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Musiktherapie – interdisziplinär: Mehr Teamarbeit ist nötig!

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Ein Interview mit Carina Petrowitz von Nicole Tinnefeld und Volker Bernius.

Musiktherapeut.innen arbeiten häufig im therapeutischen Team und sind stark eingebunden in die Kooperation mit anderen Berufsgruppen. Wie funktioniert eine interdisziplinäre Zusammenarbeit und wie kann sie gelingen? Welche Bedeutung kann der Musiktherapie dabei zukommen? In einem Beitrag für die Musiktherapeutische Umschau (Heft 4/2021) „Vom Pflichtfach zur Herzenssache – Musiktherapie in der interdisziplinären therapeutischen Arbeit“ hat Carina Petrowitz über dieses Thema im Anschluss an ihre Masterarbeit berichtet.

 

Interview mit Carina Patrowitz zur Interdisiplinären Arbeit in der MusiktherapieCarina Petrowitz ist seit 11/2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin im EU-JPND-research Projekt HOMESIDE. Sie studierte Musik (Flöte) an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf und Musiktherapie (M.A.) an der FHWS. Im Projekt HOMESIDE sind ihre Forschungsschwerpunkte die online-Musikintervention zum skill-sharing im Alltag für häuslich pflegende Angehörige und deren Angehörige mit Demenz sowie die neuen Aufgaben und Kompetenzen von Musiktherapeuten in diesem Setting. Dazu wird sie im BayWISS Gesundheit promovieren (Universität Augsburg).

 

Frau Petrowitz, Musiktherapie wird sowohl von Musiktherapeut.innen als auch von anderen Berufsgruppen im klinischen Kontext schon als „bedeutsam“ eingeschätzt. Das zeigen die Ergebnisse Ihrer Interviews zum Thema der interdisziplinären therapeutischen Arbeit. Im Beitrag der MU ist zu lesen, dass Sie selbst die Erfahrung gemacht haben, dass die Musiktherapie in einigen Kliniken ein „kaum wahrnehmbares Dasein driftet“. Wie wird das sichtbar und welche Erklärung haben Sie dafür?

Das wird zum Teil bereits räumlich sichtbar, abseits im Keller hinter eingelagerten Betten befindet sich der Musiktherapieraum. Aber auch im Austausch und der Kommunikation der Kolleg.innen mit den einzelnen Stationen zeigt sich, dass Musiktherapie schnell vergessen oder kaum wahrgenommen wird. Patient.innen werden erst gar nicht in die Musiktherapie eingeplant, wenn aber doch, erscheinen sie unter Umständen nicht…

… woher kommt das oder wie ist das zu verstehen?

Zum Teil hängt das nach meiner Einschätzung mit starren hierarchischen Strukturen zusammen, die nur schwer aufgebrochen werden.  Möglicherweise spielt aber auch ein Konkurrenzdenken der unterschiedlichen Disziplinen eine Rolle – so etwa nach dem Motto:  ‚Ich selbst kann die erfolgversprechendste Therapie anbieten‘.

In Teams gelten Musiktherapeut.innen hin und wieder als „Paradiesvögel“. Die Berufe Psychotherapeut.in, Ergotherapeut.in, Physiotherapeut.in etc. scheinen etablierter, aber auch inhaltlich nachvollziehbarer zu sein. Inwieweit sehen Sie die Musiktherapeut.innen in der Pflicht, mehr über ihre therapeutische Vorgehensweise und die Inhalte ihres Berufes zu informieren?

Ich denke, Offenheit und vor allem ein präsentes Auftreten und Darstellen von Entwicklungen und Beobachtungen aus den musiktherapeutischen Sitzungen in den interdisziplinären Teamsitzungen können ein einfaches aber erfolgreiches Mittel sein , den Eindruck des „Paradiesvogels“ dauerhaft zu verändern….

…wie schafft man das?

