Musiktherapie in der Neonatologie. Von Dr. Susann Kobus. Foto: Stiftung Universitätsmedizin Essen/ Foto: Jürgen Heger

Musiktherapie als ganzheitliches Therapieverfahren in der Neonatologie

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Nach vierzig Jahren erfolgreichem musikalischem Schaffen stellt sich der Harfenist Andreas Vollenweider großen Herausforderungen. Er schreibt seinen Roman „Im Spiegel der Venus“ und komponiert Musik für Frühgeborene.

In seinem Buch „Im Spiegel der Venus“ beschreibt der Musiker Vollenweider den Argentinier Armando Hector Ruiz, der seit seinem sechsten Lebensjahr Cello spielt und als Wunderkind gilt. Bei seinen Konzerten ereignen sich zunehmend spontane Heilungen schwerstkranker Menschen, sodass er von der Öffentlichkeit mehr und mehr gefeiert wird. Vollenweiders „Knabe mit der heilenden Musik“ soll die Musik als Therapieform präsentieren.

Eine schwere oder langandauernde Erkrankung stellt den Alltag der Betroffenen und ihrer Familien vor Veränderungen und Herausforderungen. Je nach Art der Erkrankung können wiederkehrende Krankenhausaufenthalte – auch über einen längeren Zeitraum – notwendig sein. Die Betroffenen werden aus ihrem Alltag und sozialen Umfeld gerissen und müssen sich in einer veränderten Lebenssituation neu organisieren. Dies kann eine große Belastung sein und ist nicht selten mit Ängsten und Sorgen oder unbestimmten Gefühlen und Stimmungen verbunden. Die Kunst macht sichtbar, was „unaussprechlich“ scheint: Die Musik in Verbindung mit der therapeutischen Begleitung ermöglicht dem Patienten einen neuen Zugang zu eigenen Themen.

„Aber wenn du sie mit deiner Musik glücklich machst, […] dann können viele von ihnen wieder gesund werden…“, heißt es zu dem Cellisten Armando im Roman Vollenweiders, der hier eine Verbindung zur Musiktherapie zieht. Musik wirkt, wie Vollenweider beschreibt, indirekt über Resonanzen in unserem seelischen Bereich, in den tiefen Emotionen. Vollenweider spricht von einer Heilung durch die Musik.

Die Musik dient als therapeutisches Mittel. In der Therapie wird der Mensch individuell und ganzheitlich betrachtet. Die Musiktherapie ist eine sinnvolle Ergänzung zur medizinischen Versorgung und kann den Heilungsprozess unterstützen, ersetzt aber nicht die medizinische Behandlung.

Erst in einem therapeutischen Prozesse entsteht Musik, die die Heilung unterstützen kann. Diese Musik ist individuell und personenzentriert. Es gibt keine „heilende Musik“, die bei allen Menschen gleichermaßen „eingesetzt“ werden kann, wie es Vollenweider beschreibt.

Die Musik wirkt individuell verschieden und kann bei jedem Individuum andere Reaktionen auslösen. Erst die Verbindung zwischen der therapeutischen Beziehung von Patienten und Therapeut mit der Musik lässt sich zur Musiktherapie vereinen.

Unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten werden in Einzeltherapie entwickelt

Als Musiktherapeutin in der Kinder- und Frauenklinik des Universitätsklinikums Essen unterstütze ich die Patienten in Einzeltherapien, mithilfe des künstlerischen Mediums Musik aktuell auftretende Ereignisse oder erschwerte Lebenssituationen zu verarbeiten oder in sich hineinzuhören und sich mit den eigenen Gefühlen, Gedanken und Stimmungen auseinanderzusetzen. Für diesen Prozess biete ich unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten an, die individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt sind. Mal ist es ein nonverbaler Dialog allein durch die Musik, mal kann ein ergänzender verbaler Austausch zwischen dem Patienten und mir hilfreich sein.

