Ein Interview mit Dietmar Elsler. Von Bettina Eichmanns
Soeben ist in der Musiktherapeutischen Umschau (Band 4/2025) von Dietmar Elsler der Artikel “Hang® Balu – Klänge, die verbinden” erschienen. Von seiner Geschichte und der Bedeutung des Namens, über das Potential für die Musiktherapie bis hin zu den Ursprüngen seiner verbindenden Kraft lässt uns der Autor in diesem Interview tief in die Welt dieser Instrumente (die eigentlich Klangskulpturen sind) eintauchen.
Herr Elsler, was ist die Geschichte des Instruments Hang® Balu? Und was bedeutet der Name?
Der Name ist ein zwei Teile gegliedert: “Hang” bedeutet im Bern-Deutsch “Hand”, weil das Instrument mit den Händen (und ausschließlich mit den Händen) gespielt wird. “Bal” bedeutet in mehreren Sprachen “Tanz”, im Griechischen bedeutet “βάλλειν”(ballein) werfen oder schleudern. Also kann man den Namen sinngemäß mit “Tanz der Hände” übersetzen. Den Impuls, den der Spieler mit seinen Händen in das Instrument “schleudert”, gibt das Instrument wieder als Klang zurück.
Den Weg der Vorfahren mithören
Die Geschichte des Hang® Balu ist eine Reise, die mich jedes Mal aufs Neue begeistert – eine Reise voller Klangforschung, handwerklicher Hingabe und Mut zum ständigen Weiterentwickeln. Wenn man sich mit dem Hang® Balu beschäftigt, kann man nicht anders, als auch den Weg seiner Vorfahren mitzuhören: den Ursprung im legendären Hang®, jenem Instrument, das vor über zwanzig Jahren wie ein völlig neues Klangwesen in die Musikwelt trat. Sein berührender, fast organischer Ton hat unzählige Musiker:innen, Therapeut:innen und Klangforscher:innen inspiriert.
Eine 20-jährige Geschichte
Die Hangbauer:innen (Sabina Schärer und Felix Rohner) haben das Hang® nie als fertiges Produkt verstanden, sondern als Ausgangspunkt. Von hier aus entwickelte sich alles Schritt für Schritt weiter, mit Neugier, Passion und der tiefen Überzeugung, dass Klang Kunst ist, die lebt und wächst. So entstand das Freie Integrale Hang®, eine frei schwingende Version des Hang®, das wieder neue Türen öffnete – zum Gubal, einem kraftvollen, bass-starken Klangkörper, und zum Hang® Bal, das sich perkussiv noch direkter und körperlicher spielt. Schließlich führte dieser Weg in einer über 20-jährigen Geschichte zum Hang® Balu als Essenz dieses Entwicklungsprozesses: präsent, klar, resonant und gleichzeitig verspielt. Es fühlt sich an, als hätte hier die Forschung eine besonders stimmige Form angenommen.
Im Klang zusammenkommen
Während das Hang® als Instrument für das Individuum konzipiert war, erkannten die Hang®bauer ein wachsendes Bedürfnis: Menschen wollten wieder mehr Gemeinschaft erleben, weg vom Egozentrismus, hin zum Kollektiv. Das Hang® Balu antwortet darauf. Es ist ein Klangkörper, der Menschen über die Musik miteinander verbindet – unabhängig von politischen oder religiösen Überzeugungen. Wenn man gemeinsam spielt, fällt all das ab. Man kommt im Klang zusammen, und genau darin liegt seine besondere Kraft.
Können Sie uns berichten, wie Sie mit dem Hang® Balu in Kontakt gekommen sind?
