Wenn die beiden Musiktherapeutinnen Christine Back und Ulrike Haffa-Schmidt in Nürnberg ins Kino gehen, setzen sie ab und zu ihre Musiktherapeutenbrille auf. Dabei entdecken sie immer wieder interessante Berührungspunkte zu ihrem Berufsfeld.
The Testament of Ann Lee
- Kinostart: 22. Oktober 2026
- Produktionsjahr: 2024
- Dauer: 89 Minuten
- Regie: Anne McCabe
- Drehbuch: Patricia Forde
- Darstellende: Edith Lawlor, Barry McGovern, Siobhán O’Kelly
- Musik: Odhrán Ó Casaide
- Produktionsland: Irland
- Genre: Drama; Musik; Familienfilm
- Auszeichnungen: Bester irischer Debütspielfilm (nach der Erstpräsentation beim Galway Film Fleadh); Europäischer Kinderfilmpreis („Schlingel“ – Internationales Filmfestival für Kinder und junges Publikum )
Musik, Magie und Selbstwirksamkeit: Warum Musiktherapie auch eine Portion Zauber braucht
Die Handlung spielt in Irland und erzählt von Molly (Edith Lawlor) und ihrer Familie, in der Musik über das Geigenspiel des Vaters schon immer eine besondere Bedeutung hatte. Nach einem schweren Autounfall liegt der Vater von Molly im Koma und die ganze Familie muss mit diesem Schicksalsschlag umgehen, bei dem, wie die Mutter sagt, nur noch ein Wunder helfen kann.
Molly´s kleiner Bruder Jack verstummt unter dem Schock und kommuniziert nur noch über seine Zeichnungen. Die Mutter funktioniert, kümmert sich um alle notwendigen Aufgaben und muss dabei auch mit ihrer Trauer und den Ängsten umgehen, eventuell ihren Ehemann zu verlieren.
Und Molly…? Molly hält sich an den Satz der Mutter, dass es ein Wunder brauche, damit alles wieder gut wird und wählt die Musik, um dieses Ziel zu erreichen. Sie setzt sich in den Kopf, dafür bei einem Wettbewerb mit ihrem Geigenspiel den ersten Preis zu gewinnen. Als ihr Vater in ein Rehabilitationszentrum verlegt wird, lernt Molly dort den alten Musiker Malachy (Barry McGovern) mit der blauen Geige kennen und bittet ihn, ihr dabei zu helfen. Ob das Wunder am Ende geschieht, soll an dieser Stelle offenbleiben. Das, was wir aber verraten können ist, dass der Film für uns beide ein sehr schöner Musiktherapie-Film ist.
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Mehr InformationenEin Grund für diese Aussage ist, dass in dem Film viel unterschiedliche Musik zu hören ist. Die malerischen Landschafts- und Naturaufnahmen werden von wunderschöner irischer Musik orchestral akustisch untermalt. Handgemachte volkstümliche irische Musik erklingt im Pub oder auf den Straßen.
Odhrán Ó Casaide arrangiert passend zum Kinderfilm unaufdringlich Orff’sches Instrumentarium in seine Filmmusik hinein und wir hören auch das unperfekte Geigenspiel von Molly, wenn sie mit Malachy übt. Daneben wird auch über Musik gesprochen. Und das, was insbesondere der alte Malachy bei seinem Unterricht zu Molly sagt, hat unsere beiden Musiktherapeutinnenherzen höher schlagen lassen.
Musik braucht die Emotion, man muss sie spüren, wenn man sie ausdrückt. Immer wieder fordert Malachy Molly auf, mit der Musik zu spielen, in ihr und mit ihr die eigene Persönlichkeit zu finden und schließlich erklingen zu lassen. Er gibt den Tönen Bildern und eine Geschichte und je mehr Molly seine Worte umsetzt, umso mehr wird ihre Musik und sie selbst auch lebendig, sodass ihre Musik auch körperlich durch ihre Bewegungen sichtbar wird. Wir sagen nur, dass sind Gänsehautmomente im Film.
Daneben erzählt der Film in einer schlichten Klarheit eines Kinderfilmes von den unterschiedlichen Möglichkeiten und Wirkungen von Musik im Umgang mit Situationen, in denen Welten aus den Fugen geraten. Hier sollen nur ein paar Beispiele genannt werden, die auch in einer musiktherapeutischen Beziehungsarbeit passieren können: In einer Szene am Krankenbett überkommt die Mutter die Angst, allmählich den Kontakt zu ihrem Ehemann zu verlieren. Indem sie ihm das erzählt, kommt ihr die Erinnerung an ihren ersten gemeinsamen Tanz. Sie spielt das Lied ab und die Verbindung ist wieder hergestellt.
Der alte Geiger Malachy erlebt sich abgeschoben und sein Leben als sinnlos. Durch die Bitte von Molly, ihr Geigenunterricht zu geben, kann er wieder an sein Können und seine Freude an der Musik anknüpfen. Dadurch kommt es auch zu einer Wiederannäherung zwischen ihm und seinem Sohn. Die Bedeutung von Miteinander Musizieren zeigt eine Szene in einem Pub, in dem sich die Einheimischen versammeln und sich in den vertrauten Melodien stärken und verbinden. Und natürlich gehören auch die Szenen dazu, wenn Musik am Krankenbett des im Koma liegenden Vaters stattfindet.
Den roten Faden des Musiktherapie-Gedankens liefert aber letztendlich die Hauptprotagonistin Molly. Sie hat in ihrer Familie über das Geigenspiel ihres Vaters und über die irische Musiktradition die Wirkung von Musik erfahren. Über das Ritual ihres Vaters, der am Ende eines Tages oft fragte: „Was war das Beste und was war das Schlimmste am heutigen Tag?“, hat sie die Gleichzeitigkeit von Gegensätzen gelernt. In ihrem noch kindlichen Denken verknüpft sie das real Erlebte mit Märchen- und Sagenwelten, mit Naturverbundenheit und Magie zu einem hoffnungsvollen Vertrauen. Doch sie bleibt nicht in den Gedanken stecken. Sie wird selbst aktiv, sie übt und lernt dazu, auch wenn es mühsam ist und setzt sich, neben allem Wunderhaften, mit vollem Einsatz für ihr Ziel ein. Ihr eigenes Musizieren hilft ihr, sich in ihrer Ohnmacht in Bezug auf den nicht ansprechbaren Vater wieder selbstwirksam zu erleben.
Gefallen hat uns beiden auch die Normalität der Protagonist:innen und die einfache und doch berührende Art, wie die Handlung weitergesponnen wird. Es fällt leicht, sich mit den Charakteren zu identifizieren und mitzufühlen. Da gibt es nicht das magisch Spektakuläre a la Harry Potter oder Superwoman. Das Besondere, das Zauberhafte und das Magische bleibt im Film der Musik zugesprochen und dem Glauben, dass durch Musik etwas Wunderbares passieren kann. Als Molly im Film in der Reha-Einrichtung ein Vorspiel auf Probe machen möchte, reißt eine Saite ihrer Geige. Der alte Geiger hilft ihr eine neue Saite aufzuziehen und fordert sie auf, nun weiterzuspielen. Das ist Pragmatismus, der effektiv und wichtig ist. Aber Hand aufs Herz, Musiktherapie braucht eben doch auch eine gewisse Portion Magie und den Glauben, dass Musik wirken kann, um sich ganz zu entfalten. Und das wissen doch nicht nur wir zwei von der Filmstelle.
Fazit: Ein wunderschöner Film für Musiktherapeut:innen und kleine, große und erwachsene Kinder.

