Wenn die beiden Musiktherapeutinnen Christine Back und Ulrike Haffa-Schmidt in Nürnberg ins Kino gehen, setzen sie ab und zu ihre Musiktherapeutenbrille auf. Dabei entdecken sie immer wieder interessante Berührungspunkte zu ihrem Berufsfeld.
The Piano Tuner
- Kinostart: 2. Juli 2026
- Produktionsjahr: 2025
- Dauer: 109 Minuten
- Regie: Daniel Roher
- Darsteller:innen: Leo Woodall, Dustin Hoffman, Havana Rose Liu, Jean Reno
- Musik: Will Bates
- Produktionsland: USA, Kanada
- Genre: Thriller
Handlung
Niki White (Leo Woodall) ist mit seinem alten und schon vergesslichen Mentor Harry Horowitz (Dustin Hoffman) als Klavierstimmer in New York unterwegs. Niki trägt Gehörschutz, ist ein zurückgezogener Eigenbrötler und scheint sich in seiner Welt eingerichtet zu haben.
Seine besondere Hörsensibilität bzw. Hyperakusis ermöglicht es ihm, auch Safes zu öffnen. Nachdem Harry einen Schlaganfall erleidet und dessen Frau Marla von den horrenden Schulden und Krankenhauskosten berichtet, entschliesst sich Niki, das Angebot des Gangsters Uri anzunehmen, in den Villen reicher Leute Safes zu knacken.
Währenddessen stimmt er weiterhin Klaviere und lernt dabei an der Musikhochschule die Kompositionsstudentin Ruthi (Havana Rose Liu) kennen. Beide werden ein Paar und Niki schenkt Ruthi unter anderem eine Uhr, die er aus einem der Safes hat mitgehen lassen.
Sein Doppelleben funktioniert eine Weile problemlos, aber bei einem Einbruch kommt es zu einem Zwischenfall, der Niki zum Aussteigen bewegt. Uri setzt ihn daraufhin mit psychischer und körperlicher Gewalt unter Druck und zwingt ihn, weiterzumachen. Die Geschichte hat nur zum Teil ein Happy End, nimmt aber eine für mich ungewöhnliche Wendung. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.
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Mehr InformationenWunderbare Musik
Dieser Film ist voller wunderbarer Jazznummern. Sofort wünscht man sich, selbst zur Musik von Herbie Hancocks „Watermelon Man“ durch New York zu cruisen.
Ein besonderes Sounddesign wurde in Bezug auf Nikis Hyperakusis verwendet, denn auch unsere Wahrnehmung verändert sich bei seinem Auf-und Absetzen des Gehörschutzes; den Klangbrei bei seinen akustischen Überforderungen finde ich genial umgesetzt.
Und wie schön, ihn beim Klavierstimmen zu sehen, wo er sich auf den einzelnen Ton und deren möglichen Klangfarben konzentriert, seiner Achtsamkeit beim Zerlegen des Klaviers, dem Bewegen des Stimmschlüssels oder wie er Ruthie seine Idee vom Klavierstimmen erklärt: „dem Streben nach Harmonie aller 88 Töne, welche aber niemals gelingen wird“. Dass Klavierstimmen- vorher fragt man sich, wie das interessant gestaltet werden kann- so spannend und unterhaltsam sein kann, toll!
Harmonie ins Chaos akustischer Impulse bringen?
Was Christine und mich als Musiktherapeutinnen am meisten angesprochen hat, war die Auseinandersetzung mit dem Thema Hören und Gehört-werden. Wie erlebt ein Mensch mit Hyperakusis die Welt und wie geht er damit um? Täglich in der Arbeit und in unzähligen Supervisions-und Intervisionsstunden beschäftigt sich ja unsere Berufsgruppe mit der subjektiven Wahrnehmung von Musik, Lautstärke, Klang und Krach und den damit verbundenen Gefühlen von Angst, Bedrohung, Verbindung oder Glück. Jeder Film zu einem dieser Themen ist ein Gewinn und stärkt auch die Akzeptanz unseres Berufes.
Sehr gefreut hat uns die Szene, als Niki und seine Freundin Ruthie Harry im Krankenhaus besuchen und die Idee haben, ein im Flur stehendes Klavier ins Patientenzimmer schieben.
Der Film ist vielschichtig und das ist möglicherweise seine Schwäche. Was da alles reingepackt wird und wieviele tief-und weniger tiefgründige Interpretationsmöglichkeiten uns im anschliessenden Gespräch eingefallen sind! Extremer Reichtum gepaart mit Arroganz prallt auf die hart arbeitende Bevölkerung, das Armutsrisiko Krankheit in den USA wird thematisiert, wir sehen jüdisches Leben und die noch jetzt spürbaren Folgen des Holocaust in New York, Gutmenschen und Gangster, die Liebe zwei Menschen aus vermeintlich unterschiedlichen Milieus, den Umgang mit Behinderung, der Liebe zur Musik, der Hochkultur vs. Subkultur um nur einige zu nennen. Dazu kommen noch Zitate aus anderen Dustin Hoffman-Filmen.
Uneins sind Christine und ich, was einige Gewaltszenen im Film angeht. Mir hätten sie angedeutet auch gereicht, für Christine spiegeln sie im Außen die Brutalität seiner Behinderung wider.
Und trotzdem: es ist ein Film, den ich euch und Ihnen ans Herz legen möchte und für den es sich lohnt, ins Kino zu gehen. Das Thema Behinderung in Form einer Hyperakusis, eine gute Story, tolle Filmmusik und gute Schauspieler:innen garantieren einen unterhaltsamen Abend.
Fazit: lohnenswert.