Ich habe mein erstes Hang® (Freies integrales Hang®, FIH) im Oktober 2010 in Bern abgeholt Seitdem verfolge ich nicht nur mit Interesse und Faszination die Geschichte dieser Klangskulpturen, ich lebe auch diese Philosophie der ständigen Weiterentwicklung. Ich schätze mich glücklich, ein Hang®, ein Gubal, ein Hang® Bal, ein ganzes Set Hang® Balu inklusive Hang® Godo mein Eigen nennen und mich nach Belieben an diesen Klangskulpturen erfreuen zu können, die bei meiner Arbeit als Musiktherapeut sehr oft zum Einsatz kommen. Das Hang® von 2010 hat maßgeblich dazu beigetragen, dass ich mich mehr und mehr mit der Essenz des Klanges und dessen Wirkung beschäftigt habe. Es hat mich letztendlich dazu bewogen, Musiktherapeut zu werden.
„Es gibt Instrumente, die nicht nur Töne erzeugen, sondern Räume öffnen“ – Ihr Artikel beginnt mit diesem sehr suggestiven Satz (dazu komme ich gleich noch einmal…). Würden Sie sagen, dass dies das Ziel von allen klanglich-musikalischen Äußerungen im musiktherapeutischen Setting ist? Und wodurch ist das Hang® Balu besonders geeignet dafür?
Ja, in gewisser Weise ist das Öffnen von Räumen ein zentrales Ziel vieler klanglich-musikalischer Äußerungen im musiktherapeutischen Setting – allerdings nicht im metaphorisch überhöhten Sinne, sondern ganz konkret im therapeutischen Prozess. Musik schafft Zugänge, die Sprache oft nicht erreicht. Sie eröffnet emotionale, körperliche und imaginative Räume, die es Klient:innen ermöglichen, sich sicherer, freier und authentischer auszudrücken.
Zur Begegnung einladen
Und genau hier liegt die besondere Qualität des Hang® Balu. Durch seinen warmen, körperlich resonanten Klang, seine unmittelbare Spielbarkeit und die Möglichkeit, ihn sowohl solistisch als auch kollektiv zu nutzen, lädt das Hang® Balu zu Begegnung ein. Sein Klang wirkt nicht bewertend; er stellt nichts Forderndes in den Raum. Stattdessen öffnet es einen Klangraum, der trägt, und sich mit den jeweiligen Spieler:innen verbindet, und jedem Menschen einen gleichberechtigten Platz gibt.
Ich habe, wie Sie, meine Musiktherapieausbildung in Italien absolviert. Mein Musikphilosophie-Dozent, Carlo Serra, sagte uns über die Stimme einmal: sie ermöglicht es, den Raum um uns zu ergreifen. Das hat mich fasziniert, und Sie haben eine ähnliche Formulierung gewählt. Sie schreiben, dass das Hang®-Balu aus einer Hang®-Klangskulpur hervorgegangen ist…?
Ah, wie schön zu hören, dass Sie Ihre Ausbildung in Italien gemacht haben! Carlo Serras Bild von der Stimme, die den Raum um uns ergreift, ist natürliche eine sehr relevante und schön formulierte Feststellung – und diese Faszination spiegelt sich in meiner Arbeit mit dem Hang® Balu wider. Jede Entwicklungsstufe des Instruments war wie ein kreativer Dialog zwischen Klang, Handwerk, Raum und Zeitgeist, eine Art lebendige Forschung, bei der immer wieder neue Möglichkeiten ausgelotet wurden, wie Klang Körper, Geist und Raum gleichzeitig berühren kann.
Ein Resonanzkörper für gemeinsame Präsenz
In der musiktherapeutischen Arbeit erlebe ich das Hang® Balu als Instrument, das genau diesen Raum aufgreift und formt. Es ist wie ein Resonanzkörper für die gemeinsame Präsenz von Therapeut:in und Klient:in, ähnlich dem Konzept des virtuellen Klangkindes, über das ich in meiner gemeinsamen Arbeit mit meinem Freund und Kollegen Christopher Baron über das Hang® Balu geschrieben habe. Dieses virtuelle Klangkind symbolisiert eine Projektion unserer inneren Klangwelten, die im therapeutischen Raum Gestalt annimmt, hörbar, spürbar, lebendig. Diese Gestalt kann auch als “Raum” verstanden werden. Aus der Summe jedes auch noch so kleinen Beitrags der einzelnen Spieler:innen entsteht ein “Klangkind”, in dem die Grenzen verschwimmen und man nicht mehr genau sagen kann, wer was gespielt hat. Es hat enorme verbindende Kraft.
