Anlässlich der 13. Europäischen Musiktherapie-Konferenz (#emtc2025) lud die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft (DMTG) Pressevertreter und interessiertes Publikum zu vier Mittagsgesprächen ein. Sie fanden in der Hochschule für Musik und Theater Hamburg statt. Am ersten Tag ging es um Musiktherapie für Kinder und Jugendliche – Unterstützung in Kliniken, in der ambulanten Versorgung, in Schulen, Musikschulen. Moderiert wurden die Gespräche von der Wissenschaftsjournalistin Christina Sartori (u.a. Deutschlandfunk).
Einführung
Kinder und Jugendliche stehen unter anhaltenden psychischen Belastungen angesichts mehrerer gleichzeitiger Krisen (Corona-Pandemie, Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, Klimawandel und Katastrophen). Ohnmachtsgefühle sind eine häufige Folge. Zusätzlich werden Angststörungen, Depressionen, Essstörungen vermehrt diagnostiziert. Tendenziell sind ältere Kinder und Jugendliche stärker betroffen. Sozioökomische Benachteiligungen wirken sich zusätzlich negativ auf das psychische Wohlbefinden aus. Die neue Bundesregierung beabsichtigt eine Strategie „Mentale Gesundheit für junge Menschen“ zu entwickeln mit den Schwerpunkten „Prävention und Früherkennung psychischer Erkrankungen“. Hier müssen die Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis der Musiktherapie berücksichtigt werden.
Was können musiktherapeutische Angebote leisten und wie können sie die psychotherapeutische Versorgung auch sektorenübergreifend ergänzen – um vulnerable Gruppen, benachteiligte und sprachlich beeinträchtigte Kinder und Jugendliche unterstützen zu können?
Es diskutierten:
- Prof. Dr. Lutz Neugebauer (Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft – DMTG),
- Dr. Friederike Haslbeck (Klinik für Neonatologie, Universitätsspital Zürich),
- Nadine Weber-Kroschke (Kroschke-Kinderstiftung Hannover),
- Johannes Wagner (MdB, Bündnis 90/ Die Grünen, Mitglied im Gesundheitsausschuss)
- Rolf Zuckowski (Stiftung Kinder brauchen Musik).
Termin verpasst?
Die Aufzeichnung des etwa einstündigen Gesprächs vom Mittwoch, 23. Juli 2025 steht online zur Verfügung unter: www.youtube.com/live/IWL-fNFAi0k.
Das wird immer so warm
So beschrieb mir ein Kind seine Empfindung beim Singen, erzählt Liedermacher Rolf Zuckowski.
Auch Dr. Friederike Haslbeck berichtet von Eltern mit Frühgeborenen, die diese Empfindung so schildern, wenn sie sich gemeinsam mit ihrem Baby durch die Musik entspannen können. An diesen und anderen Beispielen zeige sich,
wie wichtig, wertvoll und oft notwendig Musiktherapie für die seelische Gesundheit für Kinder und Jugendliche sein kann.
Die Teilnehmer:innen beleuchteten in ihrer Diskussion die besondere Relevanz und Wirksamkeit der Musiktherapie für Kinder und Jugendliche, die Problematik der Finanzierung und politischen Wahrnehmung und der Möglichkeiten von Forschungen.
Zu Beginn berichtete Rolf Zuckowski (Musiker und Komponist von Hits wie “In der Weihnachtsbäckerei” und “Wie schön, dass Du geboren bist”) von zahlreichen Begegnungen mit Kindern und Eltern während seiner Konzerte, bei denen ihm immer wieder klar wurde, wie wichtig Musik für die seelische Entwicklung von Kindern ist. Er betonte:
Kinder lieben nicht nur Musik, sondern Kinder brauchen Musik. Durch die Musik können sie zu sich selbst finden und ihre eigene Seele spüren.
Daher kann Musik im sozialen Miteinander auch immer eine Brücke bauen zum individuellen Erleben der einzelnen Kinder und Musik kann jenseits der Sprachen Brücken zwischen Kulturen bauen, so Zuckowski.
