Spektrum Musiktherapie. Rezension Musiktherapie-Blog

Rezension ‘Spektrum Musiktherapie. Grundlagen und Arbeitshilfen’

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Musiktherapie ist ein Teil des Aufgabenspektrums öffentlicher Musikschulen im VdM – eines, das ebenso besonders wie selbstverständlich ist. (S. 9 – Ulrich Rademacher, Bundesvorsitzender des Verbandes deutscher Musikschulen)

Musiktherapie an Musikschulen gibt es … allerdings weitgehend unbeachtet in der sonst eher psychotherapeutisch orientierten musiktherapeutischen Welt – trotz einiger bisheriger Veröffentlichungen. Durch das Engagement von Musiktherapeut.innen an Musikschulen bekommt diese Arbeit derzeit eine etwas größere Aufmerksamkeit.

Frühe Entwicklung

Die Entwicklung begann sogar in den 70er Jahren – etwa gleichzeitig mit dem Beginn von Musiktherapie zum Beispiel in psychiatrischen Kliniken oder im Zusammenhang mit psychotherapeutischen Angeboten.

Musikschulen sind zunehmend nicht mehr nur Lernräume für Kinder und Jugendliche, die einer fremdbestimmten Leistungsnorm entsprechen können. Vielmehr sind die Lern- und Lebensräume, in denen jeder Mensch ganzheitlich und individuell Beachtung findet und das (Menschen)Recht hat, sich seinen Möglichkeiten entsprechend bestmöglich zu entwickeln. (S. 11 – Robert Wagner, Vorsitzender des Bundesfachausschusses Inklusion des VdM)

Aber erst in den letzten etwa 25 Jahren konnte sich das musiktherapeutische Angebot in Musikschulen allmählich von Mannheim (Marjolein Kok) und Hamburg (Gisela Peters) aus zu etablieren beginnen. 2002 gründeten die beiden Initiatorinnen den BAMMS. Das ist der „Bundesweite Arbeitskreis von MusiktherapeutInnen an Musikschulen“. Der BAMMS ist mittlerweile d e r Ansprechpartner für die musiktherapeutisch-politische Kooperation mit dem deutschen Verband der Musikschulen (VdM) und auch Verbindungsglied zum Fach- und Berufsverband Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft (DMtG). In den offiziellen Fächerkanon des VdM wurde Musiktherapie als fakultatives Angebot im Jahr 2008 aufgenommen.

„Musikschule für alle“

Und die Potsdamer Erklärung von 2014 des VdM „Musikschule im Wandel. Inklusion als Chance“ nennt zwar den qualifizierten musiktherapeutischen Einsatz von Musiktherapie eher am Rande, setzt aber solche Zeichen „sich für alle Menschen zu öffnen und damit zu einer inklusiven Entwicklung unserer Gesellschaft beizutragen“ (Holzwarth, S. 30). Jede.r soll sich in Lern- und Lebensräumen mit seinen Möglichkeiten entsprechend bestmöglich entwickeln können.

Der Dreiklang des Auftrags zwischen Gesundheit – Bildung – Kultur

Das Arbeitsfeld bewegt sich zwischen Prävention und Gesundheitsförderung und muss sich – politisch betrachtet – zwischen Gesundheits-, Bildungs- und Kulturpolitik ansiedeln. Mit dem „Dazwischen liegen“ macht die Musiktherapie seit jeher Erfahrungen… und so wird es darauf ankommen, welchen Einfluss die Musiktherapeut.innen an den öffentlichen, kommunal wie gemeinnützig geförderten, Musikschulen zum Beispiel über den BAMMS nehmen können. Mit dem „Spektrum Musiktherapie“ kann sich dieser Einfluss stabilisieren.

Musiktherapie fördert Empowerment: die Fähigkeit, Möglichkeiten zur Teilhabe tatsächlich nutzen zu können … musiktherapeutische Angebote ersetzen keine inklusionspädagogischen Bemühungen an Musikschulen und sind keine Auffangbecken. (S. 31 – Prof. Karin Holzwarth, ehemals Jugendmusikschule , jetzt Musikhochschule Hamburg)

Qualitätsstandards und berufspolitischer Ort

In den „Grundlagen und Arbeitshilfen“, aus musiktherapeutischer Sicht von Karin Holzwarth und Cordula Reiner-Wormit herausgeberisch und redaktionell betreut – zusammen mit Kolleg.innen des VdM –, sind sowohl sehr grundsätzliche Informationen zur Entwicklung, zum Auftrag, zu Qualitätsstandards, zur berufspolitischen und gesellschaftlichen Verortung, zur Differenzierung und Gemeinsamkeiten mit dem musikpädagogischen Netz vorhanden – alle Beiträge jeweils auf sehr nutzerfreundlichen und überschaubaren zwei bis vier Seiten dargelegt und praxisnah bebildert. Es werden auch Grundlagen bereit gestellt zur „Musiktherapie mit spezifischen Aufträgen und Zielgruppen“.

Unterschiedliche Zielgruppen

Als Zielgruppen sind zum Beispiel genannt: Kinder und Jugendliche mit psychosomatischen Störungen, Trennungskinder, Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung, mit Sprachentwicklungsdefiziten, schwerster Mehrfachbehinderung. Aber auch Traumata und ihre Auswirkungen, Fluchterfahrungen oder Musiktherapie im Alter werden skizziert, besonders wird das Thema „Spiel in der Musiktherapie“ (Sinkwitz) hervorgehoben. Diese Beispiele – die meisten von bekannten musiktherapeutischen Vertreter.innen ausgeführt – zeigen die Bandbreite der Möglichkeiten in einer Musikschule oder durch Musikschule initiierten Aufgaben.