Für mich ist das die Magie: Ein Instrument wird zum Mittler zwischen innerer Emotionalität und gemeinsamem Raum im Hier und Jetzt, der für Vertrauen und therapeutische Begegnung essenziell ist und den therapeutischen Prozess unterstützt.
Raum, Körper und Klang hängen also eng zusammen?
Genau, sie sind “untrennbar”. Klang entsteht nicht isoliert – er wirkt immer in einem Raum, der Resonanz und Reflexion bietet. Er wirkt direkt auf den Körper der Spielenden und Hörenden. Der Körper wird zum Resonanzkörper, nicht nur physisch durch Vibrationen, sondern auch emotional und sensorisch. Klang kann Spannungen lösen, Aufmerksamkeit lenken, Bewegungsimpulse auslösen und imaginative Räume öffnen, in denen Klient:innen sich sicher und frei ausdrücken können.
Töne erzeugen Vibrationen im Körper
Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: In einer Musiktherapiesitzung mit dem Hang® Balu beginne ich oft mit einem sanften, rhythmischen Puls auf dem Instrument, während die Klient:innen die Augen schließen. Die tiefen, resonanten Töne erzeugen spürbare Vibrationen, die im Körper wahrgenommen werden – oft beginnen Klient:innen automatisch, sich zu bewegen oder den Atem zu vertiefen oder gar schon mit den Händen über die Oberfläche des Hang® Balus zu streichen.
Wie von selbst finden die Hände und die Finger dann Klänge und die Klient:innen beginnen einfach zu spielen, in Resonanz zu treten, obwohl sie das Hang® Balu vielleicht das erste Mal auf dem Schoß halten. In diesem gemeinsam getragenen Klang-Raum können sich Klient:innen ausprobieren, eigene musikalische Impulse geben oder einfach dem Klang nachspüren. Der Raum wird zum sicheren, urteilsfreien Resonanzfeld, in dem sich Vertrauen und Beziehung zwischen Therapeut:in und Klient:in entwickeln.
Sie erwähnen den von Theodor Adorno geprägten Begriff der „expressiven Gültigkeit“. Was hat es genau damit auf sich?
Der von Theodor Adorno geprägte Begriff der „expressiven Gültigkeit“ beschreibt, dass Musik ihre eigene Authentizität besitzt – sie wird nicht durch Regeln, Noten, Akkorde oder methodische Vorgaben bestimmt, sondern durch die Fähigkeit, inneres Erleben unmittelbar hörbar werden zu lassen. In der Musiktherapie ist das von zentraler Bedeutung: Klient:innen brauchen Instrumente, die barrierefrei zugänglich sind, die keinen Leistungsdruck erzeugen und keinen formalen Vorgaben unterliegen. Klassische Instrumente wie das Klavier beispielsweise repräsentieren oft das Gegenteil: Sie erfordern Übung, Technik, Genauigkeit und Ehrfurcht vor dem Instrument. Diese Hürden lenken die Aufmerksamkeit auf Rationalität, auf „korrektes Spielen“, und hemmen spontane emotionale Ausdrucksmöglichkeiten.
Barrieren und Hemmungen abbauen
Studien wie Rolvsjord (2010, Resource-Oriented Music Therapy) zeigen, dass solche Barrieren bei Klient:innen zu Hemmung und Selbstzensur führen. Manchmal wünscht sich ein Klient aber, das Klavier beispielsweise zu benutzen (oder eine Gitarre, etc.). Dann versuche ich, genau diese rationale Ebene zu verlassen indem ich das Instrument “entweihe”: Wir spielen mit den Unterarmen, wir benutzen es perkussiv, indem wir auf das Gehäuse klopfen, wir halten das Haltepedal (Sustainpedal) gedrückt und singen/rufen in die Saiten und genießen die sich darauf ergebende Resonanz.
