Als Interprofessionelle Lernendenvertretung im Gesundheitswesen (ILVG) treffen sich Lernendenvertretungen verschiedenster Gesundheitsfachberufe einmal monatlich online zu offenem Austausch und zum Planen von Projekten die die Interprofessionalität fördern. Interessierte können den Leitfaden der Interessensgemeinschaft ILVG online nachlesen.
In diesem Rahmen sprach ich als Studierendenvertreterin der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft (DMTG) die anstehende Schließung des Masterstudiengangs Musiktherapie an der Universität der Künste in Berlin an und formulierte die Idee eines gemeinsamen Positionspapieres für die Gewährleistung eines Musiktherapie-Masterstudiengangs in Berlin.
Drei Verbände schließen sich den Forderungen des Positionspapieres an: Die Psychologie-Fachschaften-Konferenz (PsyFaKo), Junges Physio Deutschland sowie die Junge Pflege des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK).
Als Musiktherapie-Studierende sind wir sehr dankbar für diese Solidarität und überzeugt davon, dass wir große Themenkomplexe wie die Akademisierung der Gesundheitsfachberufe nur mit interprofessionell vereinten Kräften erreichen können. Solch große Themenkomplexe beginnen nicht zuletzt im kleineren, mit der Erhaltung von Studienplätzen bereits akademischer Fachberufe wie der Musiktherapie.
Wir richten das Positionspapier an die Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege Frau Dr. Ina Czyborra, sowie an die Fraktionsvorsitzenden im Berliner Abgeordnetenhaus und appellieren nachdrücklich an sie, ihrer Verantwortung für die Musiktherapie als besonders förderungswürdiges kleines Fach nachzukommen. Im Jahr 2019 hatte die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) gemeinsam mit dem Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMBF) die Musiktherapie in die Förderlinie “Kleine Fächer – Große Potentiale” aufgenommen.
Anlass und Forderung
Der Masterstudiengang Musiktherapie an der Universität der Künste Berlin (UdK) wird ab dem Wintersemester 2026/27 nicht mehr für neue Studierende geöffnet. Mit dieser Entscheidung wird ein seit über vier Jahrzehnten etablierter, national wie international renommierter Studiengang eingestellt, der maßgeblich zur Professionalisierung, wissenschaftlichen Fundierung und Qualitätssicherung der Musiktherapie in Deutschland beigetragen hat.
Die unterzeichnenden Verbände, vernetzt durch die Interessensgemeinschaft ILVG (Interprofessionelle Lernendenvertretung im Gesundheitswesen), fordern die Hochschulleitung der UdK Berlin sowie den Senat von Berlin nachdrücklich auf,
- einen Masterstudiengang Musiktherapie in Berlin strukturell und finanziell abzusichern,
- die musiktherapeutische Forschung und Promotion am Standort Berlin langfristig zu sichern, sowie
- die Akademisierung und Qualitätssicherung im Bereich der Gesundheitsfachberufe strategisch auszubauen.
Musiktherapie als wissenschaftlich fundierte, leitliniengestützte Therapieform
Musiktherapie ist eine wissenschaftlich fundierte, klinisch etablierte Therapieform mit nachgewiesener Wirksamkeit in verschiedenen medizinischen und psychosozialen Anwendungsfeldern.
Systematische Reviews und Metaanalysen belegen signifikante Effekte musiktherapeutischer Interventionen unter anderem bei:
- depressiven Störungen (Aalbers et al., 2017),
- Schizophrenie und schizoaffektiven Erkrankungen (Geretsegger et al., 2017),
- neurodegenerativen Erkrankungen, insbesondere Demenz (van der Steen et al., 2018).
Darüber hinaus ist Musiktherapie in mehreren medizinischen Leitlinien verankert, wie eine systematische Literaturrecherche der AWMF-Leitlinien von Stegemann et al. (2021) zeigt. Unter anderem in:
- der S3-Leitlinie Demenzen,
- der S3-Leitlinie Angststörungen,
- der S3-Leitlinie Palliativmedizin,
- der S3-Leitlinie Schlaganfall, sowie
- in Empfehlungen zur Parkinson-Therapie.
Diese Leitlinien repräsentieren den höchsten evidenzbasierten Standard medizinischer Versorgung in Deutschland. Die institutionelle Ausbildung hochqualifizierter Musiktherapeut*innen ist somit explizit gesundheitspolitisch relevant.
Wissenschaftsstandort Berlin: Qualifikations- und Forschungsstruktur
Deutschlandweit bieten drei Hochschulen die Möglichkeit zur Promotion im Fachgebiet Musiktherapie. Der Studiengang an der UdK nimmt durch die enge Kooperation mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin eine Schlüsselrolle ein. Es bestehen exzellente Voraussetzungen für klinische Forschung, interdisziplinäre Projekte und evidenzbasierte Weiterentwicklung des Fachs. Dies führt mit dazu, dass der Musiktherapie Studiengang an der UdK anhaltend gut nachgefragt ist. Die Schließung des Studiengangs wird nicht nur Ausbildungsplätze reduzieren, sondern auch eine gewachsene Forschungsinfrastruktur gefährden und Promotionsmöglichkeiten im Fach substanziell einschränken.
Interprofessionelle Versorgung und Fachkräftebedarf
Musiktherapeut:innen tragen als Teil interprofessioneller Teams zu einer ganzheitlichen Versorgung in medizinischen und psychosozialen Einrichtungen bei.
Die Weltgesundheitsorganisation betont in ihrem Bericht zur Integration der Künste in Gesundheitssysteme die gesundheitsfördernde und versorgungsrelevante Wirkung künstlerisch-therapeutischer Interventionen und deren Relevanz für Public Health, Prävention und Krankheitsbewältigung (Fancourt & Finn, 2019).