Ich begleite die Betroffenen dabei auf ihrem Weg, für sich selbst eine neue Ausdrucksmöglichkeit zu finden. Auf diese Weise kann die Musiktherapie einen eigenständigen und ergänzenden Beitrag mit unterstützender Wirkung für den ganzheitlichen Behandlungsprozess darstellen. In den Improvisationen kann im geschützten therapeutischen Rahmen mit neuen Interaktions- und Kommunikationsmöglichkeiten experimentiert werden, ohne dabei Bewertungen zu erfahren. Selbstvertrauen, Konfliktfähigkeit und Handlungskompetenz können wachsen und Beziehungen im Alltag neugestaltet werden.

Musiktherapie in der Neonatologie. Von Dr. Susann Kobus. Foto: Stiftung Universitätsmedizin Essen/ Foto: Jürgen Heger
Copyright: Stiftung Universitätsmedizin Essen/ Foto: Jürgen Heger

Mithilfe der Musiktherapie kann die Aktivität der Patienten gefördert und ihr Selbstbewusstsein gestärkt oder auch eine entspannende und beruhigende Wirkung erzielt werden. Durch Ablenkung und Aktivität können Schmerzen über Momente vergessen werden.

Vollenweider beschreibt in seinem Buch eine Frau mit multipler Sklerose, die nach einem Cellokonzert mit erhobenen Armen aus dem Rollstuhl auf die Bühne gestiegen sein soll. Er spricht von weggeworfenen Krücken und stehengelassenen Rollstühlen.

Funktionelle Störungen und motorische Defizite können durch die Musiktherapie unterstützt und gefördert, jedoch nicht, wie Vollenweider darstellt, geheilt werden. Musik alleine kann eine entspannende und beruhigende Wirkung haben. Diese ist sowohl für die Frühgeborenen als auch für chronisch kranke Kinder oder Erwachsene sehr wichtig. Der direkte Kontakt zwischen Therapeuten und Patienten in Einzel- oder Gruppentherapien lässt eine therapeutische Beziehung entstehen, wodurch eine Therapieform, die Musiktherapie, entsteht. Über die Musik entstehen Kommunikationsbrücken, die Hilfe aus der Isolation bieten und den emotionalen Bedürfnissen Rechnung tragen können.

In Vollenweiders Roman werden tausende Leute, zu denen der Musiker keinen direkten Kontakt hat, in Cellokonzerten auf großen Plätzen geheilt. Der Cellist Armando wird gefeiert wie ein Popstar.

Musiktherapeutische Einheiten beinhalten neben dem Aufbau einer therapeutischen Beziehung therapeutische Gespräche zum Reflektieren und Verstehen der eigenen Wahrnehmung der Musik. Dies geschieht in einem geschützten Raum und nicht in der Öffentlichkeit wie in Armandos Konzerten.

Feld mit wachsendem interdisziplinärem Interesse

Musiktherapie in der Neonatologie ist ein Feld mit wachsendem inner- als auch interdisziplinärem Interesse. Dieses spiegelt sich zudem in der stetig steigenden Zahl der Mitglieder des deutschsprachigen Fachkreises Musiktherapie Neonatologie wider (Haslbeck, 2014). Derzeitig bieten 20 Kliniken in Deutschland Musiktherapie auf der neonatologischen Intensivstation an (amiamusica, 2021).

Mein musiktherapeutisches Angebot in der Neonatologie ist eine wichtige Präventionsmaßnahme für die Stabilität und Entwicklung eines frühgeborenen Kindes und kann das bestehende medizinische Behandlungsangebot sinnvoll ergänzen. Die Musik knüpft an die intrauterinen akustischen Erfahrungen an und hilft damit die hoch technisierte Umgebung einer Station oder Intensivstation durch etwas Bekanntes und Menschliches zu bereichern. Sie unterstützt die Wahrnehmungen, die zur strukturellen und funktionellen Entwicklung des Kindes beitragen und die durch die Frühgeburt bedrohte Eltern-Kind-Bindung (Kobus, 2017).

