Musiktherapie Akutpsychiatrie Header Blogbeitrag

Genussmomente: wertvolle Kurzkontakte auf der psychiatrischen Akutstation

Share on facebook
Share on twitter
Share on google
Share on email

Autorin: Eva Terbuyken-Röhm –

Seit nun mehr als sieben Jahren bieten wir in unserer Klinik ein besonderes milieutherapeutisches Musiktherapiekonzept in der Akutpsychiatrie an. Dies beinhaltet, dass die Musiktherapie in einem offenen Setting auf den geschlossen psychiatrischen Akutstationen stattfindet. Die Musiktherapie richtet sich dabei vor allem an akutpsychiatrische Patienten, die sonst an anderen Therapien wenig teilnehmen. Die Patienten sind noch akut, nehmen trotzdem nach ihren Möglichkeiten teil.

Die Patienten kommen und gehen nach Belieben. Die Teilnahme ist frei.

Die Musiktherapie findet hier immer an zwei Vormittagen offen an einem Tisch im Tagesraum der Station statt. Die Stimmung der Station wird direkt spürbar. Die Patienten kommen und gehen nach Belieben, die Teilnahme ist frei. Jede Stunde gibt es eine neue Gruppenzusammenstellung.

Das Vorgehen der Musiktherapie ist hier vergleichbar mit einer gemütlichen Runde.

Die musiktherapeutischen Mittel werden immer situativ gewählt und die musikalische Arbeit ist oft basal. Die Teilnahme kann rezeptiv und aktiv sein. Das gemeinsame Singen und Spielen von Liedern steht hierbei im Vordergrund. Zudem wird auch Musik vorgetragen und die Patienten hören zu. Das Vorgehen der Musiktherapie ist hier vergleichbar mit einer gemütlichen Runde, in der ich Gitarre spiele und mit den Patienten Lieder singen; manche Patienten trommeln zu den Liedern oder hören nur zu. Zwischendurch unterhalten wir uns oder schweigen. Kaffee trinken, essen, stricken, malen, alles ist bei dieser Musiktherapie erlaubt, solange es keinen anderen stört. Dieses inoffizielle Therapiemodell hat sich gerade für die akut kranken Menschen der geschlossen psychiatrischen Stationen als sehr effektiv erwiesen.

Selbsterleben im Hier und Jetzt.

Im Zentrum der musiktherapeutischen Ziele und Interventionstechniken steht bei dieser Methode ein musikalisches Genussmoment, basierend auf einer Definition von Musikgenuss, die sich an dem Zusammenhang von Musiktherapie und Selbstpsychologie orientiert. Sobald dies spürbar wird und der Patient sich diesem Genuss öffnet, wird er gezielt eingesetzt zum Aufbau einer narzisstischen Übertragung, zum Selbsterleben im Hier und Jetzt, zur zwischenmenschlichen Kontaktaufnahme und Kommunikationsförderung, zum Realitätsbezug sowie zur Aktivierung bei apathischen Patienten bzw. zur Beruhigung bei unruhigen Patienten.

Diese Theorie zum narzisstischen Musikgenuss wie auch die folgende Falldarstellung ist in dem Buch „Narzissmus in der Musiktherapie. Der narzisstische Musikgenuss in der Musiktherapie auf geschlossen psychiatrischen Stationen.“ (Terbuyken-Röhm, 2019)[1] wiederzufinden.

Lange sitzen zu bleiben, scheint besonders für diese akut kranken Patienten sehr schwierig zu sein.

An diesem milieutherapeutischen Angebot nehmen vor allem Patienten mit einer Schizophrenie teil. In Bezug auf Schizophreniepatienten mit einer akuten Psychose gestaltet sich die Teilnahme vor allem darin, dass sie während der Musiktherapie kommen und gehen. Lange sitzen zu bleiben, scheint besonders für diese akut kranken Patienten sehr schwierig zu sein. So herrscht bei vielen Patienten ein ständiges Kommen und Gehen und Kommen und Gehen während der Musiktherapie. Dies stört jedoch keineswegs den Ablauf. Im Gegenteil sogar: Es gehört zur Musiktherapie dazu, dass hin und wieder ein akut psychotischer Patient zum Tisch der Musiktherapie dazu kommt, etwas mitsingt oder auf einem Instrument kurz spielt und danach wieder geht.

Die folgende Falldarstellung beschreibt, wie wichtig gerade solche Kurzkontakte für diese Patienten sein können. Dabei ist diese Falldarstellung nur eine von mehreren Beispielen aus der musiktherapeutischen Arbeit in den geschlossen psychiatrischen Stationen (vgl. Terbuyken-Röhm 2019, S. 342ff).