Parallel dazu weist das Statistische Bundesamt auf eine signifikante Zunahme älterer Bevölkerungsgruppen bis 2050 hin (Statistisches Bundesamt (Destatis), 2022). Der demografische Wandel führt zu steigenden Prävalenzen chronischer, neurodegenerativer und psychosozialer Erkrankungen – genau jenen Indikationen, in denen Musiktherapie evidenzbasiert eingesetzt wird und in den Behandlungsrichtlinien verankert ist (Stegemann et al., 2021).
Im Jahr 2025 dokumentiert das Bundesministerium für Gesundheit einen anhaltenden Fachkräftemangel im Gesundheitswesen (Maier et al., 2025).
Der Abbau qualifizierender Studienangebote im Gesundheitswesen ist vor diesem Hintergrund strukturell widersprüchlich, verschärft die Situation weiter und beeinträchtigt die interprofessionelle Versorgungsqualität.
Akademisierung der Gesundheitsfachberufe
Deutschland weist im europäischen Vergleich laut Wissenschaftsrat (2012) weiterhin strukturellen Nachholbedarf bei der vollständigen Akademisierung nicht-ärztlicher Gesundheitsberufe auf. Er empfiehlt ausdrücklich akademische Qualifikationswege im Gesundheitswesen systematisch auszubauen, um Versorgungsqualität, Forschungskompetenz und interprofessionelle Zusammenarbeit zu stärken.
Die Einstellung eines etablierten Masterstudiengangs steht im Widerspruch zu diesen strukturellen Empfehlungen und internationalen Entwicklungen.
Die Schließung des Masterstudiengangs Musiktherapie an der UdK Berlin hat folgende Konsequenzen:
- Reduktion qualifizierter Fachkräfte im Gesundheitswesen.
- Schwächung interprofessioneller Versorgungsstrukturen.
- Gefährdung wissenschaftlicher Innovationskraft im musiktherapeutischen Bereich.
- Rückschritt in der Akademisierung therapeutischer Gesundheitsberufe.
Positionierung
Als Lernende verschiedener Gesundheitsfachberufe vertreten wir die klare Position:
- Ein hochqualifizierter Masterstudiengang Musiktherapie in Berlin muss gewährleistet sein.
- Akademische Ausbildungsstrukturen im Gesundheitswesen sind auszubauen, nicht abzubauen.
- Interprofessionelle Versorgung benötigt wissenschaftlich qualifizierte Therapeut*innen.
Eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung erfordert wissenschaftlich qualifizierte, interprofessionell handlungsfähige Therapeut*innen. Der Studienstandort Berlin leistet hierzu einen substantiellen Beitrag, dessen Erhalt im öffentlichen Interesse liegt.
Eva Elisabeth Ittmann, Studierendenvertretung der DMtG, Heidelberg, 06.04.2026
Lara Sharon Schubert, Koordinatorin der Lenkungsgruppe der Jungen Pflege vom DBFK, Berlin, 07.04.2026
Celina Schuchardt, Juniorensprecherin Nordost & Vertreterin für Interprofessionalität, Junges Physio Deutschland, Berlin, 10.04.2026
Martha Bienefeld, Sprecherin für den PsyFaKo e.V, Hildesheim, 12.04.2026
Literaturverzeichnis
Aalbers, S., Fusar-Poli, L., Freeman, R. E., Spreen, M., Ket, J. C., Vink, A. C., Maratos, A., Crawford, M., Chen, X.‑J. & Gold, C. (2017). Music therapy for depression. The Cochrane database of systematic reviews, 11(11), CD004517. https://doi.org/10.1002/14651858.CD004517.pub3
Fancourt, D. & Finn, S. (2019). What is the evidence on the role of the arts in improving health and well-being? A scoping review. Health evidence network synthesis report: Bd. 67. WHO Regional Office for Europe. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK553773/
Geretsegger, M., Mössler, K. A., Bieleninik, Ł., Chen, X.‑J., Heldal, T. O. & Gold, C. (2017). Music therapy for people with schizophrenia and schizophrenia-like disorders. The Cochrane database of systematic reviews, 5(5), CD004025. https://doi.org/10.1002/14651858.CD004025.pub4
Maier, T., Krebs, B., Sonnenburg, A. & Ronsiek, L. (2025). Detailliertes, langfristiges Monitoring des Bedarfes an und Angebotes von Gesundheitsberufen: BMG-Fachkräftemonitoring – Abschlussbericht (1. Auflage). BIBB Fachbeiträge zur beruflichen Bildung. Bundesinstitut für Berufsbildung. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0035-1134-9 https://doi.org/312608
Statistisches Bundesamt (Destatis). (2022). Bevölkerung im Wandel – Annahmen und Ergebnisse der 15. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung. Wiesbaden: Destatis. – Google Suche. (2026, 27. Februar).
Stegemann, T., Riedl, H., Evers-Grewe, B. & Körber, A. (2021). Musiktherapie in Medizinischen Leitlinien – Eine systematische Literaturrecherche der AWMF-Leitlinien. Musiktherapeutische Umschau, 42(2), 109–127. https://doi.org/10.13109/muum.2021.42.2.109
van der Steen, J. T., Smaling, H. J., van der Wouden, J. C., Bruinsma, M. S., Scholten, R. J. & Vink, A. C. (2018). Music-based therapeutic interventions for people with dementia. The Cochrane database of systematic reviews, 7(7), CD003477. https://doi.org/10.1002/14651858.CD003477.pub4
Wissenschaftsrat. (2012). Empfehlungen zu hochschulischen Qualifikationen für das Gesundheitswesen. Wissenschaftsrat.
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