Hier setzt das Hang® Balu an: Es gibt keine Noten, keine Kurse, keine Bücher, keine Methode, kein Richtig, kein Falsch. Jede Bewegung, jeder Ton entsteht aus dem Moment, aus der eigenen inneren Impulskraft. In der Praxis bedeutet das: Ich beginne eine Sitzung oft damit, dass ich den Klient:innen das Hang® Balu einfach reiche und sie einlade, es zu berühren, zu spüren, ohne Anweisung. Manche beginnen sofort zu tippen, zu streichen oder die Resonanz zu erforschen; andere lauschen zuerst und lassen sich dann von den Tönen leiten. Jede dieser Handlungen ist im Sinne von Adorno “gültig”.
Ein Beispiel: In einer Gruppe mit Jugendlichen, die sehr zurückhaltend waren, entstand aus einem einfachen, freien Spiel mit dem Hang® Balu plötzlich ein kollektiver Rhythmus. Niemand „musste“ etwas richtig machen – dennoch entwickelte sich ein vielschichtiges Klanggewebe, das die Jugendlichen emotional miteinander verband. Die expressive Gültigkeit zeigt sich hier: Jeder Ton, jeder Impuls ist authentisch und trägt die persönliche Emotionalität, ohne dass er bewertet wird.
In der Fallvignette erfahren wir von einem Ihrer Klienten, wie das Musizieren und die Kritik von Seiten des Vaters zur Quelle von Scham und Angst wurden. Wird dieses Risiko beim Erlernen eines Instruments oft vernachlässigt? Kann die Musiktherapie dahingehend in der Musik- und Instrumentalpädagogik etwas verändern ?
Ja, absolut! In meiner musiktherapeutischen Arbeit frage ich Menschen sehr bewusst, ob sie schon einmal ein Instrument gespielt haben – ich sage absichtlich „gespielt“ und nicht „gelernt“. Und fast immer lautet die Antwort: „Ja, ich habe das Instrument XY gelernt, aber ich habe irgendwann aufgehört.“ Wenn ich nachfrage, warum, sind die Gründe fast immer die gleichen: „Es war mir zu anstrengend, ich konnte das ständige Üben nicht ertragen, ich war nicht gut genug, der/die Lehrer:in war nie zufrieden.“
Die Lust am Musizieren fördern
Psychologisch betrachtet ist das nicht einfach eine Frage von Motivation oder Fleiß. Studien aus der Entwicklungspsychologie und Musikpädagogik, z. B. von McPherson & Gabrielsson (2002) oder Davidson & Faulkner (2012), zeigen, dass wiederholte Kritik, Demotivation oder negative Rückmeldungen bei Kindern und Jugendlichen tiefe emotionale Spuren hinterlassen können. Wenn ein Mensch hört, er sei „nicht gut genug“, erlebt er nicht nur Frustration, sondern auch Scham und Angst. Diese Emotionen wirken stark hemmend: Der expressive Kanal, der durch Musik entsteht, wird verschlossen, spontane Kreativität blockiert. Das hat langfristige Folgen: viele Menschen verlieren die Lust am Musizieren.
Freie Improvisation, ein geschützter Raum
Hier kann die Musiktherapie ansetzen. Anders als in der klassischen Musikpädagogik gibt es im therapeutischen Setting kein Richtig oder Falsch, keinen Leistungsdruck, keine Noten, die „perfekt“ umgesetzt werden müssen. Es geht allein darum, Klang und Ausdruck zu erfahren. Das Hang® Balu, freie Improvisation oder andere leicht zugängliche Instrumente eröffnen genau diese Möglichkeit: Klient:innen können direkt spielen, ohne vorher Leistung erbringen zu müssen. In diesem geschützten Raum kann verlorenes Vertrauen in den eigenen Ausdruck wieder aufgebaut werden, die expressive Gültigkeit nach T. Adorno wird real, und Emotionen dürfen sich direkt über Klang mitteilen.
