Musiktherapie als musikalisches Videoangebot von Sandra Schneider-Homberger

Von der Musiktherapie zum musikalischen Videoangebot

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Autorin: Nicola Philipp

Die Corona-Pandemie bringt vieles durcheinander. Flexibilität ist gefragt. Und so schafft sie auch Neues. Aufgrund der Besuchsverbote war das Team aus der Sozialen Betreuung im Seniorenzentrum Taläcker des Sozialunternehmens »Die Zieglerschen« gezwungen, ein Pilotprojekt zu starten. Aus dem Musiktherapieangebot für eine Gruppe von Menschen mit Demenz wurde ein individuelles musikalisches Angebot per Videotelefonie. Das Schöne daran: Es funktioniert erstaunlich gut!

Wendlingen. In einem Büro des Seniorenzentrums Taläcker in Wendlingen am Neckar sitzen Bewohnerin Erika Müller und Nathalie Wiedmann, Leiterin der Sozialen Betreuung vor dem Laptop. Auf dem Bildschirm erscheint Musiktherapeutin Sandra Schneider-Homberger, die sich zuvor schon mit Frau Wiedmann über die aktuellen Gegebenheiten im Haus und die heutige Befindlichkeit von Frau Müller ausgetauscht hat. Sie begrüßt die beiden und beginnt behutsam, mit Frau Müller zu plaudern. Frau Müller ist heute eher betrübt. Darum stimmt sie mit ihrer Gitarre das Lied „Wenn ich ein Vöglein wär“ an. Frau Müller fühlt sich sichtlich angesprochen, hört zu, sie kommt ganz nah an den Bildschirm ran, am Ende singt sie mit, entspannt sich zusehends.

Der Fokus im Rahmen der Videotelefonie liegt nun auf der Einzelperson und nicht mehr auf der Gruppe und die Technik erlaubt selbstverständlich nicht alles, was im Rahmen eines persönlichen, therapeutischen Kontaktes möglich wäre. Was aber bleibt ist die Musik

„Faszinierender Weise ist es möglich, Musiktherapie via Videotelefonie zu machen“, erzählt Sandra Schneider-Homberger. „Obwohl ich es, aufgrund der noch neuen Situation, lieber erst mal nur individuelles musikalisches Videoangebot nennen würde, das – wie das Balkonsingen – eine aus der Zeit geborene Alternative ist, um Menschen aus der Ferne dennoch zu erreichen“, erklärt die Musiktherapeutin aus Rottenburg am Neckar. Der Fokus im Rahmen der Videotelefonie liegt nun auf der Einzelperson und nicht mehr auf der Gruppe und die Technik erlaubt selbstverständlich nicht alles, was im Rahmen eines persönlichen, therapeutischen Kontaktes möglich wäre. Was aber bleibt ist die Musik, die stets mit Erfahrungen und Erinnerungen verbunden ist und den Menschen so über die Sprache hinaus in seiner Persönlichkeit und Identität erreicht. Wichtig sind im Rahmen der Videotelefonie die Akzeptanz der technischen Gegebenheiten, Ruhe, Zugewandtheit und vor allem genügend Zeit, um auch kleine Reaktionen zu erkennen und flexibel darauf reagieren zu können. Schneider-Homberger holt die Bewohnerin also, wie in der regulären Musiktherapie auch, auf diesem virtuellen Weg da ab, wo sie emotional steht und versucht, im heutigen Fall von Erika Müller, Halt, Trost und Geborgenheit, zu vermitteln.

Zum Beispiel ist zusammen synchron zu singen aufgrund der Signalübertragung ganz schwierig. Ich singe also entweder alleine vor oder begleite dezent im Hintergrund das Geschehen vor Ort. Dabei benutze ich meine Augen und orientiere mich an den Lippenbewegungen.

Angefangen hatte die Zusammenarbeit mit der Musiktherapeutin über das Gruppenangebot „Musik gegen das Vergessen“. Mit einer Gruppe von 6-8 Senioren mit Demenz startete sie ihre musiktherapeutische Stunde immer dienstags in einem Gruppenraum vom Taläcker. Geldgeber ist die Johannes-Ziegler-Stiftung. Doch dann kamen die Besuchsverbote. Als diese andauerten, beschlossen Schneider-Homberger und Wiedmann, eine Therapiestunde via Videotelefonie auszuprobieren. „Ich war selbst gespannt, was passiert“, erzählt Schneider-Homberger. „Zum Beispiel ist zusammen synchron zu singen aufgrund der Signalübertragung ganz schwierig. Ich singe also entweder alleine vor oder begleite dezent im Hintergrund das Geschehen vor Ort. Dabei benutze ich meine Augen und orientiere mich an den Lippenbewegungen, dem Tempo und dem emotionalen Ausdruck von Frau Müller. Ebenso ist es wichtig, im Anschluss an die Musik genügend Zeit zu lassen, um dem Gehörten nach zu lauschen und die Gemeinsamkeit zu genießen.“ Dass das gelingt, kann Nathalie Wiedmann, die die ganze Zeit dabei ist bestätigen: „Frau Müller ist danach immer sehr zufrieden, das ist richtig schön!“