… dabei spielt nach meiner Ansicht professionelles und reflektiertes Auftreten eine wichtige Rolle. Die Musiktherapeut.innen dürfen dabei mutig und engagiert agieren, vielleicht ist dafür zunächst noch mehr Engagement notwendig als in den anderen genannten Berufsgruppen.

Gibt es Beispiele von anderen Berufsgruppen, die besser über ihren Beruf informieren?

Vor allem glaube ich, dass andere Berufsgruppen im therapeutischen Umfeld grundsätzlich bereits etablierter sind und weniger hinterfragt werden. Psychotherapeut.innen haben beispielsweise die Qualität ihrer Ausbildung bereits erfolgreicher verankert. Da hat die Musiktherapie als Disziplin sicher noch Nachholbedarf.

Das kann ja bei der Musiktherapie deshalb schwierig sein, weil es ja erstens ganz verschiedene Niveaus, Voraussetzungen und Inhalte einer Ausbildung gibt – vom Drei-Wochen-Lehrgang bis zur Master-Ausbildung auf akademischer Ebene – und zweitens die Standards einer qualifizierten Musiktherapie-Ausbildung nicht gesetzlich geregelt sind: Da scheint es schon verständlich, dass nicht nur Musiktherapeut.innen sondern auch auch Therapie-Kolleg.innen die Qualität einer musiktherapeutischen Ausbildung nicht erkennen können – was schlagen Sie konkret im Alltag vor? Sie schreiben ja, konkrete Vorschläge für mehr Transparenz, mehr Information, mehr Sichtbarkeit scheiterten an der Umsetzung im Arbeitsalltag der von Ihnen befragten Musiktherapeut.innen. Welches Handlungskonzept haben Sie – vielleicht auch anhand von Beispielen?

Ein Handlungskonzept könnte zum Beispiel aus verschiedenen Bausteinen bestehen.

– Es sollten grundsätzliche Informationen zur Therapie und den Möglichkeiten öffentlich zur Verfügung stehen, zum Beispiel eine allgemeine Beschreibung der musiktherapeutischen Praxis und der therapeutischen Ziele – auch auf einem Flyer und auf der internet-Seite einer Einrichtung.

– Im Rahmen von Fortbildungstagen sollte Musiktherapie Thema werden – Musiktherapeut.innen stellen ihre Methode vor, inklusive Selbsterfahrung.

– Im Laufe der Zusammenarbeit sollte ein Leitfaden zur therapeutischen Reflexion in interdisziplinären Teamsitzungen vereinbart werden.

– Es braucht Schulungen über Möglichkeiten der Veränderungen auf struktureller Ebene…

… was verstehen Sie unter dem letzten Punkt genau? Welche Veränderungen auf struktureller Ebene?

Unter der Einbindung auf struktureller Ebene verstehe ich, die Regelung über den grundsätzlichen Einsatz von Musiktherapie in Einrichtungen. Also z.B. auf welchen Stationen wird Musiktherapie überhaupt und wie oft eingesetzt, wie ist die Angliederung an die Stationen geregelt, finden gemeinsame Teamsitzungen statt oder ist es möglich in Visiten dabei zu sein? Oder auch die Frage, ob lediglich offene Angebote stattfinden oder Musiktherapie ein fester Bestandteil des Therapieplanes sind. Auf dieser Ebene gibt es sicher ganz unterschiedliche und vielfältige Möglichkeiten, sozusagen „Modelle des Einsatzes von Musiktherapie“. Ein Austausch und Informationen dazu kann sicher für viele im klinischen Umfeld tätige Musiktherapeut.innen sinnvoll und gewinnbringend sein.

