Ein Interview mit Manuel J. Goditsch, von Bettina Eichmanns
Was ist ein ökologischer Handabdruck? Und wie hängt das Konzept mit unserem beruflichen Handeln als Musiktherapeut:innen zusammen? Im aktuellen Heft der Musiktherapeutischen Umschau (3/2026) geht der Artikel „Sensibilisierung und Engagement – Musiktherapie im Feld der Klimakrise“ von Manuel J. Goditsch, Christoph Bals, Claritta Martin, Julie Nass-Dambach und Eckhard Weymann dieser Frage nach. Bettina Eichmanns interviewte Manuel J. Goditsch, um Näheres zu erfahren über den Ursprung der Idee, das Thema aufzugreifen, sowie die konkreten Herausforderungen und Chancen, die es für unsere Berufsgruppe beinhaltet.
Herr Goditsch, ehrlich gesagt: ich war im ersten Moment überrascht, in der MU einen Artikel vorzufinden, der sich mit der Klimakrise in Bezug auf unseren Beruf auseinandersetzt. Wie kamen Sie darauf?
Ich beschäftige mich schon lange mit den vom menschlichen Handeln beeinflussten klimatischen Veränderungen. Dabei versuche ich immer mehr so zu leben, dass es unserem Wohlbefinden und auch der Gesundheit der Natur zuträglich ist. Meinen ökologischen Fußabdruck halte ich bewusst gering, indem ich zum Beispiel regionale Produkte kaufe oder Kleidung aus zweiter Hand bevorzuge. Meine Nähe zu dem Thema bekam viel Anschub, als ich in den karnischen Alpen Christoph Bals (Ko-Autor des Artikels) kennenlernte.
Er machte mich mit dem Konzept des ökologischen Handabdrucks vertraut, und wir haben seither verschiedene Projekte gemeinsam konzipiert und durchgeführt. Im Gegensatz zum Fußabdruck, der auf Reduktion und Schadensbegrenzung beruht, sieht der Handabdruck das Potential, das Positive: was kann ich verändern, um nachhaltige Rahmenbedingungen zu schaffen. Das hat mich unheimlich motiviert und ich habe gleich überlegt, was dies für die Musiktherapie bedeuten und was andererseits die Musiktherapie an Beitrag zum „Handabdruck“-Gedanken leisten kann.
Sie haben einige Kapitel mit musikalischen Termini überschrieben: Auftakt, Resonanz, Nachklang… Ist das eine generelle Referenz an unseren fachlichen Kontext, oder hat es mehr zu tun mit Klima, Natur und Musik?
In unserem Beitrag geht es unter anderem um eine Sensibilisierung unserer Wahrnehmung, unseres Erlebens der Welt – das umschließt neben den Menschen auch alle anderen lebenden Organismen. Vor zwei Wochen war ich im Lesachtal in Kärnten bei einem einwöchigen Schweige-Retreat. Dort bekamen wir eines morgens die Aufgabe, mit einer Pflanze im Kräutergarten des Klosters zu atmen und mit ihr in Resonanz zu treten. Meine Begegnung mit einem Baumspinat, der gerade seine kräftig violetten Blüten entfaltet hat, klingt immer noch in mir nach.
Meines Erachtens eignet sich das musikalische und musiktherapeutische Vokabular bestens, um eine sich dem vielfältigen Netz des Lebens annähernde Haltung in Worte zu fassen. Daher die Zwischen-Überschriften.
Sie schreiben „Hoffnung kann organisiert werden“. Das klingt allein schon sehr ermutigend. Wie geht das bei uns Musiktherapie-Praktizierenden?
Das kann auf vielen Ebenen geschehen.