Sinneserfahrungen im Mutterleib sind durch gefilterte Klänge geprägt

Der Übergang eines frühgeborenen Kindes von der intrauterinen in die extrauterine Welt fordert Anpassungsleistungen von Neugeborenen, die sich in ihrer Massivität zu schnell und zu intensiv einstellen. Nahezu alle frühgeborenen Kinder müssen direkt nach der Geburt auf einer neonatologischen Station betreut werden. Hier ist das betroffene Kind zahlreichen Reizen ausgesetzt, die seine Verarbeitungskapazitäten übersteigen können. Die plötzliche und zu frühe Trennung vom mütterlichen Organismus, notwendige medizinische und pflegerische Maßnahmen sowie die akustischen Gegebenheiten der neonatonalen Station können enormen Stress für das Neugeborene bedeuten (Kobus, 2017). Die Sinneserfahrungen des Kindes im Mutterleib sind geprägt durch gefilterte Klänge, regelmäßige vitale Rhythmen, engen physio-psychischen Kontakt zur Mutter sowie die Stimmen der Eltern. Diese Erfahrungen sind wichtig für die kindliche Entwicklung und die Eltern-Kind-Bindung. Durch eine Frühgeburt erlebt das Kind eine veränderte Umgebung ohne vorhersehbare Strukturen, Rhythmen und Klänge.

Um eine optimale Entwicklung des Gehirns außerhalb des Mutterleibs zu ermöglichen, benötigt das frühgeborene Kind viel Zuwendung und positiv wirkende Reize. Die live gespielte Musiktherapie kann den Früh- und Neugeborenen die gezielten Reize bieten, die sie beruhigen oder auch aktivieren können. Unangenehme Erfahrungen und Reize sind durch ein optimales Handling zu vermeiden oder zu minimieren (Kobus, 2017).

Neonatologische Stationen und Intensivstationen können kein Äquivalent für die intrauterine Geborgenheit sein. Hier geht es in erster Linie darum, vitale Funktionen des Neugeborenen aufrecht zu erhalten (Kobus, 2018).

Während der letzten Jahre wurde das rein rezeptive musiktherapeutische Arbeiten um aktive und interaktive Ansätze erweitert (Nöcker-Ribaupierre, 2015), bei denen zunehmend eine Einbeziehung der Eltern und Geschwister und dem stationären Umfeld stattfindet (Haslbeck, 2014).

Familien werden gezielt eingebunden

Die Familien werden von mir im Universitätsklinikum Essen im Sinne einer familienzentrierten Musiktherapie in das musiktherapeutische Angebot gezielt entwicklungs- und bindungsfördernd einbezogen und zur eigenen stimmlichen Kontaktaufnahme mit ihrem Kind motiviert. Durch mein leises Singen und Summen oder den harmonischen Klang verschiedener Instrumente, kann das Kind Entspannung finden und die Eltern können das Miteinander genießen.

Während einer Musiktherapiesitzung lag Mia bei ihrem Vater auf der Brust. Sie wurde zunehmend ruhiger und schlief nach einiger Zeit ein. Anhand des Monitors konnte ich erkennen, dass Mias Atemfrequenz deutlich ruhiger wurde und sich konstant zwischen 30 und 40 hielt. Auch der Vater teilte mir mit, dass er deutlich spürte, wie sich die Atmung bei Mia beruhigte. Die Mutter saß während der Sitzung neben dem Vater und Mia. Sie sagte nach der Therapieeinheit:

„Meine Atemfrequenz ist jetzt auch auf 30.“ Daraufhin sagte der Vater ironisch: „Meine Atemfrequenz ist jetzt auf 3.“ Und beide strahlten und waren sehr glücklich. (Kobus, 2017).