Der Beruf des Musiktherapeuten, der Musiktherapeutin ist ja in Deutschland gesetzlich nicht geregelt wie zum Beispiel in Österreich. Es könnte ja sein, dass sich das auch auf die Zusammenarbeit in einem Team auswirkt, weil das Image eines „ordentlichen Berufs“ fehlt und damit die Verankerung im Alltagsbetrieb nicht da ist – weder bei einer Klinikleitung noch bei Personalverwaltungen – es gibt ja heute noch Kliniken, in denen die Künstlerischen Therapeut.innen als Fachtherapeut.innen verwaltungstechnisch entweder zum Beispiel bei der Pflege oder bei der Ergotherapiegruppe angesiedelt sind…

Sie haben völlig recht, dem stimme ich absolut zu und es zeigte sich in den Interviews, dass diese Regelungen der Ausbildung und auch der Verankerung in der Klinik vor allem den Befragten anderer Berufsgruppen nicht klar ist. Hier braucht es also auch immer wieder Aufklärung und Information; Musiktherapeut.innen wissen, dass sie das leisten müssen – das lässt sich auch als ‚Öffentlichkeitsarbeit im Inneren‘ bezeichnen.

Nun gibt es sicher viele Möglichkeiten der interdisziplinären Zusammenarbeit vom reinen Informationsaustausch über Patient.innen bis hin zu gemeinsamer praktischer Arbeit. Welche besonderen Formen der interdisziplinären therapeutischen Arbeit wären aus Sicht der Musiktherapie denkbar?

Ich denke Musiktherapeut.innen bringen grundsätzlich eine große Offenheit für alle Formen der Zusammenarbeit mit und haben in den Interviews dazu auch konkrete Ideen und Gedanken geäußert. Das betrifft die direkte Zusammenarbeit in einer Therapiestunde aber auch jede Form von weiterführender interdisziplinärer Kooperation. So wurde zum Beispiel der Wunsch vom engen „Hand in Hand“ arbeiten mit anderen Berufsgruppen geäußert. Wenn die Möglichkeiten dazu gegeben werden, können dabei sicher neue vielversprechende Kooperationen entstehen.

Was empfehlen Sie musiktherapeutischen Berufsanfänger.innen für den Start in einer Klinik und somit in einem interdisziplinären Team?

Ich empfehle ein präsentes und offenes Auftreten im Umgang mit Kolleg.innen, aber auch immer wieder ein Hinweis auf die Musiktherapie als sinnvollen ergänzenden Therapiebaustein, vielleicht mit ganz konkreten Beispielen oder auf Patient.innen bezogen. Z.B: „Ich könnte mir in dem Fall die Teilnahme an der Musiktherapie gut vorstellen, da in der Gruppentherapie (in der Improvisation oder konkreten musiktherapeutischen Vorgehensweise) diese Problematik immer wieder thematisiert (reflektiert) wird.“

Wie sieht interdisziplinäre Zusammenarbeit im Team für Sie optimal aus?

Offen, professionell, wertschätzend. Für mich ist optimale Zusammenarbeit gewährleistet, wenn sie sehr konkret (operationalisiert) stattfindet und auf bestimmte Problemstellungen direkt eingeht, sodass gemeinschaftlich therapeutische Prozesse entstehen und gestaltet werden können. Dabei sind alle Teammitglieder offen, professionell und wertschätzend im Umgang miteinander.

Vielen Dank für das Gespräch!

Carina Petrowitz. Vom Pflichtfach zur Herzenssache. Musiktherapie in der interdisziplinären therapeutischen Arbeit. Musiktherapeutische Umschau Bd. 42, 4 (2021). 387-392.

Volker Bernius ist Chefredakteur der Musiktherapeutischen Umschau.

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Nicole Tinnefeld

Nicole Tinnefeld

Studium der Sondererziehung und Rehabilitation mit dem Schwerpunkt Sprachbehinderten- und Musikpädagogik an der Universität Dortmund (1997-2002), Abschluss 1. Staatsexamen. Studium der Musiktherapie an der Universität der Künste Berlin (2007-2011), Abschluss Master of Arts. Tätig als Musiktherapeutin im „Haus Barbara“ Essen – geschlossene Facheinrichtung für Gerontopsychiatrie (2011-2021) und im Otto-Hue- Seniorenheim Essen (seit 2021). Tätigkeitsschwerpunkte: gerontopsychiatrisch veränderte Menschen.

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