Filmrezension Musikfilme aus musiktherapeutischer Sicht vonHaffa-Schmidt Back

Die zwei von der Filmstelle:
“Ennio Morricone – Der Maestro”

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Wenn die beiden Musiktherapeutinnen Christine Back und Ulrike Haffa-Schmidt in Nürnberg ins Kino gehen, setzen sie ab und zu ihre Musiktherapeutenbrille auf. Dabei entdecken sie immer wieder interessante Berührungspunkte zu ihrem Berufsfeld.

Ennio Morricone - Der Maestro

  • Filmstart: 22. Dezember 2022
  • Dauer: 203 Minuten
  • Regie und Drehbuch: Giuseppe Tornatore
  • Genre: Dokumentation
  • Produktionsland: Italien

Film > Musik < Therapie

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Ennio Morricone (italienischer Komponist, Dirigent, Oscarpreisträger; 1928 – 2020) hat neben manch anderem die Filmmusik für über 500 Filme geschrieben. Grund genug, ihm auch ein filmisches Vermächtnis zu setzen in Form der fast dreistündigen Dokumentation Ennio Morricone – Der Maestro, unter der Regie des hochkarätigen Regisseurs Giuseppe Tornatore. Und die Dokumentation ist für alle wirklich sehens- und hörenswert, die Filmmusik und Kino mögen.

Doch eben auch für unsere Profession erscheint mir die Dokumentation über die Arbeit und das Schaffen von Ennio Morricone bemerkenswert und inspirierend. Da ist zum einen das beeindruckende handwerkliche Können, auf dem seine enorme Schaffensbreite gegründet ist und den Zuschauer teilhaben lässt, wenn er Noten schreibt wie ein Tintenstrahldrucker. Und andererseits ist immer wieder eine glaubhafte Dankbarkeit und Demut zu spüren über den Prozess von kreativer und empathischer Energie. Da ist seine kontinuierlich offene Neugier auf die Geschichten anderer und sein Vermögen, diese durch sein Sich einlassen mit einer anderen Ebene, eben die der Musik, anzureichern.

Dabei bleibt er sich gleichzeitig unerschütterlich selbst treu, mit dem was ihm in der Musik wichtig ist und mit seinem Drang nach dem Neuen, dem Experimentellen, dem Wagnis, auch gegen den Widerstand anderer und konservative Verhärtung. So hat er beispielsweise bei drei Filmen die Filmmusik, bis auf die Festlegung von bestimmten Motiven, quasi dazu improvisieren lassen und auch selbst mitgespielt. Daneben ist es beeindruckend, etwas von seinem Kompositionsstil kennenzulernen, der oftmals von bestechender Vielschichtigkeit ist.

Wenn man der Dokumentation Glauben schenkt, dann hat Morricone die Filmmusik emanzipiert, weg von reiner Begleitung, hin zu einer eigenständigen Kunstform. Er hat das Visuelle und das Offensichtliche auf der Leinwand mit seiner Musik um einen vorher nicht da gewesenen Bereich erweitert, und den Filmen damit eine neue emotionale Tiefe gegeben. Und da kann ich mich doch als Musiktherapeutin wiederfinden, wenn ich mit den Patientinnen und Patienten versuche, mit Hilfe der Musik auf eine neue Ebene zu kommen – neben dem Bewussten und Vertrauten. Denn Therapie braucht das Fühlen und braucht neue Gedanken und neues Erleben, eben eine neue Tiefe, in der Veränderung sich anwurzeln und wachsen kann.

„Aber …“, so schaltet sich jetzt Ulli ein. „Die Filmausschnitte und Interviews zeigen auch, wie Morricone an die Kompositionen rangeht und was er mit der Musik erreichen, also welche Wirkung er erzielen möchte. Das hat mich, wenn ich den Musiktherapie-Hut aufhabe, teilweise doch auch erschreckt, denn es zeigt das Manipulative, das Musik auch haben kann, und dass wir uns das in unserer Arbeit immer wieder bewusst machen müssen.

Mich hat es überrascht“, so Ulli weiter, „wie viele Filme ich mit Morricones Musik kenne, und dass ich ihn hauptsächlich mit Italowestern wie Spiel mir das Lied vom Tod in Verbindung gebracht habe, und nicht mit Filmen wie Cinema Paradiso, Die Legende vom Ozeanpianisten (beide Regie Tornatore), Sacco und Vanzetti (Regie Montaldo) oder Fessle mich (Regie Almodovar). Noch mehr habe ich mich darüber gewundert, dass ich viele seiner Filmkompositionen kenne, obwohl ich nur einen Bruchteil der Filme gesehen habe. Aber diese Musik wirkt auch ohne den Film, denn sie sind moderne Klassiker und mittlerweile eigenständige, vielfach zitierte und gespielte Werke.“

Auch wenn wir das dritte Mal in Folge hier im Blog eine Dokumentation besprechen (wir sind während der Pandemie aus Mangel an neuen Spielfilmen begeisterte Fans von Dokus geworden), legen wir euch diese, wie aber auch jede vorherige, allerwärmstens ans Herz.

Fazit: sehenswert.

Christine Back

Christine Back

Christine Back ist Musiktherapeutin, Lehrmusiktherapeutin (DMtG), Heilpraktiker für Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz (HPG). Tätigkeit in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Martha-Maria-Krankenhaus Nürnberg, div. Lehrtätigkeit, selbständige Musikerin und Komponistin.

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