Darüber hinaus suche ich proaktiv den Dialog mit Musikpädagog:innen, um ihnen diese zentralen musiktherapeutischen Aspekte näherzubringen. Da gab es schon oft auch ziemlich “feurige” Diskussionen (lacht)!
Freude statt Leistungsdruck im Musikunterricht
Ich lasse keine Gelegenheit aus, auf die Risiken von Leistungsdruck und starren Vorgaben hinzuweisen – und in manchen Fällen konnte ich tatsächlich erreichen, dass Lehrkräfte ihren Unterricht neu gestalten und die Freude am Musizieren mehr in den Vordergrund stellen. Eine Gitarrenlehrerin, hat daraufhin jede:n Schüler:in bereits in der ersten Stunde nach ihrem Lieblingssong gefragt. Gemeinsam wird dann dieser Song erarbeitet, die Freude am Klang und am Spielen steht im Mittelpunkt. Denn genauso wie jeder Mensch unterschiedlich ist und Gefühle individuell erlebt, müssen Lehrpläne individuell angepasst werden, um Kreativität und Ausdrucksmöglichkeiten nicht zu blockieren. Musik sollte stattdessen Welten öffnen, die frei, unterstützend und voller Freude sind.
Sie schreiben: „Die Pulsstrukturen der Balu-Instrumente ermöglichen eine getragenen Co-Regulation (laut Schore, 2012). Was ist es denn an diesen Pulsstrukturen, das diese Eigenschaft der Co-Regulation hervorbringt?
Ich habe über diese Frage lange nachgedacht und bin zum Schluss gekommen, dass man das mit Worten nur schwer erklären kann. Da passt sehr gut der Satz von E.T.A. Hoffmann: „Wo die Worte enden, fängt die Musik an.“
Um zu verstehen, warum die Pulsstrukturen der Balu-Instrumente eine so besondere Eigenschaft der Co-Regulation haben, muss man die Musik des Hang® Balu selbst hören und erleben. Der zentrale Ton des Balu ist ein tiefer, runder Basston, der mit der Hand angeregt werden kann. Er wirkt wie ein Fundament, ein tragender „Atem“ des Instruments, der beständig pulsiert und gleichzeitig eine beruhigende, erdende Qualität vermittelt. Dieser Ton gibt einen sicheren Standpunkt, auf dem alles weitere musikalische Geschehen aufgebaut werden kann – er trägt, er stabilisiert, er unterstützt.
Hörbeispiel
Hier können Sie das Hang Balu in Aktion hören!
Affektive Co-Regulation
Genau diese pulsierende Struktur erzeugt im therapeutischen Setting eine physiologische und emotionale Resonanz zwischen Spielenden und Hörenden. Wie Schore in seiner Arbeit zur affektiven Co-Regulation beschreibt, können konsistente, rhythmische und tragende Signale von einem sozialen Partner (hier das Hang® Balu) das autonome Nervensystem stabilisieren, Stress reduzieren und eine Synchronisation zwischen Beteiligten fördern. Der beständige Basston des Hang® Balu wirkt in diesem Sinne wie ein externes Regulationssignal: Er wird vom Körper gespürt, über Vibrationen wahrgenommen und erzeugt eine Art „gemeinsamen Atem“. Dies erleichtert die emotionale Verbindung und das sichere Erleben im gemeinsamen Raum, ganz ohne Worte, ohne Instruktionen, einfach über Klang und Puls.
Auf diese Weise wird die Musik selbst zu einem Werkzeug der emotionalen Stabilisierung und der direkten Interaktion.
