Instrumentenbau Martin Kucera

Instrumente selbst bauen ist einfacher als gedacht – eine Einführung

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Mit Musik und Klang zu arbeiten, ist ein vielschichtig kreatives Feld. Ein wenig den physikalischen Aufbau der von uns benutzten Instrumente zu kennen, verändert meiner Erfahrung nach den Umgang mit Musik – mitunter stark. Einige Instrumente selbst zu bauen ist einfacher als gedacht!

Die Studierenden der FMAS (Forum Musiktherpautischer Ausbildung mit integriertem Instrumentenbau) unter dem Dach der FMWS (Forum Musiktherpautischer Weiterbildung, musiktherapeut.ch) besuchen jährlich ein Instrumentenbauseminar, bei dem von jeder Instrumentengattung (Idiophon, Membranophon, Chordophon und Aerophon) ein Instrument gebaut wird. 

Ich habe erlebt, dass Musiktherapeut.innen, die während des Studiums ein Kotamo selbst gebaut haben, Ihren Blick auf die klassischen Instrumente verändern und in deren Anwendung flexibler werden.

Menschen den Instrumentenbau näher bringen

Viele Themen des Instrumentenbaus sind kompliziert und komplex, doch die Grundprinzipien sind mit etwas physikalischem Verständnis leicht zu erfassen. So begann ich seit einiger Zeit, insbesondere auf meinem Instagram-Kanal, Dinge wie „Saiten aufziehen“ oder die verschiedenen Stimm-Möglichkeiten des Kotamos den Menschen näherzubringen und versuche Ängste und Hemmungen, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen, abzubauen.

Als werdender Vater beschäftige ich mich natürlich auch aus verschiedensten Blickwinkeln mit den Themen Musik, Kreativität und Gestaltung. Gemeinsames Gestalten fördert die soziale Kompetenz ungemein und ist stark beziehungsstiftend.

Instrumentenbau fördert neue musikalische Ideen

Instrumentenbau als kreativer, gestalterischer Prozess kann neue musikalische Ideen sowie eigene Ressourcen, Kompetenzen und das Selbstwertgefühl fördern. Ich freue mich, wenn ich anderen Musiktherapeut.innen und anderen Instrumentenbauer.innen Anstöße geben kann, Teile davon in ihrer Praxis umzusetzen. So erhalte ich regelmäßig fachspezifische Fragen zu eigenen Bauprojekten z.B. in Jugendheimen, zu Saitenberechnungen, zu Instrumentenkonstruktionen usw., wo ich mit meinem Wissen und meiner Erfahrung gerne aushelfe und Lösungen zu Problemstellungen vorschlage.

Hier nun will ich in einem kurzen Blogbeitrag einige Inputs geben, wie aus einfachen, fast allen Menschen zur Verfügung stehenden Mitteln einfache Instrumente gebaut werden können. Hierfür wird keine Werkstatt benötigt, es reichen im Baumarkt erhältliche, auf Flohmärkten oder bei Antiquitätenhändler*innen gefundene Materialeien und das Resultat ist innerhalb weniger Minuten bis Stunden spielbar.

Kleine Trommeln - der klassiker

Der Klassiker des Eigenbaus sind und bleiben natürlich allerlei Trommeln. Die Korpusse für die Trommeln finden sich überall. Den Korpus für diese kleine Trommel fand ich auf einem bekannten Kleinanzeigenportal, das Ding wurde als Deko-Fass mit Durchmesser von ca. 12cm verkauft. Kleine Rohhaut-Reste bekommt man in Gerbereien oder natürlich bei mir.

Zur Befestigung eignen sich Polsterer-Nägel. Je nach Dicke der Rohhaut sollte diese mindestens 4 Stunden in kaltem Wasser einweichen. Den Rand des Korpus mit Weissleim einstreichen, die nasse, jetzt gummig-dehnbare Rohhaut wird darüber gespannt und mit den Polsterer-Nägeln befestigt. Wenn die Haut trocknet, spannt sie sich und es entsteht ein mitunter knallig perkussiver Sound

Waldteufel, oder auch ratsche

Nach demselben Prinzip lassen sich kleine und grössere „Waldteufel“ herstellen. Als Korpus eignen sich Bambusrohre, die möglichst dünnen Rohhäute werden dann nicht mit Nägeln befestigt, sondern mit Kabelbindern festgezurrt. Diese werden nach dem Trocknen natürlich wieder entfernt. An der Membrane wird ein Nylonfaden befestigt. Natürlich, viele Instrumentensaiten sind aus Nylon, welche dafür benutzt werden können. Der Nylonfaden endet nach ca. 20 cm in einer Schlaufe, welche über einen eingekerbten Stock gewunden wird. Die Kerbe kann idealerweise noch  mit etwas Harz eingerieben werden. Das dafür benötigte Harz sammle ich einfach im Wald.

