Rezension Schmidt Das gehet meiner Seele nah. Foto: pxhere

Rezension ‘Das gehet meiner Seele nah’ von Joachim Schmidt

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Der Autor erzählt in diesem Buch seine eigene Geschichte. Der ehemalige Studienleiter der Evangelischen Akademie Tutzing (und in dieser Zeit Mitgründer des Marie-Luise Kaschnitz-Preises), war zuletzt Direktor der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik – bis er 2012 an einer schweren Depression erkrankte. Wie es dazu kam, und wie er vor allem durch Musiktherapie mit der Krankheit umzugehen lernte, erfahren wir in einer sprachlich reich bebilderten Reise „in das andere Land, das für den nicht Depressiven nicht erreichbar ist“ (18).

Gedanken über Depression – die eigene Lebensgeschichte

Der zweite Teil des Buchtitels lautet „Nachdenken über Depression“. Neben Gedanken und Schmidts Therapiegeschichte spart das Buch nicht mit Zahlen aus den Statistiken zu Depression, Psychopharmaka-Konsum und Suizid in Deutschland (Stand 2017), sowie unverblümten Stellungnahmen. Schmidt positioniert sehr genau seine Sicht auf, und Erfahrung mit, der Psychologie und der Psychotherapie heute – mehr Technik als Kunst; mehr Psychopharmaka (deren Einnahme Schmidt abgelehnt hat) statt Behandlungsethik; mehr Neuroimaging statt der Einmaligkeit der Patient-Therapeut-Beziehung. Letztere, so Schmidt, sei „das Wichtigste überhaupt“ (95).

Messbare Werte seien überschätzte Werte, mit denen die Medizin generell „womöglich auf dem Holzweg“ (6) sei, und die den Depressiven und seinen Therapeuten von dem entfernen, was Schmidt als Schlüssel zu den Ursachen der Erkrankung bezeichnet: die eigene Lebensgeschichte. Damit verliere „die Einnahme von Antidepressiva jeden Sinn“ (6).

Ein Plädoyer für die Entdeckung des Patienten als Person

Das Buch hat an vielen Stellen die Energie eines dringenden Appells – ein Auf- und Wachrütteln-wollen. Dies begründet Schmidt im Vorwort mit dem Titel „Leitlinie Mensch“:

Dieses Buch (beginnt) mit dem leidenschaftlichen Plädoyer, sich auf eine Ethik der Medizin zu besinnen, die vom Patienten her denkt, die das ärztliche Wissen zu seiner Behandlung zur Verfügung stellt, ohne ihn zu bevormunden. Das setzt allerdings voraus, dass Psychiater den Patienten wieder als Person entdecken … dass es um das Wohl des Patienten geht und dass darum jeder Patient in seiner Einzigartigkeit wahrgenommen werden muss. (8)

In seinem Appell lässt Schmidt keinen Zweifel an seiner Auffassung bezüglich der Ursachen, auf Grund derer die Leitlinie Mensch Psychotherapeuten und Ärzte nicht (mehr) genug leitet: „Der Kniefall vor der Pharmaindustrie. Das ist die Krise der Psychiatrie“ (56), und: “Die Hirnforschung. Der Gockel auf dem Campus. Legt keine Eier, kräht aber ohne Unterlass.” (57) Beides seien überschätzte Felder, bei denen es um das Verkaufen möglichst vieler Medikamente bzw. das Einwerben von immer mehr (Forschungs-)geldern gehe, und nicht um Lösungen im Interesse der Patient.innen.

Musiktherapie – die letzte Karte

Im Zentrum des Buches steht die Musiktherapie. So ausführlich wie hier das Innerste des musiktherapeutischen Settings aus dem Erleben eines Patienten heraus zu bereisen, ist ein wahrer Glücksfall, weshalb seine Lektüre sowohl Musiktherapeut.innen als auch Interessierten ans Herz zu legen ist.

Warum war die Musiktherapie der „Schlüssel“, der die Tür geöffnet hat zu einem Umgang mit der Krankheit – eine Tür, die Schmidt trotz Psychotherapie verschlossen geblieben war?

Schmidts Antwort darauf hat viele Facetten. Eine davon ist sein Bild von der Depression als einer Welt, die einer „anderen Logik“ (35) folgt. Dass sie zugleich die eine und eine andere Sache sein kann – was in einer logischen Welt der Nicht-Depression unmöglich ist. Diese andere Logik ist in der freien Improvisation des musiktherapeutischen Settings spielbar.

Zu Beginn jedes Kapitels gibt der Autor Auszüge aus seinen während der Therapie geführten Notizen wieder. Der Teil des Buches über die Musiktherapie beginnt wie folgt:

Er hat noch einmal eine Therapie begonnen. Musiktherapie. Wird er so lernen, die ungeheure destruktive Energie der Depression in eine konstruktive, schöpferische verwandeln zu können? (76)

Die schöpferische Dimension

Auf diese schöpferische Qualität, die eben jener „anderen“ Logik folgt, setzt also der Autor. In den knapp vier Jahren Musiktherapie betritt er diese Dimension und entdeckt:

Ich hatte durch mein Spiel, und wenn es auch nur für wenige Augenblicke war, meiner Angst, meiner Depression, meiner Verzweiflung eine Form gegeben. (79, Hervohebung des Autors).