Musiktherapie in der Neonatologie. Von Dr. Susann Kobus. Foto: Stiftung Universitätsmedizin Essen/ Foto: Jürgen Heger
Stiftung Universitätsmedizin Essen/ Foto: Jürgen Heger

 

Vollenweiders Forschungsprojekt mit Frühgeborenen

Vollenweider widmete sich im Jahre 2014 einem Forschungsprojekt mit Frühgeborenen, die vor der Vollendung von 32 Schwangerschaftswochen geboren wurden. In einer Pilotstudie der Universität Genf wurde untersucht, auf welche Instrumente die Frühgeborenen am meisten reagieren. Dafür hat Vollenweider Musik für verschiedene Tagesabschnitte komponiert und aufgenommen. An fünf Tagen pro Woche hörten 20 Frühgeborene, die zwischen der 24. und der 32. Schwangerschaftswoche auf die Welt gekommen waren, über den Tag verteilt die kurzen Musikstücke über Kopfhörer. 20 weitere zu früh geborene Kinder dienten als Kontrollgruppe. Sie erhielten ebenfalls Kopfhörer, woraus jedoch keine Musik erklang. Bei den Frühgeborenen, die die Musik über die Kopfhörer hörten, erhöhten sich während und nach der Intervention die Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung (Lordier, 2019).

Aus bisherigen Studien mit live Musiktherapie geht hervor, dass sich Musiktherapie stabilisierend und entspannend sowohl auf den allgemeinen Verhaltenszustand des Kindes als auch auf dessen physiologische Parameter auswirkt. Diese positiven Effekte der Sauerstoffsättigung und Herzfrequenz lassen sich bereits während der Intervention verzeichnen (Loewy et al., 2013).

Fachkreis Musiktherapie in der Neonatologie

Seit 2013 bin ich Mitglied des deutschsprachigen Fachkreises Musiktherapie in der Neonatologie, der in den letzten Jahren zur Qualitätssicherung einen Referenzrahmen für die Musiktherapie in der Neonatologie erarbeitet hat. Die einzelnen Erfahrungen wurden mit der aktuellen Evidenz sowie den bereits vorhandenen Richtlinien im angloamerikanischen Raum abgeglichen. In den ersten evidenz-basierten Guidelines wird die Anwendung von Musik als Therapie von professionell ausgebildeten Musiktherapeuten gefordert. Eine im deutschsprachigen Raum angebotene Zertifizierungsmöglichkeit am Freien Musikzentrum e. V. München bereitet Musiktherapeutinnen und -therapeuten sowohl theoretisch durch die Vermittlung von medizinischem und forschungsbasiertem Hintergrundwissen als auch praktisch mit Hilfe von Hospitation und Durchführung eigener Therapien mit Supervision auf die sensible Arbeit mit frühgeborenen Kindern vor.

Der Fachkreis Musiktherapie in der Neonatologie versteht den musiktherapeutischen Einsatz in der Neonatologie als eine therapeutische Begleitung und wichtige Präventionsmaßnahme für Stabilität und Entwicklung, die das bestehende medizinische Behandlungsangebot sinnvoll ergänzen kann (Haslbeck et al., 2015). Die Musiktherapie mit Frühgeborenen orientiert sich am aktuellen Entwicklungsstand des Kindes und seiner momentanen medizinischen Befindlichkeit, unabhängig vom Alter. Sie wird für jedes Kind individuell durchgeführt und ist keine einheitliche Musikbeschallung. Die Zentrierung auf das Kind steht dabei im Mittelpunkt (Kobus, 2018).

Frühgeborene sind einer doppelten Belastung ausgesetzt

Das Frühgeborene ist ununterbrochen den niederfrequenten Motorgeräuschen des Inkubators ausgesetzt und immer wieder dringt der Lärm wie das hochfrequente Schrillen des Monitoralarms (Bissegger, 1999) an das ungeschützte Ohr. Hinzu kommen zusätzlich die Stimmen des Personals, das Schreien anderer Babys oder ein Telefonklingeln. Das Frühgeborene ist auf der Station Geräuschen von 55 bis 88 dB ausgesetzt. Der durchschnittliche Lärmpegel liegt tagsüber bei 60,05 dB und nachts bei 58,67 dB (Lahav, 2015). Zur Bewältigung dieser akustischen Stimulierung muss das Frühgeborene viel Energie aufbringen. Auf der anderen Seite fehlen alle vertrauten intrauterinen Geräusche (Nöcker-Ribaupierre, 2007). Frühgeborene sind somit einer doppelten Belastung ausgesetzt, da sie zu früh ihre pränatale Umgebung verlieren und der nachgeburtliche Aufenthaltsort, der Inkubator oder das Wärmebett, nicht mit dem Geborgenheit vermittelnden Ort der mütterlichen Arme, Augen, Stimme oder Brust vergleichbar ist (Kobus, 2017).