Musiktherapie mit Frühgeborenen
Die Musiktherapeutin Friederike Haslbeck schilderte sehr berührend von ihrer Arbeit auf der Station für Neonatologie, wie wichtig Musik für die Intimität der gestressten frühgeborenen Kinder und ihren Eltern sein kann. Sie erklärte eindrücklich, wie durch kleine Interventionen mit dem Monochord und der Stimme, die sich z.B. am Atemrhythmus des Babys orientieren, schnell eine Wirkung sowohl durch beobachtbare Reaktionen – Öffnen der Hände, Zucken der Augenbrauen- , als auch anhand der Vitalwerte – Senkung der Herzrate und Sauerstoffsättigung – zeigt.

Sie berichtete, wie behutsam sie vorgeht, um für Eltern und Kinder Räume zu öffnen, für die im medizinischen und gerätebasierten Krankenhausalltag sonst kein Platz ist, die aber notwendig für die Entstehung von Bindungen sind.
Wie gestalten Musiktherapeut:innen ihr Handeln?
Auf die Frage nach dem spezifischen Handeln eines Musiktherapeuten ergänzten sich die beiden Musikttherpeut:innen Friederike Haslbeck und Lutz Neugebauer sehr gut. Sie betonten, dass das „Seelische Mitschwingen“ im Musizieren mit den Patient:innen im Mittelpunkt stehe. Therapeut:innen müssten Musiker sein, aber sich selber total zurücknehmen und die musikalische Kompetenz im Sinne von Patient:innen einsetzen, dabei diagnostische Erkenntnisse, psychologisches und medizinisches Grundwissen benutzen und sich ganz den Patient:innen hinwenden.
Gemeinsam musizieren macht “Implizites explizit”
Das aktive Musizieren miteinander sei das „therapeutische Agens“. So könne im Musizieren eine Verbindung entstehen, die „Implizites explizit“ mache. Musiktherapeut:innen müssen in der Lage sein, das, was die Musik ausdrückt und auslöst, aufzufangen, aber auch ihre Grenzen kennen und mit anderen Fachleuten zusammenarbeiten, so Haslbeck.
Neugebauer beschrieb, wie dadurch die Kinder „von sich selbst ergriffen werden“ und zu sich selbst kommen.
Gerade für Kinder aus vulnerablen Gruppen, die nicht sprechen können, sei daher Musiktherapie jenseits der gesprächsbasierten Psychotherapie das Mittel der Wahl.
Musiktherapie trotz Evidenz nicht budgetierbar
Neben diesen Schilderungen ging es im Gespräch auch um die Finanzierung und politische Aufmerksamkeit der Musiktherapie. Nach wie vor könne Musiktherapie im ambulanten Bereich nicht ärztlich verordnet werden. Lediglich im stationären Kontext kann Musiktherapie in multimodalen Abrechnungsziffern mit einbezogen werden. Daher seien musiktherapeutische Stellen z.B. im psychotherapeutischen oder neonatologischen Bereich budgetierbar, beschrieb Neugebauer.
Kinder, die Musiktherapie im stationären Bereich erlebt haben, fallen nach der Entlassung in ein Loch. Hier müsse die öffentliche Hand mehr tun, so die Forderung Neugebauers. Es müsse als erstes der Beruf Musiktherapeut:in geschützt werden, und Musiktherapie müsse von der Heilmittelausschlussliste gestrichen werden.
Aufgrund der zahlreichen evidenzbasierten Studien, besonders in Bereichen wie z.B. die Neonatologie, müsse der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) den seit dem Jahr 1992 bestehenden Beschluss revidieren, so dass Krankenkassen die Möglichkeit bekämen, Musiktherapie in die ambulante Versorgung für alle einzubeziehen, so Neugebauer.
