Wenn die beiden Musiktherapeutinnen Christine Back und Ulrike Haffa-Schmidt in Nürnberg ins Kino gehen, setzen sie ab und zu ihre Musiktherapeutenbrille auf. Dabei entdecken sie immer wieder interessante Berührungspunkte zu ihrem Berufsfeld.
The Testament of Ann Lee
- Kinostart: 12. März 2026
- Produktionsjahr: 2025
- Dauer: 130 Minuten
- Regie: Mona Fastvold
- Darsteller:innen: Amanda Seyfried, Thomas McKenzie, Matthew Beard, Christopher Abbott, Viola Prettejohn
- Musik: Daniel Blumberg
- Produktionsland: Vereinigtes Königreich
- Genre: Musicalfilm
Die Last der Widersprüche: Wenn Musik das Unerträgliche bändigen muss
Der Film „The Testament Of Ann Lee“ erzählt das Leben von Ann Lee (Amanda Seyfried), die 1736 in der nordenglischen Stadt Manchester zur Welt kam, im Laufe ihres Lebens zur Gründerin der religiösen Glaubensgemeinschaft der „Shaker“ und von ihren Anhängern als „weiblicher Christus“ bezeichnet wurde.
Der Film hat uns von der Musiktherapie-Filmstelle aus zwei Gründen neugierig gemacht. Zuerst einmal ist es ein Musical-Film, der inhaltlich ein hochaktuelles Thema aufgreift, nämlich die Frage, wie in einer zunehmend verunsichernden Welt ein sinnvoller Lebensentwurf gedacht werden kann. Da stellt sich rasch die Frage, welche Rolle in diesem Genre die Musik hier zugesprochen bekommt, Intensivierung oder Flucht ins Seichte.
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Mehr InformationenZum anderen haben die Shaker bei ihren religiösen Zusammenkünften spezielle Hymnen oder Mantras gesungen, und gehen bei ihren typischen Schütteltänzen in einen stimmlichen Ausdruck, der an die Ur-Schrei Therapie von Arthur Janov erinnert. Hier stellt sich rasch die Frage, in welcher Weise das spürbare musik-therapeutische Potential von den Filmemachern verstanden und eingesetzt wird. Für mich waren das Gründe genug, den Film hier im Blog zu besprechen.
Wie man bemerkt, hat mich der Film bereits beim „Erstkontakt“ auf musiktherapeutisches Terrain gebracht, d.h. die „Indikation für Musiktherapie“ war gegeben. Wie in der Therapie habe ich mich dann über den „Patienten“ über die gängigen Informationsportale informiert und Einschätzungen anderer Rezensions-Kolleg:innen eingeholt. Und dann kam es zum „Einzel“, in diesem Fall nicht im Musiktherapieraum, sondern im Kino.
Mir begegnet ein Film, der meine bisherigen Informationen bestätigt, der aber auch genauso schnell wieder Fragen und Verunsicherungen aufwirft: Eine emotionslose weibliche Off-Stimme kommentiert intensive optische Szenen wie eine Doku. Die auf 70mm gedrehten und auf Alt getrimmten Filmsequenzen stehen im Gegensatz zum akustischen Feinschliff durchkomponierter Musik und durchchoreografierter Tanzszenen.
Die Musik von Daniel Blumberg trifft mich mit einer emotionalen Dichte, die mich erschreckt und ist dann plötzlich an manchen Stellen fast peinlich trivial und erinnert mich an Momente meiner eigenen Studiotätigkeit, wenn ich aus Zeitgründen etwas „hingerotzt“ habe. In Bezug auf die Protagonistin bin ich ständig hin und her gerissen, ob es sich bei ihren Ideen bezüglich Pazifismus, Gleichberechtigung, Einfachheit und Menschlichkeit um wunderbare und nachahmenswerte Ideale handelt, oder ob sich dahinter ein gefährlicher Fanatismus verbirgt.
Innerlich bemerke ich bei mir immer wieder den Gedanken, dass ich jetzt eigentlich aufstehen und gehen möchte, während mich gleichzeitig die Geschichte von Ann Lee zunehmend mehr in den Bann zieht. Darüber kann ich zwar immer mehr die inneren Zusammenhänge ihrer Lebensentscheidungen rational verstehen (schmerzhaften Traumatisierungen durch Gewalterfahrungen, Gefängnisaufenthalte und den frühen Tod ihrer vier Kinder), der emotionale Zugang bleibt mir aber erschwert.
Ich kann nachvollziehen, dass Ann Lee aufgrund ihrer Erfahrungen nichts mehr mit Sexualität zu tun haben möchte, frage mich aber, warum dies ein Ausschlusskriterium für die Glaubensgemeinschaft ist. Und nicht zuletzt wundere ich mich über die ekstatischen Tanz- und Gesangsmomente während der Zusammenkünfte, die das Atmen beim Geschlechtsverkehr oder einen Swingerclub in der Assoziation entstehen lassen. Und immer wieder Szenen, die grausam sind und von Aufnahmen abgelöst werden, die eine reine optische Schlichtheit anbieten, wie z.B. das noch heute präsente Design der Möbel und der Architektur der Shaker.
Die „Stunde“ ist um. Meine Fragen sind geblieben. Doch langsam faltet sich die Dynamik in mir auf. Es geht um Ambivalenz, um die Last der Widersprüche im Leben von uns Menschen. Wenn diese Last so schwer wiegt, dass das Ich an seiner eigenen Ganzheit zu zerbrechen droht, wenn die bewusste Integration, das mutige Aushalten gegensätzlicher Erfahrungen, Vorstellungen, Anteile scheitert, beginnt ein schleichender Prozess der Auslagerung. Doch das Abgespaltene verschwindet nicht. Es sucht sich eine neue Heimat, eine andere Ebene des Seins: wie z.B. das Unbewusste, das Vergessen oder die Projektion ins Außen. Bei Ann Lee, die das Reine und Gute in ihrer religiösen Vision von Gottbezogenheit und menschlicher arbeitsamer Gemeinschaft bündelt, findet der abgespaltene triebhafte Anteil die neue Heimat in der Musik mit Singen, Tönen, Atmen und Tanz. Da darf es lebendig werden, wild und laut.
Der Film hat mich als Musiktherapeutin in einer sehr besonderen Weise mit der Frage konfrontiert: was passiert in Momenten, in denen eine verzweifelte Psyche nach einer Lösung sucht, einer unerträglichen Spannung des Unvereinbaren zu entkommen und welche Rolle spielt dabei die Musik? Muss sie gegeben Falls das kontrollierte Exil für das Unversöhnte bleiben, oder kann und soll die Musik eine Brücke zur Heilung werden? Ich würde es mir selbst in so einem Moment wünschen, dass meine Musiktherapeutin einen „Therapieantrag“ stellt, denn der Preis ist die Tragik eines Ichs, das sich weigert, seine eigene Vielschichtigkeit auszuhalten – und darüber im eigenen Inneren heimatlos wird.
Fazit: „The Testament Of Ann Lee“ ist keine leichte Kost. Aber er hat mich wirklich gepackt, herausgefordert, lang beschäftigt und in mir eine wertvolle innere Auseinandersetzung ausgelöst. Absolut sehenswert!