Herr F[2] ist Mitte Vierzig und wird in regelmäßigen Abständen immer wieder auf der geschlossenen Akutstation unserer Klinik aufgenommen. Er leidet an einer paranoiden Schizophrenie und befindet sich zum Zeitpunkt der Musiktherapie in einer akuten Krankheitsphase. Herr F ist in einem stark verwahrlosten Zustand. Er ist von starker Unruhe geprägt und raucht sehr viel. Zudem läuft er oft kaum bekleidet, ungewaschen und hektisch über die Station. Typisch für diese Erkrankung ist, dass diese Patienten oft stark beeinflusst wirken, Halluzinationen haben oder unter einem Wahn leiden. So wirkt auch Herr F derzeit stark beeinflusst und nicht in der Realität greifbar. Zudem ist er schwierig im Kontakt. Er muss oft durch das Pflegepersonal in seinem Verhalten eingegrenzt werden, da er zum Beispiel andere Patienten belästigt und mit seinem Verhalten stört. Darunter fällt vor allem unerlaubt im Tagesraum rauchen oder ähnliches.

Der Verlauf in der Musiktherapie mit Herrn F gestaltet sich wie folgt:

Herr F ist seit zwei Monaten auf der geschlossenen Station und kommt oft zur Musiktherapie, bleibt hier jedoch kaum 30 Sekunden auf einem Stuhl sitzen und geht dann sofort wieder, ohne aktiv teilgenommen zu haben. Er sieht mich oft direkt an, spricht jedoch nicht mit mir, reagiert nicht auf meine Einladungen zur Teilnahme oder auf Fragen.

An einem Morgen kommt Herr F jedoch an den Tisch der Musiktherapierunde und spielt zum ersten Mal direkt auf einem Instrument. Ich lasse ihn alles ausprobieren und grenze ihn nicht ein. Er bleibt dabei stehen, setzt sich nicht dazu. Ich mache währenddessen mit der Therapie weiter, da es nicht störend auf die Lieder, die ich mit der Gruppe singe, wirkt. Er spielt sehr chaotisch und unrhythmisch, das heißt sein Spiel passt nicht zur Musik der Gruppe. Aber keinen scheint dies zu stören. Als ein Platz direkt neben mir frei wird, setzt er sich neben mich.  Ich spreche ihn direkt an und frage, was er für einen Liederwunsch habe. Er wünscht sich direkt zwei Lieder, die wir sofort singen: einen Hit aus den Achtzigerjahren, und einen deutschen Schlager. Bei dem ersten Lied singt er kaum hörbar mit, aber bei dem zweiten Lied singt er plötzlich laut mit und sieht mich dabei eindringlich an. Ich spüre, dass ich den Augenkontakt halten muss, da sonst wieder etwas zerbricht. Deswegen halte ich den Blickkontakt bis zum Ende des Liedes. Danach lobe ich ihn für den tollen Gesang und er lächelt mich an. Sofort verändert sich in diesem Lächeln etwas für mich und ich kann den Menschen sehen, der hinter der Krankheit steckt. Er singt weiter mit mir einige Lieder, bis er wieder aufsteht und geht. Er kommt noch einige Male zurück und setzt sich wieder neben mich und singt kurze Abschnitte mit. Er spielt auch immer wieder auf den Instrumenten und nimmt zuletzt einen Schlägel mit, den ich mir beim Aufräumen nach der Therapie zurückhole.

In der nächsten Stunde kommt Herr F einige Male zur Musiktherapie dazu und setzt sich aber nur ganz kurz. Er nimmt auch einmal eine Trommel und spielt auf ihr. Schnell steht er aber wieder auf und geht. Er bleibt immer nur für zwei Minuten. Beim ersten Mal ist er nur halb angezogen und wird von den Pflegern weggeholt. Als ich ihn anspreche, sieht er mich direkt an und scheint sich zu erinnern, dass er schon einmal mit mir gesungen hat. Aber leider kommt es nicht dazu.