Kooperation mit weiteren Bildungseinrichtungen

Das dritte Kapitel ist den Fallskizzen und Kooperationen gewidmet. Auch hier wird der bisher in der Öffentlichkeit bekannte Arbeitsbereich der Musikschulen (Kinder, Jugendliche) – das Image hat sich seit 20 Jahren zunehmend gewandelt – erweitert mit den Themen „Schlaganfall“, „Rett-Syndrom“, „frühkindlicher Autismus“. Der Aspekt Kooperationen weist auf die Zukunft hin: Wo könnte es weiter hingehen über Musikschulen hinaus in andere Bildungs- und Therapiebereiche? Es wird berichtet von Kooperationen zum Beispiel mit einer Grundschulförderklasse, von schulischen Gewaltpräventionprojekten, von  traumasensiblen Projekten in einer Schule, von Kooperationen in Bildungs- und Beratungszentren, von therapiebegleitenden Sorgeberechtigten und schulischen Bezugspersonen, von Musiktherapie mit Kindern aus dem Frauenhaus, von Kooperationen mit Altenheimen oder Supervisionen mit musikpädagogischen Kolleg.innen.

Was alles wäre möglich mit qualifizierten musiktherapeutischen Angeboten!

Diese Vielfalt, die sicher bisher nur vereinzelte Beispiele betrifft, zeigt aber auch, was möglich werden könnte mit einem musiktherapeutischen Angebot durchgeführt von qualifizierten, auf akademischer Basis arbeitenden Musiktherapeut.innen!

Eine Indikation für Musiktherapie ist gegeben, wenn zum einen eine Verhaltensauffälligkeit, eine Entwicklungsverzögerung oder eine emotionale Störung vorliegt und zum anderen eine positive Reaktion auf das Angebot erfolgt , sich musikalisch auszudrücken. (S. 53 – Gisela Peters, Cordula Reiner-Wormit, Musiktherapeutinnen)

850 Musikschulen nutzen keine musiktherapeutischen Angebote

Nach bisherigen Untersuchungen gibt es in Deutschland zwischen 50 und fast 100 musiktherapeutische Angebote an Musikschulen – von überwiegend qualifizierten Musiktherapeut.innen durchgeführt, vor allem im Süden und Westen Deutschlands. Es gibt etwa 950 Musikschulen im öffentlichen Bereich. (Musikschulen in privater Trägerschaft sind hier nicht erfasst).  Das heißt aber gewendet: Etwa 90 Prozent der Musikschulen in Deutschland haben bisher kein musiktherapeutisches Angebot – über 800. Aus der zitierten Umfrage von A.F. Wormit geht hervor, dass vor allem „fehlende Rahmenbedingungen, den Aufbau des therapeutischen Förder- und Unterstützungsangebots erschweren“ (S.43), gleichwohl es ein hohes Interesse an Informationen gebe. Das scheint derzeit noch ein Grundproblem zu sein. Denn ‚fehlende Rahmenbedingungen‘ sind in Deutschland vor allem ‚Finanzen‘. Und die stellen Kommunen und die gemeinnützigen Vereine bereit – vor allem oder erst dann, wenn das gesellschaftliche Interesse an dieser Arbeit wächst. Wenn Kommunalpolitiker diesen gesellschaftlichen Bedarf erkennen oder davon überzeugt werden können, dann könnten weitere hunderte Musikschulen Musiktherapeut.innen anstellen. Der kultur-, wie gesellschaftliche Bildungsauftrag der öffentlichen Musikschulen würde hier mit einem weiteren Auftrag versehen, mit einem, der aus dem Gesundheitsbereich kommt:

Prävention und Gesundheitsförderung gerade wegen Corona und den Folgen

Wer würde diese Notwendigkeit heute angesichts von Corona und den Folgeerscheinungen vor allem auch bei Kindern und Jugendlichen bestreiten? Diese Folgeerscheinungen sind von umfangreichen Studien gerade belegt worden. Aber auch: Genügend qualifizierte Musiktherapeut.innen müssten zur Verfügung stehen und sich und sich für diese Aufgaben interessieren und die künftig drohenden finanziellen Kürzungen im Kulturbereich sollten nicht entstehen.

„Spektrum Musiktherapie“ kann – dank der 32 Autor.innen mit 38 Beiträgen auf 164 Seiten – eine besondere Anregung dafür werden, dass musiktherapeutische Angebote in Musikschulen gestärkt werden. Und ein letzter Aspekt kommt dazu: Die singulären Beispiele der Kooperation von musiktherapeutischen Kompetenzen mit Schulen könnten, begleitet von Musikschulen, ein „Einfallstor“ sein für die musiktherapeutische Arbeit in „pädagogischen Settings“, in den staatlichen Bildungsbereich. Wird das in zehn Jahren gelungen sein?

Verband der Musikschulen (Hrsg.): Spektrum Musiktherapie. Grundlagen und Arbeitshilfen. VdM Verlag Bonn 2020, ISBN: 978-3-925574-96-2, 164 S. € 18.-

Volker Bernius Redaktionsleitung Musiktherapeutische UmschauVolker Bernius, Studium der Theologie, Musik, Psychologie. Seit 1979 Redaktionsmitglied der Musiktherapeutischen Umschau, ab 1986 Chefredakteur, Beisitzer im Vorstand der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft: Von 1981 bis 2015 Bildungs-, Kultur- und Wissenschaftsredakteur Hessischer Rundfunk, Mitgründer und Fachbeirat der Stiftung Zuhören, Journalist, Autor, Herausgeber, Dozent.

 

Headergrafik: aus Elementen der Umschlaggestaltung von ‘Spektrum Musiktherapie’, mit freundlicher Genehmigung des Verbands deutscher Musikschulen (VdM).

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