Musiktherapeutinnen Christine Back und Ulrike Haffa-Schmidt rezensieren Filme aus Musiktherapie-Sicht

Die Zwei von der Filmstelle: Musikfilme zwischen Nürnberg und Hollywood

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Autorinnen: Christine Back und Ulrike Haffa-Schmidt – CRESCENDO

Wenn die beiden Musiktherapeutinnen Christine Back und Ulrike Haffa-Schmidt in Nürnberg ins Kino gehen, setzen sie ab und zu ihre Musiktherapeutenbrille auf. Dabei entdecken sie immer wieder interessante Berührungspunkte zu ihrem Berufsfeld.

CRESCENDO #Makemusicnotwar

  • Filmstart: 16. Januar 2020
  • Dauer: 102 Minuten
  • Regie: Dror Zahavi
  • Darsteller: Peter Simonischek, Daniel Donskoy, Bibiana Beglau
  • Genre: Drama

Politik nutzt musik für ihre zwecke und baut brücken

Wir beide, Christine und Ulli, sind echte Optimisten: wir glauben an die Kraft der Musik und die kleinen und großen Wunder, die beim Musikmachen und Musikhören spürbar sind.  Aber nicht nur. Aus eigener Gruppentherapie-Erfahrung kennen wir Situationen, in denen ein Aufeinander zugehen aussichtslos erscheint, denn eine Improvisation hat Hass, Vorurteile und Abgründe mit einer Intensität hör- und sichtbar gemacht, die nur ein Akzeptieren dieser Unterschiede erlaubt und wir demütig erkennen, dass Musik nicht alles kann. Hier sind wir bei der Filmhandlung von CRESCENDO.

Dirigent Storck (meisterhaft gespielt von Peter Simonischek aka Toni Erdmann) hat die Aufgabe, während stattfindender Friedensverhandlungen zwischen Israel und Palästina in Südtirol ein Konzert mit Jugendlichen beider Nationen zu leiten. Bereits die Auswahl in Israel gestaltet sich schwierig und konfliktreich, und auch während der Probenphase lassen sich die persönlichen Biografien der Jugendlichen und auch des Dirigenten mit ihren Traumatisierungen und Vorurteilen nicht ausblenden. Dirigent Storck hat berührende (therapeutische) Ideen, diese Wunden ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben, denn er kann sehr genau hören, welchen Einfluss die Konflikte untereinander auf die Musik haben.

Musik, Liebe, Macht, die eigene Vergangenheit, unterschiedliche politische Interessen, die traumatischen Erfahrungen der Jugendlichen und deren Konsequenzen: das wird spannend inszeniert ohne Kitsch und Zuckerguss.

Als Musiktherapeut*innen ist uns vieles vertraut. Es berührt, den Unterschied in der Musik zu hören, wenn eine Annäherung stattgefunden hat, und das wird von den jugendlichen Hauptdarstellern, den Geigern Layla (Sabrina Amali) und Ron (Daniel Donskoy) und dem Klarinettisten Omar (Mehdi Meskar) überzeugend gespielt. Das titelgebende Crescendo bedeutet musikalisch zunächst ein langsames Anschwellen der Lautstärke. Es stellt sich die Frage, ob es den jungen Musikern im Film gelingt, ihre musikalische Annäherung innerhalb des Orchesters auch auf die politisch Handelnden zu übertragen und damit die Stimmen der Vernunft lauter werden zu lassen? Kann aus dem symbolträchtigen Aufeinander-Zugehen in der Musik letzten Endes eine gemeinsame Perspektive für die verfeindeten Völker erwachsen?

In diesem neuen Spielfilm erleben wir, wie sich die persönliche Biografie in der Musik wiederfindet, was die Liebe zur Musik ermöglicht, aber auch deren Grenzen.

Unser Fazit: Sehr sehenswert!

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