Filmrezension Musikfilme aus musiktherapeutischer Sicht vonHaffa-Schmidt Back

Die zwei von der Filmstelle:
“Meine keine Familie”

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Wenn die beiden Musiktherapeutinnen Christine Back und Ulrike Haffa-Schmidt in Nürnberg ins Kino gehen, setzen sie ab und zu ihre Musiktherapeutenbrille auf. Dabei entdecken sie immer wieder interessante Berührungspunkte zu ihrem Berufsfeld.

Meine keine Familie

  • Erscheinungsjahr: 2013
  • Dauer: 93 Minuten
  • Regie: Paul-Julien Robert
  • Produktion: FreibeuterFilm
  • Genre: Dokumentarfilm
  • Produktionsland: Österreich
  • Zu sehen auf DVD

Harte Kost Familie

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Sommerzeit ist Urlaubszeit, und damit auch Familienzeit. Wir zwei von der Filmstelle nehmen das zum Anlass, einen Dokumentarfilm zu diesem Thema vorzustellen. Und außerdem, in unserem Beruf kommen wir ja auch nicht an dem Thema Familie vorbei. Jede Patientengeschichte ist unweigerlich mit der Ursprungsfamilie verbunden und auch im eigenen Selbsterfahrungsprozess müssen wir uns mit unserem Familiensystem auseinandersetzen. Also, ran an das Thema Vater, Mutter, Kind. Aber wer sagt denn, dass Familie immer so aussehen muss?

In dem Dokumentarfilm „Meine keine Familie“ erzählt der Regisseur Paul-Julien Robert von seinen eigenen Erfahrungen zum Thema Familie, und die sind alles andere als „klassisch“. Doch das, was zunächst als durchaus interessantes Zeitdokument anzuschauen ist, verändert sich zunehmend in ein Drama voller Beklemmung, über Missbrauch, narzisstische Machtgier, dem schamlosen Ausnutzen von Bedürftigkeit und nicht nachvollziehbarer Ignoranz. Und auch die Musik wird missbraucht. Unter dem Deckmantel von kreativem Ausdruck und Selbstverwirklichung sind Real! Sequenzen zu sehen, in denen Musik zur Manipulation benutzt wird, die schlimmste Traumatisierungen zur Folge haben müssen und gleichzeitig das eigene Gewissen der Akteure ins Aus schießen. Echt gruselig! Und deshalb stellen wir den Film hier im Blog vor.

Zur Dokumentation: Anfang der 70er Jahre gründete der Wiener Aktivist Otto Mühl im österreichischen Burgenland die Kommune Friedrichshof. Bis zur Auflösung im Jahre 1990 galten dort die Grundprinzipien gemeinschaftliches Eigentum, gemeinsame Arbeit und freie Sexualität. Die Kernfamilie wurde zu Gunsten offener Paarbeziehungen aufgegeben, die Kinder wuchsen im Kollektiv auf und wurden gemeinschaftlich großgezogen. Eines dieser Kinder ist der Regisseur Paul-Julien Robert, der sich kurz nach dem Tod des Kommunen-Gründers und sechs Jahre vor Entstehung des Films auf Spurensuche begibt. Paul-Julien Robert sichtet unzählige Videobänder – Otto Mühl ließ fast jeden Tag das Leben der Kommunen-Kinder filmen und archivieren – und produzierte über vier Jahre einen Dokumentarfilm, der wechselnd den erwachsenen Paul-Julien Robert zeigt und, in ausgewaschenen Aufnahmen, den kleinen Jungen von damals.

Dazu muss man wissen, dass Mühl, der eigentlich Kunstpädagogik studiert und in den 60iger Jahren den sogenannten Wiener Aktionismus mit Kunsthappenings und provokanten Materialaktionen etabliert hatte, sich parallel auch als Maltherapeut bezeichnete. In der Folge entwickelte er in seiner Kommune die sogenannte Aktionsanalytische Organisation (AAO). Diese entstand durch Experimentieren mit Techniken der Psychoanalyse und der reichianischen Körperarbeit. Auch Elemente der Gestalttherapie von Fritz Perls, der bioenergetische Analyse nach Alexander Lowen und der Urschreitherapie nach Arthur Janov wurden eingesetzt, mit dem Credo nach „Förderung der gestalterischen Kreativität“. So kamen auch Musiker dazu und die Mitglieder der Kommune waren aufgefordert, ihre kreativen Fähigkeiten u.a. durch Theater spielen, musizieren, singen und tanzen zu präsentieren. Mühl nannte diesen Prozess „Selbstdarstellung“, doch letztendlich benutzte er die Mitglieder der Kommune nur als Material für seine eigene gigantische narzisstische Kunst-Inszenierung. 1991 wurde Otto Mühl in Österreich wegen Kindesmissbrauchs und Verstoßes gegen das Suchtgiftgesetz zu sieben Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Freilassung lebte er in Portugal, wo er 2013 verstarb.

Das, was mich so betroffen macht, ist, über diese Dokumentation Zeuge zu werden von den Erlebnissen, die tatsächlich diesen Kindern passiert sind, und dass es in diesen Momenten Menschen gab, die ihre Kamera laufen ließen, anstatt einzuschreiten. Ich komme als Musiktherapeutin auch in Kontakt mit beklemmenden Situationen und Berichten, und die in diesem Kontext entstehende Musik multipliziert affektiv und atmosphärisch das Leid. Ein Wagnis, dem ich mich jedes Mal neu stellen muss und wofür mir oder auch dem Patienten, der Patientin manchmal der Mut fehlt. Das merke ich, wenn ich in dem Moment Musik vermeide. Aber ist das wirklich fehlender Mut? Oder ist es eher der Mut, auch einmal stopp zu sagen, bis hier hin und nicht weiter, Musik kann eben nicht nur heilsam sein, sondern auch ein Zuviel.

2012 wurde Paul-Julien Roberts Werk mit dem Wiener Filmpreis als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Unser Fazit: Harte Kost, aber sehr sehenswert!

Christine Back

Christine Back

Christine Back ist Musiktherapeutin, Lehrmusiktherapeutin (DMtG), Heilpraktiker für Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz (HPG). Tätigkeit in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Martha-Maria-Krankenhaus Nürnberg, div. Lehrtätigkeit, selbständige Musikerin und Komponistin.

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