Dominik Fuchs Der Rhythmus von Veränderungen

Die Gewinner­formel und der Rhythmus des Lebens

 151 Views

Share on facebook
Share on twitter
Share on google
Share on email

Die Gewinnerformel

Kürzlich las ich das Buch „Die Gewinnerformel“ von Darren Hardy. Die von Hardy aufgestellte Gewinnerformel lautet:

Kleine, kluge Entscheidungen + Konsistenz + Zeit = Radikaler Unterschied.

Bei aller Verkürzung, in dieser Erfolgsformel, im Kern steckt eine wohltuende Wahrheit: Langfristige Konsistenz schlägt kurzfristige Intensität – in allen Lebensbereichen. Wir leiden indes unter mentaler Kurzsichtigkeit. Wir unterschätzen was wir langfristig erreichen (oder verlieren) können und überschätzen kurzfristige Ängste, Ziele und Belohnungen.

Dem Prinzip kleiner, konsistenter Wiederholungen über einen längeren Zeitraum wohnt ein stark rhythmisches Moment inne. Denn zentral in dieser Sichtweise sind die Faktoren Zeit und Wiederholung. Wir kennen das vom musikalischen Üben:

Jeden Tag 15 Minuten das Instrument zu üben ist effektiver als jeden Samstag 90 Minuten am Stück.

Auf lange Sicht bewirken beständige kleine Schritte überwältigende Unterschiede im Leben – sowohl zum Guten als auch zum Schlechten. Der indisch-amerikanische Investor, Blogger und Podcaster Naval Ravikant erkennt in den Vorzügen dieser bewusst langfristig ausgerichteten Herangehensweise gar die Quintessenz der Selbsthilfe:

Alle Selbsthilfe läuft darauf hinaus: Wähle langfristig über kurzfristig.

Rhythmus und Gewohnheiten

Das Wort Rhythmus bedeutet etymologisch: fließen, strömen. Es ist eine Dauerstruktur aus sich wiederholenden Events über die Zeit. Je gleichmäßiger, desto verlässlicher. Ich war Schlagzeuger in vielen Bands und Musikgruppen, von Kirchenchor bis Metallica. Viel lieber hätte ich gesungen oder wäre weiter vorne gestanden, doch zumindest konnte ich mich damit rühmen, der Dirigent der Band zu sein – ohne mein rhythmisches Fundament wäre das System brüchig und instabil geworden.

Rhythmus verläuft unterhalb des Bewusstseins. Das heißt, während in dieser Analogie die Melodie eher bewussten Entscheidungen entspricht (Kognition), wären dem rhythmischen Element eher automatisierte Denkmuster und Handlungen zuzuordnen. Mit anderen Worten:

Unsere Gewohnheiten – sie sind der Rhythmus des Alltags.

Ohne Bewusstsein klingt es flach, es fehlt der aktive Part, der Gesang, das Solo, das Selbst. Doch ohne Rhythmus fehlt das treibende, verlässliche Momentum. Gewohnheiten sind mächtige Taktgeber. Zuerst machen wir unsere Gewohnheiten, dann machen unsere Gewohnheiten uns. Die Veränderung gewohnheitsmäßiger Denkmuster und Handlungen ist ein enorm effektiver und oft unterschätzter Weg zu langfristig stabilen und verlässlichen Lebensveränderungen.

Gewohnheiten entstehen üblicherweise durch eine Abfolge von Reiz, Reaktion und Belohnung – oder musikalisch gesprochen: Exposition, Durchführung und Reprise. Mit zunehmender Dauer werden rhythmisierte Gewohnheiten gleichsam tranceartig ausgeführt – ein Perpetuum Mobile aus Dreiviertel-Takten. Das spart Willenskraft –  diese steht wie ein Akku nur begrenzt für Entscheidungen zur Verfügung („Ego Depletion“, also der Abbau des Egos) – und eröffnet dadurch kognitive Kapazitäten.

Klient.innen mit stressbedingten oder depressiven Symptomen scheitern nicht selten an den eigenen Ansprüchen und Zielen. Ein Verständnis für das Potential langfristiger Veränderungen kann dabei helfen, die mentale Kurzsichtigkeit zu überwinden und das Gefühl der Erreichbarkeit und Selbstwirksamkeit zu stärken.

Zinseffekt und Ziele

Der englische Originaltitel des eingangs erwähnten Buches von Darren Hardy lautet The Compound Effekt. Das bedeutet, dass Erfolge sich mit stetiger Beharrlichkeit potenzieren und anhäufen. Eine alternative Übersetzung könnte auch “Der Zinseffekt” lauten, da sich das Dranbleiben über die Zeit bis hin zu rasantem Wachstum ausweiten kann, zumindest in bestimmten Lebensbereichen wie Geld, Erfolg, Fitness, ….

Sie kennen die Begriffe Zins und Zinseszins: Man erhält (oder zahlt) Zinsen, und auf diese gibt es dann nochmal Zinsen und immer so weiter. Albert Einstein nannte den Effekt die größte Erfindung des menschlichen Denkens. Ihnen mögen Geld, Erfolg und Fitness einerlei sein, aber die Gesetze des Geldes gelten auch bei der Wirkung unserer Gedanken und Gewohnheiten, sei es Meditieren oder Musizieren. Angenommen Sie ändern etwas ein Jahr lang täglich um etwa 1%, dann würde sich die Entwicklung je nach Ausrichtung so darstellen:

  • 1 Jahr lang jeden Tag 1% besser: 1,01365 = 37,78
  • 1 Jahr lang jeden Tag 1% schlechter: 0,99365 = 0,03

Wäre es nicht spannend, diesen erstaunlichen Effekt hörbar zu machen?