Auch in der darauffolgenden Stunde ist Herr F wieder sehr unruhig. Er kommt und geht und kommt und geht. Er setzt sich auch einige Male zur Musiktherapie dazu. Er sieht mich immer an, als ob er durch mich durch sehe, dennoch denke ich, dass er mich wiedererkennt. Einmal nimmt er spontan das Glockenspiel, während ich ein Lied von den Beatles singe, und spielt dazu mit. Ich spiele nach dem Lied noch einige Akkorde weiter, um den musikalischen Kontakt mit ihm nicht abzubrechen und darin weiter zu verweilen. In diesem kurzen Moment merke ich, dass er auf mich eingeht und es entsteht ein kurzer Moment musikalischer Schönheit. Unser Zusammenspiel klingt richtig schön. Aber dann hört er plötzlich auf und geht. Später kommt er noch einmal zurück und singt seinen Lieblingsschlager kurz mit. Dabei sieht er mich fortwährend an. Mittendrin bricht er dann wieder ab und geht. Es wirkt auf mich, dass er immer dann wegläuft, wenn es ihm zu viel, zu nah wird. Als ich später mit einer Patientin ganz leise ein weiteres Lied singe und auch hier wieder so eine ganz zarte Stimmung entsteht, spricht Herr F plötzlich laut dazwischen. „Ich liebe dich!“ (eine Zeile aus seinem Lieblingsschlager) sagt er und sieht mich dabei an. Als die Mitpatienten darüber lachen, steht er wieder auf und geht. Ich merke, wie unbeholfen Herr F mit freundlichem Kontakt umgehen kann und eine freundliche Geste direkt überschwänglich wahrnimmt.

In der letzten Musiktherapiestunde kommt und geht Herr F immer wieder. Ich spüre aber, wie er etwas Vertrautes in der Musiktherapie wiederentdeckt. Mehrmals nimmt er eine Trommel und spielt hierauf ganz laut, jedoch nicht zur Musik der Gruppe passend. Auch das Glockenspiel bespielt er mehrmals. Hier spielt er immer wieder die Tonleiter auf und ab. Dies scheint ihn jedoch zu beruhigen, so dass er sich für einen Moment ruhig damit beschäftigen kann. Wenn Störfaktoren aus der Gruppe hinzukommen, bricht er jedoch sofort ab und geht. So schaffe ich es leider nicht, mit ihm musikalisch im Spiel Kontakt aufzubauen und mit ihm richtig zusammen zu spielen. Nach der Musiktherapie muss ich noch einiges auf der Station regeln und Herr F läuft hierbei unentwegt hinter mir her, selbst bis zur Eingangstür, als ich dann endgültig gehe.

Wertvolle Momente des Musikgenusses.

Dies ist ein Beispiel dafür, wie diese Methode mit dem offenen Setting sehr akuten Patienten die Teilnahme an einer Therapie überhaupt ermöglicht. Herr F ist schwer krank und sein zwischenmenschliches Verhalten ist so stark gestört, dass er oft gar nicht mehr weiß, wie er sich im Umgang mit Mitmenschen verhalten soll. Bei Liedern, die er gut kennt, wird ihm jedoch eine Gelegenheit geboten, positiv mit anderen in Kontakt zu treten. Diese Art des Kontakts ist so eng verwoben, dass schon ein kurzes Abwenden des Blickes einen Kontaktabbruch bedeuten kann. Hier entsteht eine höchst enge Verschmelzung mit dem idealisierten Objekt, das in diesem Fall ich als Therapeutin bin und das Herr F sofort „anhimmelt“. Auch wenn dies nur kurze Momente sind, ist es dennoch erstrebenswert, akut kranken Patienten wie Herrn F diese Momente des Kontakts anbieten zu können. So werden auch schwer kranken Menschen in der Akutpsychiatrie wertvolle Momente des Musikgenusses ermöglicht.

 

Dr. Eva Terbuyken-Röhm Musiktherapeutin

Dr. Eva Terbuyken-Röhm studierte Geige und Musiktherapie am Conservatorium Enschede (NL) sowie klinische Musiktherapie an der Universität Münster. 2015 bis 2019 promovierte sie an der Universität Münster bei Prof. R. Tüpker zum Thema „Narzissmus in der Musiktherapie. Der narzisstische Musikgenuss in der Musiktherapie auf geschlossen psychiatrischen Stationen.“ mit erfolgreichem Abschluss (Dr. phil.). Neben der Kinder­musik­therapie erwarb sie Erfahrungen im Bereich Geronto­psychiatrie und Forensik, in der Kombination Musiktherapie und Logopädie sowie Musiktherapie mit Menschen mit Behinderungen. Seit 2013 arbeitet sie als Musiktherapeutin in der Erwachsenen­psychiatrie der LVR-Klinik Viersen mit dem Schwerpunkt Musiktherapie auf geschlossen psychiatrischen Stationen.

 

[1] Terbuyken-Röhm, Eva (2019): Narzissmus in der Musiktherapie. Der narzisstische Musikgenuss in der Musiktherapie auf geschlossen psychiatrischen Stationen. Münster: readbox unipress.

[2] Die Initiale ist frei erfunden und steht nicht mit dem Namen des Patienten in Zusammenhang.

Copyright Header-Foto: Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft.

Schreibe einen Kommentar

vierzehn + 19 =