Das klappt, wie die zwei gemerkt haben, aber nur durch die Unterstützung von Nathalie Wiedmann, die als Assistentin und Vermittlerin fungiert, Nähe und Sicherheit vor Ort gibt.

Und weil es so gut klappt, feilen die beiden weiter an dem musikalischen Videoangebot. Eine zweite Seniorin profitiert mittlerweile davon. „Ein Raum ist ja erst mal so, wie er ist“, stellt Schneider-Homberger fest und diese Zeit mit Corona bringt es eben mit, dass sich Therapeutin und Klientin nun im virtuellen Raum begegnen müssen. Das klappt, wie die zwei gemerkt haben, aber nur durch die Unterstützung von Nathalie Wiedmann, die als Assistentin und Vermittlerin fungiert, Nähe und Sicherheit vor Ort gibt, damit sich die Senioren mit Demenz auf dieses Angebot einlassen können.

Und auch wenn es nun nicht mehr die ganz umfassende Musiktherapie ist, wie sie ursprünglich angedacht war, so ist die Nachhaltigkeit des Angebots spürbar gegeben

Und auch wenn es nun nicht mehr die ganz umfassende Musiktherapie ist, wie sie ursprünglich angedacht war, so ist die Nachhaltigkeit des Angebots spürbar gegeben und könnte auch in Zukunft ein niedrigschwelliges, dabei aber sehr gezieltes Format sein, um Menschen mit Demenz auch über Distanz hinweg musikalisch zu begleiten und zu stärken. „Videogestützte Therapie ist schon länger ein Thema im Rahmen der Psychotherapie“, erzählt Schneider-Homberger. „Warum also nun, neben dem Gespräch, nicht auch die Möglichkeiten des Einsatzes musikalischer Mittel per Videotelefonie ausloten?“ Es gelte, zu lernen, mit den Tücken der Technik umzugehen, die ja ein Teil der gegenwärtigen Gesellschaft ist und etwas Gutes daraus zu machen. „Wir bleiben auf jeden Fall weiter daran, unser Angebot immer weiter zu verbessern und immerzu auf die aktuellen Gegebenheiten abzustimmen“, sind sich Nathalie Wiedmann und Sandra Schneider-Homberger einig.

Das Seniorenzentrum „Taläcker“ in Wendlingen bietet Platz für 90 Bewohnerinnen und Bewohner und gehört zum traditionsreichen Sozialunternehmen »Die Zieglerschen« mit Sitz im oberschwäbischen Wilhelmsdorf und Kirchheim unter Teck. Die Altenhilfe der Zieglerschen betreibt an mehr als 20 Standorten in Baden-Württemberg stationäre und ambulante Pflegeangebote. Über 3.300 Seniorinnen und Senioren werden von rund 1.300 Mitarbeitenden und etwa 1.000 Ehrenamtlichen betreut.

Nicola Philipp ist Kommunikationsmanagerin bei »Die Zieglerschen«.

Sandra Schneider-Homberger Musiktherpaeutin

Sandra Schneider-Homberger ist Musiktherapeutin am Universitätsklinikum Tübingen sowie in eigener Praxis. In ihrer Arbeit begleitet sie Menschen mit Hör­ein­schrän­kungen, anderen wahr­nehmungs­bedingten Verhaltens­auffälligkeiten (Autismus, Demenz), sowie im Rahmen einer Palliativ-Versorgung. Darüber hinaus ist sie als Seminar­leiterin und Dozentin tätig und berät als Coach und Supervisorin soziale Einrichtungen in Form von Organisations- und Prozessbegleitung.

Kontakt: info@musiktherapie-sh.de

www.musiktherapie-sh.de

 

Header-Foto: Die Zieglerschen. Erika Müller genießt die Musiktherapie per Videoschaltung mit Musiktherapeutin Sandra Schneider-Homberger, begleitet und unterstützt von Nathalie Wiedmann, Leiterin Soziale Betreuung im Seniorenzentrum Taläcker.

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