Wird nun der Nylonfaden gespannt und das Stöckchen gedreht, „ratscht“ die Schlaufe durch den harzigen Widerstand in der Kerbe, was auf die Membrane übertragen wird und verstärkt. Die so entstandenen Sounds erinnern meine Patient.innen meist an Krähen oder Frösche. Natürlich kann das ganze Instrument auch über Kopf geschwungen werden.

etwas komplexer: Streichpsalter

Ein klein wenig komplexer wird es mit Streichinstrumenten. Ein Streichpsalter kann aber mit einfachen Mitteln gebaut werden! Dazu notwendig ist lediglich ein Holzbrett oder ein Holzkistchen. In meinem Falle hier handelt es sich um Mandelholz, welches ich aufgrund der Risse nicht anderweitig benutzen kann. Stimmwirbel kann man an verschiedenen Orten beziehen, man kann auch mich anfragen. Als Stimmstifte können ganz normale Nägel verwendet werden, oder man verwendet beidseitig Stimmwirbel. Als Saitendraht können auch Gitarrenstahlsaiten verwendet werden.

Den Bogen baut man sich am einfachsten aus einem stabilen Ast und Nähsilk, welcher mit Harz bestrichen wird. Natürlich können hier bei einem solchen Instrument beliebig komplex die Details ausgearbeitet werden, aber es geht mir hier darum aufzuzeigen, dass sogar so etwas wie eine Streichpsalter mit einfachsten Mitteln in kurzer Zeit gebaut werden kann. Vielleicht ein Projekt zusammen mit den Ergetherapeut.innen?

drum rods: Eigenbau empfohlen

Diese Art von Drumstick eignet sich nicht nur auf dem Schlagzeug, sondern erweitert auch das Klangspektrum einer jeden Trommel. Und für mich als Musiktherapeuten interessant, kann so eine Body-Percussion in der Gruppe um weitere Klänge erweitert werden. Auf den Knien gespielt, ergeben sich schöne, sanft perkussive Sounds. Weil diese Art von Drumstick, insbesondere auf dem Schlagzeug angewendet, egal welcher Preisklasse meist nach kürzester Zeit zersplittert, eignet sich ein Eigenbau ganz besonders.

Dafür notwenig sind ein Bündel Holzstäbchen aus dem Baumarkt (auch Grillspiesse können sich eignen), welche mit einem Tropfen Weissleim auf Griffhöhe mit einem Klebeband zusammengezurrt werden. Weitere zusätzliche Umwicklungen in Richtung der „freien“ Stäbchen beeinflussen den Klang und die Stabilität weiter.

shaker, Kreativität ohne Grenzen

Aus allerlei röhrenartigen Dingen lassen sich interessante Shaker herstellen, indem die Öffnungen mit einer Membrane, wie beim Waldteufel, verschlossen werden. Nicht vergessen: vor dem Verschließen der zweiten Öffnung  sollte das Shakermaterial eingefüllt werden.

Hierzu eignen sich Fischerblei, Linsen, Reis, Bulgur… Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Wichtig: weniger Füllung ist meist mehr Sound. Somit erhält man einen „talking Shaker“, da der Sound durch Spannungserhöhung der kleinen Membranen mit den Fingern, in welchen man den Shaker hält, moduliert werden kann.

WEitere Tipps auf instagram

Weitere Inputs erscheinen auf meinem Instagram-Kanal (@naturtonmusik). Ich nenne die Beiträge jeweils „helpful tools / musical instruments everyone can make at home“. Ich komme vom Handwerk, bin ursprünglich gelernter Schreiner, und habe nach vielen weiteren Erfahrungen und Schritten in meiner Biografie Musiktherapie studiert. Bei diesen Posts soll es aber nicht um Instrumente wie Kotamos oder Monochorde gehen, sondern um kleine Dinge, welche nahezu alle Menschen mit sehr kleinem finanziellen und zeitlichen Arbeitsaufwand selbst herstellen können.

Die Klassiker der Musiktherapie – Behandlungsmonochord, Kotamo und Körpermonochord – können in Baukursen (naturtonmusik.de/baukurse) bei mir in der Werkstatt zu weiten Teilen selber gebaut werden.

Ankündigung „Projekt Klangkörper“

Für all jene, die sich mit werkorientiertem Instrumentenbau befassen wollen, wird ab Sommer 2022 unter dem Dach der FMWS die Weiterbildung „Projekt Klangkörper“ starten. Sie richtet sich neben Musiktherapeut.innen an Personen aus verschiedenen Berufsfeldern. Die Weiterbildung findet in Deutschland statt und ist unterteilt in insgesamt 10 Seminare über einen Zeitraum von ca. 14 Monaten.

Alle Fotos: Naturtonmusik Instrumentenbau – www.naturtonmusik.de

Martin Kucera

Martin Kucera

Musiktherapeut FMWS, Dozent FMWS/ FMAS, Mitglied der DMtG (Zertifizierungsanwärter), Musiktherapeut in der Schmerzklinik der Albklinik Münsingen. Trat im Juli 2020 als neuer Geschäftsführer von Naturtonmusik Instrumentenbau die Nachfolge von Joachim Marz als Instrumentenbauer an. Naturtonmusik entwickelte das Behandlungsmonochord, erfand das Kotamo und entwickelte das Körpermonochord zum ausgereiften, therapeutisch praktikablen Instrument. Die Werkstatt befindet sich nicht mehr in der Schweiz, sondern in Gomadingen auf der Schwäbischen Alb. www.naturtonmusik.de

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Natürlich gibt es noch eine unendliche Vielzahl an weiteren Möglichkeiten! Was auch immer Eure Projektidee sein sollte, wo möglich, helfe ich gerne!

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