Das Wichtigste ist wohl die Vernetzung mit anderen, um sich über beschäftigende Themen und die damit verbundenen Gefühle auszutauschen und zu überlegen, wie ein gemeinsamer Handabdruck aussehen könnte. Ein gutes Beispiel dafür ist das Online-Treffen „OMG!“ einiger Kolleg:innen mit der Studierendenvertretung der DMtG im August, die sich genau zu dem Thema ausgetauscht haben. In Wien gibt es seit über einem Jahr die „Klimainitiative Musiktherapie“. Wir sind aktuell rund zehn Musiktherapeut:innen und Studierende der Musiktherapie und treffen uns regelmäßig, um verschiedene Projekte zum Thema zu planen und uns auszutauschen. Zum Abschluss machen wir immer eine musikalische Improvisation, die den momentanen Gefühlen Ausdruck verleiht. Das erlebe ich als enorm stärkend, nährend und Hoffnung spendend.
Ein anderes Element ist der Medienkonsum. Die großen Medienhäuser berichten fast ausschließlich von all den düsteren und besorgniserregenden Ereignissen, die tagein tagaus in der Welt geschehen. In diesem Sommer beispielsweise über die extremen Hitzeereignisse und die damit verbundenen Umweltschäden sowie Belastungen für Mensch, Tier und Pflanzen. Das gibt wenig Hoffnung und Zuversicht.
Ein bewussterer Umgang mit den medialen Inhalten, die wir als Menschen konsumieren, kann hilfreich sein, um handlungsfähig und freudvoll zu bleiben. Ich nutze beispielsweise regelmäßig eine App namens „Good News“, die täglich von hoffnungsspendenden Nachrichten aus aller Welt berichtet. Auch werden im Kapitel von Christoph Bals in unserem Beitrag einige Zuversicht stiftende Informationen angeführt, darunter diese: vier von fünf Menschen weltweit sprechen sich laut einer 2024 durchgeführten Umfrage der Vereinten Nationen für mehr Klimaschutz aus. Beim Medienkonsum geht es aus meiner Sicht also um einen Balanceakt zwischen informieren, sich schützen und fokussieren.
Weitere für mich hilfreiche Elemente sind die Spiritualität, im Besonderen die von Thich Nhat Hanh gegründete buddhistische Gemeinschaft Plum Village, gemeinsames Musizieren, und Zeit in der Natur.
Wenn ich so darüber nachdenke, geht Hoffnung Hand in Hand mit Psychohygiene und Selbstfürsorge.
Auch in Bezug auf unser Verhalten gegenüber den Ängsten und dem Druck, den die vielen schlechten Nachrichten aus der Welt in Menschen auslösen können, kommt immer wieder die Improvisation als Kernkompetenz ins Spiel. Was ist an ihr so kostbar in Lebensbereichen, die sich außerhalb des Settings und der therapeutischen Beziehung befinden?
Improvisation ermöglicht es uns, in Resonanz mit dem Hier und Jetzt handlungsfähig zu sein – mal spielerisch, mal zart, mal kräftig, jedenfalls lebendig und selbst-wirksam. In der aktuellen Zeit, in der wir mit so viel Bedrohungen konfrontiert sind, die wir nur wenig bis nicht beeinflussen können und wir diesbezüglich nur schwer Gefühle der Selbstwirksamkeit erleben, ist diese Kompetenz aus meiner Sicht wesentlich, um all den Herausforderungen kreativ zu begegnen. Insofern würde ich sagen, dass wir Musiktherapeut:innen mit unserem Geübt-Sein im Improvisieren eine Bereicherung für die gesellschaftlichen Herausforderungen sein können – wenn wir uns engagieren und einbringen.
Um ins Handeln zu kommen, kann es hilfreich sein, sich folgende Fragen zu stellen: welches Thema, welcher Bereich liegt mir besonders am Herzen? Was entspricht mir? Mit wem möchte ich mich zusammentun? Netzwerken, sich informieren, und andere zu informieren ist schon eine Handlungsform, die Teils des eigenen Handabdrucks wird. Engagement funktioniert in seiner Fülle nur, wenn es gemeinsam gestaltet wird.
