Musikfilme Filmtipp Haffa-Schmidt Back Amazing Grace

Dok.fest München 2020 goes digital: die Musikfilme

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Autorinnen: Christine Back und Ulrike Haffa-Schmidt –

Zurzeit läuft seit dem 06. bis zum 24. Mai das DOK.filmfestival – wegen der aktuellen Corona Einschränkungen als digitales Event. Schon das Durchklicken durch die ganzen Trailer macht Lust auf ganz viel Kino und ein intensives Filmwochenende. Da sind in erster Linie die unterschiedlichsten Menschen, Kulturen und Länder die uns neugierig machen. Die vielen neuen Perspektiven und Blicke auf kleine und große Begebenheiten. Aber wir wollen und müssen uns beschränken. Wir „Zwei von der Filmstelle – Musikfilme zwischen Nürnberg und Hollywood“ picken uns ein paar Musikfilme raus.

DOK.fest münchen 2020 @home

  • Datum: 6.-24. Mai 2020
  • Programm: 121 Filme aus 42 Ländern
  • Genre: 35. Internationales Dokumentarfilmfestival
  • Festival-Homepage: www.dokfest-muenchen.de

es ist noch nicht zu spät - für schnellentschlossene

An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an Frau Kati Seemann von der PR Abteilung des DOC.Filmfestivals, die unseren Blog entdeckt hat und uns auf diese tolle Veranstaltung aufmerksam gemacht hat. Und natürlich sind wir begeistert, dass es eine ganze Rubrik über Musik dort zu finden gibt und, wie wir auf der umfangreichen Homepage entdeckt haben, seit 2013 auch ein Deutscher Dokumentarfilm-Musikpreis vergeben wird. Dieses Jahr an Klemens Bittmann, Christian Bakanic und Christofer Frank für die Filmmusik in „Die letzten Österreicher“. Leider gibt`s auf der Homepage nur den Trailer zu sehen.

Auf jeden Fall freuen wir uns auf weitere interessante Vernetzungen durch unseren Blog und wünschen uns, dass das Interesse auch an Musiktherapie im Bereich Dokumentationsfilm weiter wächst.

Aber jetzt geht es weiter mit unseren Filmbesprechungen.

solo

  • Dauer: 85 Minuten 
  • Regie: Artemio Benki
  • Produktionsland: Argentinien, Österreich, Tschechische Republik, Frankreich
  • Originalfassung: Spanisch, mit englischen Untertiteln

Ein Nervenzusammenbruch beendet die Pianistenkarriere von Martin. Die Kamera begleitet ihn bei einem kleinen Auftritt in einer Psychiatrie in Buenos-Aires, im Gespräch mit Mitpatienten, seinem Therapeuten und nach seiner Entlassung bei dem Versuch, wieder Fuß zu fassen. Äußerlich erinnert mich Martin an Maradona in seinen schlimmsten Zeiten: von der Krankheit gezeichnet, übergewichtig durch die Nebenwirkungen der Psychopharmaka und kettenrauchend ist er kein Sympathieträger. In der Doku erleben wir seine mühsamen Versuche, mit Auftritten und Projekten ins Leben zurückzufinden. Was den Film sehenswert macht ist die Kameraführung. In jeder Einstellung bin ich als Begleiterin direkt dabei und identifiziere mich mal mit ihm oder seinem Gegenüber.

Fazit: sehenswert (Ulrike Haffa-Schmidt)

Hilary hahn - evolution of an Artist

  • Dauer: 75 Minuten 
  • Regie: Benedict Mirow
  • Produktionsland: Deutschland, USA
  • Originalfassung: Englisch, ohne Untertitel

Diese Dokumentation über die amerikanische Geigerin Hilary Hahn, Jahrgang 1979, konzentriert sich ausschließlich auf die Person der Musikerin und Künstlerin. Und das ist gut so. „Wenn man immer nur nachspielt, wird man immer mehr zu einer schlechten Kopie von sich selbst“. Benedict Mirow gelingt es, mich von der ersten Minute an für Hilary Hahn zu interessieren und dieses Interesse behalte ich bis zu Schluss. Denn was sie uns erzählt über ihre Erfahrungen beim Spielen und in der Auseinandersetzung mit den Kompositionen, der Interaktion mit Mitmusikern und dem Mut ausgetretene Pfade zu verlassen ist nicht nur für Geiger und Klassikfans absolut hören- und sehenswert.

Fazit: herausragend (Ulrike Haffa-Schmidt)

Copper Notes of a Dream

  • Dauer: 90 Minuten 
  • Autor: Reza Farahmand
  • Produktionsland: Kanada, Iran
  • Originalfassung: Arabisch, mit englischen Untertiteln

Mitten in den Ruinen eines vom IS komplett zerstörten Stadtteils von Damaskus träumt der 10-jährige Malook mit seiner älteren Schwester davon, ein Konzert mit professionellen Musikern zu veranstalten.  Und Malook und seine Schwester wollen auch selbst Musiker werden. Natürlich haben sie kein Geld, denn niemand hat an diesem Ort Geld. Aber sie haben einen Traum und jede Menge Zeit und Energie, diesen Traum zu verwirklichen. Reza Farahmad begleitet Malook, seine Kinderbande und seine Schwestern mit ihren Freundinnen bei der Realisierung dieses Traums.