Für mich war diese Einsicht ein „Game Changer“, wie man es neudeutsch so sagt. Ein Fokus auf das Fundament einer stabilen Basiszufriedenheit statt auf kurzfristige Glücksmomente (ersteres schließt letzteres natürlich nicht aus). Ein Fokus auf ein verlässliches System guter Gewohnheiten, das man langsam und behutsam aufbauen kann.

Ziele sind Entweder-Oder-Events: Man erreicht ein Ziel und braucht ein neues, oder man erreicht es nicht und ist „gescheitert“. Sinnvoller ist häufig die Perspektive eines stabilen Systems aus hilfreichen Gewohnheiten – verbunden mit einem Fokus auf den langfristigen Prozess statt auf das Resultat. Diese mächtige Rhythmik des Alltags und das Entstehen und Wachsen einer neuen Basiszufriedenheit können musiktherapeutisch mit Klienten hörbar und fühlbar gemacht werden. Hier zwei imaginäre Beispiele:

Einer depressiv verstimmten Frau erscheinen Interesse und Freude unerreichbar weit weg. Nachdem sie diese Emotionen gelernt hat in der Musiktherapie auszudrücken und dadurch die momentane Situation mehr zu akzeptieren, schafft sie es Stück für Stück und Woche für Woche, auf Basis kleiner, wiederholter Erfolge Selbstvertrauen aufzubauen. Dabei wird sie sich der langfristigen Dimension bewusst und erfährt in der Musiktherapie, dass Verbesserungen durch simple, stabile und wiederholte Entscheidungen (im Denken und Handeln) durchaus im Feld ihrer Möglichkeiten liegen.
Ein suchtkranker Mann kann sich nicht mehr vorstellen, wie das Leben ohne die Momente der Intensität und vermeintlichen Stabilität im Suchtmittelgebrauch lebenswert sei. In der Musiktherapie wird ihm klar, dass es neben den allzu bekannten Hochs und Tiefs auch eine Grundlinie des Glücks, eine Basiszufriedenheit gibt, für die er über die Jahre das Bewusstsein verloren hat. Er erlebt diese Grundlinie, diese Baseline der Zufriedenheit, durch kraftvolle, tiefe Töne und eine verlässliche, stabile Rhythmik. Über mehrere Wochen lernt er, auch in seinem Leben wieder in dieses tiefe, basale Glücksempfinden zu investieren und erkennt, dass sein Leben dadurch netto, also unter dem Strich deutlich besser ist, als es bei einem verengten Fokus auf möglichst viele Hochs und wenige Tiefs je sein könnte.

Fazit

So wie das organische Leben auf allen Ebenen aus Rhythmen besteht, basiert fast das gesamte Alltagsleben auf Gewohnheiten. Geld, Soziales, Gesundheit, ja sogar das Selbstbild – alles Folgen unserer regelmäßig wiederholten Entscheidungen.

Und damit wieder zur „Gewinnerformel“:

Über einen längeren Zeitraum einfache, kluge Handlungen konsequent und konsistent umsetzen.

Ein effektiver Weg zu einer stabilen, langfristigen Veränderung können kleine, gute Gewohnheiten sein (auch „Micro Habits“ genannt). Durch Resonanz, Zinseffekt und Welleneffekt können sich langsam beeindruckende Kräfte aufbauen. Rhythmus und Resonanz können im Zusammenspiel mit relativ wenig Kraft ganze Gebäude und Brücken einstürzen lassen. Für Menschen in einer Krisensituation kann diese (häufig verlorene oder nicht bewusste) Perspektive sehr hilfreich sein. Es bedarf weder großen Talents, noch explosiver Durchbrüche, sondern lediglich kleiner, beharrlicher Verbesserungen + Wiederholung + Zeit. Mit Vertrauen und langfristiger Perspektive. Verlässlich wie ein Metronom. Diese Kraft und Verlässlichkeit (mit der auch das Selbstvertrauen wieder wächst) lassen sich über stabile tiefe Töne und den Rhythmus in der Musiktherapie mit Klient.innen erlebbar machen.

Übrigens: Wenn sich der einzelne Cent aus dem Beispiel zu Beginn des Blogs jeden Tag verdoppelt, erhalten Sie nach 31 Tagen 10,7 Millionen Euro – statt der 3 Millionen sofort.

Darren Hardy. Die Gewinnerformel. Aus dem Englischen übersetzt von Angelica Bahlke. Goldmann, 2020. Taschenbuch, 265 Seiten.

Dominik Fuchs Musiktherapie-BlogDominik Fuchs hat in Heidelberg Musiktherapie studiert und ist derzeit Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Kempten.

In seinem Blog „Boost Your Baseline“ geht es um eine langfristige Verbesserung der Basiszufriedenheit statt der endlosen Jagd nach flüchtigen Glücksmomenten. Ein Buch zum Baseline-Prinzip ist in Arbeit!

www.boostyourbaseline.com

dominik@boostyourbaseline.com

www.facebook.com/baselinebooster

www.instagram.com/boost_your_baseline/

Header-Grafik: Dominik Fuchs.

 

Schreibe einen Kommentar

19 − zwölf =