Im kreativen Akt der freien Improvisation einer Sache eine Form geben – ist das nicht ein Widerspruch, Freiheit und Form? Es muss jene „andere“ Logik sein, die Schmidt in seiner Depression erlebt, die im Spielerischen des musiktherapeutischen Tuns Konkretheit zulässt, sich Dingen annähert – jedoch nicht so sehr, dass eine möglicherweise ermüdende Reibung entsteht. Für diese Qualität der Improvisation führt Schmidt den sehr starken Begriff des „Probehandelns“ ein, wo die Leichtigkeit der Improvisation und die Ernsthaftigkeit des (wie kindlichen) Spiels fruchten. Schmidts Fazit zur Improvisation: „Es ermöglicht Freiheit“ (80).

Gleichzeitigkeit statt Nacheinander

Schmidt identifiziert die Eigenschaft der Musik, die für ihn die Wirksamkeit dieser Therapie ausmachte, in der Vielschichtigkeit, der Vertikalität des improvisierten Klangs:

Der Musik gelingt etwas, was die Sprache nicht vermag. Sie kann unterschiedliche Gefühle gleichzeitig zum Ausdruck bringen. Die Sprache kennt nur das Nacheinander. (85)

Schmidt hat auch ein Gedicht über eine Improvisation verfasst, das alleine die Lektüre des Buches rechtfertigen würde. Es schließt mit den Zeilen:

… solange
bist du begreifst
was zu fassen nicht ist
und
schweigst. (84)

Warum also wird die ambulante Musiktherapie nicht von den Krankenkassen finanziert?

Schmidts Abriss der aktuellen Situation (54) bringt dieses Dilemma auf den Punkt: die Krankenkassen bezahlen neben Medikamenten fünf Therapieformen – Psychoanalyse, Psychotherapie, Verhaltenstherapie, in bestimmten Fällen Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) und Systemische Therapie -, während

alle anderen Therapieformen, wie z.B. Musik-, Tanz-, Körper- oder Kunsttherapie, als nicht ‚wissenschaftlich‘ fundiert gelten. Ihre Erfolge seien nicht belegbar. Dass der Erfolg von Antidepressiva ebenfalls nicht belegbar ist, spielt dabei keine Rolle. Dennoch werden diese Therapieformen in Kliniken angeboten. Ich erinnere mich an meinen Aufenthalt in einer psychosomatischen Rehaklinik. Dort wurde neben den Gesprächstherapien auch Bewegungs- und Kunsttherapie angeboten. Es sei wichtig, an all diesen Therapien regelmäßig teilzunehmen, hieß es. Möchte der Patient nach seiner Entlassung eine dieser Therapien ambulant fortführen, muss er erfahren, dass die Kasse es nicht bezahlt. Ist es nun wichtig oder nicht?

Fazit

Was Schmidt in diesem relativ kurzen Band alles zu vermitteln vermag, ist eine Lesereise wert, Pandemie-kompatibel über Grenzen hinweg, in diesem Fall die Grenzen von fachlichem Bezug hinter sich lassend. Psychologen, andere an Depression erkrankte Menschen, Therapeuten aller Therapieformen, und Mediziner dürften die Lektüre als wertvolles Dokument schätzen.

„Die Kunst – nicht die Technik – des Zuhörens“[1] und ihre „therapeutische Kraft“ (95) ist das, was Schmidt in der Musiktherapie sucht und findet. Er wird nicht “geheilt”, sondern lernt es, mit der Krankheit zu leben – man könnte sagen, in einer Gleichzeitigkeit von etwas, das ist und nicht ist.

Joachim Schmidt. Das gehet meiner Seele nah. Nachdenken über Depression. Norderstedt, Books on Demand, 2020. 220 S. ISBN-13: 9783750461666. 12,00 € (D).

Joachim Schmidt Das gehet meiner Seele nah Umschlag BoD

[1] Der Autor zitiert hier: Erich Fromm. Von der Kunst des Zuhörens -Therapeutische Aspekte der Psychoanalyse. München, 1991, S.225.

Headerfoto: pxhere.

Bettina Eichmanns

Bettina Eichmanns

Musiktherapeutin (DMTG, AIM), Musik­wissen­schaft­lerin, zertifizierte Seminarleiterin für Benenzon-Musiktherapie, freie Dozentin. Klinischer und Forschungs-Schwerpunkt: Einzel- und Gruppentherapie in den Bereichen Wachkoma und Gerontopsychiatrie. Musiktherapeutin in der Abteilung für Personen im Wachkoma der Fondazione Don Gnocchi Mailand.

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