Der Regisseur macht es uns als Zuschauer nicht leicht. Verstörende Bilder von Zerstörung und Normalität, Hoffnungslosigkeit und Jugendträumen und vom Aggressionspotential, das durch die explosive Mischung von familiären Konflikten, Nationalstolz, Religion, Terrorismus, Unterdrückung und Armut entsteht. Gewinner, Gutmenschen oder Helden gibt es nicht. Mir gefällt, dass die Protagonisten der Doku (auch wenn einige Szenen schon sehr einstudiert wirken) nicht gut oder böse sind, sondern als vielschichtige und vielgespaltene Persönlichkeiten erlebbar sind. Mit der Musik taucht die Hoffnung auf ein besseres Leben auf und die Musikszenen mit Gesang, Daf und Ud sind absolut musiktherapeutisch. Die intensive Verbindung zu sich selbst und den Mitmusikern und die Hoffnung auf Entwicklung, Veränderung und Heilung sind körperlich spürbar.

Fazit: geht unter die Haut, sehr sehenswert (Ulrike Haffa-Schmidt)

Dreiviertelblut - Live im Circus Krone

  • Dauer: 93 Minuten 
  • Regie: Markus H. Rosenmüller
  • Produktionsland: Deutschland
  • Originalfassung: Deutsch, ohne Untertitel

Dieser Film dokumentiert ein Konzert der bayerischen Band „Dreiviertelblut“. Interessiert hat er mich, weil ich ein großer Fan von Rosenmüllers Filmen („Wer früher stirbt ist länger tot“, „Trautmann“) bin.

Dieser Film hat für mich nicht funktioniert. Vielleicht kann ja Rosenmüller nichts dafür. Er hat halt einfach das Konzert gefilmt und sonst nichts. Die Band hat sauber abgeliefert, die Fans wirkten auch recht begeistert. Möglicherweise war ich zu sehr Musiktherapeutin: mir war es zu wenig Spielfreude bei den Musikern und zu wenig Interaktion zwischen Publikum. Der Funke ist nicht übergesprungen.

Fazit: für Fans von „Dreiviertelblut“ und Heimatsounds (Ulrike Haffa-Schmidt)

Once Were Brothers: Robbie Robertsen and the Band

  • Dauer: 100 Minuten 
  • Regie: Daniel Roher
  • Produktionsland: Kanada
  • Originalfassung: Englisch, ohne Untertitel

Erzählt wird die Geschichte von „The Band“, einer der einflussreichsten Musikgruppen der Musikgeschichte, oder wie es im Film an einer Stelle heißt, den amerikanischen Beatles. Der Gitarrist und Hauptsongwriter Robbie Robertsen erinnert sich an die Anfänge der Formation, an Visionen und dem inneren Drang, Musik machen zu wollen, ja zu müssen, erzählt von Rückschlägen, der harten Schule der Bühne, von Erfolgen und vom Ende. Parallel läuft so auch ein Stück Musik- und Zeitgeschichte mit, filmisch toll umgesetzt.

Neben der Musik im Film, berührt mich die Sehnsucht der fünf Musiker nach der gemeinsamen Harmonie, die ich auch in den Musiktherapiegruppen immer wieder spüre. Für immer zusammen…, das darf nicht aufhören… Musik als Fluchtort und dabei doch die Realität, dass alles in der Zeit fließt und der Preis für diese Harmonie manchmal sehr hoch sein kann. Auch in dem Sinn, dass „danach“, nach dem Now-Moment, den es unter Musikern ja auch gibt, nichts mehr kommen kann. Einfach einmal dazu noch den Song „Once were brothers – brothers nomore“ von Robbie Robertsen anhören.

Fazit: sehens- und hörenswert (Christine Back)

Tonsüchtig - Die Wiener Symphoniker von innen

  • Dauer: 90 Minuten 
  • Regie: Iva Švarcová, Malte Ludin
  • Produktionsland: Österreich
  • Originalfassung: Deutsch, mit englischen Untertiteln

Der Titel der Dokumentation kündigt eine Innenschau an. Eine Ebene ist die Innenwelt des Orchesters als ein Gemenge aus Dirigent, Konzertmeister, Musikerinnen und Musiker und ein, vom aktiven Musizieren verbannter, oder besser ausgebrannter Orchesterwart.

Und daneben gibt es Einblicke in das „Innen“ einzelner Musikerinnen und Musiker. Wie sie zur Musik oder zum Instrument gekommen sind, wie das familiäre Umfeld war, wie sich der Beruf des Profimusikers auf die aktuelle Familiensituation auswirkt, wie man mit Druck, Versagensängsten oder Schwierigkeiten umgeht. Und schließlich spannt sich der Bogen zur Frage, wie sich ein Jobwechsel mit Vor- und Probespielen oder das Ende der beruflichen Laufbahn, der „Rückgang“, wie es ein Musiker im Film formuliert, gestaltet wird.

Natürlich gibt es fulminante Musikausschnitte zu hören. Spannend habe ich die filmische Umsetzung wahrgenommen, die durch optische Bilder feine Hintergrundatmosphären liefert. Dann spürt man auch mal Widersprüchlichkeiten zum Hochglanzbild. Zum Beispiel wenn sich die Musiker im Auftrittssmoking in einer Abstellkammer einspielen.

Der gemeinsame Nenner zwischen der Symphoniker- und der Musiktherapeutenwelt  ist für mich die Musik, die für uns so eine unglaubliche Vielfalt an Gestaltungs- und Erlebnismöglichkeit bereithält.

Fazit: interessante Einblicke und Atmosphären, tolle Hörbeispiele (Christine Back)

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