Was bedeuten die Konzepte der Klangdemokratie und des kollektiven Klangkindes? Könnte die Leichtigkeit der Strukturen im musikalischen Ausdruck vielleicht zu wenig die Auseinandersetzung mit bestimmten Herausforderungen in der Lebensrealität fördern?
Klangdemokratie
Das von mir eingeführte Konzept der Klangdemokratie beschreibt ein Prinzip, bei dem jede Stimme im gemeinsamen Musizieren gleichwertig ist und gehört wird – unabhängig von Erfahrung, Können oder instrumentaler Herkunft. Anders als in traditionellen Ensembles mit klarer Hierarchie oder Bewertung wird bei der Klangdemokratie die Partizipation aller Spieler:innen in den Mittelpunkt gestellt. Jede:r übernimmt Verantwortung, jede Handlung am Instrument trägt zur gemeinsamen Klanglandschaft bei, und das Ergebnis entsteht kollektiv. Dieses Prinzip fördert Inklusion, emotionale Sicherheit, soziale Interaktion und Selbstwirksamkeit, was durch Studien wie Jochims, Toiviainen & Eerola (2013) belegt wird: kollektive Improvisation in egalitären Settings steigert positive Affekte, soziale Bindung und Ausdrucksfähigkeit.
Das Hang® Balu eignet sich für die Umsetzung der Klangdemokratie besonders gut. Als freie Klangskulptur des 21. Jahrhunderts ist es völlig ungebunden: Es gibt keine Noten, keine Skalen, keine Unterrichtsvorgaben, keine Kurse, Bücher oder Methoden. Jeder Ton kann frei gesetzt werden, jeder Impuls ist gültig, jedes Spiel ist Ausdruck der eigenen Kreativität. Der zentrale Basston, die resonanten Obertöne und die haptisch erfahrbare Oberfläche des Instruments ermöglichen sofortiges Spiel und Co-Kreation, ohne dass vorherige Übung oder technische Fertigkeiten nötig wären. Dadurch entsteht ein neutraler, offener Raum, in dem das Prinzip der Klangdemokratie unmittelbar erlebt werden kann: jede Stimme zählt, jede Aktion ist bedeutend, und keine:r wird bewertet.
Die Hangbauer:innen selbst betonen zudem die Notwendigkeit, die Freiheit des Instruments zu bewahren. Sie kommen ohne Kurse und technische Übungen aus , um zu verhindern, dass starre Regeln den freien Ausdruck der Musiker:innen einschränken
Ein zentraler Aspekt der Klangdemokratie ist nicht nur die Gleichwertigkeit der Teilnehmenden, sondern auch die Gleichberechtigung in Bezug auf musikalische Parameter. Jede:r Spieler:in hat denselben Zugang zu Klangvielfalt, Dynamik, Lautstärke, Rhythmus und Resonanzmöglichkeiten des Instruments. Gleichzeitig bleibt die individuelle Ausdrucksfähigkeit vollständig erhalten: Jede Person kann ihren eigenen musikalischen Impuls umsetzen, eigene Klangfarben und Nuancen wählen und sich somit authentisch einbringen.
Das kollektive virtuelle Klangkind
Das ist das zweite Konzept aus meiner gemeinsamen Arbeit mit dem Kollegen Christopher Baron. Das Konzept des kollektiven, virtuellen Klangkindes lässt sich so zusammenfassen:
Es handelt sich dabei um eine metaphorische Klang‑Entität, die nicht nur aus den Beiträgen mehrerer Spielender entsteht, sondern sich in einem gemeinsamen, imaginierten Klangraum „verwirklicht“. Dieses virtuelle Klangkind ist ein lebendiges, sich wandelndes kreatives Wesen: Es wächst, verändert sich, reagiert auf Impulse von unterschiedlichen Mitspieler:innen
Für die Musiktherapie ist dieses Konzept besonders relevant, weil es eine tiefe Form der gemeinsamen Resonanz ermöglicht: Das virtuelle Klangkind wirkt wie eine gemeinsame Projektion der inneren Klangwelten aller Teilnehmenden. Dadurch wird ein Raum geschaffen, in dem individuelle Ausdrucksmotive gespürt und weiterentwickelt werden. Es entsteht eine Art klangliches „Wir“, das für alle Teilnehmenden Bedeutung trägt.
