Mittagsgespräch zur #emtc2025: Musiktherapie bei Krebs und im palliativen Bereich. Foto. C. Körte

Mittagsgespräche #emtc2025 – Musiktherapie bei Krebs und im palliativen Bereich

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Anlässlich der 13. Europäischen Musiktherapie-Konferenz (#emtc2025) lud die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft (DMTG) Pressevertreter und interessiertes Publikum zu vier Mittagsgesprächen ein. Sie fanden in der Hochschule für Musik und Theater Hamburg statt. Am zweiten Tag ging es um Musiktherapie bei Krebs und im palliativen Bereich. Moderiert wurden die Gespräche von der Wissenschaftsjournalistin Christina Sartori (u.a. Deutschlandfunk).

Einführung

Studien belegen, dass eine musiktherapeutische Begleitung Krebspatient:innen hilft, mit der psychischen Belastung umzugehen. Eine aktuelle randomisierte Studie aus den USA bestätigt, dass Musiktherapie Angststörungen bei Krebsüberlebenden ähnlich wirksam lindern kann wie eine kognitive Verhaltenstherapie, berichtet das Ärzteblatt im Juni 2025. Sie bestätigt das Ergebnis des HTA-Gutachtens von 2019, indem das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) den positiven Einfluss von Musiktherapie bei der Krankheitsbewältigung festgestellt hat. Darin wird die Gesundheitspolitik aufgefordert, die „neue Profession im Gesundheitswesen“ gesetzlich zu regeln, um die Qualität der Versorgung auch im ambulanten Sektor zu sichern.

Was ist seitdem passiert? Wie kann die Versorgung gerade bei vulnerablen Menschen, sowie bei Patient:innen und Angehörigen verbessert werden? Wie können Zugänge in der ambulanten Versorgung verankert werden? Welche Rolle können Selbsthilfegruppen und Verbände der Patient:innenvertretung spielen?

Es diskutierten:

Constance Boyde (Dipl.-Musiktherapeutin, Gemeinschaftskrankenhaus Witten-Herdecke),

Hardy Müller (Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Patientensicherheit),

Kay-Uwe Parsons-Galka (Hamburg, Vorsitz Deutsche Leukämie- und Lymphomhilfe),

Prof. Dr. Wolf K. Hofmann (Universitätsklinikum Mannheim Hämatologie/ Onkologie, Stiftung Deutsche Krebshilfe)

Maya Singh (Komponistin, Produzentin, digitale Selbsthilfegruppe).

Termin verpasst?

Die Aufzeichnung des etwa einstündigen Gesprächs vom Donnerstag, 24. Juli 2025 steht online zur Verfügung unter www.youtube.com/live/zvGLdB_PjoI.

Das Orchesterstudio war voll besetzt

Alle Mittagsgespräche erfreuten sich einer hervorragenden Resonanz beim Publikum. Der Saal war stets voll besetzt, und einige Interessierte standen sogar am Rand, als Moderatorin Christina Sartori die Gespräche eröffnete.

Prof. Dr. med. Wolf-K. Hofmann (Direktor Universitätsklinikum Mannheim Hämatologie/ Onkologie, Stiftung Deutsche Krebshilfe) begann die Runde mit einer relativ ermutigenden Nachricht: Ein Tumor, egal welcher Art, kann heute geheilt werden, zumindest soweit, dass man damit leben kann.

„Musik kann die Bewältigung auch der Nebenwirkungen verbessern“.

Seine Abteilung beschäftigt zwei bis vier Musiktherapeut:innen, die über eine Komplexpauschale für palliativmedizinische Einrichtungen abgerechnet werden können.