Frühgeborene sind oft übersensibel und reagieren auf zarte Berührungen mit Weinen. Sie brauchen eine gezielte, auf sie bezogene Ansprache. Das richtige Maß und den richtigen Tonfall zu finden, um das Frühgeborene mit der Welt vertraut zu machen und ihm zu zeigen, dass es gut und liebevoll versorgt wird, hilft ihm, sich für den Kontakt mit seiner Umwelt zu öffnen. Eine Tonaufnahme kann dabei nicht individuell auf die Reaktionen des Kindes eingehen, wodurch das Risiko einer Reizüberflutung oder Überforderung des Kindes entstehen kann.

Kleinste Resonanzphänomene werden aufgenommen

Während der ersten Musiktherapieeinheiten, besonders bei den extrem Frühgeborenen vor der 32. Schwangerschaftswoche, setze ich fast ausschließlich meine Stimme ein, um eine Überreizung zu verhindern. Orientiert am gesundheitlichen Zustand des Kindes, seinem Gewicht und seinem Gestationsalter zum Zeitpunkt der Therapie bleibt es für zukünftige Sitzungen entweder erst einmal bei reaktivem, fein abgestimmtem Summen und Singen mit Pausen oder es kommen ergänzend noch weitere Instrumente wie Sansula, Kantele, Leier oder Monochord für eine vibro-akustische Stimulation hinzu. Manche Kinder benötigen sehr viel Sicherheit und sind schon bei kleinsten Veränderungen irritiert. Für diese Kinder ist es besonders wichtig, ihnen einen Klangraum zu schaffen, in dem sie sich sicher, vertraut und geborgen fühlen. Eine Tonaufnahme mit unbekannten Klängen kann hierbei zu Irritationen und Stress führen. Bei der Wahl der Stimme oder einzelner Instrumente geben die Reaktionen der Kinder eine klare Orientierung. Das erfordert allerdings eine hohe Präsenz und Fokussierung des Therapeuten auf den jeweiligen Moment, eine geschulte Fähigkeit in der Beobachtung von Mimik und Gestik des Kindes, um kleinste Resonanzphänomene aufnehmen und im weiteren Therapieverlauf nutzen zu können. Dies kann nur eine live gespielte Musiktherapie leisten (Kobus, 2018).

Ein Fallbeispiel

Die Musiktherapie kann, wie in dem nachfolgenden Beispiel dargestellt, Früh- und Neugeborenen gezielt musikalische Reize bieten, die in sich beweglich oder bewegt organisiert, geformt oder gestaltet sind. Sie regen so zur Organisierung und Koordinierung an und können das Saug- und Schluckverhalten positiv beeinflussen. Oft beginnen die Kinder während der Therapie zu „Schnullern“.

Die live gespielte Musiktherapie durch einen Therapeuten bietet eine adäquate Stimulation und ein Kontaktangebot, die zur Wahrnehmungsförderung, Entwicklungsförderung und Saug- und Schluckförderung dienen, um eine Reizarmut auf der Beziehungs- und Bindungsebene zu verhindern (vgl. Haslbeck 2013).

