom portugiesischen Musiktherapie-Verband (APMT) als Musiktherapeut anerkannt und vertritt Dänemark in der European Music Therapy Confederation (EMTC). Dr. Gattino ist Herausgeber der portugiesischen Zeitschrift für Musiktherapie (RPM). Er ist Mitglied des International Music Therapy Assessment Consortium (IMTAC) und Mitglied der Publikationskommission der World Federation of Music Therapy (WFMT) Email: gattino@hum.aau.dk.

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