„Musik, Kultur und Gesundheit – Musiktherapeutische Potenziale für die Gesellschaft“ von Volker Bernius und Andreas Wölfl (erschienen beim Reichert-Verlag). Rezension von Prof. Dr. Jürgen Oberschmidt.

Rezension der Buch-Neuerscheinung ‘Musik, Kultur & Gesundheit’

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Es gibt Bücher, die sich nicht damit begnügen möchten, ein Fachgebiet zu umkreisen. Sie versuchen, über dieses hinauszublicken, seine Ränder zu verschieben. „Musik, Kultur und Gesundheit – Musiktherapeutische Potenziale für die Gesellschaft“ von Volker Bernius und Andreas Wölfl (erschienen beim Reichert-Verlag) gehört zu dieser Sorte von Büchern: Es liefert kein geschlossenes System im Fachdiskurs, eher einen Resonanzraum, in dem unterschiedliche Stimmen über das Verhältnis von Klang, Körper, Gesellschaft und Heilung zu Wort kommen und miteinander in Beziehung treten.

Klare professionelle Strukturen im kooperierenden System

Schon der Titel setzt eine Bewegung in Gang, die über das rein Disziplinäre hinausweist. Musik, Kultur und Gesundheit erscheinen nicht als getrennte Sphären, sondern als ein Geflecht von Bedingungen, in dem menschliches Erleben überhaupt erst Form gewinnt. Musiktherapie steht darin nicht am Rand als spezialisierte Methode, sondern im Zentrum einer größeren Frage: Wie wird ein Mensch in seiner Verletzlichkeit hörbar – und wie kann er wieder in eine soziale Klangordnung zurückfinden?

Wie solch ein Stimmengeflecht funktionieren kann, lernen wir in der Musik: Klang entsteht nicht im konkurrierenden Nebeneinander, sondern im funktionierenden Miteinander, es bedarf klarer professioneller Strukturen, Grenzen zwischen einzelnen Professionen und spezialisierten Berufsbildern, wie dies in einem Orchester der Fall ist. Damit ist das abschließende Fazit des Herausgebers Volker Bernius vorweggenommen; rückblickend – vom Ende gedacht – gilt es nun, diese Schrift zu entschlüsseln.

„Musik, Kultur und Gesundheit – Musiktherapeutische Potenziale für die Gesellschaft“ von Volker Bernius und Andreas Wölfl (erschienen beim Reichert-Verlag). Rezension von Prof. Dr. Jürgen Oberschmidt.
„Musik, Kultur und Gesundheit – Musiktherapeutische Potenziale für die Gesellschaft“ von Volker Bernius und Andreas Wölfl. Copyright Umschlaggrafik: Reichert-Verlag.

 

Der Band entfaltet seine Fragen nicht linear. Er argumentiert nicht im klassischen Sinn, sondern nähert sich seinem Gegenstand tastend, über Perspektivwechsel hinweg. Wissenschaftliche Analyse, kulturtheoretische Reflexion und praxisnahe Erfahrungsberichte und lebendige Diskussionsrunden liegen nebeneinander wie unterschiedliche Stimmen in einem vielschichtigen Ensemble. Gerade diese Heterogenität der einzelnen Beiträge ist Programm: Schließlich lässt sich auch Gesundheit nicht als ein stabiler Zustand denken, dem man sich annähert, sondern als fluider Prozess in fragiler Abstimmung zwischen der inneren und äußeren Welt. Mit den Kompetenzen einer therapeutischen Haltung können Prävention und Gesundheitsförderung im öffentlichen Raum wirksam werden für viele Bereiche.

Musik erscheint in diesem Kontext nicht als bloßes Mittel, das eingesetzt wird, um einen erwünschten Zustand zu erreichen, sondern als Medium der Beziehung. Sie ist kein ‚Werkzeug‘, sondern bleibt immer ein künstlerisches Ereignis, das sich zwischen Menschen – im therapeutischen Raum ebenso wie in sozialen und kulturellen Kontexten – vollzieht. In dieser Perspektive wird deutlich, dass Musiktherapie weit über die Behandlung individueller Symptome hinausweist. Sie berührt Fragen von Teilhabe, Zugehörigkeit und Anerkennung.