Joris wurde als zweiter Zwilling in der 35. Schwangerschaftswochen (34+1 SSW) geboren. Seine erste musiktherapeutische Sitzung erhielt er in der zweiten Lebenswoche. Joris lag im Arm der Mutter als ich zu ihm kam. Die Mutter hat mich sehr freudig empfangen. Nach meiner Begrüßung und einem anfänglichen Tönen habe ich die Sansula gewählt. Joris fing nach einiger Zeit an zu „Schnullern“. Dieses „Schnullern“ wurde immer stärker und häufiger. Da er direkt vor der Brust lag, hat die Mutter ihm die Brust angeboten und Joris` Zunge bewegte sich immer wieder zur Brustwarze. Er war sehr neugierig und begann nach längerem „Untersuchen“ mit der Zunge seine Schnullerbewegungen an der Brust auszuprobieren. In dieser Sitzung hat Joris bereits einige erste Saugbewegungen an der Brust der Mutter gemacht. Die Mutter war sehr glücklich und schilderte, dass sie so entspannt war durch die Klänge der Sansula und keinerlei Geräusche aus der Umgebung wahrgenommen hat (Kobus, 2017).

Aktuelle Forschungslage bestätigt Vorzüge von Live-Musik

Die randomisierte kontrollierte Studie mit der Musiktherapeutin Dr. Haslbeck zeigt, dass individuell und live gespielte Musiktherapie durch eine zertifizierte Musiktherapeutin einen positiver Einfluss auf die funktionelle Gehirnkonnektivität bei Frühgeborenen hat (Haslbeck et al., 2020).

Die Evidenz betreffend liegen bereits mehrere systematische Reviews vor, welche die positiven Effekte von Musiktherapie auf die Kinder und die Eltern belegen, insbesondere stabilisierende und entspannende Wirkungsfaktoren auf physiologische Parameter und den allgemeinen Verhaltenszustand der Kinder (Bielenik et al., 2016; Hartling et al., 2009; Haslbeck, 2012; Standley, 2012). In diesen Literaturanalysen sowie in einer der ersten evidenz-basierten Guidelines zur Musiktherapie in der Neonatologie (Standley, 2002) wird die Anwendung von Musik als Therapie von professionell ausgebildeten Musiktherapeuten gefordert sowie insbesondere der positive Effekt von Live-Musik betont. Dies konnte auch in ersten Vergleichsstudien gezeigt werden.

So unterstreichen Arnon et al. (2006) als auch Garunkstiene et al. (2014), dass Live-Musik besser und nachhaltiger wirkt als auf Tonträger aufgenommene Stimulationsangebote, was sich z.B. in der signifikanten Regulation der Herzrate und tieferem Schlaf mit größerem Effekt nach der Live-Musiktherapieintervention zeigte. Responsiveness (Haslbeck 2014), stete Anpassung an die individuellen Bedürfnisse der frühgeborenen Kinder und ihrer Eltern, Feinabstimmung und Synchronisation von Rhythmen und Affekten werden als Wirkfaktoren genannt und als übergeordnete Zielsetzungen gefordert (Haslbeck et al., 2017).

Betreuung durch qualifizierte Musikherapeuten

Die Musiktherapie ist ein Feld mit wachsendem interdisziplinärem Interesse. Zahlreiche Studien verdeutlichen, dass eine musiktherapeutische Betreuung der Patienten durch einen qualifizierten Therapeuten eine Bereicherung der medizinischen Grundversorgung darstellt und den Heilungsprozess positiv beeinflussen kann.

Vollenweider beschreibt in seinem Roman: „Die meisten Ärzte standen dem Wunderheiler ablehnend gegenüber!“

Die musiktherapeutische Betreuung ist eine evidenzbasierte therapeutische Methode, die in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit ärztlichen Kollegen durchgeführt wird. Meine musiktherapeutische und wissenschaftliche Tätigkeit am Universitätsklinikum Essen wird von meinen ärztlichen Kollegen und dem gesamten multidisziplinären Team unterstützt und anerkannt und von der Stiftung Universitätsmedizin getragen.

Die Musiktherapie ist ein ganzheitliches kreatives Therapieverfahren, in dem die grundlegenden Elemente wie Musik hören (rezeptive Musiktherapie), Musik machen (aktive Musiktherapie) und das therapeutische Gespräch miteinander vereint sind. Ziel ist es, das seelische, körperliche und geistige Wohlbefinden zu stärken, zurückzugewinnen und zu erhalten. Die Musiktherapie kann Früh- und Neugeborenen gezielt individuelle Reize bieten, die sie beruhigen oder auch aktivieren können.