Mittagsgespräch zur #emtc2025: Musiktherapie bei Krebs und im palliativen Bereich. Foto. C. Körte
Mittagsgespräch zur #emtc2025: Musiktherapie bei Krebs und im palliativen Bereich. Foto. C. Körte

Zuerst war da viel Stille

Die Komponistin und Produzentin Maya Singh berichtete sehr persönlich von ihrer eigenen Krebskrankheit.  Auf die Frage, was in ihr vorgegangen sei, als sie von ihrer Erkrankung erfuhr, antwortete sie: „… da war Stille, bedrohliche Stille“. Ob ihr auch Musiktherapie angeboten wurde, fragte die Moderatorin nach. Singh antwortet schlagfertig und humorvoll:

„Musiktherapie? Nein, hätte ich gerne gemacht… vielleicht nimmt sich von Ihnen jemand meiner an!“

Musiktherapie wird immer noch häufig als nebensächlich angesehen, vermutet Singh. Für sie käme eine solche Aussage gleich mit dieser: Musik ist nebensächlich. Aber das wäre undenkbar – Musik sei im Leben von allen wichtig und präsent. Die Wirksamkeit von Musik – auch für die Therapie – müsse einfach erfahrbarer gemacht werden.

Studien können Leben retten

Infolge ihrer seltenen und lebensgefährlichen Krankheit hat sie die Studienallianz „Yes We Can!cer“ (yeswecan-cer.org) mit ins Leben gerufen. Unter dem Motto ‚Daten  retten Leben‘ werden hier Studien gesammelt und von Patient:innen zu Patient:innen erklärt. Außerdem können Betroffene anonymisiert ihre Patient:innendaten dort online zur Verfügung stellen – einen Wissensdatenbank von Krebserkrankten aus Sicht der Patient:innen (www.studienallianz.de).

Finanzierungslücke für Musiktherapiestellen

Kay-Uwe Parson-Galka, Vorstandsmitglied der Deutschen Leukämie- und Lymphomhilfe – und selbst Betroffener – betont, dass es eine Versorgungslücke gibt, was die Finanzierung von Musiktherapiestellen angeht. Der Verein finanziert zu 100% eine Musiktherapiestelle, um Patient.innen bestmöglich zu versorgen und neue Erkenntnisse über den Nutzen der Musiktherapie zu gewinnen. www.leukaemie-hilfe.de

Therapiemüdigkeit entgegenwirken

Prof. Hofmann bedauert die Tatsache, dass es „irgendwelche Töpfe und Fördervereine“ braucht, um die Musiktherapie außerhalb der stationären Komplexbehandlung zu finanzieren. Für Menschen, die an Krebs erkrankt sind, sei es psychisch belastend, die oft langwierige Behandlung mit vielen Nebenwirkungen durchzuhalten.

Der Therapiemüdigkeit entgegenzuwirken sei ein wichtiges Element in der erfolgreichen Behandlung der Patient:innen.

„Hier in diesem Land bekommt jeder dieselbe Therapieerkrankung. Wenn nur eine Person dranbleibt und damit ein Rezidiv verhindert wird, werden 100-200 tausend Euro an Behandlungskosten eingespart“.

Damit könnten bis zu acht Millionen Euro für eine bessere Versorgung von Krebs-Langzeitüberlebenden generiert werden.

Musiktherapie wichtig für die Familie der kleinen Patient:innen

Diplom-Musiktherapeutin Constanze Boyde arbeitet in der Kinderonkologie. Sie betont, dass immer die ganze Familie von einer so schweren Krankheit bei Kindern betroffen sei und sie dementsprechend auch die Eltern der Patient:innen in ihre Behandlung einbezieht. Oft brauchen auch die Eltern einmal eine Pause, können sich aber von ihrem Kind nicht lösen:

„Hier stehe ich dann zur Verfügung und löse die Eltern wenigstens für eine Stunde ab.“

Forschung bestätigt Wirksamkeit in der Eltern-Kind-Interaktion

Deshalb forscht Boyde zum Thema Musiktherapie mit Kindern und wichtigen Bezugspersonen. In einer Studie konnte sie nachweisen, dass Musiktherapie die Interaktionsprozesse zwischen Eltern und jungen Krebspatient:innen verbessert.  Sie betont, wie wichtig es ist, die Leitlinienarbeit weiter voranzubringen und erzählt von einem an Krebs erkrankten Jungen, der in einer Musiktherapie-Sitzung mit Bedauern sagte, dass er einen Freund habe, der „leider keinen Krebs hat“. Nach einem Moment der Ratlosigkeit sprach der Junge weiter, dass sein Freund deshalb ja auch keine Musiktherapie haben könne. Der Freund wurde zu einer Musiktherapiesitzung eingeladen und es wurde eine unvergessene Sitzung zu Dritt.