In der Politik Aufmerksamkeit schaffen
Der Politiker der Grünenfraktion, Johannes Wagner, sprach von „dicken Brettern“, die dafür in der politischen Öffentlichkeit gebohrt werden müssen, um für die Wirksamkeit von Musiktherapie Aufmerksamkeit zu schaffen. Ein erneuter Auftrag zur Prüfung der Wirksamkeit von Musiktherapie als Heilmittel durch die G-BA müsse aus der Politik kommen. Dafür brauche es sowohl evidenzbasierte Studien, aber vielmehr noch öffentliche Aufmerksamkeit und auch prominente Fürsprecher wie z.B. Rolf Zuckowski.
Ein Vehikel für die Schaffung öffentlicher Aufmerksamkeit könne die „Strategie zur mentalen Gesundheit für junge Menschen“ der Bundesregierung sein. Wagner stufte sie jedoch lediglich als eine Willensbekundung ein. Trotzdem seien hier noch Handlungsfenster offen, in die die Musiktherapie einsteigen könne. Allergings müsse man hier, wie gesagt, dicke Bretter bohren, da es viele andere Bedürfnisse aus dem Gesundheitsbereich gebe.
Stiftungen springen bei der Finanzierung ein
Da diese Forderungen noch lange nicht erfüllt sind, sei es wichtig und gängige Praxis, Unterstützung von Stiftungen zu haben, bekräftigten Haslbeck und Neugebauer. Eindrucksvoll schilderte Nadine Weber-Kroschke, wie ihre Stiftung einige Projekte im Hamburger Umfeld bei der Bereitstellung von künstlerischen Therapien unterstützt und auch die Ausbildung von Musiktherapeut:innen durch Stipendien fördert.
Sie beschrieb gerade die Wirksamkeit und Relevanz von Musik- und Kunsttherapien für Kinder und Jugendliche aus den Bereichen von schwerer Krankheit und Behinderungen. Friederike Haslbeck berichtete davon, wie sie und viele andere Musiktherapeut:innen ihre Stellen aus Stiftungsgeldern selbst finanzieren mussten, bis die Institution selbst die Budgetierung übernahm. Allein aus Stiftungsgeldern seien die Lücken von musiktherapeutischer Versorgung, gerade für die vulnerablen Gruppen, allerdings nicht zu schließen, darüber waren sich die Beteiligten einig.
Große Studien müssen öffentlich finanziert werden
Zum Schluss machte Neugebauer darauf aufmerksam, dass es über die vielen kleinen Studien hinaus auch große Studien zur Wirksamkeit von Musiktherapie brauche, die von der öffentlichen Hand gefördert werden sollten. Solange die Musiktherapie auf der Heilmittelausschlussliste stehe, sei die Beantragung von Geldern für die Forschung allerdings nicht möglich. Auch hierfür sei es entscheidend, den G-BA zu einer erneuten Prüfung der Wirksamkeit der Musiktherapie seitens der Politik zu beauftragen, um durch eine Zulassung auch Mittel für großangelegte musiktherapeutische Forschungen möglich zu machen.
Wagner unterstützte diese Forderung und lud die Beteiligten zu einem Parlamentarischen Frühstück ein, um im politischen Berlin Aufmerksamkeit für die Musiktherapie zu schaffen. Zuckowski schlug vor, seine Erfahrungsberichte und anonymisierte Briefe von Kindern der Forschung und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, um die Wirksamkeit der Musiktherapie an Beispielen zu verdeutlichen.
Headerfoto: CarolJoy Church/ Nordoff-Robbins Zentrum Witten
Links
Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft (DMTG) – www.musiktherapie.de
13. Europäische Musiktherapiekonferenz – www.emtc2025.de
Hochschule für Musik und Theater Hamburg (HfMT) – Master Musiktherapie
Medical School Hamburg – Campus Arts and Social Change – Bachelor Musiktherapie
Klinik für Neonatologie, Universitätsspital Zürich (USZ) – www.usz.ch/fachbereich/neonatologie/
Kroschke Kinderstiftung – www.kinderstiftung.de
Stiftung Kinder brauchen Musik (von Rolf Zuckowski) – kinderbrauchenmusik.de


