Rezension Wormit Musiktherapie Geriatrie

Rezension ‘Musiktherapie in der geriatrischen Pflege’ von Wormit et al.

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Von Sigrid Noyer – 

Als Berufsanfängerin in einem geriatrischen Krankenhaus habe ich mich ganz besonders über das Erscheinen des Praxisleitfadens „Musiktherapie in der geriatrischen Pflege“ von Alexander Wormit, Thomas K. Hillecke, Dorothee von Moreau und Carsten Diener (Reinhardt-Verlag, 2020) gefreut. Das Buch geht auf das Projekt ‘Musiktherapie 360°’ zurück, das an der SRH Hochschule in Heidelberg durchgeführt und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde.

Während des Studiums stellte ich mir, wie vermutlich den meisten anderen Studierenden, die Frage, in welchem Bereich der Musiktherapie ich mich perspektivisch sehe. Das Buch kann in meinen Augen eine wertvolle Orientierungshilfe sein, wenn man das geriatrische Setting für sich ins Auge fasst.

Welche Instrumente kommen zum Einsatz? Welches weitere “Handwerkszeug” brauche ich? Welches Setting und welche Krankheitsbilder erwarten mich? Mit welchen Kollegen werde ich es zu tun haben? Das alles waren Fragen, die mich bei meiner Suche nach einem möglichen Arbeitsbereich interessiert haben.

Nun arbeite ich schon eine Weile in diesem Bereich und weitere Themen werden wichtig: Was sind die Ziele meiner Sitzungen? Welche Interventionsmöglichkeiten habe ich? Wie organisiere ich mich mit den Kolleg.innen? Das Buch gibt dafür viele detaillierte Anregungen und Beispiele.

Interessant in dem Kapitel über die Krankheitsbilder der Patienten sind die altersspezifischen Symptome von psychischen und neurologisch erkrankten Patienten. In gut verständlicher Sprache werden körperliche und psychische Besonderheiten dargestellt und Fachwörter dafür vermittelt.

Wenn ich also (wie anfangs so oft) mit großen Augen morgens vor dem Bettenplan mit den Patienten und deren Diagnosen stehe, kann ich das Buch als “Spickzettel” benutzen.

Dann weiß ich vielleicht noch nicht, was ich mit dem Patienten mache (denn da richte ich mich ganz nach dessen aktuellem Bedürfnis), ich weiß aber, worauf ich achte und habe ein grobes Ziel vor Augen. Und genau das, nämlich, dass ich mich nach den Bedürfnissen der Patienten zu richten habe, sagt mir auch das Buch. Geht ja auch nicht anders, denn, ich werde kein Gangtraining mit einem Parkinsonpatienten machen können, wenn der gerade in einer Pose erstarrt auf der Toilette sitzt (träge Darmtätigkeit und jetzt auch noch akinetische Krise – habe ich nun auch aus dem Buch gelernt!).

In dem Kapitel über den Therapeuten, seine Ausbildung, seine Techniken habe ich mich über den “Leitfaden therapeutische Begegnungshaltung” gefreut. Klar, die wurde im Studium natürlich viel geübt, aber es hilft, eine kleine Checkliste zur Hand zu haben, um sich immer mal wieder zu überprüfen. Zum Beispiel habe ich es erlebt, dass die Versuchung groß sein kann, sich von einem Patienten in eine Diskussion hinein reißen zu lassen, wenn unsere Wertvorstellungen sehr stark divergieren. Das Buch mahnt, dem Patienten nicht seine (die des Therapeuten) Normen und Wertmaßstäbe aufzuzwingen, sondern mit ihm die seinen zu entwickeln. Gut, auch dies nochmal gelesen zu haben.

Dann gibt es noch gute und praktische Tipps im Umgang mit demenziell veränderten Menschen und verwirrten und vor sich hindämmernden Menschen. Ich nehme mit: Augenkontakt halten und berühren. Berührung ist ja, soweit ich es verstanden habe, in der Musiktherapie mit Erwachsenen eher ungewöhnlich und doch scheint sie mir bei manchen Patienten so nötig (und wird auch von vielen Schwestern sehr liebevoll praktiziert).

Die Beschreibung verschiedener Settings (im Flur, im Zimmer, im Musiktherapieraum, im Pflegealltag) habe ich anregend gefunden, ebenso die Liste von Liedern, die von den Alten in dem Projekt gern gesungen wurden. Beides kann als erste Ausrüstung beim Start ins neue Feld sehr hilfreich sein.

Klar, die Liste der Lieder ist regional unterschiedlich (bei uns ziehen eher Berliner Gassenhauer und Lieder und Schlager der DDR), außerdem stellen längst fremdsprachliche Patienten einen wesentlichen Anteil der Patienten dar, aber dass das in Zukunft immer mehr so sein wird, darauf weist auch das Buch in seinem Ausblick hin.

Ich empfehle es sehr gern. Und wenn ich jetzt noch sagen soll, was mir gefehlt hat – ein paar weitere Bilder (z. B. vom Instrumentenwagen) und Videos oder zumindest Links zu Videos, die die eine oder andere Interventionstechnik noch einmal genauer zeigen, wären schön gewesen. Außerdem hätte mich der Bereich Hygiene interessiert, aber das liegt natürlich auch daran, dass die in Corona Zeiten jetzt stark in den Vordergrund gerückt wurde.

Wormit, A., Hillecke, T.K., von Moreau, D. & Diener, C. Musiktherapie in der geriatrischen Pflege. Ein Praxisleitfaden. Ernst Reinhardt Verlag, 2020. 150 S., 16 Abb., 8 Tab. ISBN 978-3-497-02942-6. D: 27,90 EUR.

 

Musiktherapie-Blog Sigrid Noyer

Sigrid Noyer ist seit Beendigung ihres UdK Studiums im September 2019 Musiktherapeutin im Helios Klinikum Berlin-Buch. Dort arbeitet sie schwerpunktmäßig in der Geriatrie, aber auch in den Bereichen multimodale Schmerztherapie (MMST) und allgemeine Frühreha.

Neben ihrer Tätigkeit als Musiktherapeutin unterrichtet sie Gesang in ihrem Vocal Studio Pankow

Kontakt: Sigrid.Noyer@helios-gesundheit.de

www.sigridnoyer.de

 


Headerfoto: Details der Umschlaggestaltung mit Fotos von Christian Buch, mit freundlicher Genehmigung des Ernst Reinhardt-Verlags.

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