Für mich ist dieses Interview auch ein Aspekt des Handelns im Sinne des Handabdrucks, des Netz-Werkens…
Sie haben bei der EMTC-Konferenz letztes Jahr in Hamburg einen Workshop organisiert und dort „Handabdrücke“ gesammelt mit Zitaten von Teilnehmenden (man sieht einige in der Headergrafik). Was waren die Inhalte, und was kam dort für Sie an neuen Erkenntnissen zum Vorschein?
Wir hatten die Teilnehmenden gebeten, nach dem Vortrag ihre Handabdrücke zu hinterlassen und darin ihre Zukunftsvisionen aufzuschreiben, wie die Welt in drei Jahren beim nächsten EMTC aussehen wird – ein Hoffnung-stiftender Impuls.
Es war sehr berührend für mich – erst die Menschentraube vor den Plakaten zu sehen und dann zu lesen, was geschrieben wurde. Es ging dabei viel um Vernetzung, musiktherapeutisches gesellschaftliches Engagement, und Frieden. Mir wurde bewusst, wie sehr wir Musiktherapeut:innen auch einfach Menschen sind, mit ähnlichen Bedürfnissen, Hoffnungen und Sorgen, und wie sehr das Thema Klimakrise uns auf existenzielle Weise bedroht und gleichzeitig unser Verbunden-sein deutlich macht.
Wenn es um komplexe gesellschaftliche Probleme geht, bringt dies politische Überzeugungen auf den Tisch – das ist aus dem therapeutischen Rahmen, vor allem in der Arbeit mit Gruppen, nicht wegzudenken. Was geben Sie Musiktherapeut:innen diesbezüglich an Gedanken, Erfahrungen und theoretischen Ansätzen mit auf den Weg für ihren klinischen Alltag?
Was das Arbeiten mit Gruppen betrifft, finde ich eine offene und von Interesse und Neugier geprägte Haltung gut. Ich habe mal gelesen, dass der therapeutische Raum ein „amoralischer Raum“ sei. Dies hat nichts mit unmoralisch zu tun, sondern bedeutet vielmehr, dass die gesellschaftliche Moral im Therapieraum keine Gültigkeit zu haben braucht. Das macht frei, was mir gut gefällt. Dementsprechend kann es unsere Aufgabe als Therapeut:innen sein, differierenden Meinungen und Überzeugungen Raum zu geben und in der Gruppe, wenn notwendig, zu moderieren und sich um gegenseitiges Verstehen zu bemühen. Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt, da es bei politischen Überzeugungen schnell hoch hergehen kann.
Generell finde ich wichtig, dass wir für unsere therapeutischen Arbeit eine krisensensible Haltung entwickeln – also ein Gewahrsein über die gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit und die möglicherweise damit verbundenen Gefühle wie Angst, Wut, Solastalgie, etc. – und Patient:innen gegenüber diesbezüglich Offenheit signalisieren. Beispielsweise handhabe ich es seit einiger Zeit so, dass ich in der Anamnese frage, welche Bedeutung die aktuelle gesellschaftliche und ökologische Situation sowie Naturerfahrungen für die Person hat.
Da wir wie jeder Mensch persönlich von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen sind, ist es aus meiner Sicht notwendig, eine Annäherung an die eigenen mit der Klimakrise verbundenen Gefühle zu wagen. Dies sehe ich als eine wichtige Grundlage, um eine krisensensible Haltung zu kultivieren und im therapeutischen Raum den damit verbundenen Gefühlen unserer Patient:innen stimmig begegnen zu können.
Sie zitieren die „Outdoor-Musiktherapie“. Natur als Setting – könnte die Natur als Ressource in der klinischen musiktherapeutischen Arbeit noch mehr Raum bekommen?