„Musiktherapie – ok, das mache ich“

Kay-Uwe Parsons-Galka erklärt, dass bei ihm die Erzählungen aus der musiktherapeutischen Praxis mit Patient:innen „Gänsehaut hervorrufen“. Es sei unglaublich, was sich da bewegt – und knüpft damit an die Vision von Maya Singh an:

„Die Wirksamkeit von Musik und Musiktherapie muss erfahrbarer gemacht werden.“

Er berichtet außerdem, dass Musiktherapie vielfach als Türöffner wirkt, wenn alle anderen Therapien (Psychotherapie zum Beispiel) abgelehnt werden. Patient:innen seien oft therapiemüde.

„Aber Musiktherapie – ok, das geht, das mache ich.“

Abrechnungssystematik nach 30 Jahren neu aufstellen

Hardy Müller, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Patientensicherheit, wünscht sich, „dass das hier ein Impuls ist, nach 30 Jahren die alte Frage in Bezug auf die Abrechnungssystematik neu zu stellen“. Die Krankenkassen geben jährlich 1,5 Milliarden Euro für den stationären Bereich aus – aber was ist mit dem ambulanten Bereich?“

Musiktherapie steht auf über 30 Jahre alter Ausschlussliste des G-BA

Seit 2019, seit mehreren Jahren also, liegt dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) durch einen HTA Bericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) eine Anfrage vor, berichtet Müller,  Musiktherapie von einer Liste von Maßnahmen zu streichen, die von den gesetzlichen Krankenkassen nicht finanziert werden dürfen (die sogenannte Ausschlussliste der Heilmittel-Richtlinie).

Daten, die zu Taten führen

„Der Ball liegt im Feld der anderen…“ so Hofmann weiter, also der Politik, er ergänzt:

„…in den nächsten fünf Jahren haben wir eine eindeutige Evidenz. Wenn ein Effekt erzielt wird, dann ist das mehr als eine Eintrittskarte – daran kommt auch der G-BA nicht mehr vorbei.“

Müller, der sich selbst als einen berufsbedingten Optimisten bezeichnet, bekräftigt dies:

„Wir schaffen das. Evidenz – wir müssen was draus machen. Daten werden zu Taten.“

Links

Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft (DMTG) – www.musiktherapie.de

13. Europäische Musiktherapiekonferenz – www.emtc2025.de

Hochschule für Musik und Theater Hamburg (HfMT) – Master Musiktherapie

Medical School Hamburg – Campus Arts and Social Change – Bachelor Musiktherapie

Yes We Can!cer – yeswecan-cer.org

Studienallianz (Eine Initiative von Yes We Can!cer) – www.studienallianz.de

Universität Witten/Herdecke – www.uni-wh.de

Deutsche Gesellschaft für Patientensicherheit gGmbH – patientensicherheit.de

Deutsche Leukämie- und Lymphomhilfe – www.leukaemie-hilfe.de

Stiftung Deutsche Krebshilfe – www.krebshilfe.de

 

 

 

Bild von Judith Sonntag

Judith Sonntag

Als zertifizierte Musik- und Lehrtherapeutin DMtG arbeitet Judith Sonntag in Institutionen des Gesundheitswesens im Bereich Palliative Care und führt die Praxis Alte Wache in Hamburg. Sie ist Mitglied der Lehrmusiktherapie-Kommission. www.JudithSonntag.de

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