Copyright Headerfoto: Stiftung Universitätsmedizin Essen/ Foto: Jürgen Heger

Andreas Vollenweider: Im Spiegel der Venus. Midas-Verlag 2020

Andreas Vollenweider: Im Spiegel der Venus. Roman. Midas-Verlag, 2020. ISBN 978-3-03876-179-2, 416 Seiten, 25 € (D).

Literatur

Amiamusica. Website. Stand: 03.03.2021. URL: https://amiamusica.ch

Arnon, S., Shapsa, A., Forman, L., Regev, R., Bauer, S., Litmanovitz, I., & Dolfin, T. (2006). Live Music Is Beneficial to Preterm Infants in the Neonatal Intensive Care Unit Environment. Birth (Berkeley, Calif.), 01 Jun 2006, 33(2):131-136. doi:10.1111/j.0730-7659.2006.00090.x

Bieleninik, L., Ghetti, C., & Gold, C. (2016). Music Therapy for Preterm Infants and Their Parents: A Meta-analysis. Pediatrics. 2016; 138(3):e20160971. doi: 10.1542/peds.2016-0971

Bissegger, M. (1999). dem anderen begegnen… Musiktherapie auf der Intensivstation. In: Einblicke, Beiträge zur Musiktherapie. Berufsverband der Musiktherapeutinnen und Musikherapeuten. Berlin.

Garunkstiene, R., Buinauskiene, J., Uloziene, I., & Markuniene, E. (2014). Controlled trial of live music therapyversus recorded lullabies in preterm infants. Nordic Journal of Music Therapy, 23(1), 71–88.

Hartling, L., Shaik, M. S., Tjosvold, L., Leicht, R., Liang, Y., & Kumar, M. (2009). Music for medical indications in the neonatal period: a systematic review of randomised controlled trials. Arch. Dis. Child. Fetal Neonatal Ed. 94, F349–354. doi: 10.1136/adc.2008.148411

Haslbeck, F. B. (2012). Music therapy for premature infants and their parents: an integrative review. Nordic Journal of Music Therapy 21, 203–226. doi: 10.1080/08098131.2011.648653

Haslbeck, F. (2013). Fortbildung „Musik als Therapie auf der Frühgeborenenstation.“ Einführung und Orientierung. München.

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Lordier, L., Loukas, S., Grouiller, F., Vollenweider, A., Vasung, L., Meskaldij, D.-E., Lejeune, F., Pittet, M. P., Borradori-Tolsa, C., Lazeyras, F., Grandjean, D., Van De Ville, D., & Hüppi, P. S. (2019). Music processing in preterm and full-term newborns: A psychophysiological interaction (PPI) approach in neonatal fMRI. NeuroImage 185 (2019) 857–864. doi: 10.1016/j.neuroimage.2018.03.078

Nöcker-Ribaupierre, M. (2015). Internationale musiktherapeutische Ansätze für frühgeborene Kinder. In: Musiktherapeutische Umschau. Forschung und Praxis der Musiktherapie. Bd. 36,2 (2015). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG.

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Standley, J. M. (2002). Music therapy in the NICU: promoting the growth and development of premature infants. Zero to Three, 23(1), 23-27.

Susann Kobus

Susann Kobus

Dr. Susann Kobus hat Diplom-Musikpädagogik an der Hochschule für Musik in Köln und Klinische Musiktherapie (M.A.) an der WWU Münster studiert. Ihre Promotion in Musikdidaktik, Psychologie und Erziehungswissenschaften absolvierte sie ebenfalls an der WWU Münster. Dr. Susann Kobus ist als Musiktherapeutin am Universitätsklinikum Essen und als Dozentin an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen tätig. Ihre Schwerpunktbereiche liegen in der Neonatologie, Kinderklinik und Frauenklinik. Copyright: Stiftung Universitätsmedizin Essen/ Foto: Detlef Kittel

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