Der Mensch als biopsychosoziales Wesen

Besonders eindrücklich ist dabei die implizite Verschiebung des Gesundheitsbegriffs. Wo klassische, schulmedizinisch orientierte Modelle den Körper als bloßes Objekt betrachten, das repariert werden kann, rückt hier das Subjekt in seiner sozialen und kulturellen Einbettung in den Vordergrund. Gesundheit wird nicht als Abwesenheit von Krankheit definiert, sondern als Fähigkeit, in Resonanz zu treten – mit sich selbst, mit anderen, mit der Welt.

Musik ist in diesem Sinn keine ‚Alternative‘ zur Sprache, sondern eine andere Form von Sprache selbst: eine, die nicht primär beschreibt, sondern antwortet. Sie reagiert auf Affekte, die sich der begrifflichen Fixierung entziehen. Sie trägt Spannungen, wo Worte versagen. Und sie eröffnet Räume, in denen Erfahrung nicht erklärt, sondern geteilt werden kann.

Der Band macht jedoch auch deutlich, dass diese poetische Dimension der Musik nicht losgelöst von gesellschaftlichen Strukturen existieren kann. Kultur ist hier nicht dekorativer Hintergrund, sondern Voraussetzung. Wer Zugang zu musikalischer Praxis hat, wer an kulturellen Räumen teilhaben kann, verfügt über andere Ressourcen im Umgang mit Krisen, Verlusten und psychischen Belastungen. Damit wird Musiktherapie unweigerlich politisch: Sie verweist auf Fragen von Zugang, Ungleichheit und institutioneller Verantwortung. Mit einigen Beiträgen geht der Blick nach Europa zu Diskursen und Vorschlägen, wie sie im politischen Kontext der EU dort vorgenommen werden – als Auftrag an die politischen Akteure zur Kooperation der einzelnen Sektoren, um die Ressourcen von kulturellen Angeboten für die Gesundheit vielfältig zu nutzen und fruchtbar zu machen.

Gemeinsame Klangräume

Gleichzeitig bleibt ein Spannungsfeld bestehen, das sich durch den gesamten Band zieht. Zwischen wissenschaftlicher Objektivierung und therapeutischer Unmittelbarkeit, zwischen empirischer Beschreibung und gelebter Erfahrung entsteht keine einfache Synthese. Vielleicht kann es sie auch gar nicht geben. Denn das, worum es hier geht, entzieht sich teilweise genau jener Sprache, die Musik zu fassen versucht. Und es sind genau diese sich hier öffnenden Resonanzräume, die uns dazu herausfordern, Grenzen zu überschreiten, auf Bedürfnisse zu hören. So bleibt am Ende weniger ein geschlossenes Theoriegebäude als vielmehr ein Eindruck: dass Musik dort beginnt, wo Kontrolle endet. Und dass Gesundheit vielleicht weniger ein Zustand ist als eine wiederholte Möglichkeit, sich in einem gemeinsamen Klangraum neu zu verorten.

Neue Beziehungen zwischen Musik, Kultur und Gesundheit

In diesem Sinne liest sich die Schrift nicht nur als wissenschaftliche Publikation, sondern als Einladung, das Verhältnis von Musik, Kultur und Gesundheit neu zu denken – nicht im Sinne definitorischer Abgrenzungen, sondern als lebendige Beziehung. Möge dieser Band dazu beitragen, der Musiktherapie auch gesellschaftlich einen jenen Wert zu geben, der ihr zusteht. Er liefert genügend Argumente und zeigt an zahlreichen Praxisbeispielen, wie es gelingen kann, mit Musik Brücken zu bauen, wo andere Wege längst versperrt scheinen. Deshalb verdient Musiktherapie nicht nur Anerkennung, sondern auch die hier angemahnte institutionelle und finanzielle Förderung – damit ihre Klänge nicht verstummen, bevor sie überhaupt jemanden erreichen können.

Volker Bernius & Andreas Wölfl (Hg.): Musik, Kultur und Gesundheit – Musiktherapeutische Potenziale für die Gesellschaft. Reichert Verlag, 2026, ISBN: 978-3-7520-0951-4, 220 S., € 22.-

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Jürgen Oberschmidt

Prof. Dr. Jürgen Oberschmidt, Musikpädagoge und Musikwissenschaftler. Vorsitzender des Bundesverbandes Musikunterricht (BMU), stellvertretendes Präsidiumsmitglied im Deutschen Musikrat, Professor für Musik und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.

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