Auf jeden Fall! Ich glaube, es ist wichtig, Naturräume, natürliche Elemente (Steine, Holz, Pflanzen, etc.), Naturgeräusche – im Grunde die bunte lebendige Vielfalt des Seins aller Lebewesen – in die Therapie einzubeziehen, sei dies nun im Rahmen von Therapie im Naturraum oder durch Integration von Naturelementen im Innenraum. Beides kann dazu beitragen, ein Gewahrsein für das Netz des Lebens, mit dem wir alle verbunden sind, zu schaffen. Dieses Gewahrsein spannt auch den Bogen zu einem zentralen Begriff unseres Beitrages – der Sensibilisierung.
Gibt es Pläne für die nächsten Schritte, um das Thema „Musiktherapie und Klimakrise“ weiter zu vertiefen? Und was wünschen Sie sich besonders von Kolleg:innen und Kollegen in diesem Zusammenhang?
Ja, in Österreich gibt es einige konkrete Pläne. Die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) hat einen Leitfaden zur Erarbeitung berufsspezifischer Klimakompetenzen herausgegeben. Unter dem Dach des Österreichischen Berufsverbandes für Musiktherapie (ÖBM) werden einige Kolleg:innen und ich versuchen, anhand des Leitfadens musiktherapiespezifische Klimakompetenzen zu erarbeiten und in einem Handbuch zusammenzufassen. Dies wird im besten Fall in Zusammenarbeit mit Kolleg:innen aus der Psychotherapie und der Psychologie geschehen.
Darüber hinaus ist die zuvor genannte „Klimainitiative Musiktherapie“ in Österreich seit einigen Monaten auch eine Arbeitsgruppe beim Verein Psy4Future. Das ist eine tolle Möglichkeit für interdisziplinären Austausch mit Personen angrenzender Berufsgruppen.
Auch haben wir Kontakt aufgenommen zu Luca Scavone, dem Vorsitzenden der Global Crises Intervention Commission des WFMT, um weitere Vernetzung unter Musiktherapeut:innen weltweit zu kultivieren.
Von Kolleg:innen wünsche ich mir ein Innehalten und Hineinspüren. Vielleicht findet sich ja der eine oder andere Impuls den eigenen Handabdruck zu vergrößern – egal ob in der Rolle als Musiktherapeut:in oder als Erdenbewohner:in.
Es tut sich jedenfalls einiges, worüber ich mich freue und wofür ich sehr dankbar bin.
Links
Manuel Goditsch – www.manuelgoditsch.at
European Music Therapy Confederation (EMTC) – emtc-eu.com
Psychologists | Psychotherapists for future – psy4f.org/
WFMT Global Crises Intervention Commission – www.wfmt.info/commissions/global-crises-intervention
Plumvillage – plumvillage.org/de
Goodnews – goodnews.eu
Literaturauswahl
Bauer, J. (2020). Fühlen, was die Welt fühlt. Die Bedeutung der Empathie für das Überleben von Menschheit und Natur. München: Blessing.
Bernius, V. (2023). Klimawandel und seelische Gesundheit. Musiktherapeutische Umschau, 44(1), 3-4. https://doi.org/10.13109/muum.2023.44.1.3
Chmielewski, F. (2023). Globale Krisen in der Psychotherapie. Weinheim: Beltz.
Goditsch, M. J., Martin, C., Weymann, E., Bals, C. & Nass-Dambach, J. (2025). Facing the climate emergency – how can a music therapeutic contribution look like?. In European Music Therapy Confederation (Hrsg.), 13th European Music Therapy Conference: book of abstracts: 23rd to 27th July 2025, 150-151.
Goditsch, M. J., Bals, C., Martin, C., Nass-Dambach, J., & Weymann, E. (2026). Sensibilisierung und Engagement – Musiktherapie im Feld der Klimakrise. Musiktherapeutische Umschau, 47(3), 247–257. https://doi.org/10.13109/muum.2026.47.3.247
Morizot, B. (2020). Philosophie der Wildnis oder Die Kunst, vom Weg abzukommen. Stuttgart: Reclam.
Pfeifer, E. (2012). Outdoor Musiktherapie: Musiktherapie jenseits des klassischen Settings. Wiesbaden: Reichert.