Die Frage, ob die Leichtigkeit der Strukturen im musikalischen Ausdruck vielleicht zu wenig die Auseinandersetzung mit bestimmten Herausforderungen in der Lebensrealität fördern könnten kann ich aus ganzer Überzeugung mit Nein beantworten. Die Hang® Balus bieten ein enormes Spektrum an klanglichen Ausdrucksmöglichkeiten, das weit über die scheinbare Leichtigkeit hinausgeht. Spieler:innen können sowohl zarte, windgeräusch-ähnliches Streicheln über die Oberfläche als auch sehr laute, perkussive und orkanartige Klänge erzeugen und damit nahezu alle Facetten menschlicher Emotionen und Lebensrealitäten musikalisch darstellen.
Hinweis zum Mieten der Instrumente
Um Musiktherapeut:innen die kostengünstige Möglichkeit zu geben, ihre Klangskulpturen für den Einsatz in der Musiktherapie auszuprobieren, hat die PANArt AG die Möglichkeit geschaffen, einzelne Instrumente oder ganze Sets mit vier Instrumenten kostengünstig zu mieten. Falls Sie daran interessiert sind, kontaktieren Sie bitte PANArt direkt unter info@panart.ch . Ein Nachweis für die Tätigkeit als Musiktherapeut:in ist notwendig.
Hang® ist eine eingetragene und geschützte Wortmarke der PANArt Hangbau AG, Bern, Schweiz.
Links mit Audio- und Videobeispielen
Eine Playlist von PANArt mit Hang® Balu Klangbeispielen (unbedingt mit guten Boxen oder Kopfhörern anhören, ansonsten ist der Bassklang nicht hörbar!).
Literaturhinweise
Elsler, Dietmar. Hang Balu – Klänge, die verbinden. Musiktherapeutische Umschau, 46, 4, 381-386.
Das Paper von Diemar Elsler und Christopher Baron “PANArts Hang® Balu in Music Therapy, Techniques, Applications, and Philosophical Insights (in Englisch)” kann hier kostenlos heruntergeladen werden.
Adorno, Theodor W. (1970). Ästhetische Theorie. Hg. Gretel Adorno & Rolf Tiedemann. Suhrkamp.
McPherson, Gary E., Davidson, Jane W., & Faulkner, Robert (2012). Music In Our Lives: Rethinking Musical Ability, Development and Identity. Oxford University Press.
McPherson, Gary E., & Gabrielsson, A. (2002). From sound to sign. In R. Parncutt & G. E. McPherson (Eds.), The Science and Psychology of Music Performance: Creative strategies for teaching and learning (pp. 99-115). Oxford University Press.
Rolvsjord, Randi (2010). Resource-oriented music therapy in mental health care. Barcelona Publishers.
Schore, Allan N. (2012). The Science of the Art of Psychotherapy. W. W. Norton & Co. (Norton Series on Interpersonal Neurobiology).
Beispielvideo
Mit Sabina Schärer, David Rohner, Christopher Baron und Dietmar Elsler. Das besondere hier ist, dass wir nach jedem Stück, das spontan beginnt und endet, die Instrumente im Uhrzeigersinn weitergeben. Durch diese simple Aktion kann man hören, dass jedes Musikstück völlig anders klingt, ein anderes Tempo hat, eine andere Stimmung. Das ist gelebte Improvisation und zeigt die vielseitigen Möglichkeiten des Hang®-Balu Orchesters:
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